Christina Irrgang über „Der goldene Hahn“

KIKERIKOUOU

Der_goldene_Hahn_02_FOTO_HansJoergMichelObwohl mich am Premierenabend beim Betrachten der Aufführung von Nikolai Rimski-Korsakows „Goldenem Hahn“ in der Deutschen Oper am Rhein viel Langeweile begleitete, taucht „die Oper in drei Akten“ in meiner Erinnerung seither erstaunlich häufig wieder auf. KIKERIKOUOU Wer hätte ihn nicht gerne, diesen glänzenden Hahn, der mit seinem Krähen vor Gefahren und Fehlentscheidungen warnen soll…eine schillernde Sirene, die – im Pakt mit dem Kosmos – die Zukunft in ihren Details lenkt. Aber wer steckt da eigentlich im Detail, ist es Gott oder der Teufel? Die Oper nach dem Märchen von Alexander Puschkin kleidet ihn in die Figur des Astrologen, der hier in vielerlei Hinsicht als Zwischenwesen erscheint, ist seine gesangliche Rolle doch ursprünglich die einer Skopze, eines Kastraten. Der Astrologe vermittelt nun dem Zaren Dodon den goldenen Hahn, der ihm Freiheit und Sicherheit versprechen soll – doch der Preis hierfür entspricht genau diesem Versprechen. Der Vogel verliert sich KIKERIKOUOU bildlich gesprochen KIKERIKOUOU in seinem eigenen Gefieder, und der Zar geht einen Pakt ein, den er mit metaphysischer Gewissheit KIKERIKOUOU nur verlieren kann. Doch nicht nur er verliert (seine Visionen sowie die eroberte Zarin Schemacha) – auch sein Volk, das sich auf ihn verließ, verliert (nämlich an Struktur und Lebensrealität)…es ist ein Verlust, der durch mangelnde Autonomie auf allen Ebenen hervor gerufen wird, und sich auf allen Ebenen manifestiert. Die Geschichte um den goldenen Hahn ist in ihrem Innersten düster, wäre da nicht der zweideutige Reim (sehr bedacht aus dem Russischen übersetzt), das flirrende Gold der Kostüme von Ene-Liis Semper, und der Epilog von Rimski-Korsakows Version des Märchens, der da besagt, dass alles nur ein Spiel gewesen sei. Während ihrer Zusammenarbeit an der Oper (1906-07) waren Wladimir Iwanowitsch Belski (Libretto) und Nikolai Rimski-Korsakow dabei geteilter Meinung, was den Epilog betraf – und wäre letzterer Belski gefolgt, hätte die Oper meines Erachtens noch mehr Nachdruck. Erst 1909 wurde sie im Moskauer Solodownikow-Theater posthum, und zwar zensiert uraufgeführt. Rimski-Korsakows Epilog erscheint dabei als ein Versuch, die dem Stück implizite politische Brisanz mehr noch zu verhüllen – aus heutiger Perspektive wirkt dies aber fast verkleidet. KIKERIKOUOU Während die Musik mit orientalischer Verve unter der Leitung von Axel Kober wie ein Feuerwerk dargeboten wurde, hatte die Inszenierung von Dmitry Bertman doch ihre Längen und leider auch langweiligen Kanten. Das rotierende Bühnenbild von Ene-Liis Semper hat mit zwei Schauseiten sehr treffend unterschiedliche Welten und Lebensrealitäten gegenüberstellt, während die Vielzahl der Muster, Farben und Stile ihrer Kostüme bald zu einer stilpluralistischen Erschöpfung führten. Einzigartig aber bleibt der meisterhafte Gesang von Boris Statsenko (Zar Dodon) und die betörenden Sopran-Wellen von Antonia Vesenina (Zarin Schemacha), wie auch die intermezzi von Eva Bodorová (Der goldene Hahn) – ihr KIKERIKOUOU hallt nach und somit auch – fast magisch – diese Oper, die bisher selten Aufführung fand, doch häufiger noch an Interpretation erfahren darf.

Weitere Informationen zu „Der goldene Hahn“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/der-goldene-hahn.1047801

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. Sie ist außerdem Stipendiatin 2016 der Kunststiftung Baden-Württemberg in der Sparte Kunstkritik. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!

Isabell Boyer über „Der goldene Hahn“

Rosen für die Königin

Der_goldene_Hahn_12_Alternative_FOTO_HansJoergMichelPompös erschallen die Fanfaren am Abend der Freundeskreispremiere von ‚Der goldene Hahn‘ und entführen in filmischer Manier in das Reich des Zaren Dodon, der recht entspannt und grüblerisch mit seinen Söhnen Gwidon und Afron und seinem General Polkan ein Bad genießt, während die Soldaten vor ihren Toren auf Antworten warten. Der einst blutrünstige König erzählt davon, dass er nun, da er alt ist und seine Söhne bald die Erbfolge antreten sollen, die Feinde lieber auf Abstand hält und sich lieber verstecken würde, es ruhig angehen würde, wenn er nur die Wahl hätte. Somit beauftragt er seine Söhne dazu, einen Plan zu entwickeln, den Krieg zu gewinnen, während der General jeden Ansatz der jungen, sehr verwöhnten und nicht gerade klugen, Männer sofort zunichte macht. Recht amüsant lässt sich das Schauspiel mit ansehen, wobei die Soldaten, die recht meinungslos daneben stehen und allesamt einheitliche graue Anzüge tragen, zur Komik der Szene maßgeblich beitragen.

In diesem Satiremärchen geht es nicht um einen Krieg, in dem um Leben und Tod gefochten wird, sondern darum, wie leicht man einen Menschen mit den richtigen Mitteln manipulieren kann und dass selbst der tollste Herrscher nicht viel wert ist, wenn er sich ohne wirkliche Auseinandersetzung mit den Konsequenzen seines Handelns einem Schicksal verschreibt, das seinem Volk keineswegs hilft. Somit verspricht Dodon am Anfang des Stücks dem Astrologen (sehr eindrucksvoll und stimmgewaltig: Cornel Frey), der ihm den berüchtigten goldenen Hahn vermacht (der ihn vor Gefahren warnen soll), dass er alles bekommen soll, wonach er verlangt, wenn er ihm das edle Tier überlässt. Der Astrologe stimmt diesem Handel zu und zieht kurz darauf von dannen, nachdem er ihm den Vogel in einem goldenen Käfig zurückgelassen hat.

Diese unbedachte Entscheidung soll ihm später zum Verhängnis werden.

Denn nachdem er die ohnehin fragwürdige Ehe mit der verführerischen Königin von Schemacha eingeht, die ihn innerhalb weniger Züge mit ihrer Schönheit und Klugheit um den Finger gewickelt hat, gerät alles aus den Fugen. Zwar kommt das Land für einen Moment zur Ruhe, doch fordert der Astrologe nun seinen besonderen Gefallen ein und fordert gerade das, was ihm am wertvollsten erscheint – Dodons frisch angetraute Ehefrau. Wütend über diese Aussage zeigt die Königin ihr wahres Gesicht und fordert den Tod des alten Mannes, der daraufhin vom liebestollen Dodon erschlagen wird.

Erst spät zeigt sich die Wirkung des Hahns, der zwischendurch sein Leben auf amüsante Weise lassen musste. Er lebt im Herzen (oder wohl eher im Magen) seiner Peinigerin Amelfa weiter und rächt sich für seinen Meister am Zaren und seiner Gemahlin. Das Volk, das nun von den wirklichen Machenschaften ihres Königs berichtet, steht somit ohne Anführer da und fragt sich, wie es weitergehen soll.

Insgesamt ist dieses Stück locker und leicht, hat eine angenehme Länge, und glänzt mit liebevoll gestalteten Kostümen und wundervoller Musik. Am eindrucksvollsten blieb mir der erste Auftritt der Königin von Schemacha im Gedächtnis, die in Begleitung ihrer golden schimmernden Tänzer die Bühne betrat und mit mehrsprachigen Texten, klarer Stimme und geschickter, zum Schmunzeln anregender Choreografie die Bühne für sich vereinnahmte. Ein Strauß Rosen zeigte auch die Gunst des Publikums für die junge Königin – Anna Grechishkina überzeugte die gebannten Zuschauer mit ihrer glockenklaren Stimme.

Alles in allem war es ein sehr angenehmer und entspannter Opernbesuch, der mir positiv im Gedächtnis geblieben ist.

Weitere Informationen zu „Der goldene Hahn“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/der-goldene-hahn.1047801

OpernscoutsIsabell Boyer
Studentin

Auf unseren jüngsten Opernscout sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Als Opernscout berufen worden zu sein ist eine Ehre für sie. Sie ist sehr froh, dabei zu sein und hofft auf eine schöne Zeit.

 

 

Stefanie Wallace über „Der goldene Hahn“

Faszinierende Kostüme, volle ausdrucksstarke Stimmen und wunderschöne Musik!

Der_goldene_Hahn_04_FOTO_HansJoergMichelDie Oper „Der goldene Hahn“ von Nikolai Rimski-Korsakow – ein Vollbad an Eindrücken! Faszinierende Kostüme, volle ausdrucksstarke Stimmen und wunderschöne Musik!

Besonders beeindruckend fand ich die orientalische Schönheit, Königin von Schemacha mit ihrer wahnsinnig tollen Stimme und starken Gestik, die mit all ihren Reizen spielt.

Amüsant und so herrlich eckig und kantig ist die Rolle der bodenständigen Haushälterin Amelfa. Sie steht für das komplette Gegenteil der Königin Schemacha und ist im Vergleich zu ihr eine ehrliche Haut. Ohne Schnörkel und Glitzer.

Der russische Bariton überzeugt in der Rolle des König Dodon, der sich einfach nur noch ein entspanntes Leben wünscht – wie nachvollziehbar und doch naiv.

Der goldene Hahn – eine schöne Rolle und wie der Titel schon vermuten lässt, besetzt mit einer Sopranistin, die einem im wahrsten Sinne den Kopf verdreht und für mich das absolut bezauberndste Kostüm trägt.

Die Farbtöne kommen sehr leicht und harmonisch rüber – das musikalisch hohe Niveau trägt und untermalt die Oper – man kann also ruhig auch mal die Augen für einen Moment schließen und nur den wohligen Klängen lauschen.
Das Bühnenbild und die Lichtspiele bringen die Kostüme und Sänger, vor allem die flimmernden Kleider der Königin und des goldenen Hahns, noch mehr zum Funkeln – ein Feuerwerk an optischen Eindrücken – leuchtend und energiegeladen. Die restlichen Kostüme überzeugen in ihrer Schlichtheit und Farbgebung.

Alles in allem war es ein sehr kurzweiliger Opernabend mit vielen fesselnden und faszinierenden Momenten.

Weitere Informationen zu „Der goldene Hahn“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/der-goldene-hahn.1047801

OpernscoutsStefanie Wallace
Yogalehrerin

Die studierte Modedesignerin arbeitete im Design und Einkauf, bevor sie ihre Leidenschaft für Yoga zum Hauptberuf machte. Ihren Unterricht besuchen Tänzerinnen und Tänzer des Balletts am Rhein; deren Ausstrahlung und Körperlichkeit animierten sie zu einem ersten Ballettbesuch, dem viele weitere folgten: „Was ich beim Ballett am Rhein in den letzten zwei Jahren erleben durfte, hat mich extrem beeindruckt.“ Als Opernscout freut sie sich jetzt auch auf neue Erfahrungen und Inspirationen im Bereich der Oper.

Gisela Miller-Kipp über „Der goldene Hahn“

Nur die Musik ist zauberhaft

Der_goldene_Hahn_08_FOTO_HansJoergMichelDas ist ein Opernmärchen voller Charme und poetischer Spinnerei, Witz und spätromantischer Ironie, auch politischem Spott, wenigstens seinerzeit – dem wurde die Inszenierung (Dmitry Bertman) nicht gerecht. Sie war mir zu platt, zu einfallslos, sie war undelikat und szenisch teils Klamotte. Auch wurde ab und an im Widerspruch zu Text und Musik gespielt, so etwa im 2. Akt: Text und Musik erzählen von Düsternis, von einer „Nacht des Grauens“, vom Schlachtfeld, über das Krähen fliegen – deutlich hört man die Krähen krächzen –, da sind wir szenisch aber in einer Bordellbar, und bei dem Übertitel (gesungen wird russisch): „nun daher mit den Haubitzen“, greifen die Herren (abgehende Soldaten) nach ihren Schlitzen – ach nein.

An dieser Stelle ein großes Lob den Übertiteln: Sie kommen in Paarreimen flott, gelegentlich frech daher, ab und an ist der Humor sehr bodenständig („In den Erbsen liegt die Wahrheit/Doch im Kaffeesatz die Klarheit“ – eignete sich durchaus als Giebelspruch für die Bolker Straße). Damit wird das märchenhafte Bühnengeschehen munter kommentiert, auch ironisiert. Das war kongenial – der Dichter (Alexander Puschkin) hat sein Märchen in Versen verfasst – und oft zum Schmunzeln.

Zum Märchen selbst: Es geht um einen altersschwachen tyrannischen Herrscher (König/Zar Dodon), der um seine Macht fürchtet, sich von einem Astrologen einen goldenen Hahn aufschwatzen lässt, der ihn vor aller Gefahr warnen soll – „Welch‘ ein Wunder, o wie herrlich/So ein Hahn ist unentbehrlich“ –, was er auch fleißig tut, lebensgroß im goldenen Flügelgewand (Sopran) vom 1. Rang. Deshalb nun kann der König erst dem Müßiggang mit seiner Haushälterin frönen, alsdann rechtzeitig gegen Feinde ins Feld ziehen. Dort siegt er, um anschließend im Reich der Königin Schemacha dem süßen Leben und ihren Liebeskünsten zu erliegen. Mit ihr zurück im eigenen Reich, verweigert er dem Astrologen die Belohnung – der erbat sich die Königin –, schlägt ihn statt dessen nieder, großer Aufruhr, der König wird erschossen, Astrologe und Königin verschwinden – war alles nur ein Märchen. Und die Haushälterin schwingt den Goldenen Hahn als Brathähnchen herum. Haha.

Die Musik dazu ist zauberhaft: volle Orchestrierung, leuchtende Orchesterfarben, russische Folklore, spätromantische Melodie (Leitmotive) flirrende Klänge – die Düsis unter Axel Kober spielten das fein und routiniert. – Das Bühnenbild dazu ist gut anzuschauen: eine Drehbühne mit mächtigen grauen Mauern – Palastmauern, Palasttor –, vom Schnürboden senken sich als Raumteiler Prospekte in farbenfrohem bis monochromem Kachelmuster, ein Prospekt ist der Kachelmauer am Paul-Klee-Platz („Hornet“ von Sarah Morris) außerordentlich ähnlich – Reverenz an den Aufführungsort? – Das Spiel nun aber in diesen Räumen ist enttäuschend, schon die erste Szene im 1. Akt ist Klamotte: Da sitzen der König, seine Herren Söhne und sein General – der ist auch ansonsten meist betrunken, wie witzig – im Schaumbad und beratschlagen sich. Sie plantschen, der König nuckelt an einem Milchfläschchen (!), die drei anderen kippen Bier (das war sehr hell, also noch nicht einmal Alt!), man purzelt aus dem Zuber und wird wieder hineingehievt…. Zum Glück reimt da ein Übertitel selbstironisch: „Was für ein Stuss, den ich hier ertragen muss“! – Klamottenhaft geht es weiter, etwa: Haushälterin räkelt sich auf dem herrschaftlichen Schreibtisch, König weiß nicht (mehr?), wie er sie wo anfassen soll. Unfähig ist er im Übrigen auch bei der Machtausübung: Er verheddert sich in den Leitungen seiner acht Telefone, diese stammen aus allen Stadien der Technik und ein rotes ist auch dabei. Das nun fand ich einen der wenigen originellen Regieeinfälle.

Plattes Sex-Getue dann aber im Reich der Königin Schemacha (2. Akt), hier Bordell-Bar und Boudoir!! Darinnen agieren Boys und Girls in knappstem Goldflitter – sehr hübsch anzusehen – als dienliche Hähnchen und Hühnchen, drei Hühnchen posieren in einem großen, im Bühnenhintergrund lila-rot ausgeleuchteten Schaukasten wie im Rotlicht-Viertel von Amsterdam. Dort muss man auch gewesen sein, denn ins eigene Reich zurückkehrend (3. Akt), rollt das Gefolge von König und Königin große Käseräder auf die Bühne, schleppt dazu aber auch Würste, allerlei Alkoholisches und pralle Einkaufstüten mit Eifelturm-Logo, daraus werden – natürlich! – Glitzerfummel gefischt; man war also in Paris – soll sich das einer zusammenreimen.

Im Übrigen ist die Haupt- und Staatsaktion im 3. Akt, die Verführungsszene König–Königin, so abgeschmackt wie unerotisch. Der König etwa sucht über Minuten starräugig und offenmäulig-senil sich daran zu erinnern, wie Sex geht, und das auch mit Hilfe eines verschämt gehandhabten Hochglanz-Porno; überraschenderweise hat er zugleich aber Anfälle verklemmter Lüsternheit. Um ihn auf Trab zu bringen, wedelt die Königin à la Schleiertanz mit ihrem bodenlangen goldenen Plisseerock, muss aber endlich doch zum letzten Mittel greifen: Sie bindet dem König einen Prachtschurz um (Pfauenaugen in Brokat!), auf dem sie alsbald, der König liegt, heftig herumreibt – wirklich! Funken schlagen daraus leider nicht.

Zu preisen sind die Sängerinnen und Sänger der Hauptpartien, mit seinem vollen „russischen“ Bariton besonders Boris Statsenko (König). Er sang großartig, die anderen tadellos, und alle meisterten mit Bravour die ihnen von der Regie zugemuteten Charakterchargen.

Von der behaupteten Satire ist nichts zu sehen; Satire, wenn sie denn greifen soll, ist konkret. Hier aber wurde im Irgendwo zwischen Moderne (Businessanzug und Carbon-Trollies bei den Herren im Chor) und russisch-folkloristischem Annodunnemals (Kittelkleider, Blümchenkleider, Kopftücher bei den Damen im Chor) gespielt, die seinerzeit angegriffene Machtkamarilla des zaristischen Russland ist historisch längst untergegangen, vorgeführt wie hier, werden Witzfiguren daraus. Das alles hat keinen Biss und reicht nur für einen mäßig amüsanten Opernabend.

Weitere Informationen zu „Der goldene Hahn“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/der-goldene-hahn.1047801

OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.

Uwe Schwäch über „Der goldene Hahn“

Musik begeistert, die Inszenierung nicht

Der_goldene_Hahn_09_FOTO_HansJoergMichelDie russische Oper „Der goldene Hahn“ ist ein Märchen, dessen Inhalt sich in wenigen Sätzen erzählen lässt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrscht am russischen Zarenhof gähnende Langeweile und der Herrscher regiert kraft- und inspirationslos. Von einem Astrologen erhält der Zar einen Goldenen Hahn geschenkt, der bei Gefahr für das Reich kräht. Der Beschenkte zeigt sich dankbar, dennoch möchte der Astrologe zunächst keine Gegenleistung. Das Krähen des Goldenen Hahns zieht beide Zarensöhne und schließlich auch den Zaren auf das vermeintliche Schlachtfeld, auf dem aber kein Gegner sichtbar ist. Da taucht die Königin von Schemacha auf und zieht den Zaren in ihren verführerischen Bann. Zurück am Zarenhof fordert der Astrologe nun die Königin von Schemacha als Gegenleistung, woraufhin der Zar den Astrologen brüskiert niederschlägt. Aber auch der Zar überlebt nicht, denn der Goldene Hahn tötet ihn. Zurück bleibt das russische Volk mit ungewisser Zukunft.

Die Oper bietet viel Potential in ihrer politischen und gesellschaftlichen Interpretation. Leider wird in dieser Inszenierung das Potential eines parabelhaften Märchens nicht zufriedenstellend genutzt. Gleich im 1. Akt sitzen der Zar, seine beide Söhne und der Heerführer im Schaumbad und gleichen einem Delirium. Als Zustandsbeschreibung des Zarenlebens ist diese Deutung leider sehr abgedroschen. Das ohnehin erlebnisarme Märchen setzt in der Inszenierung auf plumpe Effekte, die dem Zuschauer diese bekannteste russische Oper wenig spürbar vermitteln. Der Tod des Zaren im 3. Akt ist kaum wahrnehmbar und zeigt, dass es dieser Oper an dramaturgischer Durchsetzungsstärke mangelt. Da hilft auch das eindrucksvolle Bühnenbild mit omnipräsenter Zarenhofvisualisierung nichts, welches mit einfachen Mitteln die Szenerie des Geschehens unterstreicht. Ebenso sehenswert ist das effektvolle Gold in den Kostümen des Hahns, der Königin von Schemacha und deren burlesquen Tänzerinnen und Tänzern. Doch selbst in Kombination mit dem Bühnenbild kann damit nicht über den dramaturgischen Mangel hinweggetäuscht werden.

Umso erfreulicher ist, dass diese Oper dennoch hörenswert ist. Die Musik begeistert bereits mit der Ouvertüre, die sich dem Zuhörer romantisch, lieblich und mit orientalischen Klängen annähert. Im Verlauf erfolgt eine feinfühlige sinfonische Instrumentierung mit Bläsern, Flöten und liebreizender Harfe. Die Orientalik wird besonders bei Arien der Königin von Schemacha spürbar, die sich von rhythmischer Marschmusik und maskuliner Intonation der Oper abgrenzen. Insgesamt sind die Arien weniger klangvoll und bieten keinen prägenden Erinnerungscharakter, wenngleich sie von den Solisten auf der Bühne ansprechend gesungen werden.

Musikalisch bestechend ist die romantisch-elegische Chormusik, die vom gut eingestellten Opernchor mit Hingabe vorgetragen wird.

Daher meine Empfehlung für diese Oper: Augen schließen und Musik genießen.

Weitere Informationen zu „Der goldene Hahn“:
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OpernscoutsUwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter

Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Weil ihn nicht nur das Kunsterlebnis, sondern auch der gemeinsame Austausch darüber bereichert, freut er sich jetzt auf den Dialog mit den Opernscouts.

Horst Eckert über „Der goldene Hahn“

Eine beißende Satire auf das russische Zarentum

Der_goldene_Hahn_05_FOTO_HansJoergMichelRimski-Korsakows letzte Oper ist eine beißende Satire auf das russische Zarentum sowie auf obrigkeitshörige Untertanen. Regent Dodon schläft lieber, als dass er sich nützlich macht, und das Volk huldigt ihm, obwohl es Bescheid weiß. Das Stück entstand nach dem niedergeschlagenen Aufstand von 1905, Rimski-Korsakow hatte die demonstrierenden Studenten unterstützt und deshalb seinen Posten am Konservatorium verloren. Nach damaligen Maßstäben muss seine Kritik fast Böhmermannsche Schärfe besessen haben, nach einem guten Jahrhundert regt sie niemanden mehr auf, sondern belustigt nur. Die Regie illustriert den Spott mit Einfällen, die manchmal klischeehaft, meist aber lustig sind. Der Zar und sein engster Kreis im Badezuber, eine Batterie von Telefonen auf seinem Schreibtisch, Dodon als tapsiger Tänzer – der betrunkene Boris Jelzin stand sichtlich Pate.

Die Geschichte ist rasch erzählt. Dodon hat Angst vor Feinden und lässt sich von einem Zauberer den titelgebenden goldenen Hahn andrehen, der ihn beizeiten warnen soll. Dafür verspricht er dem Zauberer die Erfüllung eines Wunsches. Nachdem im Krieg seine Söhne fallen, muss er selbst in die Schlacht ziehen, trifft aber statt des gegnerischen Heers auf die Königin von Schemacha, die er als Braut nach Hause bringt. Das Volk jubelt, doch der Zauberer fordert nun die Königin als seinen Lohn, weshalb Dodon ihn erschlägt. In der ursprünglichen Fassung tötet der Hahn daraufhin den Zaren, unter der Regie von Dmitry Bertman erledigt das die eifersüchtige Sekretärin mit dem Hahn, den sie gebraten hat. Zuletzt weint das Volk, eine Ansammlung von Knechtsseelen, dem Nichtsnutz Dodon hinterher.

Es gibt sicherlich bedeutendere Opern als die Satire vom Zaren und seinem Gockel, aber die Leistung der Solisten, des Chors und des Orchesters sowie die Ideen von Inszenierung und Bühnenbild sorgen für einen vergnüglichen Abend.

Weitere Informationen zu „Der goldene Hahn“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/der-goldene-hahn.1047801

OpernscoutsHorst Eckert
Krimiautor

Trotz der beruflichen Nähe begeistert sich der in Düsseldorf lebende Krimiautor Horst Eckert nicht nur für kriminalistische Opernstoffe. Mozarts „Zauberflöte“, Verdis „Aida“ und Prokofjews „Der feurige Engel“ zählten zu den Höhepunkten seiner ersten Saison als Opernscout. Er mag es, wenn die Regie mit ihren Ideen dazu beiträgt, dass selbst bekannte Klassiker überraschend, neu und relevant erscheinen.