Kurzweilig, spannend und kontrastreich

06_La_Boheme_FOTO_Hans_Joerg_Michel

Annette Hausmann über die Premiere von „La Bohème“

„La Bohème“ von Giacomo Puccini ist bis heute eine der meist aufgeführten Opern, deren Geschichte vom Leben, der Liebe und dem Leiden verarmter Bohemiens erzählt. Fernab der bürgerlichen Normen leben sie ihre Kunst und lassen sich trotz widriger Umstände das Träumen nicht nehmen.

Musikalisch gesehen verzauberte mich dieser Premierenabend auf wundersame Weise. Unter der Leitung von Antonino Fogliani gelang es den Duisburger Philharmonikern auf höchstem Niveau Puccinis wunderbare Musik, die voller Emotionen und harmonisch warmer Klänge „steckt“, ausdrucksstark und präzise darzubieten.

Ebenso bemerkenswert waren die schauspielerischen und gesanglichen Leistungen der Solisten sowie des Opernchors. Im Einklang mit dem Orchester sangen sie ihre jeweilige Rolle authentisch, einfühlsam und zugleich gefühlsstark. Die Wärme und Harmonie, die die einzelnen Stimmen in ihrer Gesamtheit im Duett und Quartett ausstrahlten, gingen regelrecht „unter die Haut“.

Allerdings gelang es mir im Verlauf der Opernpremiere nicht, mich ausschließlich auf eine „musikalische Traumreise“ zu begeben, da die Inszenierung des jungen Regisseurs Philipp Westerbarkei und das Bühnenbild von Tatjana Ivschina bewusst einen absoluten Gegenpol dazu setzten.

Westerbarkei ließ die gesamte Liebes- und Lebensgeschichtete der Bohemiens als eine Art Erinnerungsfilm Rudolphos an seine geliebte Mimì in einem halbrunden, blassgrün gekachelten Raum spielen, der eher einem Sanatorium oder einer Psychiatrie glich. Bis zum Schluss verströmte diese Inszenierung in Verbindung mit dem Bühnenbild eine gewisse sterile Kälte, schaffte Irritationen und forderte den Zuschauer nicht nur kognitiv, sondern auch zu eigenen Interpretationen heraus.

Die Oper „La Bohème“, mit der Westerbarkei durch seine „klinisch-reine“ Inszenierung „verstaubte“ Opernstrukturen aufbricht, kann ich nur empfehlen. Sie ist kurzweilig, spannend und kontrastreich. Sollte das Moderne zwischenzeitlich zu sehr irritieren – einfach Augen schließen und der herrlichen Musik lauschen.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

 

Ein gelungener Abend

01_La_Boheme_FOTO_Hans_Joerg_Michel

Christiane Hain über die Premiere von „La Bohème“

Eine der bekanntesten Opern von Giacomo Puccini ist „La Bohème“. Sie erzählt von dem einfachen Leben der Bohemiens die sich gegen die Normen der bürgerlichen Gesellschaft stellen, wenig Geld haben, aber von der Freude und der großen Liebe im Leben träumen.

Dies ist das erste Mal, das ich diese Oper höre und sehe. Um mein Fazit vorwegzunehmen: Reingehen, sich von der Musik verzaubern lassen und die zeitgenössische Inszenierung auf sich wirken lassen. Es ist ein gelungener Abend.

Der Zuschauer wird von Anfang an von der Musik Puccinis, die voller Emotionen ist, mitgenommen auf eine Reise durch das Leben bzw. die Erinnerungen des  Rodolfos, an seine Zeit in Paris. Das Stück wird getragen durch die Musik, die hervorragend durch die Duisburger Philharmoniker zusammen mit ihrem Dirigenten interpretiert wird.

Die schauspielerische und gesangliche Darbietung von Rodolfo und seinen Freunden ist auf einem sehr hohen Niveau  und sehr ausgewogen. Die vier Darsteller lassen das Leben zwischen Hunger, Trauer,  Suche nach Liebe und ausgelassener Freude sehr lebendig werden. Mimì und Musetta sind zwei ganz unterschiedliche Frauen, die eine sehr ernsthaft und die andere sehr flatterhaft. Es ist sehr interessanter, dass beide Frauen dieselbe Frisur und Kleidung haben, dadurch identisch wirken und so eine Typisierung für die Liebe stattfindet.

Wer bei „La Bohème“ nun ein opulentes Bühnenbild erwartet, wird enttäuscht. Die Hauptakteure verlassen in den 4 Bildern nicht den Raum. Der Zuschauer muss sich die räumlichen Wechsel vorstellen, was nicht immer einfach ist. Der Raum mit grünen Fliesen an der Wand lässt den Zuschauer fragen, ob es sich hierbei um ein Schwimmbad, Raum in einem Bahnhof oder Sanatorium handelt. Auf jeden Fall symbolisiert dieser die Kälte, in der die Bohemians leben, da sie einfach kein Geld zum Heizen haben. Ein guter Einfall ist die zweite Ebene, auf der das Treiben auf dem Weihnachtsmarkt stattfindet. Dies wird hervorragend durch den Chor der deutschen Oper am Rhein und dem Kinderchor in Szene gesetzt. Hervorzuheben sind hier auch die tollen Kleider der Pariser Bürger.

Der junge Regisseur Philipp Westerbarkei fordert in der Inszenierung den Zuschauer heraus, sich mit dem Stück auseinanderzusetzen, man muss aufpassen, um alle Details zu bemerken. Es bleiben einige Szenen ungeklärt, offen und unterschiedlich interpretierbar. Dies schien nicht allen Zuschauern zu gefallen, die ihr Missfallen auch am Ende durch einige Buhrufe bekundeten. Überwogen hat jedoch die Zustimmung zur Musik und Inszenierung.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Düsseldorf. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Ihre Tätigkeit als Opernscout führt dazu, dass sie wieder bewusster ins Theater geht und die Aufführungen als einen wichtigen Ausgleich zum Berufsleben betrachtet.

Eine Oper über die Eindrücke des Lebens

06.11.2019, DU Duisburg , Deutsche Oper am Rhein, Theater der Stadt Duisburg , Generalprobe.
06.11.2019, DU Duisburg , Deutsche Oper am Rhein, Theater der Stadt Duisburg , Generalprobe.

Vinuar Amuka über die Premiere von „La Bohème“

La Bohème, die Oper über die Eindrücke des Lebens in der Großstadt, der unverhofften und stark empfundenen Liebe; über das Leben der Bohemien, jene unbekümmerte und unkonventionelle Künstlernatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Jene, die oftmals verarmt, das Leben improvisieren, frei gestalten, abseits der bürgerlichen Normen.
Folgerichtig interessierte mich beim Besuch der Oper, wie das aktuellste aller Themen im Leben, nämlich wie die Liebe in dieser Aufführung inszeniert wird.

Das erste Bild erscheint entgegen dem Erwarteten nicht jene Mansarden Kemenate hoch oben unter dem Dach, die oft beschrieben den Rahmen für die Handlung gibt, sondern ein eintöniger Raum einem Keller oder Krankenhauszimmer ähnelnd, halbrund und kleiner als die Bühne an sich. Genau in diesem Raum werden die persönlichen, subjektiven und augenblicklichen Eindrücke dargeboten, die mich und auch das Publikum sofort zum Teil der Handlung und des Geschehens machte.

Die ersten Handlungssequenzen im „Kellerraum“, die mehr oder minder miteinander verbunden sind, fordern zunächst die höchste Konzentration, um das Geschehen zu verstehen und einzuordnen.
Die Bohemien, deren Schicksal in diesem Raum miteinander verknüpft zu sein scheint und die gar gleich gekleidet sind. Sie erleiden Armut und Not. Scheitern im Alltäglichen (Rodolfo verbrennt sein literarisches Werk, um nicht zu erfrieren). Schaffen es dennoch durch skurrile Zufälle und Finessen das Alltägliche zu überstehen.

Ganz unverhofft lernt Rodolfo genau in diesem Raum Mimì kennen, die sich scheinbar dorthin verirrt hat.
Es ist Liebe auf den ersten Blick, ergreifend und fesselnd.

Die Freunde wollen in einem Café feiern, die Vorweihnachtszeit genießen.
In der Inszenierung zeigt sich das Pariser Stadtleben, oberhalb des Raumes der Bohemien, wie eine Art parallele Realität zum Leben dieser. Die Pariser vergnügen sich mit Einkäufen von Spielzeug, in opulenter, rötlicher ausgestatteter Kleidung, mit aufeinander abgestimmten Bewegungen, während im Raum gegen Hunger und Not getrotzt wird.

Im zweiten Bild der Oper entwickelt sich ein sehr spannungsreicher Contest der Arten der Liebe. Welche Art der Liebe ist standhafter? Die lockere, offene Liebe zwischen Marcello und Musetta? Unstetig, unverbindlich, die Freiheit der Taten ermöglicht (Musetta lässt sich von älteren Liebhabern aushalten).
Oder die tiefe Liebe zwischen Rodolfo und Mimì, die letztendlich von Zwängen und Pflichten belastet wird?

Besonders ergreifend im dritten Bild und im Wesentlichen durch die Musik Puccini’s, die äußerst fließende und weiche Übergänge hat, dadurch vollkommen harmonisch die Trennung der sich liebenden Mimì und Rodolfo begleitet und erlebbar macht. Wer hat sich noch nicht so verzweifelt gefühlt wie Mimì, als sie die Trennung versuchte zu überstehen? Alleine, an einer Wand lehnend?

Mimì und Rodolfo mussten sich zwar trennen, verschoben aber die Trennung bis zum Frühling, um im Winter nicht vereinsamt zu sein.

Im vierten Bild schließlich muss Mimì durch eine lang andauernde Erkrankung sterben. Trotz der Versuche Musetta’s und der Bohemien, das letzte Hab und Gut zu verkaufen, um medizinische Hilfe herbeizuschaffen.

In tiefster Trauer, durch einen expressiven Schrei Rodolfo’s zutiefst erlebbarer Schmerz um den Tod Mimì’s, der nur durch die hervorragende schauspielerische Fähigkeit der darstellenden Künstler ermöglicht wird, endet die Handlung der Oper, nur ahnend, ob all das ein Wahnsinn, eine Erinnerung oder doch eine Momentaufnahme des wahren Lebens ist?

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Vinuar Amuka
Sozialpädagogische Familienhelferin

Die 37 jährige Irakerin lebt seit ihrer Jugend in Deutschland und arbeitet als sozialpädagogische Familienhelferin. Sie hegt eine starke Begeisterung für Oper und Ballett. Um Inszenierungen besser bewerten und nachvollziehen zu können nimmt sie Gesangs- und Klavierunterricht. Als Scout erhofft sie sich die Oper noch intensiver zu erleben und wahrzunehmen. Sie findet, dass man in der Oper „vielem aus dem realen Leben begegnet, aber ganz anders damit umgeht“.

La Bohème als Kammerspiel

02_La_Boheme_FOTO_Hans_Joerg_Michel

Isabel Fedrizzi über die Premiere von „La Bohème“

Eigentlich ist diese La Bohème ein Kammerspiel: das Geschehen spielt sich von Anfang bis Ende in einem Raum ab, es sind nur sieben Personen beteiligt und der thematische Schwerpunkt lässt sich (vielleicht etwas reduziert ausgedrückt) mit einem Wort umreißen: die LIEBE. Es sind verschiedene Facetten der Liebe, die in der Duisburger Bohème die Hauptrolle spielen: oberflächliche, einseitige, eifersüchtige, tief empfundene und enttäuschte Liebe… die sechs Hauptpersonen verzaubern durch eine riesengroße stimmliche Intensität kombiniert mit einer großartigen schauspielerischen Leistung. Alles wirkt echt, authentisch und ungekünstelt – dadurch fesseln die Figuren und ihr Schicksal wirkt aufrichtig anrührend. Das ist zu einem großen Teil der Verdienst der Sänger, deren Stimmen so wunderbar passend ausgewählt sind, dass die Besetzung nicht besser sein könnte. Den anderen Teil des Lobs verdient die Inszenierung des jungen  Philipp Westerbarkei: sein Kammerspiel im halbrunden, gekachelten Raum wirkt zu Beginn nüchtern und räumlich wie atmosphärisch begrenzt, so dass man einen Moment lang befremdet ist. Aber schnell und beinahe unmerklich wird die vermeintliche Leere im Lauf der ersten Szenen schon durch so intensives Spielen, packenden Gesang und aufmerksames Wahrnehmen-Wollen aller Details mit reichlich Atmosphäre und Stimmung gefüllt. Die einzige große Veränderung der Bühnensituation, bei der eine Marktszenerie im oberen hinteren Bühnenbereich sichtbar wird, ist dabei überraschend, sehr effektvoll und wirkt wie ein „Bild im Bild“. Diese, wie auch andere dramaturgische Feinheiten erschließen sich nicht immer sofort – das macht aber nichts, sind es doch gerade diese Eindrücke, die noch lange nachwirken und zum nachträglichen Rätseln und Heruminterpretieren einladen…

Die Duisburger Philharmoniker haben sich bei der Premiere mit Ruhm bekleckert: ein wunderbarer Orchesterklang, dicht und homogen und trotzdem bis in die einzelnen Instrumentengruppen hinein durchsichtig und klangschön. Nach einem recht voluminösen Einstieg ist das Orchester in musikalischer Hochform gewesen – Puccinis zeitlose, bewegende und schöne Musik war in besten Händen.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Ein gelungener Abend mit nachwirkenden Eindrücken

09_La_Boheme_FOTO_Hans_Joerg_Michel

Dagmar Ohlwein über die Premiere von „La Bohème“

Für mich war diese Puccini Oper eine großartige Aufführung in moderner Form. Der Abend hat mich begeistert zum einen durch die wunderbaren Stimmen der Protagonisten, allen voran Liana Aleksanyan als Mimi und Eduardo Aladrén als Rodolfo. Ihre Stimmen berührten mich tief und klingen noch nach. Zum anderen rundeten Chor und Kinderchor und die Duisburger Philharmoniker einmal mehr die überragende Darstellung hervorragend ab.

Wahrhaft überzeugend wirkte auf mich die schauspielerische Leistung insbesondere der vier Bohemiens, dargestellt von Bogdan Baciu, Luke Stroker, Eduardo Aladrén und Richard Šveda. Die Regiearbeit von Philipp Westerbarkai ist eine Inspiration für „altehrwürdige“ Opern,  diese in eine für unsere Zeit moderne Form zu bringen. Große Operngesten, deren Bedeutung oft gar nicht mehr bekannt ist, fehlen wohltuend. Das Auftreten der Darsteller ist zeitgemäß, so dass die Botschaft des Stückes meiner Meinung nach viel intensiver hervortritt: das Leben der Bohème; diese Kunst, die gekennzeichnet ist durch nicht nachlassende Selbstinszenierung und dem Versuch mit Nichtstun trotzdem ein komfortables, luxuriöses Leben zu führen. Dabei scheitern sie, die Bohemiens, allerdings gnadenlos  an den Notwendigkeiten des alltäglichen Lebens.  Vermeintliche Kreativität, schwache künstlerische Fähigkeiten und Selbstbetrug lassen sie auf ihrer Suche nach dem paradiesischen Leben in einer traurigen, verzweifelten Situation enden. Hervorragend wurde das bei dieser Aufführung herausgearbeitet

Nicht ganz erschlossen hat sich für mich in seiner Bedeutung das Bühnenbild, desweiteren das fast schon unsäglich nervende Hantieren Rodolfos mit seinen Manuskript-Blättern.

Ein Besuch der Oper lohnt sich in meinen Augen in jedem Fall, ein gelungener Abend mit noch nachwirkenden Eindrücken. Ein großes Lob geht an alle Darsteller und Philipp Westerbarkai.

Dagmar_Ohlwein

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin ist gerade im Ruhestand angekommen und widmet nun einen großen Teil ihrer Zeit der Kultur. Das heißt für sie regelmäßig diverse Kulturangebote warzunehmen. Als Jugendliche hat sie „direkt um die Ecke“ vom Theater Duisburg gelebt und so schon immer viel Kontakt zur Kunst gehabt. Sie ist sehr gespannt auf ihr erstes Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2019/20.

Rodolfos tote Scheinwelt

12_La_Boheme_FOTO_Hans_Joerg_Michel

Jürgen Ingenhaag über die Premiere von „La Bohème“

Die Oper „La Bohème“ von Giacomo Puccini zählt zu den am meisten gespielten Opern. Alle Besucher wissen, dass es kein Happy End gibt. Die aktuelle Duisburger Inszenierung steht unter dem Motto „Erinnerung an eine Liebe“ und zeigt den Dichter Rodolfo „gefangen in der zerstörerischen Druckkammer seiner eigenen Psyche“, wie es so schön im Programmheft heißt.

Die Armut, der auf der Bühne dargestellten Künstler in ihrem edlen Zwirn, kaufe ich nicht ab. Überhaupt übertreffen sich alle in ihrer albernen Coolness wie etwa der um sich boxende Musiker Schaunard.
Als der Dichter Rodolfo angeberisch aufopfernd sein Manuskript verbrennt und alles verqualmt, kommt mir die „Erinnerung an eine Sprinkleranlage“. Bei der Weihnachtsmarkt-Szene ist offensichtlich, dass sich Rodolfo in einer toten Scheinwelt befindet. Diese ist mit Chor, Kinderchor und Statisterie sehr aufwändig und steckt voller Details. Großes Lob an Kostüm und Maske.
Musetta erinnert mich nicht nur wegen ihres eleganten französischen Bob-Haarschnitts an „Lulu“, der Femme fatale. Musetta nutzt ihren reichen Liebhaber aus und findet zu Marcello zurück. So selbstbewusst ist die kranke Mimì nicht, auch wenn sie fast genauso aussieht.
In der zweiten Hälfte ist das Bühnenbild noch düsterer und bedrückender. Ganz unten gibt es kein Entkommen mehr aus Rodolfos Gefühlskälte. Vielleicht muss man es so verstehen: Rodolfo ist zu feige, Mimì beim Sterben zu begleiten und trennt sich lieber von ihr. Stattdessen gibt es große Sprüche, und er albert mit seinen Freunden herum. Seine Gedanken spielen verrückt, als Mimì – und somit seine Muse – stirbt…

Klasse Darsteller, sehr gut gespielt und gesungen – und alle aus dem Rheinoper-Ensemble. Puccinis Musik entfaltet ihre Magie, und die Duisburger Philharmoniker spielen wie immer in der ersten Liga.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

Liebevoll, rasant und voller Details

11_La_Boheme_FOTO_Hans_Joerg_Michel

Michael Menge über die Premiere von „La Bohème“

Wer nicht weint, ist selber schuld, eine Inszenierung, die Sie in vier Bildern berühren wird.

Der Beginn der Oper ist unerwartet, schnell und voller Lebenslust ganz nach dem Motto: „Weisheit ist nicht erlaubt außer in besonderen Fällen.“ Stürzen sich die vier Freunde in Ihre Träume, Ideale und Auseinandersetzungen.

Die zweite Premiere der laufenden Spielzeit im Theater Duisburg inszeniert von Philipp Westerbarkei, dem Punker der „Deutschen Oper am Rhein“, begeistert durch eine überragende Leistung der Sänger*innen sowie des Orchesters. Ausgelöst durch die spürbare Harmonie zwischen den Sänger*innen, die die sechs Künstler*innen zu einer grandiosen Darbietung Ihrer Fähigkeiten und Talente geführt hat.

Das reduzierte Bühnenbild der Aufführung irritiert zu Anfang, macht neugierig und begeistert am Schluss. Philipp Westerbarkei versteht es mit den Erwartungen seines Publikums zu brechen und dieses mit Ihrer Unsicherheit und offenen Fragen bis zum Schluss alleine zulassen. Nur wer von Beginn an aufmerksam war, hat die Möglichkeit, die Inszenierung am Schluss mit dem Bühnenbild in Bezug zusetzen.

Liebevoll, rasant und voller Details die die Vielfalt des Lebens ausmachen erzählt Philipp Westerbarkei die Oper „La Bohéme“ in seiner eigenen Auffassung und Sprache.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Michael Menge
Selbstständiger Grafikdesigner

Michael Menge ist Inhaber der Designagentur „Oppa Franz“ aus Duisburg. Im Dialog mit seinen Kunden schaut der Art Direktor und Designer genau hin: „Es geht uns um den ganzheitlichen Charakter eines Unternehmens. Denn interessante Persönlichkeiten sind nicht perfekt – und spannende Marken auch nicht.“ Als Opernneuling gestartet, hat er an dieser Kunstform großen Gefallen gefunden: „Duisburg bietet vielschichtiges, modernes Musiktheater und kann auf dieses Angebot sehr stolz sein.“

Ein Auf und Ab der Gefühle

MadamaButterfly_09_FOTO_HansJoergMichel
FOTO: Hans Jörg Michel

Henning Jüngst-Warmbier über die Premiere von „Madama Butterfly“

Wie sehr hatte ich mich auf den Abend gefreut, war es zwar nicht meine 1. Butterfly, so jedoch die erste, bei der ich öffentlich meine Meinung kundtun durfte. Kurz und gut, die Aufführung konnte mich von der Inszenierung und auch teilweise von den Stimmen her wahrlich nicht überzeugen. Das Orchester begeisterte mich vollends und das rettete mich über und mir den Abend. Der 1. Akt in der amerikanischen Botschaft gefiel mir gut, brachte er doch die ganze Kälte und Macht der amerikanischen Invasoren zum Ausdruck. Der Konsul war eine echte Offenbarung für mich, während Herr Pinkerton einen das Grausen lehrte. Ein großes Glück für das Auditorium, dass er im 2. Akt nicht mehr sonderlich in Erscheinung trat. Cio-Cio San bezauberte mich mit Ihrer wunderbaren Stimme, überzeugte mich aber überhaupt nicht in der Darstellung einer 15 jährigen Geisha… Und das Zitat der Bomben ist schon vor 40 Jahren während des Vietnamkrieges bemüht worden und macht es deshalb auch nicht besser. Trotzdem berührt mich jede Butterfly, da konnte auch die sehr eigenwillige Deutung des Selbstmordes bei mir ein tiefes Durchatmen nicht verhindern…

Opernscouts 2017 - Henning JŸngst-WarmbierHenning Jüngst-Warmbier
Freiberuflicher Dozent an der Zukunftswerkstatt Düsseldorf
Nach seiner langjährigen Tätigkeit als Hoteldirektor in Düsseldorf bringt Henning Jüngst-Warmbier seine berufliche und pädagogische Erfahrung heute ehrenamtlich in der Zukunftswerkstatt Düsseldorf ein: Seit mittlerweile acht Jahren realisiert er dort Projekte für und mit Langzeitarbeitslosen, Migranten und Flüchtlingen. Mit dem Kulturleben der Stadt ist er seit vielen Jahren über Freunde und Bekannte verbunden. Als Opernscout möchte er seine eigene Sichtweise präsentieren, über seine Empfindungen sprechen und erzählen, wie er das Gesehene erlebt hat.

 

Große Momente

MadamaButterfly_16_FOTO_HansJoergMichel
FOTO: Hans Jörg Michel

Georg Hess über die Premiere von „Madama Butterfly“

Im ersten Akt, in welchem die Annäherung und die spätere Hochzeit der Geisha Butterfly und des amerikanischen Marineoffiziers Pinkerton dargestellt wurden, begeisterte mich besonders das gewaltige Bühnenbild mit den später einstürzenden Säulen, die den Beginn der Leidenszeit der Butterfly markierten. Ganz anders die Szenerie im weiteren Verlauf der Oper: Ein Gerüst wie auf einem Abenteuerspielplatz als Aussichtsturm der Hauptdarstellerin und ein darum kreisendes Miniaturschiff, veralberten eher die ernste Situation – da hätte ich mir etwas Markanteres gewünscht. Stimmlich war die Butterfly (Liana Aeksanyan) überwältigend, besonders die berühmte Arie „Un bel di vedremo“ war ein erster famoser Moment, der den Besuch dieser im Jahre 1904 erstmals aufgeführten Oper von Puccini für sich alleine schon lohnt. Zoran Todorovich (Pinkerton), der mir letztes Jahr in Otello mein größtes Opernerlebnis bescherte, wird mir aus dieser Ausführung leider nicht nachhaltig in Erinnerung bleiben. Der Konsul Sharpless (Bogdan Baciu) konnte zumindest an diesem Abend mich und das übrige Publikum eher überzeugen. Nachdem ich mich mit der atonalen Musik in der kürzlich in Düsseldorf aufgeführten Oper ‚Wozzeck‘ gar nicht anfreunden konnte, bot mir diesmal die Musik der Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Antonino Fogliani einen 2 1/2 stündigen Hörgenuss. Besonders eine längere gesanglose Passage zum Ende des zweiten Aktes, in welchem das sehnsüchtige Warten von Butterfly auf die Rückkehr Pinkertons von den Düsseldorfer Symphonikern ausgedrückt wurde, war für mich an diesem Abend ein Highlight dieses Klassikers.

Opernscouts 2017

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Ein musikalischer Hochgenuss

MadamaButterfly_06_FOTO_HansJoergMichel
FOTO: Hans Jörg Michel

Katrin Gehlen über die Premiere von „Madama Butterfly“

Diesmal bin ich wohl mit hoher Erwartung gekommen: Nicht ratsam, fällt es einem doch dann schwer, unvoreingenommen zu bleiben und offen und neugierig sich der neuen Situation anzupassen. Musikalisch war der Abend ein Hochgenuss, hervorragend die Stimmen der Cio-Cio-San und des Konsuls, welcher eindeutig mein Favorit war. Optisch jedoch konnte ich mich mit der Inszenierung nicht anfreunden, fand keinen Zugang, ich blieb unberührt. Da half auch diesmal kein Kind auf der Bühne. Als Zuschauer war ich weit weg auf meinem Opernstuhl. Schloss ich zwischendurch dagegen die Augen, wurde ich mitgerissen in einen gefühlvollen Wirbel aus Schmerz und Hingabe. Das sehr amerikanisch stilisierte Bühnenbild hat wohl sicherlich seinen Zweck erfüllt, nämlich eine kühle Atmosphäre zu schaffen. Mir fehlte allerdings ein sichtbarer Kontrast, der die japanische Tradition wiedergegeben hätte. Etwas, an was ich mich hätte halten können, um einen visuell-emotionalen  Zugang zu finden. Auch fehlte mir persönlich so etwas wie eine Gruppendynamik. Aber vielleicht lässt das Thema des Stücks dies nicht unbedingt zu, da sich jeder nun mal in sein eigenes Schicksal oder in seine eigene Rolle einbringen soll, was die Madama Butterfly unter dieser Betrachtung wirklich hervorragend dargestellt hat.

Opernscouts 2017

Katrin Gehlen
Modedesignerin
Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus.

Die späte Rache der Cio-Cio-San

MadamaButterfly_03_FOTO_HansJoergMichel
FOTO: Hans Jörg Michel

Hilli Hassemer über die Premiere von „Madama Butterfly“

Der Vorhang hebt sich und mir stockt kurz der Atem. Ein architektonischer Irrwitz, der ad absurdum geführte Säulenwald der amerikanischen Botschaft.  Dieses zuviel an Beton stellt die brutale  (aber auch lächerliche) Übermacht der amerikanischen Kolonialmacht dar.  Das Modell eines japanischen Hauses, welches Pinkerton sich erhandelt hat, wie auch die Ehe mit der Geisha, es wirkt wie ein verlorenes Kleinod in dieser erschlagenden Kulisse. Der Zusammenprall der antagonistischen Kulturen Amerikas und Japans wurde in meinen Augen von Alfons Flores in diesem Bühnenbild überzeugend in Szene gesetzt. Unvergessen bleibt mir der erste Auftritt  Liana Aleksanyans als Butterfly mit den wunderbaren Sängerinnen des Opernchores. Inmitten der abweisenden Säulen-Szenerie gleitet  Cio-Cio-San umgeben von ihren  Freundinnen über die Drehbühne in den Vordergrund. In ein fast überirdisches Licht getaucht, Papierschirme haltend, wie eine Ansammlung zauberhafter Schmetterlinge, singen sich die Frauen vor das Publikum. Butterflys schöne Stimme übertönt alle und berührt mich augenblicklich. Man möchte einfach, dass dieser traumhafte Moment nicht zu schnell vergeht und ahnt schon: Das flüchtige, poetische Intermezzo, diese heile märchenhafte Frequenz, sie ist ein Traum und der hellste Moment dieser Aufführung. Die Tragödie nimmt zwingend ihren Verlauf. Pinkerton, mit seinem chauvinistischen Credo „America Forever“, verkörpert sehr zeitgemäß den amerikanischen Antihelden. Das Ende des ersten Aktes ist fulminant und verstörend. Assoziationen zum Atombombenabwurf auf Nagasaki sind unvermeidlich, – für mich an dieser Stelle zu eindeutig. Das Geräusch des Flugzeuges evoziert die Kriegsassoziation und überlädt die Szene mit Bedeutung. Pinkerton verlässt Japan. Dies ist der Abschied von den illusorischen  Erwartungen einer Fünfzehnjährigen: Butterflys Welt bricht zusammen und steht in Trümmern, innen wie außen. Diese düstere Trümmerlandschaft ist das Setting bis ans traurige Ende Butterflys. Emma Sventelius als Suzuki im Blumenduett mit Cio-Cio-San ist hinreißend. Im langen Orchesterspiel am Ende des zweiten Aktes kommt man in den puren Genuss der Qualität der großartigen Düsseldorfer Symphoniker und der wunderbaren Musik Puccinis. Zoran Todorovich in der Rolle des Pinkerton reicht mit seiner Stimme an diesem Abend nicht an Butterfly oder den großartigen Bogdan Baciu in der Rolle des Konsul Sharpless heran,  er wirkt verhalten, vielleicht erkältet und kann nicht betören. Während der Proben überzeugte Liana Aleksanyan, die Butterfly, den Regisseur von einer Änderung seines Regiekonzepts: Sie wollte, dass Pinkerton ihren Selbstmord miterlebt und diesen Alptraum mit in sein zukünftiges Leben nimmt. Die späte Rache der Cio-Cio-San.

Opernscouts 2017Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcorde-Wagnerfan“ befreundet, wurde die Oper unverhofft Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“

Erschreckend und tragisch zugleich – die Liebesgeschichte einer 15-Jährigen

MadamaButterfly_04_FOTO_HansJoergMichel
FOTO: Hans Jörg Michel

Jenny Ritter über die Premiere von „Madama Butterfly“

Die Musik und die Stimmen waren schön. Der Konsul und die Butterfly waren sehr beeindruckend. Gut gefallen hat mir auch Suzuki. Das Bühnenbild war für die ersten Bilder passend, jedoch störte mich im Laufe des Stückes das ewige „Karussellfahren“. Der plötzliche Bombenabwurf war für mich 40 Jahre zu früh – jedoch drückte er den Seelenzustand der Cio-Cio-San aus. Die Geschichte ist bekannt und doch immer wieder erschreckend, wie Männer in einflussreichen Positionen – und die Gewinner des Krieges – sich nehmen, was sie wollen und das für wenig Geld. Butterfly, eine 15-jährige Geisha (ein Kind), träumt von einer anderen Welt und gibt dafür alles auf, auch sich selber, dafür zahlt sie den höchsten Preis: Sie gibt ihr Leben. Die ganze Tragik lag in der Szene des Wartens auf den Geliebten auf dem „Aussichtsturm“ – nur Instrumentalmusik: Tragisch, traurig, hoffnungslos! Wie ihr Leben. Puccini sagt: „Chi ha vissuto per amore, per amore si mori“ (Wer nur durch die Liebe gelebt hat, wird durch die Liebe sterben“).

Opernscouts 2017

Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin
Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und ist gespannt, wie es weitergeht.

Weniger ist mehr

MadamaButterfly_12_FOTO_HansJoergMichel
FOTO: Hans Jörg Michel

Susanne Bunka über die Premiere von „Madama Butterfly“

Ein schwacher Zoran Todorovich als Pinkerton; eine Liana Aleksanyan, die zunächst nicht der Vorstellung einer zarten, 15-jährigen Geisha entsprach, dann stimmlich mehr als überzeugend die Madame Butterfly gab… Dieser Opernabend war ein Wechselbad der Gefühle und des Hörgenusses. Diese Oper bietet eine zu Herzen gehende, traurige Liebesgeschichte und ergreifende Musikpassagen. Doch aufgrund einer zeitweise übertriebenen Regiearbeit, die manchmal nach Schlichtheit schrie, fiel es mir schwer, mich fallen zu lassen und das Leid Cio-Cio-Sans wirklich mitzufühlen. Weniger wäre mehr gewesen!

Opernscouts 2017

Susanne Bunka
Inhaberin des Angercafés in Urdenbach
Vor drei Jahren hat sich die ehemalige Kinderkrankenschwester Susanne Bunka einen Traum erfüllt: Zusammen mit ihrer Tochter betreibt sie das Angercafé in Urdenbach – ein Treffpunkt für alle Generationen, in dem auch Lesungen und kleine Konzerte und Chorproben stattfinden. Sie liebt die großen Opernklassiker, ist gleichermaßen offen für zeitgenössisches Musiktheater und Ballett und freut sich darauf, Ihre Eindrücke im Gespräch zu vertiefen.

Isabell Boyer über „Turandot“

Wie man einer Oper die Krone aufsetzt

Als ich am Donnerstag das Opernhaus betrat und mich mit hohen Erwartungen in den Saal setzte, hätte ich so gut wie alles erwartet, außer Bilder des Regenschirm-Protests von Hongkong. Für einen Moment war ich gefesselt von den Schwarz-Weiß-Aufnahmen, genoss den modernen Touch und das Unwetter, das daraufhin auftrat. Die Regenschirme, die die Sänger der Chöre mit sich trugen, unterstützten diese Atmosphäre ebenso wie die Polizei-Streitkräfte im Hintergrund mit ihren Schlagstöcken. Allerdings änderte sich dieses Bild sehr schnell, als die Antlitze der Masse sich unter den Schirmen offenbarten: Verzerrte Masken, zahlreiche, verschiedenste Kostüme und pechschwarzes, langes Haar.
Mir fiel es schwer, Moderne und Altertum in diesem Stück direkt zusammenzubringen; ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich den modernen Strang als erstrebenswerter gefunden hätte oder ob gerade die Mischung die Inszenierung interessant machte. Auf jeden Fall gefiel mir die optische Ausarbeitung des Stücks, die sowohl mit massiven Kulissen, als auch mit Projektionen auf Leinwänden arbeitete, um die Atmosphäre zu erschaffen, die für die Geschichte angemessen war.
Wie nun schon häufiger fühlte ich in „Turandot“ eher mit den Nebencharakteren, als den Protagonisten. Liù und ihr Meister erwärmten mein Herz schon zu Beginn, besonders durch ihre liebevolle Art zueinander, auch wenn Liùs Loyalität nicht nur Timur, sondern auch (gerade) Kalaf galt, wie sich auch im Finale noch einmal bestätigte. Kalafs Liebe zu Turandot, oder eher sein plötzlicher Sinneswechsel aufgrund ihrer Schönheit, erschien mir ein wenig zu schnell, aber ich konnte verstehen, dass dies der Geschichte nur zuträglich war.
Während die ersten beiden Akte für mich nicht den gewünschten „Wow“-Effekt hatten, riss mich der dritte Akt sofort mit. Nachdem Turandots Rätsel gelöst worden waren, stellte Kalaf seines und eröffnete mit „Nessun Dorma“ das letzte Drittel dieser Oper. Mit meinen Sitznachbarn fieberte ich dem Höhepunkt des Liedes entgegen und merkte, wie zufrieden und glücklich ich mit dem Fortlauf des Stücks war, sobald das Lied sein Ende gefunden hatte. Liùs Tod sorgte anschließend nicht nur bei mir für feuchte Augen. Timur und sie waren herzzerreißend und ich muss Brigitta Kele als Liù und Günes Gürle als Timur hierfür ein großes Kompliment aussprechen. Sie haben das Publikum mit ihrer Vorstellung bezaubert. Musikalisch und gesanglich war es – wie immer – hervorragend. Ich freue mich schon jetzt auf die nächste Oper und bin gespannt, ob das Kommende an den Zauber dieses Finales anknüpfen kann.

Weitere Informationen zu „Turandot“

Isabell Boyer
Studentin
Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

Marion Hörsken über „Turandot“

Turandot – Zwischen Traum und Realität

Das Drama um die kaltherzige chinesische Prinzessin, die ihre Verehrer gnadenlos köpfen lässt, wenn sie das ihnen auferlegte Rätsel nicht lösen, hat mich sehr angesprochen.
Am beeindruckendsten fand ich den koreanischen Tenor Yonghoon Lee als Prinz Kalaf, wunderbar und voller Seele gestaltete Anke Krabbe die Sopran-Partie der Liù. Der Chor der Deutschen Oper am Rhein singt nicht nur atemberaubend schön, auch in Massen-Choreografien hat er eine große Präsenz. Beeindruckend.
Nicht unerwähnt bleiben dürfen die Prunkkostüme und das teilweise scherenschnittartige Bühnenbild – all das hat mich sehr begeistert. Ich würde mir sehr gerne die Kostüme und Hutkreationen von Nahem anschauen, denn da hat der Bühnenbildner zusammen mit den Schneidern großartige Arbeit geleistet. Auch die Farben der prächtigen Kostüme von Turandot selber waren toll!
Immer wieder präsent war eine junge Frau im weißen Kleid, die – so fand ich später heraus – einen Traum hat. Um diesen Wechsel zwischen Traum und Realität zu ermöglichen, setzte der Regisseur Stilmittel ein, die Bezüge zur Gegenwart herstellen: Regenschirme erinnern an die „Umbrella Revolution“ 2014 in Hongkong. Das regte in der Tat zum Nachdenken an, über das, was derzeit in der Welt passiert – nicht nur in China.
Spannend fand ich auch, dass die Inszenierung in Taiwan aufgeführt werden wird, wenn das neue Kulturzentrum der Hafenmetropole Kaohsiung im Süden des Landes eröffnet wird. Ein gigantisches Gebilde aus Oper, Theater, Konzerthaus und Kongresshalle für 6000 Menschen!

Weitere Informationen über „Turandot“

Marion Hörsken
IHK Düsseldorf
Als Geschäftsführerin der Abteilung Industrie, Innovation und Umwelt bei der IHK Düsseldorf will Marion Hörsken dazu beitragen, dass Düsseldorf und die Region ein attraktiver Wirtschafts- und Industriestandort bleibt. Mit der „Langen Nacht der Industrie“ brachte sie – damals als Geschäftsführerin der Gesellschafts­initiative Zukunft durch Industrie e. V. – ein Leuchtturmprojekt in Sachen Industrieakzeptanz auf den Weg. Jetzt wird die Industrie- auch zur Kultur-Botschafterin und startet mit großem Ballett-Interesse und Neugier auf die Oper in unser Projekt.

Uwe Schwäch über „Turandot“

Phänomenale Besetzung

Puccini’s letzte Oper „Turandot“ ist ein musikalischer Hochgenuss, wenngleich die erzählte Geschichte für viele Operngänger wenig zugänglich ist. In der Inszenierung von Huan-Hsiung Li wird auf einen authentischen Charakter Wert gelegt. Neben Li’s Regiekonzept stammen auch Bühnenbild, die Kostüme und das Videodesign von taiwanesischen Künstlern. Das spürt man und das macht „Turandot“ an der Deutschen Oper am Rhein mit hohem Erlebnischarakter sehenswert.
Der Kaiserpalast als Scherenschnitt vor fernöstlichen Videoprojektionen – so eröffnet sich das reduzierte Bühnenbild ganz ohne Requisite dem Zuschauer und schafft Raum für Chor und Sänger. Sowohl die Wahl des aus China stammenden Scherenschnitts, die Han-Chinesische Kleidung als auch kunstvolle elektronische Effekte, die an chinesische Kalligrafien erinnern, versetzen uns in eine andere, fremde Epoche. Moderne Stilmittel beleben die Szenerie, die aufgrund einer ungemeinen Chorstärke oftmals etwas statisch wirkt.
Das gesamt Ensemble glänzt in einer phänomenalen Besetzung, angeführt von dem südkoreanischen Tenor Yonghoon Lee als Kalaf und Linda Watson als Turandot.
Lee brilliert kraftvoll in herausfordernder Pose und betört zu Anfang des dritten Aktes mit „Nessun Dorma“, der bekanntesten Tenorarie überhaupt, mit einem wunderbaren musikalischen Höhepunkt. Watson, ihrer Rolle entsprechend zunächst kühl und mit eiserner Miene, öffnet sich emotional und lässt die Zuschauerherzen besonders im außergewöhnlichen Schlussduett höher schlagen. Auch Anke Krabbe gelingt es von Beginn an, als Liù die fernöstliche Lyrik sanft und feinfühlig zu intonieren. Die Minister Ping, Pang und Pong vermitteln viel Lebendigkeit, dabei sind sie unterhaltsam und komisch mit vortrefflichen Stimmen.
Der extra große Chor füllt die Bühne nahezu vollständig und gemeinsam mit dem Orchester wird eine fulminante musikalische Stahlkraft dargeboten, bei der die Holz- und Blechbläser an ihre Grenzen gehen.
Ein gelungenes, sehens- und hörenswertes Opernwerk. Diese „Turandot“ bietet viel mehr als „Nessun Dorma“.

Weitere Informationen zu „Turandot“

Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

Khatuna Ehlen über „Turandot“

Starke Stimmen

Ein aufregender und sehr emotionaler Abend. Eine sehr dramatische und mitreißende Geschichte über die bedienungslose Liebe und kompromisslosen „Kampf“, bis diese Liebe bei dem Anderen die gewünschte Anerkennung findet. Und das Ganze kombiniert mit sehr schönen, interessanten Bühneneffekten, grellen Farben und vor allem einer wahnsinnig starken Stimme von Yonghoon Lee (Kalaf). Zunächst dachte ich er singe mit einem Mikrofon… als ich dann aber erfuhr, dass das seine Originalstimme war, war ich vollkommen überwältigt. Wahnsinn! Ganz süß fand ich auch den Kinderchor. Sehr tapfer vor so einem große Publikum aufzutreten und gleich die Herzen der Zuschauer zu gewinnen. “

Weitere Informationen zu „Turandot“

Khatuna Ehlen
Sozialarbeiterin
Sicher war es ein großer Schritt, mit 20 Jahren die Heimat Georgien zu verlassen, um in Deutschland zu studieren und heute als Sozialarbeiterin in der Familienhilfe der Landeshauptstadt Düsseldorf zu arbeiten. Ein kleiner dagegen, die Einladung zum Projekt „erlebte Oper…erlebter Tanz…“ anzunehmen und Opernscout zu werden. Nach ihrer ersten Spielzeit als Opernscout ist sie glücklich, weiter als Scout aktiv sein zu dürfen. Bisher sind die Aufführungen des Balletts am Rhein ihr klarer Favorit im Spielplan, so dass sie sich auch in der neuen Spielzeit auf mitreißende Choreographien freut.

Gisela Miller-Kipp über „Turandot“

Rätselvolle Inszenierung, großartig anzuhören und sehr schön anzusehen

Turandot, das ist das altorientalische Märchen von jener Prinzessin, die sich, um eine geschändete Ahnin zu rächen, keinem Manne hingeben wollte, es sei denn, er löse drei ihrer schier unlösbaren Rätsel; wenn nicht, verlor der Freier seinen Kopf. So hatte denn der Henker in ihrem Reich – hier in China – alle Hände voll zu tun, bis Prinz Kalaf kam und mit todesmutiger Liebe die Rätsel zu hören begehrte – und nun nimmt das (Opern)Drama seinen Lauf. Es ist natürlich mehrdeutig; in der Deutschen Oper am Rhein wird es jetzt als politisch verrätselte Traumerzählung inszeniert (Huan-Hsiung Li, Taiwan). Diese Doppelbödigkeit überzeugt mich, weil man dergestalt das Spiel von Liebes-Macht und Hingabe, von Herrschaft und Unterwerfung, nicht nur als persönliches, sondern auch als gesellschaftliches Geschehen lesen und hoch aktuelle Momente darin erkennen kann. Überdies hat mich die Inszenierung ästhetisch fasziniert mit ihrem Wechselspiel von altchinesischer Kulisse und modernen Videoprojektionen, all dies in glühendem Farbspiel – fand ich richtig gehend „märchenhaft“.
Ouvertüre: Man sieht im Bühnenhintergrund das gewaltige Halbrund einer chinesischen Palastmauer: die begehbare Silhouette der alten Kaiserstadt Peking, darauf projiziert ein alter Filmstreifen von einer demonstrierenden Menschenmenge sowie düsteres Wolkengebräu und strömender Gewitterregen, dann eine Einblendung: „Disperse or we fire“ (!). Heraufbeschworen werden damit die revolutionären Aufbrüche in China, hier der „Boxeraufstand“ 1900/01 (Filmmaterial), vielleicht auch die niedergewalzte Studentendemonstration auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking 1989, gewiss aber die „Regenschirm-Revolution“ in Hongkong 2014; denn alsbald tritt der Chor bewaffnet mit schwarzen Stockschirmen auf. Durch das Bild schwebt im weißen Nachthemd eine junge chinesische Frau, sie landet und schlafwandelt auf der Bühne, was wohl bedeutet: hier wird ein Traum erzählt. Die Figur ist eine Erfindung des Regisseurs; sie taucht im Verlauf der Oper immer wieder einmal tanzend oder stolpernd auf der Bühne auf, dient mithin als Bindeglied zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen politischem und persönlichem Drama. Das wird nun großartig gesungen.
In den beiden Titelpartien legten Linda Watson als Prinzessin Turandot in blutrotem kaiserlichen Prunkgewand und Yonghoon Lee als Prinz Kalaf in Tartaren-Kluft gesangliche Glanzleistungen und stimmliche Kraftakte hin. Gesungen wurde anhaltend forte und, Yonghoon Lee nicht ohne Presser, gelegentlich fortissimo. Dazu spielten denn auch die Düsys unter Wen-Pin Chien (Taiwan) Puccini „volle Pulle“, souverän mit Pauken und Trompeten und großer Trommel. Das war ein Ohrenschmaus, schont aber die Sänger wenig; die meisterten das mit Stimmpracht bis zum finalen Liebes-Duett. Da fällt dann Goldregen auf das Tor des „himmlischen Palastes“ – Ende gut, alles gut und sehr schön. – Die Bravourarie übrigens des Kalaf: „nessun dorma“ („keiner schlafe“), schmetterte Yonghoon Lee mit metallischer Stimme geradezu heraus, meine Sitznachbarn riss es aus den Sesseln, mich nicht so arg. Ich hatte dazu Luciano Pavarotti im Ohr, dessen „nessun dorma“– eine seiner Glanzpartien – im Spitzenton dahin schmilzt. Solche Töne brachte Anke Krabbe. Sie sang die liebende Dienerin des Prinzessen bezaubernd: innig-süß und auch in höchster Stimmlage noch voll und weich – Balsam in meinen Ohren, ich applaudierte begeistert mit. – Vergleichbar klar und lieblich sang auch der Kinderchor, überhaupt sind die Auftritte des Chors – ein Riesenensemble – sehr beeindruckend. Ebenfalls prima sang und klang das Trio der drei Weisen Ping, Pang und Pong (Dmitri Vargin, Johannes Preißinger, Luis Fernando Piedra); leider, fand ich, mussten sie leicht albern herumhantieren. – Beschäftigt haben mich noch die großen Pergamente, die aus dem Bühnenhimmel herunter rollten. Auf sie wurde allerlei projiziert: Gegenstände, z.B. Stühle (was soll‘s?), Symbole, verhuschte chinesische Schriftzeichen in dicker Tusche, satt platzende Blasen (Tinte? Blut?) – blieb mir rätselhaft. Darüber zu spekulieren macht aber Spaß, die inszenatorischen Rätsel müssen ja nicht vollends aufgehen. Und so empfehle ich, sich selbst daran zu versuchen und diese fabelhafte Turandot zu besuchen.

Weitere Informationen zu „Turandot“

Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

Susanne Freyling-Hein über „Turandot“

Eine opulente Inszenierung

Die Vorfreude auf die märchenhafte Oper mit einer grausamen, in sich gefangenen Prinzessin war groß, ebenso meine Begeisterung über die Inszenierung am Ende der Vorstellung.
Alles an diesem Abend war opulent, die Kostüme und das Bühnenbild aufwändig, die integrierten Video-Installationen haben mir ästhetisch gut gefallen.
Die Musik enorm kraftvoll und insbesondere Yonghoon Lee als Kalaf so stimmgewaltig, dass es nach dem bekanntesten Thema der Oper lauten Beifall gab – ein Gänsehautmoment.
Viele Details im Bühnenbild, z.B. projizierte Stühle oder Regenschirme bleiben für mich rätselhaft. Ebenso die Bezüge zum heutigen China, mit der Zeit in der die Oper spielt verbunden durch das taumelnde, träumende Mädchen, die sich mir nicht erschlossen haben.
Meinen ersten Gedanken zu dem Mädchen, dass es sich um die junge Turandot ohne ihren Schutzpanzer aus Grausamkeit handelt, habe ich schnell wieder verworfen.
Turandot selber, auf die man ja relativ lange gespannt wartet, hat mich darstellerisch nicht komplett überzeugt. Zum einen erschien sie mir so kühl und abweisend, dass ich die Begeisterung von Kalaf nicht nachvollziehen konnte. Das Durchbrechen dieser Kühle und ihr Aufbruch waren für mich ebenfalls nicht erlebbar.

Weitere Informationen zu „Turandot“

Susanne Freyling-Hein
Senior Retail Development Manager bei L’oréal
Obwohl Susanne Freyling-Hein seit ihrer Kindheit Klavier spielt und sich sehr für Ausstellungen und Industriekultur interessiert, waren Oper und Ballett bis zu Beginn der letzten Spielzeit Neuland für sie. Begeistert hat sie vor allem Martin Schläpfers Ballett am Rhein. Sie schätzt den gemeinsamen Austausch, weil er den eigenen Eindrücken andere Sichtweisen gegenüber stellt. Und wenn Freunde oder Kollegen ihren Empfehlungen folgen, macht sie das durchaus ein bisschen stolz.

Georg Hess über „Turandot“

Turandot_02_FOTO_HansJoergMichel.jpg

Hoffnung – Blut – Turandot = Kalaf

Am Samstagabend stand Puccini’s Oper „Turandot“ in einer Inszenierung von Huan-Hsiung Li auf dem Spielplan der Deutschen Oper am Rhein.
Die hartherzige Prinzessin Turandot, eine Märchengestalt aus 1001 Tag, einer persischen Märchensammlung aus dem 17. Jahrhundert, gibt den Bewerbern um ihre Hand drei Rätsel auf und lässt diese töten, falls sie die richtigen Antworten nicht kennen. Schließlich verliebt sich Turandot aber doch noch in einen der Verehrer, den Prinzen Kalaf, der auch alle Rätsel zu lösen weiß und ihr schließlich ebenfalls eine Prüfung aufgibt.
Begeistert bin ich vom Bühnenbild, welches aus einer Silhouette (ähnlich einem Scherenschnitt) einer im alten asiatischen Stil errichteten Stadt mit vordergründiger Stadtmauer mit mittigem Tor besteht, vor der sich wiederum ein breiter geschwungener Mittelgang befindet. Prima wie es gelungen ist, auf der begrenzten Fläche Tiefe und Weite darzustellen. Die intensiv farbigen, aber nie bunten Ausleuchtungen geben den Szenen zudem die erforderliche Atmosphäre. Eine Augenweide sind die prächtigen, historischen Kostüme und Masken der zahlreichen Darsteller.
Der das Volk darstellende Opernchor ist häufig auf der Bühne vertreten und verleiht den Szenen nicht nur musikalisch sondern auch durch sein optisches Volumen Intensität.
Die Düsseldorfer Symphoniker, unter der Leitung von Wen-Pin Chien, schaffen den wohltuenden Balanceakt, nie mit ihrer Musik die Spielhandlung oder die Sänger in den Hintergrund zu verdrängen, aber dennoch stets präsent zu sein.
Spielerisch und musikalisch liegen die Hauptrollen bei der Prinzessin Turandot (Linda Watson), dem Prinzen Kalaf (Yonghoon Lee) und der in Kalaf verliebten Sklavin Liù (Anke Krabbe). Das Spiel des smarten jungen Prinzen und auch der hübschen Sklavin, welche für Kalaf den Tod wählt statt ihn zu verraten, ist sehr überzeugend. Überwältigend und für mich der den gesamten Abend überstrahlende Höhepunkt ist die gesangliche Darbietung des koreanischen Tenors Yonghoon Lee – besonders brilliant ist seine Wiedergabe der berühmten Arie „Nessun dorma“.
Zu Beginn der jeweiligen Akte versucht der Regisseur durch Filmeinspielungen aktuelle politische Bezüge zu setzen. Diese Verknüpfung hat mich nicht überzeugen können. Die Phantasie um zwischen der jahrhundertealten Märchenhandlung und den „Regenschirm-Protesten“ von 2014 in Hongkong einen Bogen zu schlagen, findet sich bei mir nicht. Auch die verschiedenen schmalen Projektionsflächen, die sich während des Stücks immer wieder vom Schürboden auf die Bühne herabsenken, auf denen dann fließende Tintebilder ohne erkennbaren Handlungsbezug dargestellt werden, wirken auf mich eher überflüssig und störend.
Dennoch – dieser Opernabend hat mich sehr gut unterhalten und meinen kulturellen Horizont ein gutes Stück erweitert. Der Stärke und der Dauer des Beifalls nach zu urteilen, war es auch nach Ansicht des übrigen Publikums ein gelungener Premierenabend.

Weitere Informationen zu „Turandot“

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Rouven Kasten über „Madama Butterfly“

madamabutterfly_06_foto_hansjoergmichel

Mitwarten, mitleiden

Madame Butterfly ist eine Geschichte die sehr bekannt ist. Die Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly, wird dem in Nagasaki stationierten amerikanischen Leutnant Pinkerton als Braut offeriert. Dieser ist mit der japanischen Kultur nicht vertraut, die Hochzeit mit Cio-Cio-San ist Mittel zum Zweck, um mit ihr eine gemeinsame Nacht zu verbringen. Konsul Sharpless ahnt dies und warnt Pinkerton, dass die junge Frau sein Eheversprechen ernst nehmen könnte. Dennoch geht Pinkerton den Bund ein, kehrt jedoch nach nur einer gemeinsamen Nacht nach Amerika zu seiner Verlobten Kate zurück. Als er drei Jahre später mit seiner Frau nach Nagasaki kommt, erwartet ihn Butterfly mit einem Kind. Pinkerton weist sie zurück, möchte aber das Kind in die westliche Welt mitnehmen. Cio-Cio-San begreift, dass sie benutzt und entehrt wurde, und begeht Selbstmord.
Es ist völlig klar, dieses Ende wird tragisch werden, aber dennoch denkt man bis zum Schluss, dass es vielleicht doch noch klappt. Siegt vielleicht doch die Liebe? Ach nein, der Künstler hat es so gewollt. Und wir leiden mit! Mit Tränen in den Augenwinkeln leiden wir, wenn die toll besetze Liana Aleksanyan wartet. Die Passagen, in denen Giacomo Puccini sie warten lässt, lässt er auch das Publikum mitwarten und mitleiden. Ein Schuft möchte man sagen.
Der erste Akt ist ein Leid für den Hörer, hier hat Puccini sich ein wenig abgearbeitet, denn so fühlt er sich an. Keine Leichtigkeit, eher gewollt, aber das kann auch nur mein persönlicher Eindruck sein. Für mich ist und bleibt der erste Akt physisch anstrengend, er verlangt mir wirklich Kraft ab. Ein Glück, dass es in den 3 Stunden dann doch eine Pause gibt. Doch kurz nach der Pause wird das Publikum belohnt. Es folgt relativ zeitnah die Arie „Un bel dì vedremo“, das sicher herausragendste Stück der ganzen Oper. Butterfly wartet schon seit drei Jahren auf die Rückkehr ihres Ehemannes. Sie ist verarmt und gesellschaftlich verachtet. Sie gilt als geschieden, weil ihr Mann sie verstoßen hat, doch sie hält an ihrem Glauben fest, dass er zurückkommen wird. In der Arie malt sie sich aus, wie er zurückkommt und wie sie dann triumphieren wird. Untermalt wird das Ganze von Bühnentechnik die mit kleinen Stilmitteln, große Gesten darstellt. Schön!
Überhaupt ist die Bühne von Alfons Flores mit nur einem Umbau aber feinen Details ein echter Blickfang. Lediglich der leichte Bezug in die aktuelle politische Situation und der dazugehörige Kitsch war mir ein wenig zu viel gut, dass aus dem „America forever“ nicht noch ein „America first“ wurde. Das Theater stellt aber zurecht die Protagonisten in den Vordergrund und so überzeugen vor allem Liana Aleksanyan, Maria Kataeva und Eduardo Aladrén. Diese haben keine Mühe sich bis in die obersten Ränge zu singen. Das Orchester unter der Leitung des erst 29 Jahre alten Aziz Shokhakimov, der am Pult alles rausholt, ist eine Empfehlung an die Ohren. Egal ob mit viel Kraft, fast schon verstörend, oder ganz seicht, mit den Tönen kann er wirklich umgehen und er versteht es, das Orchester dort zu empfangen, wo er es hinführen möchte. Schon deswegen hat sich der Abend gelohnt.
FAZIT: Auch wenn Madame Butterfly und ich uns nicht sehr oft über den Weg laufen werden, den Abend in der Oper am Rhein habe ich letztendlich sehr genossen. Solche Stimmen und Klänge muss man einmal live erlebt haben und diese Oper gehört einfach zu denen, die man im Leben einmal live gesehen haben sollte. Daher mein Tipp: Hingehen!

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

Opernscouts Rouven Kasten

Rouven Kasten
Social Media Experte
Rouven Kasten ist in Duisburg aufgewachsen, mit Raider und Pink Floyd. Er bloggt, twittert, facebookt, schießt Fotos und jagt alles in die Wolke. Die Möglichkeit zur grenzenlosen Interaktion gefällt ihm. Nach einigen Agenturstationen und einer intensiven Zeit der Selbstständigkeit ergänzt er nun das Team der GLS Bank im Bereich digitale Kommunikation. Die Begeisterung für das Musikhören und -machen brachte ihn zur Oper und zum Ballett. Die Erfahrungsberichte als Opernscout schreibt er auch in seinen privaten Blog: http://www.gestalterhuette.de oder auf twitter und facebook, direkt aus dem Theater mit dem Hashtag #opernscout.

Ralf Kreiten über „Madama Butterfly“

madamabutterfly_09_foto_hansjoergmichel

Tragödie unter dem Sternenbanner

Die Wirklichkeit ist hässlich. Oder traurig. Oder beides. Daran lässt Puccinis Musik keinen Zweifel, wenn er vor allem in seiner „Butterfly“ den Bogen mitreißend spannt zwischen romantischer Liebelei und extremer Traurigkeit.
In der Inszenierung von Joan Anton Rechi verweigert sich der Regisseur einer niedlichen Nippon-Atmosphäre der Geisha wider Willen, in die der vagabundierende Yankee-Offizier Pinkerton, der nichts weniger ist, als ein Gentleman, auf der Durchreise einbricht. Stattdessen finden Ehe-Coup und Hochzeitsnacht in der amerikanischen Botschaft unter dem alles dominierenden Sternenbanner statt.“ America forever“ statt-Japan Kitsch mit Reißpapier-Wänden.
Für Pinkerton ist es  ein amüsanter Zeitvertreib, für Butterfly ist es aber bedingungslose Liebe, selbst bis zur Aufgabe der alten Religion und Kultur und damit auch des Rückhalts durch ihre eigenen Leute. Das ist ihr Fehler.
Im ersten Akt läuft dann auch alles darauf hinaus, wie Butterfly´s Welt zusammenbricht; bildlich ideal umgesetzt durch das Zusammenbrechen der Säulen in der Botschaft unter ohrenbetäubenden Kriegslärm (Bühne: Alfons Flores). In den Trümmern wartet Cio-Cio- San zusammen mit dem unehelichen Kind; auch hier unter dem weitgehend intakten Sternenbanner, diesmal als Zeltplane für den eigenen Unterschlupf.
Spätestens jetzt schlägt eindrucksvoll die Stunde von Liana Aleksanyan als packende Sänger-Darstellerin. Sie verfügt nicht nur über den Schmelz und großen Atem, den Puccinis wunderbare Musik verlangt, sie hat auch die Durchschlagskraft und enorme Modulationsfähigkeit, mit der ihr, in Verbindung mit berührendem Spiel, ein beeindruckendes und packendes Bild der Protagonistin gelingt. Aber auch die weiteren Sängerinnen und Sänger überzeugen. Der Chor verursacht Gänsehaut, auch weil die Duisburger Philharmoniker unter Leitung des begabten jungen Musikalischen Leiters Aziz Shokhakimov Puccinis Komposition so fein und brillant spielen. Vielleicht manchmal etwas laut; aber wen stört das bei dieser packenden Tragödie.
Rechi lenkt den Blick immer wieder auf das Warten und die Selbsttäuschung der Butterfly. Ernüchternd das wunderschön gesungene „Blumenduett“ zwischen Butterfly und ihrer Gefährtin Suzuki (überzeugend: Maria Kataeva); das Schmücken mit Blumen macht die Trümmerlandschaft nicht schöner, lenkt vielleicht von den seelischen Schmerzen der Butterfly etwas ab. Bedrückend die minutenlange Szene in der die Verzweifelte auf den „Ehemann“ wartet.
Wenn der feige Pinkerton am Ende dieses Alptraums doch noch auftaucht, mit seiner „echten Amerikanerin“ und Ehefrau erkennt Butterfly die Täuschung und kehrt in ihre alte Welt zurück – durch Selbsttötung mit dem Dolch, den schon ihr Vater so gebrauchte.
Einhelliger Jubel für eine packende Inszenierung, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

Opernscouts Ralf KreitenRalf Kreiten
Abteilungsleiter Sparkasse Krefeld
Schon vor 30 Jahren hat Ralf Kreiten über ein Theaterabo seine Liebe für die klassische Musik, besonders für die Oper, entdeckt. Seit 4 Jahren Duisburger, genießt er jetzt das kulturelle Angebot der Stadt, insbesondere die Aufführungen der Deutschen Oper am Rhein. Über seine Tätigkeit als Opernscout bekommt er jetzt auch einen Zugang zum Ballett, oft ist er sogar sehr begeistert. Diese Erfahrung gibt er gerne an andere Duisburger weiter, um vielleicht auch deren Interesse zu wecken Neues zu entdecken.

Heike Stehr über „Madama Butterfly“

madamabutterfly_11_foto_hansjoergmichel

Hoffen und warten

„Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu …“ und in diesem Falle passiert sie der ehrsamen Geisha Cio-Cio-San in Puccinis Oper „Madama Butterfly“. Sie liebt den amerikanischen Marineoffizier Pinkerton, nimmt sogar seinen Glauben an. Er sieht in ihr kaum mehr als eine unterhaltsame und exotische Affäre, ein Spielzeug, über das er nach Belieben verfügen kann. Und schon nimmt das Drama seinen Lauf.
Obwohl die Uraufführung 1904 in der Mailänder Scala zu einer großen Katastrophe wurde, war Puccini selbst von seinem Werk überzeugt „Meine Butterfly bleibt, was sie ist. Die empfindungsreichste Oper, die ich je geschrieben habe! Ich werde noch gewinnen…“ Die Besucher der Premiere der Inszenierung des Stückes an der Deutschen Oper am Rhein unter Joan Anton Rechi können dem aus vollem Herzen zustimmen. Diese Tragödie überzeugt durch lebensnahe Gefühle und ein gutes Gespür für die menschliche Natur, das besonders in Pucchinis berühmten Arien „Vogliatemi bene“, „Un bene piccolino“ und „Un bel dì, vedremo“ aufscheint. Liana Aleksanyan in der Titelrolle verkörpert eindrucksvoll das so schmerzhafte Leiden der in ihrer Liebe einsamen Cio-Cio-San. Mit ihrem Gesang und ihrem Spiel trägt sie das ganze Stück und hält es zusammen. Fast ebenso überzeugend stehen ihr Maria Kataeva als Suzuki und Eduardo Aladrén als Pinkerton zur Seite. Die Duisburger Philharmoniker unter Aziz Shokhakimov spielen glänzend auf und machen den Abend musikalisch zu einem einzigen Genuss. Das Orchesterzwischenspiel nach dem zweiten Akt empfand ich als ein ganz besonderes Highlight der insgesamt drei Stunden dauernden Aufführung.
Diesen jungen erst 28jährigen Aziz Shokhakhimov wünschte ich mir direkt öfter im Orchestergraben zu sehen. Der Film „Dirigenten – jede Bewegung zählt“ (D, 2016) sei jedem ans Herz gelegt, der etwas mehr über ihn, andere junge Dirigentenkollegen und das Geheimnis des Dirigats erfahren möchte.
Doch zurück zu „Madama Butterfly“. Auch im Bühnenbild spiegeln sich Cio-Cio-Sans große Hoffnung zu Beginn und ihr inneres Drama sowie ihr traumatisches Warten bis zum bitteren Ende ganz deutlich wider. Während unter den großen und hohen Säulen der amerikanischen Botschaft ein Ehebund geschlossen wird, den nur eine der beteiligten Personen wirklich ernst nimmt, verbringen wir die folgenden Akte in einer deprimierenden Trümmerlandschaft und hoffen trotzdem und wider besseres Wissens mit der kleinen Frau Schmetterling bis zum letzten Moment, hoffen, dass die amerikanischen Rotkehlchen vielleicht doch nur alle drei Jahre brüten…
Wie ich als Zuschauer so unvermeidlich und zwingend in dieses Hoffen und Warten eingeschlossen wurde, bleibt für mich das große Geheimnis dieses Abends. Gehen Sie hin & schauen Sie, ob Sie diesen Zauber auch erleben werden!

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

Martin Breil zu „Madama Butterfly“

madamabutterfly_foto_hansjoergmichel_altDie wohl traurigste Oper

„Nimm genug Taschentücher mit“ sagt man gern etwas scherzhaft, wenn man jemandem den Besuch einer besonders tragischen oder tränenreichen Oper empfiehlt, um den hohen Grad der Rührung zu beschreiben, den das Stück auslösen könnte. Bei „Madama Butterfly“ ist das anders. Hier mag der Zuschauer das mitgebrachte Päckchen Taschentücher nach dem letzten Vorhang eher vor Wut zerdrückt in den Mülleimer pfeffern, nicht weil die Inszenierung oder die Sänger schlecht gewesen wären, sondern weil sich in der Rückschau seit der Uraufführung von Giacomo Puccinis Oper 1904 offenbar immer noch nicht viel in unserer Gesellschaft zum Besseren verändert hat. Es geht in der Oper um Sextourismus, Kindesmissbrauch, Ehebruch, Ausbeutung, Kolonialismus und die vielen anderen Schmutzigkeiten, die sich unsere Gesellschaft unter dem Deckmäntelchen westlicher Werte noch heute in den Schwellenländern leistet. Cio-Cio-San, das 15-jährige japanische Mädchen steht dabei stellvertretend für alle Kinder, die auf Kosten unseres billigen Wohlstandes, seelisch gequält und ausgebeutet, ihrem Schicksal überlassen werden. Minutenlang schaut Cio-Cio-San hilflos den Zuschauer an und wartet auf eine Reaktion. Schweigend schaut sie in die Ränge und klagt an, was der Marineoffizier Pinkerton ihr angetan hat. Dazu ertönt die wunderbare Musik Giacomo Puccinis, die die Klarheit und Unschuld ihrer kindlichen Seele so wunderbar zum Ausdruck bringt, sodass der Betrachter nur noch hilflos, ohne Antwort und beschämt zu Boden schauen kann. Liana Aleksanyan singt die Rolle der Cio-Cio-San perfekt. Dirigent Aziz Shokhakimov bringt das Potenzial der Duisburger Philharmoniker zu seltener Strahlkraft. Musikalisch, wie auch schauspielerisch ist die Oper ein Hochgenuss. Den Atombombenabwurf von Nagasaki in Zusammenhang mit der Zerstörung von Cio-Cio-San‘s Seelenleben im Bühnenbild zum Ausdruck zu bringen ist Geschmackssache. Dass die Inszenierung mit dem rüpelhaften Yankee Pinkerton zeitnah mit dem Ausgang der Wahlen in den USA zur Aufführung kommt ist sicher ein reizvoller Zufall. Erinnerungen an „Aida“ werden nach der Vorstellung wieder wach. Nach dem „Graf von Luxemburg“ ein beeindruckendes Beispiel für das große Spektrum der Höhen und Tiefen des Lebens, die das Theater vor den Augen des Betrachters abrollt. Bravo!

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Kathrin Pilger über „Madama Butterfly“

madamabutterfly_05_foto_hansjoergmichelDiese Geschichte geht zu Herzen

Eine wahrhaftige „Tragedia“ war am vergangenen Samstag bei der Premiere von Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“ im Theater Duisburg zu erleben:
Der in der japanischen Stadt Nagasaki stationierte amerikanische Marineoffizier Pinkerton geht eine Ehe mit der Geisha Cio-Cio-San („Butterfly“) ein. Die Ehe kann von dem Amerikaner jederzeit annulliert werden. Die Braut hingegen nimmt die Ehe ernst; sie liebt Pinkerton aufrichtig. Dieser reist nach der Zeremonie und der darauf folgenden Hochzeitsnacht in seine Heimat und lässt Butterfly in der ständigen Hoffnung auf seine Rückkehr allein mit ihrer Vertrauten Suzuki zurück. Als Pinkerton nach drei Jahren per Schiff nach Japan zurückkehrt, ist er in Begleitung seiner amerikanischen Ehefrau, die er zwischenzeitlich geheiratet hat. Er kommt nur, um das gemeinsame Kind mit Butterfly zu sich nach Amerika zu holen. Als diese den Zusammenhang realisiert, nimmt sie sich mit einem Dolch das Leben.
Die Geschichte geht zu Herzen. Allzu deutlich wird der kulturelle Gegensatz zwischen den Ländern und den Kontinenten. Dieser Eindruck wird durch das Bühnenbild besonders unterstrichen: Der erste Akt findet im amerikanischen Konsulat statt, somit sowohl die geschäftsmäßige Anbahnung der Ehe zwischen der Geisha und dem Offizier, als auch die Hochzeit, inklusive der Liebesnacht. Der zweite und dritte Akt spielen in einer Trümmerlandschaft. Nach dem Bombenangriff auf Nagasaki (eine moderne Interpretation des Stückes) lebt Butterfly mit Suzuki und ihrem Sohn inmitten der zerstörten Stadt; eine trostlose, beschädigte  Nationalflagge erinnert noch an die Präsenz der Amerikaner. Die deprimierende Atmosphäre auf der Bühne  passt zum Gemütszustand der Protagonistin, was den Zuschauer nicht unberührt lassen kann.
Die künstlerischen Leistungen des Premierenabends waren beeindruckend, allen voran die armenische Sopranistin Liana Aleksanyan , die aufgrund einer Erkrankung der eigentlich vorgesehenen Sängerin kurzfristig eingesprungen war, in der Titelrolle. Sehr klar und wunderbar mit den Stimmen der Sänger harmonierend musizierten die Duisburger Philharmoniker. Alles in allem war der Abend sehr gelungen, die Inszenierung des Stückes an der deutschen Oper am Rhein ist absolut empfehlenswert.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Kathrin Pilger
Landesarchiv NRW Duisburg
Kathrin Pilger ist Dezernatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecherin beim Landesarchiv NRW in Duisburg. Sie hat großes Interesse an Kunst und Kultur, Oper und Ballett früher aber nur selten besucht. Seit sie beides als Opernscout begleitet, ist sie begeistert von beiden Genres. Einen Abend im Ballett oder in der Oper empfindet sie als erlebnisreich und spannend und oft ist sie auch emotional von der Musik und der Ästhetik des Tanzes berührt. Dieses Gefühl von Glück möchte sie an andere Menschen weitergeben.

Birgit Idelberger über „Madama Butterfly“

madamabutterfly_03_foto_hansjoergmichelSchwere Kost

„Madama Butterfly“ bedeutet Tragik, das weiß jeder. Die Geschichte ist kurz erzählt.
Die kindliche Protagonistin Madame Butterfly heiratet den amerikanischen Offizier Pinkerton, der sie jedoch nur für eine Nacht besitzen möchte. Danach reist er ab und lässt eine in blinder Liebe zu ihm entbrannte Frau zurück. Sie wird in dieser Nacht schwanger und zieht in den folgenden drei Jahren ihren Sohn groß, in der Hoffnung auf die Rückkehr des Vaters. Dieser kehrt schließlich mit seiner amerikanischen Ehefrau nach Japan zurück, will Butterfly jedoch nicht sehen. Als er erfährt, dass er Vater ihres Sohnes ist, entschließt er sich, das Kind mit nach Amerika zu nehmen. Erst in dieser Situation erkennt Butterfly die Wahrheit und bringt sich vor seinen Augen um.
Schwer verständlich die Handlung an sich, muss man doch in die Geschichte zurückkehren, um zu wissen, dass derlei Geschehnisse im 19. Jahrhundert gar nicht so selten waren. Eine solche historisch belegte Beziehung diente als Vorlage zu einer Novelle von John Luther Lang. Diese als Broadway-Stück aufgeführte Novelle inspirierte Puccini zu dieser Oper. Vielleicht aber auch sein eigenes Privatleben, das von vielen Liebschaften geprägt war. Auch er erlebte den Suizid einer  jugendlichen Geliebten.
Also insgesamt eine schwere Kost! Mit Verstand konnte man dem Handlungsverlauf nicht immer folgen, da gibt es zu viele Ungereimtheiten. Doch trotz allem geschah es, dass man in den Bann gezogen wurde von dem zum Teil unglaublichen Geschehen auf der Bühne. Man war emotional gefangen und litt mit der Hauptfigur bis zum tragischen Ende durch den Freitod.
Sicherlich hat Puccinis Musik selbst einen großen Anteil daran. Das größte Lob jedoch gehört diesem Abend der musikalischen Leitung von Aziz Shokhakimov, dem Philharmonischen Orchester und den Opernsängern, welche alle erstklassig besetzt waren. Die Harmonie dieser Künstler war die große Kunst, den Zuschauer mit auf die Reise zunehmen, die immerhin drei Stunden lang war. Ein großer Erfolg!

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Birgit Idelberger
Frauenärztin
Birgit Idelberger ist in Duisburg aufgewachsen und seit 10 Jahren als Frauenärztin in Duisburg-Walsum niedergelassen. Sie geht gern ins Kino und besucht Kunstausstellungen, doch Bezug zum Theater hatte sie kaum – zur Oper schon gar nicht. Das ist jetzt anders: Offen und neugierig ließ sie sich auf ihre erste Saison als Opernscout ein. Auch ohne Theatererfahrung empfindet sie die Opern- und Ballettabende als persönliche Bereicherung und positive Erfahrung. Sie hofft, dass viele Menschen durch die Kommentare der Scouts neugierig werden und den Weg ins Theater finden.

Astrid Klooth über „Madama Butterfly“

Madama und Hegemon

Der Plot von Puccinis „Madama Butterfly“ – verarmte, gutherzige 15 jährige Geisha wird nach einer gemeinsamen Nacht von US-Soldaten verlassen – , rekurriert auf historische Vorfälle zur  Zeit des amerikanischen Militärs in der Hafenstadt Nagasaki.
Marineoffizier Pinkerton führt die naive, noch nicht volljährige Cio-Cio-San kaltschnäuzig vor den Traualtar, um sie ins Bett zu kriegen. Nach dem ehelichen one-night-stand macht er sich auf und davon und lässt die junge Braut entehrt, schwanger  und von ihrer Familie geächtet, zurück. Dennoch schmachtet sie seiner ungewissen Rückkehr entgegen. Tatsächlich kehrt Pinkerton drei Jahre später  mit seinem American wife zurück und pocht darauf, den unehelichen Sohn in das wirtschaftlich prosperierende Amerika mitzunehmen.  Cio-Cio-San, all ihrer Illusionen und ihres Kindes beraubt, begeht daraufhin Harakiri.
Warum die Inszenierung den Atombombenabwurf über Nagasaki mittels eines zugemüllten Bühnenbildes im zweiten und dritten Akt zu symbolisieren versuchte, hat sich mir nicht erschlossen. Als zeitlose Anspielung drängte sich mir eher die ewig  wiederkehrende Konstellation Mann (unverbindlicher, schneller Sex)  – Frau (Liebe, Ehe, materielle Versorgung) auf.  Gerade dort wo sich (Besatzungs-) Soldaten einer ärmeren Zivilbevölkerung gegenüberstehen sind ähnliche Vorfälle wie zwischen Cio-Cio-San und Pinkerton an der Tagesordnung. Wenn schon zeitlose Allusion und Kritik an Kulturimperialismus und Yankee-Ignoranz,  warum nicht Blauhelmsoldat in Bosnien oder Haiti, wo der Missbrauch von Frauen und Minderjährigen bis zu den Vereinten Nationen ruchbar wurde?
Sehr viel besser als das über große Strecken öde Bühnenbild hat mir die musikalische Gestaltung der „Madama“ gefallen. Da sind zum einen die unter dem jungen Ausnahmetalent Aziz Shokhakimov brilliant aufspielenden Duisburger Philharmoniker zu nennen, auch wenn  manche  Orchesterpassagen (Solopartie der Suzuki) teilweise etwas zu laut gerieten. Liana Aleksanyan in der Rolle der Cio-Cio-San war überragend, fast ebenbürtig Eduardo Aladrén als Pinkerton und auch Maria Kataeva (Suzuki) und der bewährte Stefan Heidemann (Sharpless) konnten mich überzeugen.
Mein persönliches Fazit: Wer nicht unter Putzzwang leidet, kann über das Bühnengerümpel großzügig hinwegsehen, die Augen schließen und die wunderbare Musik dieser Opernaufführung genießen.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

Opernscouts Astrid KloothAstrid Klooth
Oberstudienrätin im Hochschuldienst
Durch ihre Mitgliedschaften im Philharmonischen Chor und im Theaterring Duisburg ist Astrid Klooth Orchester und Theater seit vielen Jahren verbunden. Als Uni-Dozentin hat sie fast täglich mit jungen Menschen zu tun und hofft, durch ihre Beiträge ihr Interesse am Musiktheater einer breiteren Schicht zugänglich machen zu können.

Jessica Gerhold über „Madama Butterfly“

madamabutterfly_12_foto_hansjoergmichel

 Eine ergreifende Tragödie

Versetzt in die Zeit um 1900 mit Anspielung auf den Atombombenangriff der USA auf Nagasaki am 9. April 1945, spürt der Zuschauer von Anfang das Verderben, welches Cio-Cio-San und ihrer Stadt unerbittlich auflauert. Das emotionale Ergriffensein steigert sich durch jeden Akt und findet seinen niederschmetternden Abschluss und gleichzeitigen Höhepunkt und lässt den Zuschauer allein und geschockt, ganz wie sich Suzuki (Butterflys Gefährtin) gefühlt haben muss.
Insgesamt bot sich ein sich kaum veränderndes Bühnenbild im Kolonialstil mit Trümmersäulen, welches auf die Trostlosigkeit des Ortes hinweist und Butterflys inneres Seelenleben widerspiegelt – ein vom Schicksal missbrauchter Ort, dem auch das Letzte genommen wird.
An diesem Abend überzeugten alle Künstler mit ihrer stimmlichen Leistung, hervorzuheben ist jedoch die Protagonistin, auch durch ihre ständige Präsenz. Es war von Beginn an ein perfektes Zusammenspiel mit den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Aziz Shokhakimov zu erleben, welches mich besonders ab dem 2. Akt überzeugend abholte.
Eine tief, tief bewegende Inszenierung von Joan Anton Rechi, die zu noch tieferen Gesprächen über das eigene Leben und Schicksalsereignisse einlädt, bzw. drängt.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Jessica Gerhold
Gymnasiallehrerin
Jessica Gerhold ist gebürtige Duisburgerin und arbeitet als Gymnasiallehrerin. Von jeher hat sie sich für das Theater interessiert.  Bei ihrer Berufung zum Opernscout war sie eher skeptisch, ob sich ihre bisher eher distanzierte Haltung zu Oper und Ballett verändern würde. Nach ihrer ersten Spielzeit sind die Zweifel verflogen. Sie ist stolz auf das, was in ihrer Heimatstadt geleistet wird und hofft, dass sich zukünftig viel mehr Menschen von der Leistung der Künstler live faszinieren lassen.

Stephanie Küthe zu „Madama Butterfly“

madamabutterfly_14_foto_hansjoergmichelZeitlose Tragödie

Mit „Madama Butterfly“ gelingt der Deutschen Oper am Rhein mit einer hoch emotionalen Inszenierung und vor allem musikalisch der ganz große Wurf.
Die tragische Geschichte der jungen Geisha Cio-Cio-San, die Ihr ganzes Leben und Ihre Hoffnung in die Hände des amerikanischen Leutnant Pinkerton legt, wird von Joan Anton Rechi mit großer emotionaler Kraft erzählt. Die Inszenierung überzeugt durch Zurückhaltung und lässt dadurch ganz viel Raum für intensive Gefühle und vor allem die großartige Musik Puccinis.
Rechi verlegt die Geschichte ganz in die westliche amerikanische Welt. Das zarte japanische Heim für seine junge Frau präsentiert Pinkerton nur als Modell, die Vermählung findet zwischen den starken Säulen der amerikanischen Botschaft statt. Diese lässt er am Ende des ersten Aktes mit Pinkertons Abreise einstürzen, eine Anspielung auf den US-Atomangriff auf Nagasaki, die passt  – sowohl in die Geschichte als auch in die emotionale Welt Cio-Cio-Sans, für die in diesem Moment ihr amerikanischer Traum zusammenbricht.
In einem einheitlichen Trümmerfeld nimmt das Drama im zweiten und dritten Akt seinen Lauf und Rechi beschränkt sich hier ganz auf das Wesentliche. Sensationell ist der Mut, den er beweist, wenn er den Zuschauer im zweiten Akt mit der Wartenden völlig allein lässt, wodurch der Zuschauer ganz in Cio-Cio-Sans emotionale Welt eintaucht, getragen von Puccinis wunderbarer Musik.
Musikalisch ist der Abend ein Hochgenuss! Was der erst 28-jährige Aziz Shokhakimov als musikalischer Leiter gemeinsam mit den Duisburger Philharmonikern aus dem Werk herausholt ist grandios!
Gesanglich brilliert die kurzfristig eingesprungene Liana Aleksanyan in der Titelpartie. Dass sie diese zuletzt an der Mailänder Scala sang, überrascht nicht, trägt sie doch stimmlich zu einem großen Anteil zu diesem so meisterhaften Opernabend bei. Einzig ihre Statur ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, denn eine zarte 15-jährige Butterfly verkörpert sie nicht. Auch Eduardo Aladrén als Pinkerton überzeugt auf ganzer Linie. Sowohl gesanglich als auch schauspielerisch groß ist Maria Kataeva als Suzuki. Verlässlich und auf den Punkt zeigt sich wie immer der Chor der Deutschen Oper am Rhein.
Fazit: Eine zeitlose Tragödie, packend emotional erzählt und musikalisch Spitzenklasse: ein ganz großer Opernabend!

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Stephanie Küthe
Tätig im Eventmanagement eines Energiekonzerns
Seit ihrer Kindheit begeistert sich Stephanie Küthe für das Musiktheater, sang im Kinderchor der Bonner Oper und stand jahrelang in verschiedensten Produktionen selbst auf der Bühne. Die Diplom-Kauffrau und Musikwissenschaftlerin singt heute wieder mit Begeisterung im Chor und verpasst keine Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout freut sie Sich darauf, ihre Gedanken zu Inszenierungen in Worte zu fassen und andere mit ihrer Begeisterung anstecken zu können. Ganz besonders gespannt ist sie dabei auf den Austausch mit anderen Opern- und Ballettscouts.

Christoph Grätz zu „Madama Butterfly“

Die Feigheit der Teufelskerle

Dass diese Geschichte nicht gut ausgeht, ist von der ersten Szene an klar, und doch gelingt es Joan Anton Rechi in seiner Inszenierung von Puccinis „Madama Butterfly“ die Spannung bis zum Finale zu halten. Ich habe mich keinen Moment gelangweilt, sondern das verzweifelte und trotzige Warten der jungen Geisha Cio-Cio-San in seiner emotionalen Tiefe nachempfinden können.
Das Bühnenbild des ersten Aufzuges zeigt die amerikanische Botschaft in Nagasaki, in der die Trauung von Benjamin Franklin Pinkerton mit der erst 15-jährigen Geisha „Butterfly“ amtlich und äußerst lieblos vollzogen wird. Für Sie ist diese Liaison die Befreiung aus dem Geisha-Dasein und eine echte Liebesheirat, für Ihn ein Spiel um eine Nacht mit einer schönen jungen Frau. Einzig der amerikanische Konsul Sharpless gibt dem skrupellosen Offizier zu bedenken, wie zerbrechlich Butterfly ist. Aber was ein echter kerniger Yankee ist, der lässt sich von derlei Bedenken nicht in seiner Abenteuerlust bremsen, zumal der Ehevertrag jederzeit die einseitige Aufkündigung des Bündnisses seinerseits ermöglicht. Die Liebesnacht ist vollzogen; Pinkerton hat sich aus dem Staub gemacht und die Bühne fällt in tosendem Gepolter in Schutt und Asche. Ein überraschend monumentales Ende des ersten Aktes ist diese Anspielung auf den Abwurf der Atombombe auf Nagasaki, der Stadt in der auch diese Oper spielt.
In dieser gespenstischen Kulisse wartet die nun frischvermählte Mrs. B. F. Pinkerton verzweifelt auf die Rückkehr ihres geliebten Ehemannes, dem zuliebe sie sogar ihrem Glauben abgeschworen und die gesellschaftliche Verbannung in Kauf genommen hat. Das Bühnenbild versinnbildlicht hier geradezu ideal die Verzweiflung, vergebliche Hoffnung und Sinnlosigkeit des Wartens. Als Pinkerton nach endlos erscheinenden Jahren tatsächlich kommt, ist alles anders als von Butterfly und ihrem inzwischen dreijährigen Sohn erwartet. Der Offizier ist inzwischen mit Kate, einer Amerikanerin, verheiratet. Als Cio-Cio-San den Verrat versteht, nimmt sie sich in einer dramatischen Szene das Leben, um wenigstens in Ehre zu sterben. Mit ihrem Freitod ermöglicht sie – wie paradox –  ihrem Kind eine gesicherte Zukunft bei seinem Vater und dessen neuer Frau.
Da diese Oper, was die Handlung betrifft, keine überraschenden Wendungen bietet, ist es umso wichtiger die Fallhöhe der sich anbahnenden Katastrophe auszuloten und dramaturgisch geschickt aufzubauen. Dies ist dem Regieteam hervorragend gelungen. Aziz Shokhakimov leitet das Orchester feinsinnig und gut ausbalanciert durch alle emotionalen Höhen und Tiefen, die Puccini musikalisch meisterhaft angelegt hat. Die szenische und gesangliche Umsetzung der Titelpartie gelingt der Sopranistin Liana Aleksanyan glänzend, was sicher auch daran liegt, dass sie diese Rolle erst vor ein paar Wochen noch in der Mailänder Scala gesungen hat.
Aber auch die andere Hauptrolle ist gut besetzt mit Eduardo Aladrén, der den schuftigen amerikanischen Marineoffizier Benjamin Franklin Pinkerton glaubwürdig auf die Bühne bringt. Diese Figur nährt einmal mehr meine Abscheu für Teufelskerle, die – wie im richtigen Leben – mit ihrer Skrupellosigkeit und Egozentrik häufig nicht nur emotionale sondern auch echte Trümmerfelder hinterlassen. Sein Credo „America forever“ wirkte wie eine nachträglich eingebaute Anspielung an die aktuelle politische Situation. Welch ein visionärer Blick des Komponisten, als hätte er schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Blick in das beginnende 21. geworfen. Psychologisch stimmig ist auch, wie der ignorante Yankee-Militär schließlich als erbärmlicher Maulheld und Feigling entlarvt wird, für den Unbeteiligte und Unschuldige die heißen Kartoffeln aus dem Feuer holen müssen. Dies verleiht der Oper eine Aktualität, mit der ich an diesem Abend nicht gerechnet hatte. Diese Inszenierung ist bis in die Nebenrollen mit hervorragenden Solistinnen und Solisten besetzt. Hier ist besonders Maria Kataeva in der Rolle der Dienerin Suzuki zu erwähnen. Wer großartige Musik, tiefe Emotionen und hervorragende Stimmen erleben will, und dies alles in einer stimmigen und packenden Aufführung, dem sei diese Inszenierung wärmstens empfohlen.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater. Christoph GrŠtz

Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.