Nie eine überzeugendere, schönere Aufführung gesehen..

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Stefan Pütz über „Maria Stuarda“

Zum Inhalt: „In my end is my beginning“ Dies waren die Worte, die Maria Stuart in Gefangenschaft und in der Erwartung ihres Todes auf ein Kissen stickte. Dies hätte in italienischer Sprache geschehen müssen … auch begegnen sich Maria Stuart und ihre Halbschwester in der Realität nie!
Was dann auf der Bühne geschieht, kann man zwar in deutscher Sprache bei Schiller nachlesen, aber nur in atemberaubender Schönheit erfahren, wenn man genau diese Inszenierung von Guy Joosten in genau dieser Besetzung besucht.

Zur Aufführung: Hervorragendes Bühnenbild – ein guter Chor – passende Kostüme und sehr aktive, auch schauspielerisch überzeugende, wunderbare Sängerinnen: Maria Kataeva als Elisabetta und Adela Zaharia (Weltklasse!) als Maria Stuarda stellen an diesem Abend alle in den Schatten.

Eine überzeugendere, schönere Aufführung habe ich bislang noch nicht erleben können …
Puetz_Stefan_Foto2_Andreas_EndermannStefan Pütz
Inhaber von „Buch in Bilk“

Den Namen Stefan Pütz verbindet man mit „Buch in Bilk“, einer Buchhandlung, die es mittlerweile sogar an zwei Standorten in Unterbilk gibt. Bei Kulturveranstaltungen ist er auch gern mit einem Büchertisch präsent, denn der direkte Kontakt zu den Kunden und die persönliche Beratung ist ihm wichtig. Wichtig ist ihm jetzt – nach langer Abstinenz – auch wieder die Begegnung mit Oper und Ballett: Früher war er oft mit seinen Eltern in der Oper – heute ist er wieder neugierig darauf und offen für die kritische Auseinandersetzung mit den Düsseldorfer Scouts für Oper und Ballett.

 

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„b.38“ – Eine angenehme Überraschung

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b.38 Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg „Sinfonie Nr. 1“ ch: Remus Sucheana

Jürgen Ingenhaag über „b.38“

Unvoreingenommen und ohne Erwartung bin ich in den dreiteiligen Ballettabend „b.38“ hineingegangen, um dann angenehm überrascht zu werden!
Sergej Rachmaninows 1. Sinfonie ist von Remus Sucheana zu einer Tanzgeschichte über Krieg und Frieden verarbeitet worden. Tolle Kostüme und Frisuren ergänzen die klassischen und zeitgenössischen Tanzbilder. Dem trügerischen Frieden folgt das hoffnungslose Ende vom untergehenden Volk.
Das lässt nachdenklich zurück.
„One flat thing, reproduced“ von William Forsythe und der nervigen Computermusik ist ein relativ kurzes Stück. Der Tanz mit Tischen, auf Tischen und seinen schnellen Bewegungsabläufen spornt das Ballett-Ensemble zur Höchstleistung an. Am Südpol, wo das Stück spielt, scheint es diesen Körperbeherrschenden nicht kalt zu sein. Respektvolle Ovationen!
Nummer 3 ist dann das augenzwinkernde Stück „Ulenspiegeltänze“ des Chefchoreographen Martin Schläpfer. Till Eulenspiegel hält der Gesellschaft den Spiegel vor, treibt seinen Schabernack und lässt auf dem Vulkan tanzen… Hier begeistern auch die Video-Einspielungen mit teils harmlosen und teils bedrohlichen Bildern. Ich finde es einen genialen Einfall, dass Schläpfer nicht die Musik von Richard Strauss, sondern die letzte Sinfonie von Sergej Prokofjew mit ursprünglichem Schlusssatz verwendet hat. Großes Lob auch für die Duisburger Philharmoniker unter Wen-Pin Chien und ihrer exzellenten Interpretationen der russischen Meisterwerke von Rachmaninow und Prokofjew!

19.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Jürgen Ingenhaag
Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg

Der Staatlich geprüfte Techniker für Druck und Medien qualifiziert sich zurzeit zur Fachkraft für Arbeitssicherheit. Im Vorstand der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge‘‘. Mit Rock- und Popmusik ist er aufgewachsen – sie hat ihn geprägt und trotzdem nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden; einer, der sogar auch die Bayreuther Festspiele besucht. Im Theater Duisburg freut er sich nach „Rheingold“ und „Walküre“ in dieser Spielzeit auf die Fortsetzung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“.

Surprise!

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Sandra Christmann über die Premiere von Anno Schreiers „Schade, dass sie eine Hure war“

Von Trashy -Splatter über commedia dell’arte, ein bißchen Shakespeare, ein bißchen Schmierenkomödie, fliegende Pilzpenisse, deren Muster sich in den inszestuösen Geschwisterpaarkostümen wiederfinden, hat Anno Schreier originell und befremdlich alles in seiner Inszenierung bedacht.
Ich habe gelacht, weggeschaut, mich fremd geschämt, gefreut, war beeindruckt und entsetzt.
Genreübergreifend sind Bühnenbild und Kostüme kreiert.
Das Bühnenbild, insbesondere die Choreografie nach der Pause mit dem schwebenden „Mies van der Rohe“ Kubus. Excellent.
Alles in allem interessante, kurzweilige Kompositionen.
Musikalisch: modern, für mich als Laie gewöhnungsbedürftig aber im positiven Sinne.
Gesanglich war der Mönch, Bogdan Taloş, am Mächtigsten.
Soweit.
Wie immer (ausgenommen die Predigt des Mönches zu Giovanni) ist die Frau die Schlampe. Ach ja.
Neben allen albernden blutigen, teilweise komischen, Suiziden und Morden ist ein Akt definitiv too much: Bauchtritte in die schwangere Frau. Dieses brutale Moment passt nicht in die Groteske, der vorab und danach sonstigen dargestellten „Gewaltakte“ des Stückes. Wenn dieses der Inszenierung tatsächliche Gretchentragik verleihen soll, dann rundet das nicht ab, sondern wie geschrieben, passt nicht.

Alles in Allem: mehr als unterhaltsame Inszenierung mit lustigen Momenten und einer ausgereiften Komposition an Inszenierung in „fast“ allen Belangen.

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Sandra Christmann
 Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf, ihre Wahlheimat, und die Kunst. Sie engagiert sie sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben dieser Arbeit hat sie ein Hilfsprojekt in Kenia ins Leben gerufen. Ihr Netzwerktalent, die Liebe zur Kunst und zum Schreiben nutzt sie jetzt auch als Opernscout.

Ein scheinbar nicht enden wollender Abend

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Myriam Kasten über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

Als ich las, dass Siegfried 5,5 Stunden dauern wird graute es mir ein wenig vor diesem Abend. Nie zuvor habe ich so lange in einem Theaterstück gesessen. Nun denn, ich habe mich ihm gestellt. Gleich zu Anfang erfuhren wir, dass Corby Welch (Siegfried) aufgrund von Krankheit nicht die volle Leistung bringen wird, sich aber dennoch entschieden hatte den Premierenabend nicht platzen zu lassen. Dafür hat er von mir die größte Hochachtung verdient, denn mit Hinblick auf dieses sehr lange Stück hat er, wenn auch hier und da geschwächelt, eine gute Leistung gebracht. Der erste Aufzug war direkt sehr anstrengend für mich. Ich kam nur sehr schwer in die Story hinein. Die Philharmoniker haben alles gegeben und mir hat die Musik wirklich sehr gut gefallen. An einigen Stellen hätte ich mir gewünscht es wäre ein Konzert und keine Oper. Cornel Frey in seiner Rolle als Mime hat mir unwahrscheinlich gut gefallen. Der zweite Aufzug in dem Siegfried den Fafner erlegt, war sehr kurzweilig und zu weilen auch amüsant. Der dritte Aufzug hingegen verlangte meiner Konzentration alles ab. Es hat gefühlt eine Ewigkeit gedauert bis Siegfried sich traute Brünhilde zu erwecken und ebenso noch eine weitere Ewigkeit bis die Beiden sich vereinen. Brünhildes Stimme war für mich in Teilen nicht erträglich. Mein Fazit des Abends ist, ich werde mir bestimmt Wagner nochmal als Konzert anhören, aber eine solch lange Oper ist für mich persönlich nichts, ich frage mich wirklich, wer sich sowas freiwillig antut.

19.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Myriam Kasten
Projektmanagerin Tourismus bei Duisburg Kontor GmbH

Die gelernte Fotografin hat die Liebe zu ihrer Heimatstadt zum Beruf gemacht: Als Projektmanagerin im Bereich Tourismus gibt sie ihre eigene Begeisterung für die Stadt an Besuchergruppen weiter. Für sie ist das Theater Duisburg einer der großen Anziehungspunkte der Stadt. Hier hat sie schon als Kind viel Zeit verbracht – häufig nahmen sie die Eltern ins Theater mit. Ballettunterricht und das eigene Tanzen verstärkten die  Begeisterung für Musik und Tanz, besonders für die Choreographien von Youri Vàmos.

 

 

 

Eine kontrastreiche Vielfalt und vielfältige Kontraste

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b.38 Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg „One flat thing reproduced“ ch.: William Forsythe

Annette Hausmann über die Premiere von „b.38“

Was wird mich bei zwei Ballett-Uraufführungen und einer Reproduktion erwarten? Diese Gedanken schwirrten vor Beginn der Premiere „b.38“ in meinem Kopf herum. Nach dem Ballettabend lautete meine Antwort: Eine kontrastreiche Vielfalt und vielfältige Kontraste.

Für die erste Uraufführung des Abends ließ sich Ballettdirektor Remus Sucheana durch Rachmaninows „Sinfonie Nr. 1“ inspirieren, die in ihm Bilder einer zerrissenen Welt weckten und ihn zur tänzerischen Umsetzung einer Kriegsgeschichte voller Gegensätze von Kampf, Friede, Demütigung, Hoffnung, (Ver-)Gewalt(-igung), Freude, Resignation, Tod und Freiheit bewegte.
Fast zeitgleich mit dem ersten Taktschlag des Kapellmeisters Wen-Pin Chien befindet man sich als Zuschauer mitten in der Kriegsthematik: zwei Tänzer erscheinen auf der Bühne, strecken ihr Bein zu einem Gewehr nach vorne und verharren für einen Moment in dieser Tanzposition. Im Hintergrund befindet sich eine gewaltige Mauer, die gleichzeitig ein aufgeschlagenes Buch darstellen soll. Das imposante Bühnenbild von Drako Petrovic zieht während der Aufführung immer wieder meinen Blick in seinen Bann und weckt in mir die Vorstellung, als wenn die Protagonisten aus dem Buch „herausgelesen“ worden seien, um uns ihr persönliches Kriegserlebnis über die Form des Tanzes als körperliche Ausdrucksmöglichkeit emotional näher zu bringen. In vielen Tanzszenen ist Remus Sucheana dies auch auf einem sehr hohen Niveau gelungen, wie zum Beispiel bei der Gegenüberstellung der unterschiedlichen, kriegsgeprägten Rollen: auf der einen Seite die uniformierten Soldaten und Soldatinnen, deren emotionslose Körperhaltung sowie die stechschrittmäßigen Tanzbewegungen hart, angespannt und fremdbestimmt wirken. Auf der anderen Seite die einfach gekleideten Bürger und Bürgerinnen, deren zumeist schnellen Rumpf- und Beinbewegungen weich und geschmeidig sind, Freude und Freiheit, im nächsten Moment aber auch Trauer, Resignation und Zerbrechlichkeit ausdrücken. Hervorzuheben ist auch die Abschlussszene, in der alle Protagonisten vor der Mauer gleichzeitig in den Untergrund „fahren“ – offenbleibt, ob sie den Tod als einzigen Ausweg in die grenzlose Freiheit wählen oder einfach nur wieder ins Buch „zurückgelesen“ werden…

Insgesamt empfand ich es als sehr grenzwertig, Rachmaninows wundervolle Jugendsinfonie zu nutzen, um ein Handlungsballett rund um das Thema „Krieg“ zu schaffen.

Im zweiten Teil nach der Pause: trügerische Stille…
Plötzlich schiebt eine 14-köpfige Tanzcompanie lautstark 20 Tische auf die Bühne und ordnet jeweils fünf Tische hintereinander geometrisch exakt in vier Reihen an.
Auf dieser begrenzten und scheinbar einengenden Bewegungsfläche soll getanzt werden? Und wie!!
Mit Einsetzen der elektronischen Klangkulisse trifft mich das Ballettstück „One Flat Thing, Reproduced“ wie ein unvorhersehbares Naturspektakel; 20 Minuten „Voll-Power“ strömen auf mich ein. Sowohl das Entladen angestauter Energien als auch das „Anstupsen“ eines Dominosteins scheinen nicht mehr aufzuhalten zu sein. Die sportlich-leger gekleideten Tänzer beginnen wie bunte Flummis zu tanzen. Jedoch nicht im klassischen Sinne, sondern vielmehr ist es ein experimentelles Bewegen auf höchstem Niveau. Impulse werden abgegeben, angenommen, weitergegeben oder mit eigenen Bewegungsformen beantwortet, dynamisch-schnell, präzise-vorausschauend, freudvoll-kooperativ, synchron-asynchron, genial und immer wieder verblüffend. Scheinbar ein pulsierendes Chaos, das bei genauerer Betrachtung eine perfekt aufeinander abgestimmte Tanzchoreographie ist, bei der nichts dem Zufall überlassen wird.
In William Forsythes Phantasie sind die Tische Eisschollen und Eisberge mit gefährlichen Kanten. In Verbindung mit der außergewöhnlichen Klangcollage eine phantastische Assoziation, die auch mir als Zuschauer Raum für eigene Bilder und Interpretationen inmitten einer Eislandschaft lässt.

„One Flat Thing, Reproduced“ ist für mich eine absolut sehenswerte Expeditionsreise ins Land der fast unmöglich erscheinenden, expressiven Bewegungswelt des Menschen.

Den Abschluss des Ballettarrangements „b.38“ bilden die „Ulenspiegeltänze“ zur Sinfonie Nr. 7 von Prokofjew – die zweite Uraufführung des Abends. Der Vorhang hebt sich und ein wunderbares Bühnenbild des Künstlers Keso Dekker mit Perlenschnüren und Ballsaalcharakter eröffnet sich dem Zuschauer. An der Rückwand eine Videoprojektion, die uns das Bild einer, uns mit dem Rücken zugewandten, überdimensionierten Eule zeigt; mal schaut sie weise, mal teuflisch, aber sie scheint immer allgegenwärtig zu sein.
Wer meint, ihm werden im letzten Ballettstück nette Till-Eulenspiegel-Geschichten aus Kindheitstagen tänzerisch präsentiert, der irrt sich. Denn schließlich „steckt“ Martin Schläpfer hinter der Choreographie. Er führt uns „an der Nase“ herum, überrascht uns von hinten, tritt zum Teil anmutig, aber manchmal auch bedrohlich-beängstigend in Erscheinung und hält uns regelmäßig auf gesellschaftskritische Weise den Spiegel vor.
Die tänzerischen Leistungen, insbesondere die ausdrucksstarken Tanzbewegungen von Yuko Kato oder das Solo von Feline van Dijken waren wieder erstklassig und äußerst bemerkenswert.
Martin Schläpfer beweist mit Prokofjews 7. Sinfonie wiederholt sein Feingefühl für eine wundervoll passende und sinnstiftende Musik. Den Duisburger Philharmonikern gelingt es dabei, die musikalischen Gegensätze und Überraschungsmomente des Komponisten auch für ein eher ungeschultes Ohr genau herauszuarbeiten. Durch die Videoprojektion, die mir sehr gut gefallen hat, ermöglicht sich Martin Schläpfer auf schelmische Art selber, seiner Choreographie noch weitere Nuancen zu verleihen – so auch beim Einblenden eines Bildes der Wiener Staatsoper. Spätestens jetzt ist einem als Zuschauer klar, dass durch den Perspektivenwechseln jedem von uns der Spiegel vorgehalten wird.

Am Ende der „Ulenspiegel“ ziehe ich für mich das Fazit, dass sie sehenswert sind, aber das Ballettstück insgesamt zu wenig Inhalt aufweist und mir daher auch der Spannungsbogen fehlt.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an GGS Hermann-Grothe-Straße in Duisburg-Bissingheim, einer Montessori-Grundschule, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Sie findet es spannend und freut sich darauf, sich als Scout für Oper und Ballett in dieser Saison wieder regelmäßig und intensiv mit Oper und Ballett auseinanderzusetzen.

Isch weiss nich’…

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Michael Langenberger über die Premiere von Anno Schreiers „Schade, dass sie eine Hure war“

Noch nie ist es mir so schwer gefallen, über eine Premiere zu schreiben, wie dieses Mal. In der Opernkritik der Rheinischen Post finde ich einen Teil meiner Zerrissenheit wieder.

Fest steht für mich, dass alle Akteure, wie gewohnt, ihr Handwerk in wirklich hervorragender Qualität zelebrierten. Man muss sogar sagen, es bedarf äußersten Könnens, eine komplette Oper lang, in sowohl orchestralen und stimmlichen Klängen, nahezu alles ausschließlich in Dissonanzen zu meistern. Meine Ohren waren darauf allerdings nicht wirklich eingestellt und ich empfand es zeitweise als wirklich anstrengend. Wer eine Vielzahl unterschiedlicher Rhythmen liebt, kommt in fragmentierter Form bestens auf seine Kosten.

In der Pause unterhielt ich mich mit einem mir unbekannten, anderen Zuschauer. Er fand es ganz lustig, ein Bühnenbild während einer Oper eben nicht nur von seiner Schokoladenseite, sondern auch mal von seiner Rückseite zu sehen. Sicher, das ist mal etwas anderes. Also wer derartige Verschiebe-Aktionen und den Kulissenbau würdigen will, hier wäre eine Gelegenheit.

In dem Nachgespräch, direkt nach Ende der Vorführung, habe ich gelernt, dass der Gesangstext der Theatervorlage relativ nahekommt. Hmm, auch hier ist mir einiges fremd geblieben.

Eine meiner Töchter erinnerte mich dann daran – nach meinem kurzen Bericht über diese Opernaufführung – dass ich Ende der 70er Jahre eines der ersten Police-Konzerte überhaupt gesehen hatte. Wegen der völlig ungewöhnlichen, total neuen und ungewohnten Rhythmen waren wir Jugendliche dann kurz nach der Pause nach Hause gegangen. Damals, weil wir es einfach nicht mehr ertragen konnten… Und heute würde ich sofort eine Eintrittskarte kaufen und bis nach der Zugabe bleiben.

Ob es mit diesem Opernwerk genauso geht? War ich vielleicht bei der Uraufführung eines Werkes, was zukünftig die Welt begeistert und nur ich habe es jetzt und hier nicht verstanden?

Machen Sie sich Ihr eigenes Bild.

Opernscouts 2018 / 2019

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt: Auf Standard und Latein folgten Salsa und Modern Contemporary Dance im tanzhaus nrw, wo er auch an öffentlichen Performances mit Profis und Laien mitwirkte. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze.

Tis pity she’s a whore

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Markus Wendel über die Premiere von Anno Schreiers „Schade, dass sie eine Hure war“

Das Opernscout-Jahr beginnt mit etwas ganz Besonderem, nämlich der Welt-Uraufführung einer aktuellen Opern-Komposition. Das wird mir schon bei der Opernwerkstatt klar, denn wann erlebt man es schon mal, dass sich ein Dirigent mit dem Komponisten unterhält, ganz locker über die Brüstung des Orchestergrabens hinweg. Anno Schreier heißt der Musik-Schaffende, und einige Tage vor der Premiere verspricht er uns in erster Linie einen Abend voller Unterhaltung.

Die Handlung ist bereits einige hundert Jahre alt, und erzählt ein schauriges Drama rund um ein sich liebendes Geschwisterpaar. Inzest, Macht, Gier und Blut. Mich erinnert es irgendwie an eine verschärfte Variante von Romeo und Julia.

Zu dieser blutigen, und nicht gut ausgehenden Geschichte, serviert uns Anno Schreier ein Potpourri quer durch die Geschichte der Musik. Walzer, Schlager, asiatische Klänge, Barock, Filmmusik, manchmal wie Verdi, und dann höchst romantische Streicher-Klänge, wie im ausklingenden neunzehnten Jahrhundert. Alles ist dabei. Ausgedehnte Wohlfühl-Momente werden allerdings nicht zugelassen. Es gibt immer wieder harte Brüche, und unerwartete Überraschungen, die aber auch von der Handlung vorgegeben werden. David Hermann setzt diese in bemerkenswerter Gradlinigkeit, straffem Tempo, und einigen sehr humoristischen Einlagen, in Szene. In Kombination mit dem sehr derben Libretto muss ich mich streckenweise echt am Riemen reißen, nicht minutenlang laut loszulachen. Nach der Pause bleibt einem das Lachen allerdings im Halse stecken, denn vor allem im zweiten Teil verschmelzen Dramatik und atmosphärische Dichte zu einem wirklich ernstzunehmenden und hochdramatischen Gesamtwerk.

Ich hatte einen ganz hervorragenden Abend, der Oper wirklich in einer ganz anderen Art und Weise erlebbar macht. Mir bleibt nichts anderes, als diese Aufführung dringend zu empfehlen, und ich bin sehr gespannt, ob ‚Schade‘ den Sprung ins Repertoire der Deutschen Oper am Rhein schaffen wird. Meiner Meinung nach wäre das hochverdient!

Wendel_Markus_Foto_Andreas_EndermannMarkus Wendel
Feuerwehrmann in Düsseldorf

Als neuer Scout folgt Markus Wendel in der Spielzeit 2018/19 frühen Spuren seiner Opernbegeisterung: Seine erste Begegnung mit Richard Wagners „Götterdämmerung“ hatte er 2003/04 im Düsseldorfer Opernhaus, und schon damals begeisterte ihn Linda Watson als Brünnhilde. Als Feuerwehrmann der Landeshauptstadt Düsseldorf kümmert sich Markus Wendel um die strategische Planung und Einsatzorganisation. Ganz besonders schätzt er seine Dienste im Opernhaus: Als Brandsicherheitswache beobachtet er die Aufführung dann von der Seitenbühne aus. „Ich mag das Gewusel hinter den Kulissen“, sagt der 39-Jährige. Was ihn aus dieser Perspektive besonders anspricht, schaut er sich gern noch einmal mit Freunden oder der Familie aus dem Zuschauerraum an.