Hervorragend inszenierte Oper, die unter die Haut geht…

Otello

Annette Hausmann über die Premiere von Verdis „Otello“

Der Vorhang hebt sich und unvermittelt und stürmisch werde ich durch die imposante Musik Verdis und den absolut brillanten Chor regelrecht in die Handlung der Shakespeare-Oper „Otello“ gezogen. Zeitgleich offenbart sich mir ein absolut schwarzes Bühnenbild in Form eines offenen Kubus, das trotz des anfänglich ruhmreichen und gefeierten Helden Otellos keine positive, sondern eine eher bedrückende, düstere und kalte Stimmung vermittelt. Alles ist schwarz wie die Nacht – selbst die Kostüme der Protagonisten, und Otellos schwarze Maske scheint in der Finsternis noch dunkler zu glänzen.
Im Verlauf der vier Akte des Opern-Dramas wird mir immer bewusster, auf welch‘ intelligente Art und Weise Michael Thalheimer „Otello“ inszeniert hat. Durch die Reduktion auf das Wesentliche, einschließlich der Requisiten (weißes Taschentuch, Brautkleid und Messer) und die bewusst eingesetzten Lichteffekte, wie z.B. das weiße Lichtkreuz zur Symbolisierung des Glaubens und der Hoffnung, gelingt es dem Zuschauer „wie von selbst“, sich in die Rolle der Protagonisten hineinzuversetzen.
Allen voran Otello, der durch seine Entwicklung vom liebenden Ehemann und scheinbar starken Helden hin zum gebrochenen, von Selbstzweifeln und Eifersucht geplagten und wahnsinnig werdenden Mörder genügend Potenzial für Emotionen unterschiedlicher Art bietet.
Ebenso wird man gleich zu Beginn in das Intrigenspiel Jagos, der von Simon Neal äußerst ausdrucksstark gesungen und gespielt wird, eingeweiht. In der Rolle des Nihilisten verkörpert er glaubwürdig das „lebendige Böse“, der es facettenreich versteht, die Schwächen Otellos für sein Vorhaben auszunutzen und ihn in den mörderischen Wahnsinn zu treiben. Als Gegenpol zu Jago gefiel mir Brigitta Kele mit ihrer exzellenten Sopranstimme als Desdemona besonders gut. Von der anfänglich eher naiv und zerbrechlich wirkenden Ehefrau entwickelt sich Desdemona zu einer selbstbewussten Frau, die im vierten Akt in zwei Arien, die „unter die Haut gehen“, von ihrem bevorstehenden Tod singt.
Otello ist eine empfehlenswerte und hervorragend inszenierte Oper, die mich noch länger gedanklich beschäftigen wird.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.


Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an GGS Hermann-Grothe-Straße in Duisburg-Bissingheim, einer Montessori-Grundschule, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Sie findet es spannend und freut sich darauf, sich als Scout für Oper und Ballett in dieser Saison wieder regelmäßig und intensiv mit Oper und Ballett auseinanderzusetzen.

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Ein gelungener, wenn nicht sogar grandioser Schwanensee

b.36 Ballett am Rhein Düsseldorf DuisburgSCHWANENSEE ch.: Martin Schläpfer
„b.36 – Schwanensee“ FOTO: Gert Weigelt

Katrin Gehlen über die Ballettpremiere „Schwanensee“

Er war mir nicht mehr in Erinnerung, mein letzter „Schwanensee“, zu lange war es her. Aber wenn doch, dann stelle ich ihn mir eher klassisch vor. Da mich die letzten, gerade die modernen Ballettvorführungen sehr begeistert hatten, war ich nun sehr gespannt, was denn nun kommt. Wirklich modern, oder doch eher klassisch?
Modern! Dieser „Schwanensee“ war auf fantastische Art und Weise choreographiert, ganz nach Martin Schläpfer, mit den grandiosen Tänzern des Ensembles und zu der traumhaften Musik von Peter I. Tschaikowsky. Der Abend war ein Traum. Die Krönung waren eindeutig die Kostüme der Schwanenfrauen: Tagsüber tragen die Schwäne, die im Bann der bösen Stiefmutter gefangen sind, einen wunderbar leichten, optisch schwebenden Federrock, den sie nachts ablegen, wenn sie sich für kurze Zeit in Frauen zurück verwandeln. Einziger Störfaktor für mich persönlich war am Ende der etwas zu dramatische Gesichtsausdruck des sterbenden weißen Schwans. Das ganze Stück war für sich so wunderbar reduziert, tänzerisch so kraftvoll und ausdrucksstark, dass ich mir persönlich weniger Mimik der Tänzerin gewünscht hätte.

Opernscouts 2017Katrin Gehlen
Modedesignerin

Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus. 

Schläpfer – Menha – Kober: Magisches Dreigestirn!

b.36 Ballett am Rhein Düsseldorf DuisburgSCHWANENSEE ch.: Martin Schläpfer
„b.36 – Schwanensee“ Marcos Menha, Marúcia do Amaral FOTO: Gert Weigelt

In meinen zwei Jahren als Opern-Scout wurde ich ein absoluter Fan des Choreographen Martin Schläpfer und habe „Schwanensee“ als Handlungsballett voller Vorfreude erwartet. Und ja, es war wieder typisch Schläpfer, mit dieser dunklen, metallischen Aura, die ohne weiße Ballettröckchen und opulente Kulissen auskommt.
Der als Siegfried ausgewählte Tänzer Marcos Menha ist schon lange mein Favorit der ohnehin großartigen Düsseldorfer Compagnie. Ein vollkommener Ballett-Schauspieler, der seine Körperspannung immer hält, aber nie angestrengt wirkt und in Marlúcia do Amaral als Odette an diesem Abend eine kongeniale und bezaubernde Partnerin hat. Auch die Musik war wunderbar und besonders in ihren dramatischen Teilen ungemein packend. Düsseldorf darf sich glücklich schätzen, den äußerst bescheiden wirkenden Axel Kober als Chefdirigenten der Düsys aufbieten zu können.
Mein Fazit: Spannend erzählt. Virtuos getanzt. Meisterhaft dirigiert und gespielt. Absolute Besuchsempfehlung!

Opernscouts 2017

Georg Hess
Notarfachreferent

Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an die  Freunde, Kollegen, Klienten und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

 

Beim Speed-Dating danebengelegen

b.36 Ballett am Rhein Düsseldorf DuisburgSCHWANENSEE ch.: Martin Schläpfer
„b.36 – Schwanensee“ FOTO: Gert Weigelt

Roland Schüren über die Ballettpremiere „Schwanensee“

Ist es nicht einfach viel, viel besser mit den Freunden locker-lustig durch die Lande zu ziehen, als sich in unglückliche oder glückliche Liebschaften zu stürzen?

Vorab: Die „Schwanensee“ – Uraufführung von Martin Schläpfer ist ein grandioser Augen- und Ohrenschmaus. – Wunderbar! So kurzweilig! So perfekt umgesetzt! So etwas Schönes! Das war kein klassisches Ballett, das war ganz großes kreatives Tanzkino, das die Handlung von Schwanensee tief- und hintergründig erzählt. – Hammer! Beschwingt, ironisch-humorvoll, traurig, lustvoll, nachdenklich-ruhig, albernd, sportlich-schnell – alle Aspekte kommen vor und sie sind jeweils passend in die verschiedenen Szenen integriert. Die Düsseldorfer Symphoniker um Axel Kober sind wie immer top, 1A, besser ist Tschaikowsky nicht vorstellbar. Die Kostüme sind eine moderne Weiterentwicklung des Antlitzes des Balletts ganz ohne Tutu, nicht aber die Klassik von Schwanensee verleugnend. Ebenso die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer, schon klassisch, dennoch mit passend ballettfremden Elementen ergänzt. Ich will das sofort noch einmal sehen!

Zurück zur Frage „Spaß mit Freunden versus Liebschaften“. Schaut man sich den 1. Akt an, muss die Antwort auf die eingangs gestellte Frage wohl pro „Spaß mit Freunden“ ausfallen. Der 2. Akt spricht inhaltlich eindeutig für den Zauber einer frischen, jungen Liebe. Und der 3. Akt? Mega-Kino: Er spielt in einem für Prinz Siegfried von der eigenen Mutter organisierten Speed-Dating-Event. Spannung. Ich klebe an der Story. Wer ist denn jetzt die Chimäre, diese geheimnisvolle Fake-News-Braut? Ist es die Weinrote, die Blaue oder die gar die Schwarze? Alle tanzen so, so schön, so grandios, so anmutig-begehrenswert. Ist es vielleicht die Große, die zwischendurch niveauvoll und humoristisch daher kommt? Für welche Braut wird sich Siegfried entscheiden? (Bin ich hier etwas im Ballett?) – Ja, sie ist es! Camille Andriot bezaubert als die Chimäre Odile auch mich im Publikum. Klar, dass Siegfried auf sie hereinfallen muss. Der 4. Akt bringt mir dann ganz eindeutig die Antwort auf die Frage, die mich in dieser Uraufführung seit dem 1. Akt verfolgt: Im Zweifelsfall entscheide ich mich besser für die Freiheit und das unbeschwerte Leben mit Freunden anstatt für riskante Liebschaften. Diese führen in den Tod. Hier zumindest in den doppelten Bühnentod.

Ich feiere meinen baldigen, nicht runden Geburtstag jetzt doch etwas größer und lade gleich morgen meine alten Kumpels ein. Martin Schläpfer sei Dank.

Opernscouts 2017 - Roland SchürenRoland Schüren
Inhaber der Bäckerei „Ihr Bäcker Schüren“

Bereits in vierter Generation führt Roland Schüren den Familienbetrieb „Ihr Bäcker Schüren“ mit Hauptsitz in Hilden. Mit seinem Anspruch an Qualität, Produktvielfalt und Nachhaltigkeit gilt er als einer der besten und innovativsten Handwerksbäcker in Düsseldorf und der Region. Ihm und seinen Bäckern macht es Spaß, alles selbst herzustellen – ohne Fertigmischungen und Massenproduktion, dafür mit viel Zeit und handwerklichem Können. Da gibt es doch Parallelen zu unserem Opern- und Ballettproduktionen …

Ein echter „Schwanensee“ – ein echter Schläpfer – bravo

b.36 Ballett am Rhein Düsseldorf DuisburgSCHWANENSEE ch.: Martin Schläpfer
„b.36 – Schwanensee“ Camille Andriot (Odile) FOTO: Gert Weigelt

Jenny Ritter über die Ballettpremiere „b.36 – Schwanensee“

Glückwünsch Herr Schläpfer – so muss der Schwanensee sein: klar strukturiert und doch voller Poesie. Axel Kober, der mit seinem „Zauberstab“ den Düsys die schönsten Töne entlockte, hat  uns alle verzaubert. Die sehnsuchtsvolle Musik von Tschaikowsky – sehr bewegend und schön. Ein Genuss. Die Kostüme haben mir gut gefallen, schlicht und zeitlos  – die Schwäne gaben ein schönes Bild ab und auch in den Bewegungen konnte man sie als Schwäne  erkennen, hinreißende Bilder. Alle Tänzer waren wie immer hervorragend und jeder in seiner Rolle gut besetzt. Das Bühnenbild im ersten Akt war schlicht und unterstrich die Situation: schwarze Bilderrahmen ohne Bilder – ohne Zukunft?  Das schlichte Bühnenbild hat die Inszenierung in ihrer Klarheit unterstrichen. Die eingebauten Musikpausen im zweiten Akt – es wurde nur getanzt ohne Musik – erhöhten die Spannung noch. Erlösend, wenn die Musik dann wieder einsetzte. Siegfried  (Marcos Menha) und Odette (Marlúcia do Amaral) gaben ein harmonisches Paar ab. Bewegend war vor allem der Abgang: Siegfried trägt den toten Schwan, der wirklich wie tot in seinen Armen hing, von der Bühne! Eine sehr bewegende berührende Inszenierung ohne Kitsch  – Danke.

Opernscouts 2017Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin

Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und ist gespannt, wie es weitergeht.

Eine Ode an den Tanz

b.36 Ballett am Rhein Düsseldorf DuisburgSCHWANENSEE ch.: Martin Schläpfer
Marlúcia do Amaral (Odette) und Marcos Menha (Siegfried) FOTO: Gert Weigelt

Hilli Hassemer zur Ballettpremiere „b.36 – Schwanensee“

Bäte man mich als Malerin, einen Sonnenuntergang am Meer darzustellen,- ich würde müde abwinken. Was gäbe es den tausenden, bereits gemalten Sonnenuntergängen dieser Welt noch hinzu zu fügen? Um wie viel größer ist die Herausforderung, DAS Vorzeigestück des Balletts überhaupt – Tschaikowskys „Schwanensee“ –  neu zu choreografieren. Martin Schläpfer hat es getan: „b.36 Schwanensee“ Uraufführung… Vor leeren überdimensionierten Goldrahmen, einer Petersburger Hängung, gewinnt das Märchen an Fahrt. Mit überbordender Tanzlust und dionysische Freude feiern Siegfried (Marcos Menha) und seine Freunde das Leben. In einfachen, leichten aber eher dunklen Outfits, viele sind barfuß, zeigt die Compagnie ihre phantastische Tanzwucht. In die frischen, weiten Sprünge und rasanten, spannungsreichen Figuren, in heiterste Walzerklänge mischen sich schon dunkle ahnungsvolle Momente. Von Beginn an fügt sich die mir vergessene Schönheit der Musik mit den Tanzenden – Schläpfers choreografische Handschrift ist vertraut und neue Dimension zugleich und fügt sich zu einem starken Ganzen zusammen. Mich begeistert, wie überzeugend und durchgehend die einzelnen Tänzer ihre Rollen verkörpern und uns in dieses hier psychologisch komplex und expressiv dargestellte Märchen entführen. Großes Kino im zweiten Akt: die Begegnung des Liebespaares. Marlúcia do Amaral als Odette und Marcos Menha. Feinste Nuancen der Zärtlichkeit, die Kraft des zurückgenommenen Ausdrucks, des ‚sich-noch-nicht-berühren, im Verlangen zueinander. Gänsehaut und berauschtes Staunen. Mein erster von etlichen folgenden inneren Kniefällen vor diesen beiden großen Künstlern. Ein Kunstgriff Martin Schläpfers, das Orchester immer wieder für wenige Minuten verstummen zu lassen. Es scheint, als dehne sich die Zeit in diesen Stillen. Die Tänzer bewegen sich indes weiter, es entsteht für mich eine irritierende Leere. Dieses Sound-Vakuum verstärkt in mir, wie ein Sog, den Wunsch, die Musik möge wieder erklingen. Sie ist wie ein zu langes Atemholen, bevor die Töne aus dem Orchestergraben wieder aufsteigen und die Tänzer umströmen und ihnen wieder Halt bieten. Die Mutter, dunkle Königin, sie wird von ihrem Zeremonienmeister über den Sohn gehoben und sie wirkt dabei wie ein unheilbringender Albdruck aus einem Gemälde Ferdinand Hodlers. Das sind Tanzgesten, die mich in ihrer Poesie und Kraft beeindrucken. Die Brautschau im 3. Akt, ein Defilé der Eitelkeit und des furiosen tänzerischen Könnens. Wir werden verwöhnt und berauscht von eigensinnigen Tanzpassagen und großartigen Pas de deux. Die drei Prinzessinnen, Sonia Dvorak, Feline van Dijken und Aleksandra Liashenko bestechen in ihren Solotänzen. Odile, der „schwarze Schwan“ erscheint als dunkle Chimäre und blendet nicht nur Siegfried, sondern uns alle, mit ihrem verführerischen, großartigen Tanz. Im letzten Akt, Siegfried hat seinen Irrtum erkannt und sucht Odette auf, zeigen Marcos Menha und Marlúcia do Amaral noch einmal in aller Finesse und Zartheit mimisch und tanzend, fernab jedes Pathos, wie sich dieser berühmte Abschied neu und bewegend darstellen lässt. Es war ein Privileg, diese Uraufführung miterleben zu dürfen und dieser Schwanensee erscheint mir wie eine Ode an den Tanz. Unsere Düsseldorfer Compagnie hat für meine Begriffe dem „Schwanensee“ ein neues Gesicht geschenkt, nie mehr werde ich in Zukunft dabei an Tutus denken. Martin Schläpfer, jedem einzelnen Tänzer, jedem Musiker und allen Mitwirkenden gehören meine Standing Ovations.

Opernscouts 2017

Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin

Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcorde-Wagnerfan“ befreundet, wurde die Oper unverhofft Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“

Unsere Liebesverhältnisse bestimmen unsere Lebensverhältnisse

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Die Walküre FOTO: Hans Jörg Michel

Dirk Sander über die Premiere von „Die Walküre“ im Theater Duisburg

Mit der „Walküre“ legt Regisseur Dietrich W. Hilsdorf Wagners erotische Gesellschaftskritik offen. Im Kern der heroischen Tragödie entwickelt er ein bürgerliches Liebes- und Familiendrama ibsenschen Ausmaßes, fulminant intoniert im Duett des schwedischen Tenors und ehemaligen Rock-Sänger Daniel Frank (Siegmund) und der hochdekorierten Mezzosopranistin Sarah Ferede (Sieglinde). Standing Ovation bereits nach dem ersten Vorhang! Zuvor wurden wir ohne Vorwarnung Zeuge der heimlichen Annäherung zweier Liebender in Not, die von dem Schicksal, das sie zusammenführte ebenso wenig ahnen wie von dem, was sie am Ende trennen wird: Die Zwillinge Siegmund und Sieglinde, Wotans frevelhafte Zeugnisse seiner eigenen Untreue, begegnen sich in Hundings Hütte. Sieglindes räuberischer Ehemann gewährt Siegmund ein letztes nächtliches Asyl – bevor sich bei Tagesanbruch die männlichen Helden zur Wiederherstellung der Ehre und des göttlichen Rechtes duellieren müssen. Die feindliche Burg, von dem kongenialen Dieter Richter als kammerartiger Raum in einer verwaisten Industriehalle (besser: Bunkeranlage) klaustrophobisch in Szene gesetzt, wird zur Heimstatt der reinen, natürlichen Liebe zwischen Mann und Frau, die der inzestuöse Tabubruch noch betont: Nur der freie, autonome Mensch ist imstande, mit den sich in ihren eigenen Verträgen und Gesetzen verstrickenden Göttern zu brechen. Das postapokalyptisch anmutende Abschlusstableau im dritten Aufzug steht dann ganz im Vorzeichen der durch Liebe den Göttern abgetrotzten neuen Freiheit des Menschen und der daraus erwachsenden Verantwortung des Individuums. Ein Vorglimmen auf das existentialistische Weltbild des Fin de Siècles. Im letzten Bilderrausch stimmte alles: die mitreißend orchestrierenden Duisburger Philharmoniker, die begeisternd singenden flammrotgewandeten Walküren, dystopisch untermalt durch die marionettenhaft aus einem geisterhaften Hubschrauberwrack auferstehenden untoten Helden vergangener Schlachten, ein letztes kongeniale Zitat Richters aus Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“! Tosender Beifall – total verdient. Unbedingt anschauen!

OpernscoutsDirk Sander
Inkubator Manager
„Break up the concrete“ lautet das Motto des gebürtigen Duisburgers, der früher schon als Regiehospitant an der Deutschen Oper am Rhein tätig war und seitdem auf viele verschiedene Rollen in seinem Lebenstheater zurückblickt. Ob als Banker, Entwicklungshelfer in Afrika oder Inkubator beim Social Impact Lab in Duisburg – Dirk Sander möchte mit seinen Fragen und Ideen etwas für eine gerechtere Gesellschaft bewirken. Durch das Scout-Projekt kann er nun seine Verbundenheit mit der Oper wieder aufleben lassen – statt hinter der Bühne nun im Zuschauersaal.