Wagner ohne Pathos – geht das?

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Dr. Hubert Kolb über die Premiere von Richard Wagners „Götterdämmerung“

Wagner verhunzt Siegfried“ sagte Regisseur Dietrich Hilsdorf bei der öffentlichen Probe am 18. Oktober. Aus dem blonden strahlenden Held Siegfried der Nibelungensage wird in der Götterdämmerung ein in Ehebruch und Meineid verstrickter Typ, der dafür dann auch umgebracht wird. Eine gewisse Entschuldigung ist, dass ein böswillig verabreichter Zaubertrank im Spiele war. Aber die Inszenierung von Hilsdorf lässt das nicht gelten. Bei ihm wird der Zaubertrank ungetrunken verschüttet. Allein die nach einem Heroinschuss strahlende Gutrune reicht, um Siegfried seine Liebe zu Brünnhilde vergessen zu lassen. Weiterhin stellt Hilsdorf jedes Pathos in Frage, durch Mittel der Personenregie und des Bühnenbildes. Das war für mich unbefriedigend und passte nicht zur oft mächtig-vollen Musik.

Die Musik der Götterdämmerung ist eine eindrucksvolle Verschränkung von Harmonie und Disharmonie, vom Dirigenten Axel Kober einfühlsam und mit Blick auf die Bühne gestaltet. Mit dem Wagnerschen Sprechgesang kam ich nicht zurecht, jede Silbe ein meist anderer Ton, keine eigentlichen Melodien, kaum etwas das in Erinnerung bleibt. Viele tolle Stimmen, besonders Hans-Peter König als Hagen.

Fazit: Eindrucksvolle, mächtig – emotionale Musik mit Anklängen an die Moderne zu einer klassisch sagenumwobenen Handlung, welche nicht sehr glücklich in das heutige Pathos-arme Denken transformiert wurde.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen. Auch das Ballett am Rhein, das ihm unter Martin Schläpfer unerwartet gut gefällt.

 

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Morbidität überzieht die Rheinische Frohnatur

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Hilli Hassemer über Richard Wagners „Götterdämmerung“

Da gibt’s ein Riesensammelsurium, unendlich groß ist das Archiv“

In meinen Augen verweisen diese Worte Botho Strauss‘, – sie laufen am Ende des 3. Aktes über das Sprachband,- auf das Dilemma um das Bühnenbild, die Inszenierung.
Aus einem großen Archiv zu schöpfen, verlangt eine gute Wahl, eine Reduktion.
Dies ist für mich in dieser Götterdämmerung von Dietrich W. Hilsdorf inszeniert, nicht gelungen.

Ein Sammelsurium an Bühnenelementen, Bedeutungsebenen, Zitaten und Fragmenten.
Was wollten die mit Landschaftsmotiven bedruckten Säulen am Außenrand der Bühne? Im Bühnenraum, Projektionen von gefilmten Rheinmotiven, schön, wenn man sich auf die konzentriert hätte, doch diese Lichtbilder werden von den Glühbirnen überstrahlt und so wieder schwer zu erkennen…
Darüber Vorhänge mit noch mehr Rheinmotiven.

Mir fiel es schwer, einen Fokus zu schaffen, vor lauter Inventar, wildem Stilmix, vor lauter Rheinmotivik.
So konzentrierte ich meinen überforderten Blick auf die Akteure, mein Ohr auf die Musik: Brünnhilde in der Langweile der „engen Tann“ gefangen, strickt unterm Weihnachtsbaum. Gutrune als Heroinabhängige zu stigmatisieren, – diese Darstellungen erscheinen mir als schwache Platitüde. Braucht man heute noch solche Klischees, um diese Frauen in Ihren Brüchigkeiten und Nöten darzustellen?
Der Kahn, die MS WODAN, auf dem sich die Dramen abspielen, mit seinen hohen Geländern, wirkt er unproportional und eher wie ein Käfig, – der auch das Geschehen vom Publikum distanziert. Trotz vierter Reihe erscheinen mir die Darsteller oft zu weit weg.
Über allem liegt Rost und Verfall. Der Chor als Funkengarde wirkt durch den Dreck gezogen, dazu ziemlich beschwipst. Morbidität überzieht die Rheinische Frohnatur.
Siegfried stirbt quasi im Hintergrund. Die Nummer mit den Flaggen, die ihm ins Grab gelegt werden, erschien mir vollkommen überflüssig und voller Pathos.

Eine einzige Szene hat mich wirklich gepackt und berührt, nämlich als Waltraute, wunderbar gesungen von Katarzyna Kuncio, die Walkürenschwester Brünnhildes, dieser von der Verzweiflung auf Walhall berichtet.  Das war authentisch und differenziert gespielt und stark gesungen.
Erfrischend die quirligen Rheintöchter, Anke Krabbe, Kimberley Boettger-Soller und Ramona Zaharia. Deren Spiel und Gesang  waren ein Lichtblick, heller Glanz,  in diesem ansonsten recht statischen Spiel! Warum mussten die männlichen Hauptdarsteller alle Nase lang auf einem Stuhl danieder sinken?
Vielleicht war das Collagenhafte der Inszenierung gewollt und gewünscht, mich hat es nicht überzeugt.
Die Gesangrollen sind gut besetzt, Bogdan Baciu in der Rolle des Gunther war für mich überragend. Die wunderbaren Düsseldorfer Symphoniker waren fünf Stunden lang stark und spielten von unglaublicher Qualität. Eine verlässliche Größe. Der Rest ist Theater.

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Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin

Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Klassische und auch Opernmusik sind elementare Einflüsse in ihrer Arbeit. Das erste Jahr als Opernscout hat sie mit heller Freude erlebt. Die Vielfalt und Qualität der Düsseldorfer Opern und Ballettkultur zu erleben, war für sie eine neu prägende Seh- und Hörschule. Eine Sinn-schärfende Bereicherung, die sie nicht mehr missen möchte. So freut sie sich auf die zweite Spielzeit, auf die neuen Ballett und Opernwelten, die sich ihr eröffnen werden und für die sie Worte finden muss. Der Bleistift ist gespitzt….

 

Mit der Götterdämmerung schließt sich der Kreis

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Mit der „Götterdämmerung“ schließt sich der Kreis/“DER RING“

Das Bühnenbild, das Schiff auf dem Rhein – mal mit Nebel, mal ohne – war stimmig.
Die Kostüme – in den Farben der „Clan-Zugehörigkeit“ zugeordnet, war auch stimmig.
Es gab ein paar Bilder, die einfach nur lächerlich waren:
Brünnhilde strickend unter dem Weihnachtsbaum???
Die Gäste im Karnevalskostüm mit Funkemariechen peinlich.
Dazu Kirmesbeleuchtung und Bier. Die Marke werde ich nicht verraten.
Was sollte das?

Nichts ist von den Göttern übriggeblieben – man muss auch niemandem eine Träne nachweinen. Die Macht des Gottes Wotan war auf Raub – an der Weltesche,  Diebstahl und List an  Alberich um ihm das Gold zu entreißen – aufgebaut. (Auch er ein Dieb, hat er doch das Gold den Rheintöchtern geraubt.
Siegfried: aufgewachsen ohne Liebe, Kultur und Wissen, nur mit der Aufgabe betraut, das Schwert zu schmieden und zu gebrauchen, damit Wotan seine Macht behält.
Hagen: aufgestachelt durch den Hass seines Vaters konnte sich davon nicht befreien.

Der Psychologische Aspekt:
Hass „vererbt“ sich über Generationen, wenn nicht einer diesen „Brauch“ durchbricht. Brünnhilde hätte das Zeug gehabt die Familie/die Welt zu verändern aber alleine gegen soviel Gier, Hass und Dummheit ist das nicht zu schaffen.

Mit Schwerter und Waffen, lässt sich kein Konflikt lösen. Wann wird der Mensch das begreifen, dass man mit Gewalt nichts erreichen kann. Wie immer muss die Einsicht in der kleinsten Zelle – der Familie – beginnen.

Die Erkenntnis, dass die Götter schlimmer sind als die Menschen ist auch erschreckend! Aber vielleicht sind die Menschen und die Götter EINS.

Das Begräbnis von Siegfried lässt hoffen, es werden alle Fahnen, der letzten Epochen mit ihm begraben (beginnend mit der französischen Fahne natürlich auch die Nazi-Fahne bis hin zur deutschen Fahne) es bleibt eine Weiße Fahne. Ein Neuanfang.

Für mich ein sehr bewegender und aufwühlender Abend, der mich sicherlich noch einige Zeit beschäftigen wird. Dank und Glückwunsch an alle wunderbaren Sängerinnen und Sänger, an die Düsys und an Axel Kober.

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Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin

Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und freut sich diesen als Opernscout in Düsseldorf abschließen zu können.

 

Wenn die Götter Trauer tragen…..

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Henning Jüngst-Warmbier über die Premiere von Richard Wagners ,,Götterdämmerung“

…..“Götterdämmerung“, da posaunen viele gleich in ein Einheitshorn: laut, lang, schwer verständlich, zeitraubend.

All diese Kritikaster hätten gestern Abend in der Deutschen Oper am Rhein eines Besseren belehrt werden können. In der Rheinischen Post konnte man schon morgens en detail das Bühnenbild betrachten, das die Lust auf den Abend noch steigerte.Gerade meinen Platz eingenommen, kam auch schon eine der Nornen auf die Bühne und machte es sich am Rhein vor der MS Wotan bei einer Tasse Kaffees gemütlich.
Das Vorspiel begann und ihre Schwestern gesellten sich hinzu, um uns herrlich inszeniert und vortrefflich gesungen ein, „was bisher geschah“ darzubieten.
Kaum hatten sie uns ihre düstere Prophezeihung kundgetan, hob sich der Vorhang und das Schiff steuerte langsam aber stetig in den Untergang.

Um die Sache ein wenig abzukürzen, möchte ich sagen, dass ich den Abend als einen ganz hervorragenden empfunden habe.
Brünnhilde – Linda Watson, die von mir sehr verehrte ‚raumgreifende Erscheinung‘, Gunther – der stimmgewaltige Bogdan Bacio und Hagen – der phantastische Hans-Peter König, rissen mich zu Begeisterungsstürmen hin.
Axel Kober bewies mit seinen Düsseldorfer Symphonikern einmal mehr, dass er und sein Orchester zu den ganz Großen gehören und auch der Chor bewies erneut, welche Qualität er hat! So vergingen die Stunden wie im Fluge und ich war glücklich, dieser Götterdämmerung beigewohnt zu haben.
Man sagt ja, dass die Oper erst zu Ende sei, wenn die ‚dicke Dame‘ den letzten Ton gesungen habe…, am gestrigen Abend hätte ich mir gewünscht, der Dame noch stundenlang zuhören zu können.
Das Bühnenbild hingegen, das mir morgens soviel Laune gemacht hatte, fand ich gar nicht mehr so gut gewählt und den Auftritt als Rot-Weiße-Prinzengardisten hätte man den ehrbaren Choristen ersparen können. Wen interessieren spagatübende Funkenmariechen in der Götterdämmerung?

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Henning Jüngst-Warmbier
Freiberuflicher Dozent an der Zukunftswerkstatt Düsseldorf

Nach seiner langjährigen Tätigkeit als Hoteldirektor in Düsseldorf bringt Henning Jüngst-Warmbier seine berufliche und pädagogische Erfahrung heute ehrenamtlich in der Zukunftswerkstatt Düsseldorf ein: Seit mittlerweile acht Jahren realisiert er dort Projekte für und mit Langzeitarbeitslosen, Migranten und Flüchtlingen. Mit dem Kulturleben der Stadt ist er seit vielen Jahren über Freunde und Bekannte verbunden. Auch in seiner zweiten Spielzeit als Opernscout möchte er seine eigene Sichtweise präsentieren, über seine Empfindungen sprechen und erzählen, wie er das Gesehene erlebt hat.

 

 

 

Und über allem ein Regenbogen…

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Markus Wendel über die Premiere von Richard Wagners ,,Götterdämmerung“

Richard Wagners Götterdämmerung auf einem rostigen Frachtkahn auf dem Rhein. Darauf hat die Welt gewartet. Das Regiekonzept von Dietrich W. Hilsdorf finde ich vielfältig und unterhaltsam. Brünnhilde sitzt strickend am Weihnachtsbaum, es wird gemordet, Heroin konsumiert, Fahrrad gefahren, Flaggen werden verbrannt, der Chor trägt Karnevals-Garde-Uniform, und dazu gibt es Krähen im Surround-Sound. Das mag für viele Leute streitbar sein, aber seit dem letzten Ring in Bayreuth weiß ich, was auch sonst alles funktionieren kann. Ich selbst bin immer dankbar für neue Bilder und Sichtweisen auf ein Werk.

Klar im Vordergrund stand für mich die musikalische Qualität am Premierenabend in Düsseldorf. Axel Kober trieb die Düsseldorfer Symphoniker zur Höchstleistung und baute hiermit das Fundament für eine durchgängige Spannung und Emotionalität. Er dirigierte klar, akzentuiert und unglaublich dynamisch. Respekt. Und auch der Gesang bescherte mir so einige Gänsehautmomente. Neben der unfassbaren Bühnenpräsenz von Linda Watson und Hans-Peter König erlebte ich eine bis in die Nebenrollen wunderbare Besetzung. Brünnhilde, Hagen, Siegfried, Gunther und Co. sangen und spielten, als ob es kein Morgen mehr geben würde. Wahnsinn.
Ich schreibe diesen Text einen Tag nach der Vorstellung, und ich muss sagen, ich bin nachhaltig beeindruckt.

Eine kurze und verrückte Geschichte am Rande: Meine allererste Oper war tatsächlich die Götterdämmerung. Vor fünfzehn Jahren, auch hier in Düsseldorf, und mit Linda Watson als Brünnhilde.

Ich freue mich auf den Ring-Zyklus in Düsseldorf im kommenden Jahr!

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Markus Wendel
Feuerwehrmann in Düsseldorf

Als neuer Scout folgt Markus Wendel in der Spielzeit 2018/19 frühen Spuren seiner Opernbegeisterung: Seine erste Begegnung mit Richard Wagners „Götterdämmerung“ hatte er 2003/04 im Düsseldorfer Opernhaus, und schon damals begeisterte ihn Linda Watson als Brünnhilde. Als Feuerwehrmann der Landeshauptstadt Düsseldorf kümmert sich Markus Wendel um die strategische Planung und Einsatzorganisation. Ganz besonders schätzt er seine Dienste im Opernhaus: Als Brandsicherheitswache beobachtet er die Aufführung dann von der Seitenbühne aus. „Ich mag das Gewusel hinter den Kulissen“, sagt der 39-Jährige. Was ihn aus dieser Perspektive besonders anspricht, schaut er sich gern noch einmal mit Freunden oder der Familie aus dem Zuschauerraum an.

Unsere Liebesverhältnisse bestimmen unsere Lebensverhältnisse

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Die Walküre FOTO: Hans Jörg Michel

Dirk Sander über die Premiere von „Die Walküre“ im Theater Duisburg

Mit der „Walküre“ legt Regisseur Dietrich W. Hilsdorf Wagners erotische Gesellschaftskritik offen. Im Kern der heroischen Tragödie entwickelt er ein bürgerliches Liebes- und Familiendrama ibsenschen Ausmaßes, fulminant intoniert im Duett des schwedischen Tenors und ehemaligen Rock-Sänger Daniel Frank (Siegmund) und der hochdekorierten Mezzosopranistin Sarah Ferede (Sieglinde). Standing Ovation bereits nach dem ersten Vorhang! Zuvor wurden wir ohne Vorwarnung Zeuge der heimlichen Annäherung zweier Liebender in Not, die von dem Schicksal, das sie zusammenführte ebenso wenig ahnen wie von dem, was sie am Ende trennen wird: Die Zwillinge Siegmund und Sieglinde, Wotans frevelhafte Zeugnisse seiner eigenen Untreue, begegnen sich in Hundings Hütte. Sieglindes räuberischer Ehemann gewährt Siegmund ein letztes nächtliches Asyl – bevor sich bei Tagesanbruch die männlichen Helden zur Wiederherstellung der Ehre und des göttlichen Rechtes duellieren müssen. Die feindliche Burg, von dem kongenialen Dieter Richter als kammerartiger Raum in einer verwaisten Industriehalle (besser: Bunkeranlage) klaustrophobisch in Szene gesetzt, wird zur Heimstatt der reinen, natürlichen Liebe zwischen Mann und Frau, die der inzestuöse Tabubruch noch betont: Nur der freie, autonome Mensch ist imstande, mit den sich in ihren eigenen Verträgen und Gesetzen verstrickenden Göttern zu brechen. Das postapokalyptisch anmutende Abschlusstableau im dritten Aufzug steht dann ganz im Vorzeichen der durch Liebe den Göttern abgetrotzten neuen Freiheit des Menschen und der daraus erwachsenden Verantwortung des Individuums. Ein Vorglimmen auf das existentialistische Weltbild des Fin de Siècles. Im letzten Bilderrausch stimmte alles: die mitreißend orchestrierenden Duisburger Philharmoniker, die begeisternd singenden flammrotgewandeten Walküren, dystopisch untermalt durch die marionettenhaft aus einem geisterhaften Hubschrauberwrack auferstehenden untoten Helden vergangener Schlachten, ein letztes kongeniale Zitat Richters aus Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“! Tosender Beifall – total verdient. Unbedingt anschauen!

OpernscoutsDirk Sander
Inkubator Manager
„Break up the concrete“ lautet das Motto des gebürtigen Duisburgers, der früher schon als Regiehospitant an der Deutschen Oper am Rhein tätig war und seitdem auf viele verschiedene Rollen in seinem Lebenstheater zurückblickt. Ob als Banker, Entwicklungshelfer in Afrika oder Inkubator beim Social Impact Lab in Duisburg – Dirk Sander möchte mit seinen Fragen und Ideen etwas für eine gerechtere Gesellschaft bewirken. Durch das Scout-Projekt kann er nun seine Verbundenheit mit der Oper wieder aufleben lassen – statt hinter der Bühne nun im Zuschauersaal.

Ein Abend voller Gänsehaut

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Die Walkuere FOTO: Hans Jörg Michel

Kerstin Hein-Flügel über die Premiere von „Die Walküre“

Wenn etwas großes, weltbekannt-berühmtes auf Sie wartet ist man aufgeregter als sonst, denn allein zwei Worte sprechen für sich: Wagners „Walküre“ hatte ich noch nie im Theater gesehen und mich irgendwie immer davor gedrückt.  Zu Unrecht, denn es folgte ein Abend voller Gänsehaut. Es beginnt in einer bunkerartigen Behausung mit offener Feuerstelle, Waffenkisten liegen auf dem Boden und das Sofa stammt aus besseren Zeiten. Im Baumstamm steckt das Schwert und trotz Fenster wirkt alles dennoch nebelig dunkel, nicht einladend aber auch nicht abstoßend. In diesem Bild spielt die ganze Oper, erweitert sich gleichwohl von Akt zu Akt. Schließlich findet sogar ein abgestürzter Hubschrauber noch Platz und erinnert an eine andere Apokalypse aus dem Kino.
Die Gesangsleistungen beeindrucken mich mehr. Allen voran Sieglinde, Wotan und Siegmund haben mich mit Ihrer Strahlkraft maßlos begeistert; überwältigend und auch irgendwie schön. Gesang, Musik und Text sind passgenau geschnitten, so wie die feuerroten Kleider der Frauen. Einen so fantastisch exzellenten Gesang und eine derart kraftvolle und grandiose Darbietung habe ich selten in Duisburg erlebt. Aber die Musik fesselt mich noch mehr. Dynamisch und präzise fordert Sie meine Aufmerksamkeit, erweckt alles zum Leben und hält mich fünf Stunden lang gebannt in einem Wechselbad der Emotionen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Kaum zu glauben, was aus dem Orchestergraben für eine fabelhafte Musik zu Vorschein kommen kann. Und das ist es auch, was sich mir nach diesem berauschenden Abend noch lange ins Gedächtnis fest setzten wird.  Das Orchester der Duisburger Philharmoniker unter Axel Kober spielte so grandios und bekam von mir und allen anderen den längsten Applaus, den ich seit langer Zeit erlebt habe. Jetzt bin ich neugierig auf die Fortsetzung und werde mich vor Wagners Ring nicht mehr drücken.

Opernscout Kerstin Hein-FlügelKerstin Hein-Flügel
Inhaberin FLORES Duisburg
Die Floristmeisterin und Dekorateurin, die sich mit ihrem Blumenladen „Flores“ in Duisburg selbstständig gemacht hat, ist mit dem Kunsthandwerk groß geworden: Schon ihre Eltern hatten ein Floristikgeschäft. Kerstin Hein-Flügel beschreibt sich als kreativen Charakter, der sich nicht nur von der Natur, sondern auch von Kunst und Musik inspirieren lässt. In ihrer Freizeit geht sie gern und oft in die Oper. Nun möchte sie im Austausch mit den anderen Opernscouts ihre Gedanken nach außen tragen.