Wagner hat mich am Schlafittchen!

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Siegfried FOTO: Hans Jörg Michel

Anna Schudt über die Premiere von „Siegfried“

Die Geschichte von Siegfried, so anders zur Walküre, so am Boden und doch wieder psychologisch so interessant. Schon der erste Akt lotet Vater-Sohn Konflikte aus, große Familiendramen überall. Wotan als Weltenumradler, der bedrohliche Lokwurm kriecht aus seiner Höhle und weiter und weiter, getrieben von Wagners ungeheuerlicher Musik und diesen Sängern, allen voran Michael Weinius als Siegfried, der aussieht wie ein zu groß gewordenes Kind, was wunderbar passt im körperlichen Gegensatz zu Cornel Frey als Mime. Im zweiten Akt kommt eine Vogelstimme, ein Sopran, der nach den Stunden ausschließlichen Männergesangs hocherfreuend wirkt. Es wird viel erzählt in diesen 5 Stunden, wenn man etwas über die Geschichte des Ringes weiß versteht man sehr viel mehr, also ist Vorbereitung auf den Stoff auf jeden Fall empfehlenswert. Der dritte Akt wurde mir etwas lang mit dem sehr langen Liebesduett, aber wie man das interessanter inszenieren könnte weiß ich auch nicht. Linda Watson und Herr Weinius schmettern sich die Seele aus dem Leib, man kann buchstäblich sehen wie diese Musik an den Sängern zehrt. Vielen Dank für diesen Abend, für diesen Aufwand und diese Kraft.

Anna Schudt
Schauspielerin
Sie ermittelt als Hauptkommissarin Martina Bönisch im Dortmunder „Tatort“. Nach festen Engagements an den großen Bühnen in Berlin (Schaubühne) und München (Kammerspiele, Residenztheater) ist sie in Düsseldorf heimisch geworden:  Zusammen mit ihrem Mann Moritz Führmann spielte sie die Hauptrolle in „Anna Karenina“ am Düsseldorfer Schauspielhaus. Neben Anna Schudts Theaterleidenschaft interessiert sie sich sehr für den ganz anderen künstlerischen Ausdruck in Oper und Ballett. Diese Erlebnisse nun als Opernscout in Worte zu fassen, bedeutet für sie eine spannende Herausforderung.

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Eine Frage des Geschmacks

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Siegfried FOTO: Hans Jörg Michel

Georg Hess über die Premiere von „Siegfried“

Hinreißende Musik der Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung des Dirigenten Axel Kober erwartet einen im dritten Teil von Wagners Ring des Nibelungen.
Welch eine Leistung des Orchesters, das hohe Spielniveau über fünf Stunden durchzuhalten. Auch der nur aus acht Personen bestehenden Besetzung, allen voran Michael Weinius als Siegfried, gilt mein besonderer Respekt für den dargebotenen Gesang. Unglaublich stark und ausgeprägt begeisterten mich die Stimmen von Siegfried und Brünnhilde (Linda Watson) im dritten Akt, ebenso zart und fein die Stimme des Waldvogels (Elena Sancho Pereg) im zweiten Abschnitt. Die moderne Inszenierung des Stücks selbst durch Dietrich W. Hilsdorf hat mich persönlich nicht angesprochen. Das Epische, Gewaltige und Göttliche fehlte mir. Stattdessen gab es im ersten Akt Friseurstühle, VHS-Kassettenfilme und seltsam anmutende Fragerunden. War ich im zweiten Akt auf die Darstellung des zum Drachen gewandelten Riesen Fafner gespannt, so bekam ich diesen verrußt in einer Dampflok präsentiert, in welcher er durch das Führerhaus hindurch mit dem Schwert des Protagonisten eher unspektakulär getötet wird. Mime, der in diesem Akt auch sein Leben lässt, wird von Siegfried unter Zuhilfenahme von neuzeitlicher Technik an einem Fleischerhaken in die Luft gehoben. Zwischendurch taucht regelmäßig der gar nicht mehr göttliche Wotan als Wanderer auf, unterwegs mit einem straßenverkehrstauglichen Fahrrad und bestückt mit einem Speer sowie Jutebeutel und Pappbechern. Im dritten Akt dann der Showdown, wenn Siegfried und Brünnhilde sich kennen- und lieben lernen, leider etwas emotionslos in bizarrer Umgebung eines Kampfhubschrauberwracks. Geschmackssache ˗ für die Besucher, die den Ring zum wiederholten Male sehen, waren es möglicherweise all diese Inszenierungskniffe- und ausstattungen, die den besonderen Reiz ausmachten.

Opernscouts 2017

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an die  Freunde, Kollegen, Klienten und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Wonnige Glut, leuchtender Glanz

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Siegfried FOTO: Hans Jörg Michel

Hilli Hassemer über die Premiere von „Siegfried“

Als wir vor dem Opernhaus die letzten Sonnenstrahlen dieses warmen Frühsommerabends genießen, erscheint auf einem klapprigen Rad ein seltsam verhüllter Mensch. Ein Bettler? Ein Irrer? Düster und unheimlich mutet er an. Wirft erste Schatten, die wir alle noch nicht zu deuten wissen. Ich vergesse ihn wieder. Mein erster SIEGFRIED steht an. Kaum hebt sich der Vorhang, bin ich im Geschehen. Verblasst das Sommerhelle draußen. Dritter Tag, Ring des Nibelungen.

1. Aufzug. In der metallisch durchgefärbten Schmiede, es könnte auch das Labor eines Alchimisten sein, erleben wir von der ersten Minute an das grandiose und auch komische Können des Cornel Frey als Mime. Durchtrieben, unruhig, gehetzt und verschlagen, seine fahrigen, windigen Bewegungen „das eklige Nicken und Augenzwinkern“ sind großes Spiel bis ins Detail. Er begeistert mich hellauf in seinem differenzierten Ausdruck, seiner Stimme.
Michael Weinius debütiert als Siegfried – er erscheint stimmgewaltig, auch körperlich als Gegenspieler, und auch er gewinnt mich auf Anhieb mit seinem warmen klaren kraftvollen Tenor. Weinius als Siegfried, ungestümer, furchtlos Suchender, er ist in meinen Augen eine großartige Besetzung dieser Rolle.
Dann erscheint diese mystische Gestalt von draußen wieder und es ist: Wotan! Der verschleierte Wanderer auf dem Fahrrad. Eine gelungene und sinnige Überraschung. Simon Neal füllt den Wanderer grandios aus und zeichnet gekonnt die Figur des Göttervaters in Nöten.

2. Aufzug. Alberich tritt auf. Auch seine Figur reiht sich in die bestechend gute Darstellung, mit volltönender Stimme geleitet er uns in den nächsten Akt. Der Lindwurm Fafner in Gestalt einer Dampflok,- ein gelungener Nebeneffekt: Ihr eiserner Hohlkörper lässt den Bass Thorsten Grümbels unheimlich hallen. Mir erscheint diese Transformation des Monsters als durchaus logische Umsetzung, las ich, dass Wagner selbst ein großer Fan der Mechanisierung war und seine damaligen Regieanweisungen das technisch Mögliche oft überforderten. Man muss den Blick etwas heben, um den kleinen spazierenden Vogel zu erkennen,- die junge Elena Sancho Pereg als Waldvogel bezwitschert Siegfried betörend und hell. Siegfrieds innerer Dialog, als er über seine nie gekannten Eltern singend sinniert, so fragil und verzweifelt, diese Szene geht mir zu Herzen, und sie wird mir der emotionale Höhepunkt dieser Aufführung.

3. Aufzug. Trotz der fraglos wunderbaren Linda Watson als Brünnhilde und des großen Siegfrieds, er erscheint mir als der deutlich schwächster Part dieser Inszenierung. Schon der Beginn des Aufzuges, der sich vor dem Vorhang abspielt ist unglücklich. Wotan weckt und befragt Erda, die unter einem Tuch auf einem Sofa schlummert. – Inhaltlich eine große Szene, sie wird aber im wahrsten Sinne an den Rand des Geschehens gedrängt. Es mangelt an Raum für die bedeutenden Worte, den Gesang der Erde. Der Hubschrauber auf der Bühne (wir kennen ihn ja bereits aus der „Walküre“) – er wirkt an den Rotoren herbeigezogen. Er ist hier ein störendes anachronistisches Relikt, für mich völlig fehl in dieser Szene. Um ihn herum spielt sich dann, leider auch etwas ungelenk, die Szene der Wiedererweckung Brünnhildes ab. Die Zerrissenheit der Walküre, ihr überaus zögerliches Einwilligen in die Liebe zu Siegfried – eigentlich eine emotional und körperlich höchst spannungsgeladene Szene. Sie war mir zu hölzern und nicht feinsinnig im Spiel zwischen den Beiden, die Sänger waren einfach nicht im Kontakt miteinander. Da ginge mehr.

Alles in allem: Große herausragende Stimmen in perfektem Einklang zu den tosend guten Symphonikern, die alles – Alles! – geben in diesen sicher kraftzehrenden vier Stunden. „Wonnige Glut, leuchtender Glanz!“ Standing Ovations.

Opernscouts 2017

Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcorde-Wagnerfan“ befreundet, wurde die Oper unverhofft Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“

 

Siegfried: Der Held, der Erlöser ?!?

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Siegfried FOTO: Hans Jörg Michel

Jenny Ritter über die Premiere von „Siegfried“

Episode: Vor Beginn der Vorstellung konnten wir vor dem Operneingang eine merkwürdige, unheimliche Person mit großem Hut, verdecktem Gesicht und langem Mantel, sein Fahrrad schiebend, sehen. Wie erstaunt waren wir, als sich diese Person als der Wanderer/Wotan dann auf der Bühne einfand.
Alle Sänger waren so gut: Siegfried (Michael Weinius), der tatsächlich aussah wie ein Schmied, hat seine Rolle hervorragend gespielt und gesungen. Die fieseste Rolle hatte Cornel Frey (Mime), er hat sie aber mit Hingabe und Witz glänzend gespielt, so dass es  ein Vergnügen war, ihm zuzuschauen. Wotan hat diesmal eine stattliche Figur dargestellt und hat – auch wenn es ihm klar war, dass sein Ende naht, noch einmal den „Boss“ gegeben. Brünnhilde weiß, „daß leuchtende Liebe, lachender Tod“ auf sie wartet. Dementsprechend ist der dritte Akt auch aufgebaut – beide haben Angst vor der Begegnung, für beide ist die Liebe völlig neu im Leben, ihre Annäherung wird hinausgezögert. (Schon etwas langatmig). Auch diesmal verging die Zeit wie im Flug – die Musik empfand ich als ganz anders als in der „Walküre“, spannend dramatisch und schön – besonders schön war die Musik/der Gesang  des „Waldvögeleins“. Ich fand es war eine gelungene Aufführung und gratuliere allen Beteiligten. Danke.

Opernscouts 2017

Jenny Ritter
Tai-Chi-Lehrerin
Jenny Ritter ist Lehrerin für verschiedene Entspannungstechniken und die chinesische Kampfkunst „Tai-Chi Chuan“. In ihrer Arbeit ist ihr der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung besonders wichtig. Schon durch ihren ersten Lehrmeister, der ihr eine sehr tänzerische Art des Tai-Chi vermittelte, entwickelte sich auch ihre Begeisterung für das Ballett. Seitdem  sie in der Spielzeit 2016/17 „Das Rheingold“ gesehen hat, ist Jenny Ritter nun auch ein Fan von Wagners „Ring“ und ist gespannt, wie es weitergeht.