Ein Abend voller Gänsehaut

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Die Walkuere FOTO: Hans Jörg Michel

Kerstin Hein-Flügel über die Premiere von „Die Walküre“

Wenn etwas großes, weltbekannt-berühmtes auf Sie wartet ist man aufgeregter als sonst, denn allein zwei Worte sprechen für sich: Wagners „Walküre“ hatte ich noch nie im Theater gesehen und mich irgendwie immer davor gedrückt.  Zu Unrecht, denn es folgte ein Abend voller Gänsehaut. Es beginnt in einer bunkerartigen Behausung mit offener Feuerstelle, Waffenkisten liegen auf dem Boden und das Sofa stammt aus besseren Zeiten. Im Baumstamm steckt das Schwert und trotz Fenster wirkt alles dennoch nebelig dunkel, nicht einladend aber auch nicht abstoßend. In diesem Bild spielt die ganze Oper, erweitert sich gleichwohl von Akt zu Akt. Schließlich findet sogar ein abgestürzter Hubschrauber noch Platz und erinnert an eine andere Apokalypse aus dem Kino.
Die Gesangsleistungen beeindrucken mich mehr. Allen voran Sieglinde, Wotan und Siegmund haben mich mit Ihrer Strahlkraft maßlos begeistert; überwältigend und auch irgendwie schön. Gesang, Musik und Text sind passgenau geschnitten, so wie die feuerroten Kleider der Frauen. Einen so fantastisch exzellenten Gesang und eine derart kraftvolle und grandiose Darbietung habe ich selten in Duisburg erlebt. Aber die Musik fesselt mich noch mehr. Dynamisch und präzise fordert Sie meine Aufmerksamkeit, erweckt alles zum Leben und hält mich fünf Stunden lang gebannt in einem Wechselbad der Emotionen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Kaum zu glauben, was aus dem Orchestergraben für eine fabelhafte Musik zu Vorschein kommen kann. Und das ist es auch, was sich mir nach diesem berauschenden Abend noch lange ins Gedächtnis fest setzten wird.  Das Orchester der Duisburger Philharmoniker unter Axel Kober spielte so grandios und bekam von mir und allen anderen den längsten Applaus, den ich seit langer Zeit erlebt habe. Jetzt bin ich neugierig auf die Fortsetzung und werde mich vor Wagners Ring nicht mehr drücken.

Opernscout Kerstin Hein-FlügelKerstin Hein-Flügel
Inhaberin FLORES Duisburg
Die Floristmeisterin und Dekorateurin, die sich mit ihrem Blumenladen „Flores“ in Duisburg selbstständig gemacht hat, ist mit dem Kunsthandwerk groß geworden: Schon ihre Eltern hatten ein Floristikgeschäft. Kerstin Hein-Flügel beschreibt sich als kreativen Charakter, der sich nicht nur von der Natur, sondern auch von Kunst und Musik inspirieren lässt. In ihrer Freizeit geht sie gern und oft in die Oper. Nun möchte sie im Austausch mit den anderen Opernscouts ihre Gedanken nach außen tragen.

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Etwas, das glücklich macht

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b.35 – Abendlied FOTO: Gert Weigelt

Anja Spelsberg über den Ballettabend „b.35“

Einer meiner Lieblinge, wenn es um die Stücke geht, die das Ensemble in dieser Spielzeit auf die Bühne gebracht hat. „Decadance“ von Ohad Naharin trifft den Zeitgeist, ist wild und harmonisch zugleich, reißt den Zuschauer mit und hat mich stellenweise sehr gerührt. Besonders positiv habe ich das Pas de deux zwischen zwei männlichen Tänzern im Gedächtnis behalten.
Hätte ich nicht erfahren, dass es sich bei Ben J. Riepe um einen Performance-Künstler handelt, ich hätte nicht gewusst, wie ich mit „Environment“ umzugehen habe. Definitiv ein Stück, dass man nicht im Ballett erwartet und dennoch so lohnenswert. Gleichsam verstörend und aufschlussreich und, wie auch schon „Decadance“, absolut am Puls der Zeit.
Das Abendlied von Remus Şucheanăs mit der Musik von Schubert versöhnte mich danach aber wieder. Eine Tatsache, die mich immer mit einem guten Gefühl aus den Ballettabenden gehen lässt: die Abende enden gefühlt immer mit etwas angenehmen, harmonischen, etwas, dass glücklich macht.

Opernscouts 2017Anja Spelsberg
Sozialpädagogin
Anja Spelsberg ist Sozialpädagogin in der ambulanten Familienhilfe der Landeshauptstadt Düsseldorf. Sie berät und unterstützt Eltern und hilft Familien im Zusammenleben, dabei ist sie besonders in Düsseldorfs sozialen Brennpunkten unterwegs. Das allererste Interesse an der Oper weckte ihre Großmutter mit gemeinsamen Opernbesuchen. Jetzt freut sie sich, ihre Begeisterung mit anderen Besuchern zu teilen und mit den Opernscouts über die Inszenierungen zu diskutieren.

Ein bunter Abend

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„Petruschka“ FOTO: Hans Jörg Michel

Anja Spelsberg über die Premiere „Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges“

Ein wirklich, im wahrsten Sinne des Wortes, bunter Abend wurde uns hier geboten. Sowohl „Petruschka“, als auch „L’Enfant et les Sortilèges“ wurden durch ein grafisch animiertes Bühnenbild unterstützt. Auch, wenn besonders der Inhalt des zweiten Stücks zuweilen doch etwas düster und die Animationen in beiden Stücken teilweise bizarr erscheinen, kann ich mir vorstellen, dass das Programm auch für Kinder und Opernneulinge interessant sein könnte. Durch die Animationen wird der Zuschauer durch die Stücke getragen, ohne den Text der Stücke verstehen oder lesen zu müssen, es ist selbsterklärend. Dazu kommt natürlich das großartige Orchester – und in „Petruschka“ besonders hervorzuheben: die wunderschöne Akrobatik.

Opernscouts 2017

Anja Spelsberg
Sozialpädagogin
Anja Spelsberg ist Sozialpädagogin in der ambulanten Familienhilfe der Landeshauptstadt Düsseldorf. Sie berät und unterstützt Eltern und hilft Familien im Zusammenleben, dabei ist sie besonders in Düsseldorfs sozialen Brennpunkten unterwegs. Das allererste Interesse an der Oper weckte ihre Großmutter mit gemeinsamen Opernbesuchen. Jetzt freut sie sich, ihre Begeisterung mit anderen Besuchern zu teilen und mit den Opernscouts über die Inszenierungen zu diskutieren.

Ein Abend für zwei Opern

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Ariadne FOTO: Birgit Hupfeld

Heike Stehr über die Premiere von „Pygmalion / Ariadne“

Zwei halbe Opern füllen einen ganzen Abend, wenn die Deutsche Oper am Rhein mit dem Format Plattform Regie „Young Directors“ Künstlern des Ensembles die Gelegenheit gibt, eigene Inszenierungen zu entwickeln. Verbunden sind die beiden Stücke durch ihren Inhalt, der jeweils auf einem antiken Stoff basiert, und durch ihre Erstaufführungsjahre 1960 und 1961, obwohl ihre Entstehung ganze 142 Jahre auseinander liegt.
Das ältere der beiden Stücke ist Donizettis Opernerstling „Pygmalion“. Der Stoff vom Künstler, der sich ein Frauentraumbild aus Elfenbein erschafft und in die eigene Schöpfung verliebt, ist opulent in Szene gesetzt. Venus, Medusa, Jupiter, Minotaurus und Ikarus tummeln sich als Skulpturen in einem antiken Künstlerstudio, in dem das Auge des Zuschauers so richtig schwelgen kann. Ganz detailverliebt ist das Bühnenbild ausgestattet. Die Musik, die Donizetti einst verwarf, lässt sich gut hören, im ihrem Abschlussduett gefallen mir Ovidiu Purcel und Lavinia Dames besonders gut.
Das zweite Stück ist von 1958 und ein Spätwerk des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů. Es gelingt Theseus, mit Hilfe von Ariadnes Faden, ihren blutdürstigen Halbbruder Minotaurus, ein Halb-Stier-Halb-Mensch-Mischwesen, zu töten und aus dem Labyrinth heraus zu finden. Der Stoff wird in der Inszenierung von Kinga Szilágyi in seinen tiefenpsychologischen Dimensionen unterstützt und unterhaltsam in Szene gesetzt. Die surrealen Bilder spielen mit Mehrfachdeutungen und Verwandlungen vor allem mit dem Begriff des (eigenen) Schattens. Besonders beeindruckt hat mich die Szene, in der Minotaurus am Ende als schwarzer Schatten, der den gleichen Faden wie Theseus selbst in der Hand hält, erscheint. Bei den Duisburger Philharmonikern unter Jesse Wong kommt im zweiten Teil des Abends mit den ungewöhnlichen Klangfarben Martinůs ausdrückliche Spielfreude auf und auch das Sängerensemble strahlt solche aus. Leif-Erik Heine zeichnet diesmal für ein auf ganz andere Weise atmosphärisches Bühnenbild verantwortlich: voller Symbole, Moderne, Beweglichkeit und Überraschungen.
Es lohnt sich ganz bestimmt, sich ein eigenes Bild von diesem, in seinen beiden Teilen so unterschiedlichen, Opernabend zu machen.

OpernscoutsHeike Stehr
Erzieherin und Therapeutin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Die ehemalige Erzieherin und jetzige Kunsttherapeutin betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie ist schon zum zweiten Mal in Folge Opernscout in Duisburg und ist der Meinung, dass Opernbesuche ansteckend wirken sollten.  Gerne erzählt sie ihrer Familie und ihren Freunden von ihren Erlebnissen und Überraschungen, die sie bei den Premieren erlebt hat.

Griechische Mythologie im Doppelpack

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Pygmalion FOTO: Birgit Hupfeld

Astrid Klooth über die Premiere von „Pygmalion / Ariadne“

Die beiden Einakter boten zwei jungen Regisseuren  des Hauses eine Plattform, sich eigenständig zu profilieren. Beide Werke entstammen unterschiedlichen Epochen und Musikrichtungen, ähneln sich aber im Hinblick darauf, dass sie Bearbeitungen altbekannter Topoi der griechischen Mythologie darstellen.
Donizettis vorgeblich erstes Werk „Pymalion“ wurde erst mehr als 40 Jahre nach Entstehung, nämlich 1860, in Bologna uraufgeführt. Der bekannte antike Stoff des Künstlers Pygmalion, das genaue Gegenteil eines Frauenverstehers, verliebt sich dennoch in die von ihm erschaffene Statue, die durch göttliche Hand zum Leben erweckt wird, und beide zu einem glücklichen Paar werden lässt. Das Bühnenbild ist ganz in der Tradition des Historismus der 1850er Jahre verhaftet – weitere Götterwesen-Statuen umschwirren Pygmalion in dessen Atelier, was auf  den heutigen Betrachter unfreiwillig komisch wirken mag, aber doch die Entstehungsepoche des Einakters widerspiegelt. Alles andere als statisch und verstaubt klang die wunderbare Tenorstimme von Ovidiu Purcel (Pygmalion).
Nach der Pause folgte ein musikalisch gänzlich anderes Werk, was sich auch in dem abstrakten, von Licht und Zeichensymbolik  geleiteten Bühnenbild zeigte. Das rund 100 Jahre jüngere Werk „Ariadne“ ist reich an psychologischen  Anspielungen, dem Kampf des Menschen zwischen körperlichem Trieb und Emotionen auf der einen, und kühler Ratio und Intellekt auf der anderen Seite. Diese Zerrissenheit in der Figur des Minotaurus und die Vielfarbigkeit der Musik, die folkloristische, barocke und neoromantische Anklänge aufweist, werden durch das farblich stark wirkende, ästhetisch-abstrakte Bühnenbild trefflich wiedergegeben. Musikalisch beeindruckte mich besonders die Sopranistin Heidi Elisabeth Meier in der Partie der Ariadne.
Fazit: Ein besonderes Erlebnis – unbedingt hingehen!

OpernscoutsAstrid Klooth
Oberstudienrätin im Hochschuldienst
Langjähriges Mitglied im Philharmonischer Chor, Mitwirkende im Theaterring Duisburg und Besitzerin eines Opernabonnements – Astrid Klooth ist dem Orchester und Theater seit vielen Jahren verbunden. Besonders wichtig bei der Rolle als Opernscout ist ihr der Meinungsaustausch mit den anderen Scouts über die Premieren. Die Uni-Dozentin hat fast täglich mit jungen Menschen zu tun und hofft, durch ihre Beiträge ihr Interesse am Musiktheater einer breiteren Schicht zugänglich machen zu können.

Es ist einfach beeindruckend!

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b.35 – Decadance FOTO: Gert Weigelt

Katrin Gehlen über die Ballettpremiere „b.35“

Nie schaffe ich es, mich wirklich auf einen dieser fantastischen Abende vorzubereiten und stelle dann vor Ort fest, dass es mich auch ergreift und auffängt, ohne Inhalte und Bedeutung der Stücke im Vorfeld erarbeitet zu haben. Es überkommt mich. Und jedes Mal bin ich aufs Neue begeistert, dass es dem Choreographen, dem Tanzensemble und allen weiteren beteiligten Personen mit einer scheinbaren Leichtigkeit gelingt, mich in Ihren Bann zu ziehen. Nicht nur das – ich sitze auf meinem Platz und spüre diese großartige Inspiration, die über mich kommt. So werde ich gefühlt sogar ein Teil von dem großen Ganzen. Ich bin also absolut begeistert von der Fähigkeit des Balletts am Rhein, so mit dem Zeitgeist zu gehen, sich auf all diese neuen Wege und Tanzstile einlassen zu wollen. Es ist eine große Bereicherung der künstlerischen Darbietung, die wir dadurch hier in Düsseldorf zu Gesicht bekommen.

Opernscouts 2017Katrin Gehlen
Modedesignerin
Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus.

Ein ambivalenter, von unterschiedlichen Stimmungen getragener Premierenabend

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b.35 – Decadance FOTO: Gert Weigelt

Susanne Bunka über die Ballettpremiere „b.35“

Ohad Naharins „Decadance“ hat mich von Beginn an begeistert; ein wie immer tanzbegeistertes und -begeisterndes Ensemble zu toller, intensiver, mal wilder, mal entspannter Musik. Man möchte sich mitbewegen…
„Environment“ von Ben J. Riepe…schwierig! Gedanken und Informationen, die permanent mündlich vorgetragen werden. Dazu buntgewandete Tänzer, die mehr posieren als tanzen. Die Andeutung des Abendmals, des Weltuntergangs… Ist die Botschaft die, dass der Mensch aus seinen Fehlern nicht bereit ist zu lernen?
Schließlich Remus ŞucheanăsAbendlied“… Ruhe, klassisches Ballett, die wunderschöne Musik Schuberts…das alles versöhnt bei aller Nachdenklichkeit. Ein Mann, der seinen Platz im Leben nicht findet, die Liebe, nach der er sucht, nicht sieht. Ich frage mich: Ist das echt oder ist alles nur ein Traum?

Opernscouts 2017

Susanne Bunka
Inhaberin des Angercafés in Urdenbach
Vor drei Jahren hat sich die ehemalige Kinderkrankenschwester Susanne Bunka einen Traum erfüllt: Zusammen mit ihrer Tochter betreibt sie das Angercafé in Urdenbach – ein Treffpunkt für alle Generationen, in dem auch Lesungen und kleine Konzerte und Chorproben stattfinden. Sie liebt die großen Opernklassiker, ist gleichermaßen offen für zeitgenössisches Musiktheater und Ballett und freut sich darauf, Ihre Eindrücke im Gespräch zu vertiefen.