Wahnsinnsoper in Düsseldorf

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Katrin Gehlen über die Premiere von „Pique Dame“

Es beginnt an einem strahlenden Frühlingstag im Freien, in Anlehnung an die Poolszene aus Billy Wilders Sunset Boulevard.
Wir lernen Hermann kennen, einen der Protagonisten in Pique Dame. Er hat sich in Lisa verliebt, Enkelin der Königin der besseren Gesellschaft und Verlobte des mächtigen Jeletzkis. Es beginnt eine unerreichbar scheinende, zum scheitern verurteilte Liebesgeschichte, die anfänglich überraschender Weise möglich zu sein scheint. Alles spricht für ein Happy End.
Bis Hermann Wissen über die Großmutter erlangt, wieso diese von allen „Pique Dame“ genannt wird und sich in seinem Kopf die Idee fest setzt, das Geheimnis des ewig gewinnenden Kartenspiels zu erfahren. Auf ein Mal scheint die Gier nach Geld Überhand zu bekommen. Es setzt eine Art Wahnsinn ein, die der Betrachter von Szene zu Szene beobachten kann. Letztendlich bleibt offen, wem oder was nun Hermanns Liebe wirklich gilt.
Musikalisch ist die Oper für mich fantastisch. Die Anlehnung an das Hollywood der zwanziger Jahre ist gut gelungen, die Übertragung auf das 21. Jahrhundert allerdings setzt mich  streckenweise einer zu großen Reizüberflutung aus. Einige Szenen scheinen mir überspielt und zum Teil sogar übertrieben brutal, auch wenn dadurch wohl nur der zunehmende Wahnsinn Hermanns dargestellt werden möchte.

Tschaikowskys „Pique Dame“ ist sicherlich eine sehenswerte Oper hier bei uns in Düsseldorf und ich kann jedem nur empfehlen, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen.

Gehlen_Katrin_Foto_Andreas_EndermannKatrin Gehlen
Modedesignerin

Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus. 

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Für jeden etwas dabei

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Michael Langenberger über die Premiere von „Pique Dame“

Sie mögen es opulent, spektakulär? Wollen kurzweilige Unterhaltung? Ständig und überall etwas neues Entdecken? Vielschichtige Anspielungen, echten Tiefgang? Dann ist die Neuinszenierung von Pique Dame, die vorletzte Oper Tschaikowskys, nach der gleichnamigen Novelle von Puschkin, genau das, was Sie sich anschauen sollten. Nur je nach Ihren präferierten Opernbesuch-Gewohnheiten bedarf es unterschiedlicher Vorbereitungen.

Opulent und spektakulär verbindet die amerikanische Regisseurin Lydia Steier die russische Welt der Zarenzeit mit dem Hollywood der 20er-Jahre. Aufwendige Kostüme, abwechslungsreiches Bühnenbild mit einer extra-perfekten Beleuchtung beschäftigen Ihre Augen zu jedem Zeitpunkt der Aufführung. Im Orchestergraben überlässt man, mit den wie immer blendend aufgelegten Düsseldorfer Symphonikern unter Leitung von Aziz Shokhakimov, nichts dem Zufall. Überhaupt, alle Akteure auf der Bühne liefern imposante schauspielerische- und Gesangsleistungen ab. Besonders Hanna Schwarz als die Gräfin beeindruckt bei der Interpretation ihrer Rolle und mit ihrer Stimme (und das in einem Alter, deutlich jenseits dessen, was wir als Rentenalter bezeichnen). Auffällig viel Beifall bekommt Maria Kataeva als Polina, sicherlich nicht nur wegen ihres “Heimvorteils”, sondern wegen ihres tonumfangreichen Mezzosoprans, was auch mich immer wieder dahinschmelzen lässt.

Anfänglich tat ich mich hingegen schwer mit Elisabeth Strid in ihrer Rolle der Lisa. War es die Stimme? Ihr Auftritt selbst? Ihre Einbettung in das Bühnengeschehen? Und so kommen wir zum anspruchsvollen Teil der Aufführung. Viele tiefgründige Anspielungen auf Tschaikowskys Leben, die damalige Zeit, Verbindungen zur heutigen Zeit baut die Regisseurin insbesondere in das Spiel von Lisa und Hermann ein. Wer ein gutes, oder besser noch, ein hervorragendes Wissen über die damalige Zeit, Puschkins Novelle und Tschaikowskys Leben hat, kann die ganze Tiefe dieser Hintergründigkeit der Inszenierung schon während der Aufführung erfassen. Ich war in der Hinsicht nicht gut vorbereitet. Doch das spielte aus den o.g. Gründen, für einen kurzweilig erlebten Premiereabend, keine Rolle.

Opernscouts 2018 / 2019

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt: Auf Standard und Latein folgten Salsa und Modern Contemporary Dance im tanzhaus nrw, wo er auch an öffentlichen Performances mit Profis und Laien mitwirkte. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze.

Tschaikowsky in Hollywood: es gilt „Entertainment first“

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Hubert Kolb über die Premiere von „Pique Dame“

Die zur Zeit angesagte Regisseurin Lydia Steier ist der Meinung, Oper muss unterhalten, also „Entertainment first“. So hat sie die Geschichte von Pique Dame in das Hollywood der 1950er Jahre übertragen: das kann man blöd finden oder anregend; ich fand es höchst anregend – ich blieb bis zum Ende hellwach und genoss die vielen Einfälle der Regie.
Nicht alle Einfälle waren gelungen, zum Teil passte der Text nicht auf die auf der Bühne dargestellten Vorgänge. Und die Leichtigkeit und bunten Kostüme der ersten Hälfte wichen in der zweiten Hälfte dem dunklen Thema der Story. Da hat sich Tschaikowsky dann doch noch durchgesetzt. Aber auch dieser Teil der Handlung wird mit wirksamen Effekten der Regie und tollen Lichteffekten gestützt. Besonders eindrucksvoll war, wie die halbe Bühne mit der feiernden Casino-Gesellschaft aus der Versenkung nach oben gefahren wurde, als Kontrast zu der dunklen Todesszene im Vordergrund.

Die kraftvollen russischen und osteuropäischen Stimmen und der dunkle Klang der russischen Sprache waren angenehm zu hören. Schade, dass der usbekische Dirigent Orchester, Chor und Sänger manchmal nicht gut zusammenhalten konnte, darunter litt etwas die musikalische Präsentation dieser großen Oper.

Auch diese Inszenierung könnte ich mir, wie Roméo et Juliette, noch einmal anschauen. Bei Roméo et Juliette habe ich es getan – und war wieder hingerissen von der überzeugend-modernen Umsetzung der klassischen Story.

Kolb_Hubert_Foto_Andreas_EndermannDr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt

Sekt statt Wodka

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Jenny Ritter über die Premiere von „Pique Dame“

Was haben Tschaikowsky und Puschkin mit Cowboys und Indianer zu tun:  gewiss, es gibt in dem Stück Uniformen, schließlich war Herrmann ein Offizier im Militär, doch  in dieser Inszenierung trug er einen braunen Cordanzug, das war ein Schock mich und nicht nachvollziehbar. Lisa wurde als Trampel vom Lande dargestellt. Die fehlenden Uniformen wurden lächerlicherweise in Cowboy- und Indianerspielen dargestellt. Das Gutelaunegefühl wurde sehr amerikanisch mit Sekt, statt mit Wodka und dann auch noch am Swimmingpool  dargestellt, in Kostümen der 1950-Jahre(?)
Tschaikowskys Liebe zu Mozarts Musik wurde interessanterweise mit  Kostümen und Bildern aus seiner Zeit dargestellt – seine Homosexualität mit schrägen Kostümen, Manches witzig, Vieles peinlich. Indianer wurden mit der  „Zweifingergeste“ totgeschossen und fielen um? Der Sinn hat sich mir nicht erschlossen.

Es gab viele schöne Bilder – gezaubert durch wahnsinnige Lichteffekt: der Wechsel vom kitschigen pinken amerikanischen Bühnenbild wird in eine stimmungsvolle Szene verändert – alleine durch die Beleuchtung. Wunderbar.

Es waren viele schöne Momente – vor allem die Musik, mit fehlte allerdings in dieser  Inszenierung  die Russische Seele! der Tschaikowsky und der Puschkin!

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Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin

Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und freut sich diesen als Opernscout in Düsseldorf abschließen zu können.