Birgit Idelberger über b.31

Was für ein Erlebnis!

Von der ersten bis zur letzten Minute wurde Großartiges geboten, was ich versuche nun in Worte zu fassen. Das Entscheidende des Abends jedoch kann man nicht erklären und geschieht einfach, nämlich, dass man berührt wird und das Herz öffnet.
Zu Recht gab es viele Vorhänge und standing ovations für die Künstler.
Wie gewohnt war der Abend als Trilogie angelegt. Ein Modell, das an allen Ballettabenden bisher erfolgreich war und für große Abwechslung sorgt. So auch dieses Mal und insbesondere in der Abfolge der Stücke höchst gelungen.
„Obelisco“, die Suche nach Mitte von Martin Schläpfer begann genial furios zu Musik von Marla Glenn und endete nach Sequenzen zu Mozart und Schubert musikalisch schließlich bei der Operette, dem „Chambre separée“ aus dem Opernball von Richard Heuberger.
In sieben Sequenzen wurden auf unterschiedlichste Weise Menschen auf ihrer Suche zur Mitte vorgestellt. Cool und modern, minimalistisch energiegeladen, schön und traurig, stürmisch und melancholisch anmutend und zu jedem Zeitpunkt höchste Tanzkunst aller Beteiligten. In manchen Momenten blitzt die Erkenntnis auf, dass das mit scheinbarer Leichtigkeit Dargebotene doch eine Form größter Akrobatik bedeutet, doch die Ausdruckstärke lässt keinen Raum für dererlei Gedanken und man versinkt wie mit einem guten Buch.
Das zweite Werk „Adagio Hammerklavier“ von Hans van Manen zu Musik von Ludwig van Beethoven lässt drei Paare vor sanft flatternden Falten eines Vorhanges erleben. Auch die Kostüme der Tänzerinnen fließen und flattern zu ihren Bewegungen im Hin und Her miteinander und auseinander. Man sucht sich, findet sich irgendwie und geht wieder fort. Ein sehr beeindruckendes auf Weniges und Langsamkeit reduziertes Werk, das leichte Sentimentalität zurücklässt.
Auch hiernach bedarf es einer Pause, die Zeit für Neues lässt.
Sol León und Paul Lightfoot entwarfen ein Ballett, in dem das fragile Gefüge der Gesellschaft dargestellt und entlarvt wird. Dies geschieht durch Übersteigerung von Handlungsabläufen und übertriebenem Humor. So findet dieser kein Ventil im Lachen, sondern verwirrt und macht ratlos. Unter einer künstlichen und anfälligen Oberfläche einer glamourösen Gesellschaft trifft der Mensch auf Gleichgültigkeit und Sinnlosigkeit.
Daraus scheint es kein Entrinnen zu geben und stürzt den Menschen in Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit.
Dies alles wird mit großem Schwung und Dynamik präsentiert und findet seinen absurden Höhepunkt im Konfettiregen.
Grandios!

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Birgit Idelberger
Frauenärztin
Birgit Idelberger ist in Duisburg aufgewachsen und seit 10 Jahren als Frauenärztin in Duisburg-Walsum niedergelassen. Sie geht gern ins Kino und besucht Kunstausstellungen, doch Bezug zum Theater hatte sie kaum – zur Oper schon gar nicht. Das ist jetzt anders: Offen und neugierig ließ sie sich auf ihre erste Saison als Opernscout ein. Auch ohne Theatererfahrung empfindet sie die Opern- und Ballettabende als persönliche Bereicherung und positive Erfahrung. Sie hofft, dass viele Menschen durch die Kommentare der Scouts neugierig werden und den Weg ins Theater finden.

Heike Stehr über b.31

Das Leben ist ein Traum

Die Ballettpremiere b.31 stand auf dem Programm des neuen Abends als Scout und zugegebenermaßen freute ich mich ganz besonders auf diese, auf die Ballettcompagnie der Deutschen Oper am Rhein, auf das Erzählen mittels Tanz, Körper, Bewegung, Dynamik und die Geschichten in den Bildern, die dabei gezeichnet werden.

Das erste Stück des dreiteiligen Abends lässt uns eintauchen in Martin Schläpfers Reich aus Poesie, Geheimnis und Vielfalt. Wie in einer Collage setzt Schläpfer ein spannungsreiches Bild aus sieben heterogenen Musiken zusammen von Marla Glenn bis Mozart, von mir-vertraut bis mir-ganz-neu und nennt es „Obelisco“. Doch „in Stein gemeißelt“ ist hier gar nichts. Nicht einmal das Stück selbst, das 2007 für das ballettmainz entstand und nun 10 Jahre später neu einstudiert und grundsätzlich überarbeitet wurde. Martin Schläpfer sagte dazu selbst im Interview: “ … man muss die Glut wieder entfachen, damit eine Arbeit leuchtet … Man muss jede Kreation wieder neu texten. Man arbeitet mit andern Tänzern, anderem Licht, anderer Bühne. Das ist fast mehr Arbeit als eine neue Choreografie.“ Und diese Arbeit mit den Tänzern der Deutschen Oper am Rhein ergibt eine Kreation, die überzeugt und in den Bann zieht. So verschieden wie die Musiken sind die Tanzereignisse, besonders berühren mich die beiden Solotänze. Marcus Pei tanzt eindrücklich zu Schuberts „Du bist die Ruh“ und Marlúcia di Amaral zeigt 7 Minuten Spitzentanz bewegt-bewegend zu „Anâgâmin“ von Giacinto Scelsi. Hinterlegt sind alle Stücke von einem sparsamen Bühnenbild, verbunden durch verschiedene Kostüme aus dem gleichen Spitzenstoff, auf dem das Licht mit tanzt, und durchzogen von der virtuosen Bewegungskunst der Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie.

Nach der ersten Pause erklingt das Adagio aus Beethovens Sonate Nr. 29 für das Hammerklavier in einer extrem langsamen Einspielung von Christoph Eschenbach. Und das, was Hans van Manen 1973 tänzerisch dazu kreierte, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Balanceakt, ein Tanz am Rande des Gleichgewichts … als ob sich ein Pendel immer wieder ganz langsam zum Umkehrpunkt bewegt und dort gleichsam anzuhalten scheint … so fühlen sich in mir die Bewegungen der Tänzer an, voller Virtuosität und Behutsamkeit. Drei Paare tanzen auf Spitzenschuhen, gemeinsam, in Gruppen und jedes seinen eigenen Pas des deux, das ist bestechend schön und tief berührend. Im Hintergrund wellt sich ein blass blaues Tuch im Luftzug, fragil und melancholisch wie der Tanz, und mit dem Hin und Her des Pendels zieht in mir die vollkommene Ruhe ein. Eigentlich möchte ich jetzt genau da bleiben.

Aber nach einer weiteren Pause folgt ja noch „SH-BOOM!“ von Sol León und Paul Lightfoot. Das Stück irritiert mich zunächst mit fratzenhafter Ironie und slapstickhaftem übertriebenem Humor. Populäre Hits der 20er bis 50er Jahre reißen mich aus meinem klassischem Ballettzauber und wollen mich mit schmissiger Musik in eine ganz andere Richtung des Tanzens locken. Mit vielfältigen tänzerischen Mitteln bei hohem Tempo und gleichzeitiger Präzision und Genauigkeit der Bewegungen agiert die Compagnie in diesem „Revuetheater“. Spätestens in dem Moment, in dem vier Tänzerinnen in vier Lichtkegeln synchron tanzen, packt mich dann auch das letzte Stück des Abends mit seiner Lebendigkeit und Energie. „Life could be a dream“ versprechen der titelgebende Song des Stücksund die kleinen Zettelchen, die zum Finale auf uns hinab flattern. Aber warum nur steht das in Konjunktiv, frage ich mich … Das Leben ist ein Traum, wenn man einen solchen Ballettabend erleben darf.

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Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

Martin Breil über b.31

„Life could be a dream“  oder  „lebst Du noch ?“

Drei Bilder, die gegensätzlicher nicht sein könnten und doch ein Ganzes. So könnte man die Premiere von b.31 im Theater Duisburg zusammenfassen.
In seiner Choreographie „Obelisco“ führt Martin Schläpfer seinem Publikum die Diversität des Menschen, der Musik und des Balletts vor Augen. In sieben Szenen präsentiert er gegensätzlichste Gangarten, sei es auf Plateausohlen, High Heels oder Zehenspitzen und zu unterschiedlichsten Musikstilen. Bewegen wir uns nicht trotzdem alle auf dem gleichen Planeten und rotieren um eine gemeinsame (Erd-)Achse, die einem Obelisken gleicht? Abwechslungsreich und spannend ist das und macht vor Konventionen keinen Halt.
„Adagio Hammerklavier“ des Altmeisters Hans van Manen ist eine Verbeugung vor der Schönheit. Drei in gazegleichen Kostüme gehüllte Paare bewegen sich zu einer von Christoph Eschenbach extrem entschleunigten Interpretation von Beethovens Meisterwerk, dem Adagio der „Großen Sonate für das Hammerklavier Nr. 29 B-Dur op.106“. Im Hintergrund nur ein, in schier unendlicher Kontinuität, wellenförmig wogendes Tuch als Bühnenbild. Intimer und andächtiger geht es kaum. Die totale Reduzierung der Ausdrucksmittel auf das Wesentliche versetzt mich in Andacht. Die Ästhetik der Bewegungen ist kaum zu fassen, einfach traumhaft.
Der Traum vom Erfolg auf den Brettern, die die Welt bedeuten, bringt so manchen zur Herausgabe seines letzten Hemdes. So zu erleben bei „Sh Boom!“, dem letzten Teil des Abends. Mit bitterer Ironie führen uns Sol Leon & Paul Lightfoot in unterschiedlichen Revuenummern den Glanz und Glamour der Unterhaltungsindustrie vor Augen. Deren Faszination beruht allerdings in der Regel auf dem Schweiß und der Hingabe der Künstler. Eine ganz andere Form der Traumdeutung im Vergleich zu den vorher gezeigten Bildern. Peppig und skurril endet der Abend im Konfettiregen.
Wieder einmal beglückt Martin Schläpfer sein Publikum mit einem spannenden, abwechslungsreichen Ballettprogramm, das, wie ich meine, wegen seiner Zusammenstellung zu den eindrucksvollsten seiner Produktionen an der DOR zählt.

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Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Christoph Grätz über b.31

Was für ein traumhafter Abend!

Waren Sie schon mal in Venedig? Wer die Lagunenstadt mit dem Fotoapparat durchstreift, ist schnell überfordert von der Menge und Vielfalt lohnender Motive. Du gehst über eine kleine Brücke oder in einen Hauseingang und könntest von jeder Perspektive wieder zig Aufnahmen machen. Ein ganz ähnliches Gefühl hatte ich bei b.31. Ständig neue Perspektiven, Ideen und Eindrücke. Getanzte Vielfalt – von lässiger Leichtigkeit und Tempo beim Stück „Sh Boom! Life could be a Dream“ bis tiefgründig zelebrierter Langsamkeit bei „Obelisco“.

„Sh Boom“ des Choreographen-Duos Sol León und Paul Lightfoot verbindet höchste tänzerische Präzision mit lässigem Slapstick. Der Zuschauer wird kaum gewahr, dass hier wirklich alles bis ins kleinste Detail einstudiert ist. Ganz schön großartig, was die Compagnie hier abliefert: Eine mit viel Humor vorgetragene Parodie auf das Leben als eine große Show – „Life could be a Dream“ eben. Reduziertes Bühnenbild, effektvolle Lichtregie und eine kleine Überraschung am Ende der Choreographie machen diesen dritten Teil des Abends zu einem sinnlichen Erlebnis.

Sozusagen als Kontergewicht zu dieser Leichtigkeit hat Martin Schläpfer seine Choreographie „Obelisco“ an den Anfang des Abends gesetzt. Eröffnet wird die siebenteilige Regiearbeit zu einem souligen Song von Marla Glen „Travel“. Und wie eine Reise kam mir auch der weitere Verlauf dieser Choreographie vor, deren Teile musikalisch höchst unterschiedlich waren. Diese Choreographie verdankt ihren Namen wohl der an Geräusche erinnernden Tondichtung von Salvatore Sciarrino „il tempo con l´obelisco“. Darauf tanzten Eric White und Marlúcia do Amaral ein atemberaubendes Pas de deux, in der sie Langsamkeit wie in einer surrealen Unterwasserwelt in Slow-Motion zelebrierten. Schläpfer wählte für andere Passagen ein romatisches Lied von Franz Schubert, Klassisches von Mozart und Scarlatti sowie das experimentelle „Anâgâmin“ von Giacinto Scelsi. Auf dieses Stück zeigt Marlúcia do Amaral fast sieben Minuten zeitgenössischen Spitzentanz, spektakulär und vielleicht die größte tänzerische Leistung des Abends. Den Abschluss bildete schließlich die Operettenklamotte „der Opernball“ von Richard Heuberger zu der Yuko Kato und Friedrich Pohl ein hinreißendes Duo auf hohen Hacken tanzten. Für mich war „Obelisco“ der stärkste Part des Abends, zumal die Unterschiedlichkeit der Musik hier durch wiederkehrende Bewegungen perfekt eingefangen wurde und so dieser Arbeit bei aller Variation zu einer inneren Geschlossenheit verhalf.

Die größte konzeptionelle Geschlossenheit bot die zweite Choreographie des Abends „Adagio Hammerklavier“ von Hans van Manen. Der geschlossene Eindruck war sicher auch der Tatsache geschuldet, dass van Manen als musikalische Grundlage für die drei Pas de deux ein einziges Musikstück gewählt hat, eine Aufnahme der „großen Sonate für das Hammerklavier“ von Beethoven. Der Pianist Christoph Eschenbach lotet durch extreme Verlangsamung die Grenzen des Adagios aus. Großartig, wie hier die sechs Mitglieder der Compagnie durch Gefühl und Präzision diese Langsamkeit in Bewegung umsetzen. Im Hintergrund auf der Bühne flattert ein großes weißes Tuch im Seitenwind, leicht bläulich beleuchtet. Dieser Effekt harmoniert mit den schlichten weißen Kostümen der drei tanzenden Paare.

Die Compagnie hat an diesem Abend eindrucksvoll gezeigt, wie vielfältig moderner Tanz ist. Das Publikum war begeistert, der Scout auch.

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Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.

Christoph Grätz über „Der Graf von Luxemburg“

Fräulein Titellos verliebt sich in Graf Mittellos

Den Theaterleuten war die Erleichterung anzumerken, dass die Premiere des Grafen von Luxemburg ohne Komplikationen über die Bühne gegangen ist. Kein Wunder, ist diese Inszenierung doch besonders opulent und mit Liebe zum Detail ausgestattet, was Bühnenbild, Kostüme und Requisite betrifft. Es kommt einem so vor, als hätten die Bühnenbildner, die Maler, die Schreiner und Schneider und alle anderen Gewerke der deutschen Oper am Rhein besonders Spaß gehabt, alles zu geben.
Schon die Eröffnungsszene war vielversprechend, in der sich das junge verliebte Bohmien-Pärchen Armand Brissard, gut gesungen von Cornel Frey, und seine Freundin Juliette Vermont (Lavinia Dames) schließlich in Farbe wälzen. Mit viel Spielfreude vorgetragen war dann auch die etwas krude Geschichte des liebestollen russischen Fürsten Basil Basilowitsch, der um die schöne Angèle Didier buhlt. Damit die Heirat standesgemäß ist, besticht er den ständig klammen René, seines Zeichens Grafen von Luxemburg, die Schöne zu heiraten und sich rasch wieder scheiden zu lassen und damit den Weg für die nun adelige Hochzeit frei zu machen. Ein Plan, der dann jedoch an der entflammenden Liebe der beiden Protagonisten scheitert: Fräulein Titellos verliebt sich in Graf Mittellos. Mit der Folge, dass dieser nun ständig vor den drei Gorillas des russischen Möchtegern-Edelmannes fliehen muss. Wäre da nicht die Respekt einflößende Gräfin Kokozowa, die der Operette schließlich die glückliche Wendung, dem Fürsten einen Dämpfer gibt und dem verliebten Paar die bereits geschlossene Ehe ermöglicht.
Die Geschichte ist recht schnell erzählt und eigentlich nicht wirklich wichtig, ja vielleicht sogar eher belanglos. Der Abend bietet seichte Unterhaltung was die Handlung betrifft, der die Musik nichts wirklich Tiefes entgegensetzt. Der Graf von Luxemburg, gespielt und gesungen von Bo Skovhus, schien mir stimmlich nicht auf der Höhe zu sein, einzelne Textpassagen kamen nicht durch und es lag nicht am Orchester, das Lukas Beikircher souverän leitete. Auch Bruce Rankin in der Rolle des Fürsten Basilowitsch hat mich an diesem Abend gesanglich nicht durchgehend überzeugend. Anders dagegen die drei Frauenstimmen, Juliane Banse als Angèle Didier, Lavinia Dames als Juliette Vermont und Doris Lamprecht als Gräfin Stasa Kokozowa , die spielerisch und gesanglich sehr präsent waren.
Der dritte Aufzug überraschte dann mit einem hohen Anteil Sprechtheater mit Bezügen zur Gegenwart, die für meinen Geschmack etwas subtiler hätten ausfallen dürfen, wie etwa die Anspielungen auf den künftigen Präsidenten der USA. Durchgängig witzig und unterhaltend waren die drei „Gorillas“ des Grafen, die nach Herzenslust alle Klischees der Russen-Mafia bedient haben. Wunderbar abgestimmt in Größe, Witz und Ausdruck war es ein großes Vergnügen den drei schrägen Typen, gespielt von Luis Fernando Piedra, Karl Walter Sprungala und David Jerusalem bei ihrer Mafia Parodie zuzusehen, die an Filmszenen aus „Manche mögen‘s heiß“ erinnerten.
Der eigentliche Star des Abends aber war kein Künstler sondern das Bühnenbild. Wie beeindruckend die Szene, in der das Gorilla-Trio den flüchtenden Grafen durch das Theater jagt. Dabei entrollt sich mittels Drehbühne vor dem Betrachter das Innenleben eines Theaterbetriebes, vom Bühneneingang über die Künstlergarderobe bis zur Kantine. Auch bei dieser Produktion sind mir sicher wieder viele Details, Anspielungen und Miniaturen der Regie entgangen. Dies mag dem zwischenzeitlichen Tempo der Inszenierung geschuldet sein, die bei aller Kurzweiligkeit auch Längen hatte, vor allem zu Beginn des dritten Aufzugs.
Meine Empfehlung: Eine Inszenierung, die unterhält und nicht weh tut, aber kein Muss.

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Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.

Rouven Kasten über „Madama Butterfly“

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Mitwarten, mitleiden

Madame Butterfly ist eine Geschichte die sehr bekannt ist. Die Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly, wird dem in Nagasaki stationierten amerikanischen Leutnant Pinkerton als Braut offeriert. Dieser ist mit der japanischen Kultur nicht vertraut, die Hochzeit mit Cio-Cio-San ist Mittel zum Zweck, um mit ihr eine gemeinsame Nacht zu verbringen. Konsul Sharpless ahnt dies und warnt Pinkerton, dass die junge Frau sein Eheversprechen ernst nehmen könnte. Dennoch geht Pinkerton den Bund ein, kehrt jedoch nach nur einer gemeinsamen Nacht nach Amerika zu seiner Verlobten Kate zurück. Als er drei Jahre später mit seiner Frau nach Nagasaki kommt, erwartet ihn Butterfly mit einem Kind. Pinkerton weist sie zurück, möchte aber das Kind in die westliche Welt mitnehmen. Cio-Cio-San begreift, dass sie benutzt und entehrt wurde, und begeht Selbstmord.
Es ist völlig klar, dieses Ende wird tragisch werden, aber dennoch denkt man bis zum Schluss, dass es vielleicht doch noch klappt. Siegt vielleicht doch die Liebe? Ach nein, der Künstler hat es so gewollt. Und wir leiden mit! Mit Tränen in den Augenwinkeln leiden wir, wenn die toll besetze Liana Aleksanyan wartet. Die Passagen, in denen Giacomo Puccini sie warten lässt, lässt er auch das Publikum mitwarten und mitleiden. Ein Schuft möchte man sagen.
Der erste Akt ist ein Leid für den Hörer, hier hat Puccini sich ein wenig abgearbeitet, denn so fühlt er sich an. Keine Leichtigkeit, eher gewollt, aber das kann auch nur mein persönlicher Eindruck sein. Für mich ist und bleibt der erste Akt physisch anstrengend, er verlangt mir wirklich Kraft ab. Ein Glück, dass es in den 3 Stunden dann doch eine Pause gibt. Doch kurz nach der Pause wird das Publikum belohnt. Es folgt relativ zeitnah die Arie „Un bel dì vedremo“, das sicher herausragendste Stück der ganzen Oper. Butterfly wartet schon seit drei Jahren auf die Rückkehr ihres Ehemannes. Sie ist verarmt und gesellschaftlich verachtet. Sie gilt als geschieden, weil ihr Mann sie verstoßen hat, doch sie hält an ihrem Glauben fest, dass er zurückkommen wird. In der Arie malt sie sich aus, wie er zurückkommt und wie sie dann triumphieren wird. Untermalt wird das Ganze von Bühnentechnik die mit kleinen Stilmitteln, große Gesten darstellt. Schön!
Überhaupt ist die Bühne von Alfons Flores mit nur einem Umbau aber feinen Details ein echter Blickfang. Lediglich der leichte Bezug in die aktuelle politische Situation und der dazugehörige Kitsch war mir ein wenig zu viel gut, dass aus dem „America forever“ nicht noch ein „America first“ wurde. Das Theater stellt aber zurecht die Protagonisten in den Vordergrund und so überzeugen vor allem Liana Aleksanyan, Maria Kataeva und Eduardo Aladrén. Diese haben keine Mühe sich bis in die obersten Ränge zu singen. Das Orchester unter der Leitung des erst 29 Jahre alten Aziz Shokhakimov, der am Pult alles rausholt, ist eine Empfehlung an die Ohren. Egal ob mit viel Kraft, fast schon verstörend, oder ganz seicht, mit den Tönen kann er wirklich umgehen und er versteht es, das Orchester dort zu empfangen, wo er es hinführen möchte. Schon deswegen hat sich der Abend gelohnt.
FAZIT: Auch wenn Madame Butterfly und ich uns nicht sehr oft über den Weg laufen werden, den Abend in der Oper am Rhein habe ich letztendlich sehr genossen. Solche Stimmen und Klänge muss man einmal live erlebt haben und diese Oper gehört einfach zu denen, die man im Leben einmal live gesehen haben sollte. Daher mein Tipp: Hingehen!

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

Opernscouts Rouven Kasten

Rouven Kasten
Social Media Experte
Rouven Kasten ist in Duisburg aufgewachsen, mit Raider und Pink Floyd. Er bloggt, twittert, facebookt, schießt Fotos und jagt alles in die Wolke. Die Möglichkeit zur grenzenlosen Interaktion gefällt ihm. Nach einigen Agenturstationen und einer intensiven Zeit der Selbstständigkeit ergänzt er nun das Team der GLS Bank im Bereich digitale Kommunikation. Die Begeisterung für das Musikhören und -machen brachte ihn zur Oper und zum Ballett. Die Erfahrungsberichte als Opernscout schreibt er auch in seinen privaten Blog: http://www.gestalterhuette.de oder auf twitter und facebook, direkt aus dem Theater mit dem Hashtag #opernscout.

Ralf Kreiten über „Madama Butterfly“

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Tragödie unter dem Sternenbanner

Die Wirklichkeit ist hässlich. Oder traurig. Oder beides. Daran lässt Puccinis Musik keinen Zweifel, wenn er vor allem in seiner „Butterfly“ den Bogen mitreißend spannt zwischen romantischer Liebelei und extremer Traurigkeit.
In der Inszenierung von Joan Anton Rechi verweigert sich der Regisseur einer niedlichen Nippon-Atmosphäre der Geisha wider Willen, in die der vagabundierende Yankee-Offizier Pinkerton, der nichts weniger ist, als ein Gentleman, auf der Durchreise einbricht. Stattdessen finden Ehe-Coup und Hochzeitsnacht in der amerikanischen Botschaft unter dem alles dominierenden Sternenbanner statt.“ America forever“ statt-Japan Kitsch mit Reißpapier-Wänden.
Für Pinkerton ist es  ein amüsanter Zeitvertreib, für Butterfly ist es aber bedingungslose Liebe, selbst bis zur Aufgabe der alten Religion und Kultur und damit auch des Rückhalts durch ihre eigenen Leute. Das ist ihr Fehler.
Im ersten Akt läuft dann auch alles darauf hinaus, wie Butterfly´s Welt zusammenbricht; bildlich ideal umgesetzt durch das Zusammenbrechen der Säulen in der Botschaft unter ohrenbetäubenden Kriegslärm (Bühne: Alfons Flores). In den Trümmern wartet Cio-Cio- San zusammen mit dem unehelichen Kind; auch hier unter dem weitgehend intakten Sternenbanner, diesmal als Zeltplane für den eigenen Unterschlupf.
Spätestens jetzt schlägt eindrucksvoll die Stunde von Liana Aleksanyan als packende Sänger-Darstellerin. Sie verfügt nicht nur über den Schmelz und großen Atem, den Puccinis wunderbare Musik verlangt, sie hat auch die Durchschlagskraft und enorme Modulationsfähigkeit, mit der ihr, in Verbindung mit berührendem Spiel, ein beeindruckendes und packendes Bild der Protagonistin gelingt. Aber auch die weiteren Sängerinnen und Sänger überzeugen. Der Chor verursacht Gänsehaut, auch weil die Duisburger Philharmoniker unter Leitung des begabten jungen Musikalischen Leiters Aziz Shokhakimov Puccinis Komposition so fein und brillant spielen. Vielleicht manchmal etwas laut; aber wen stört das bei dieser packenden Tragödie.
Rechi lenkt den Blick immer wieder auf das Warten und die Selbsttäuschung der Butterfly. Ernüchternd das wunderschön gesungene „Blumenduett“ zwischen Butterfly und ihrer Gefährtin Suzuki (überzeugend: Maria Kataeva); das Schmücken mit Blumen macht die Trümmerlandschaft nicht schöner, lenkt vielleicht von den seelischen Schmerzen der Butterfly etwas ab. Bedrückend die minutenlange Szene in der die Verzweifelte auf den „Ehemann“ wartet.
Wenn der feige Pinkerton am Ende dieses Alptraums doch noch auftaucht, mit seiner „echten Amerikanerin“ und Ehefrau erkennt Butterfly die Täuschung und kehrt in ihre alte Welt zurück – durch Selbsttötung mit dem Dolch, den schon ihr Vater so gebrauchte.
Einhelliger Jubel für eine packende Inszenierung, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

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Opernscouts Ralf KreitenRalf Kreiten
Abteilungsleiter Sparkasse Krefeld
Schon vor 30 Jahren hat Ralf Kreiten über ein Theaterabo seine Liebe für die klassische Musik, besonders für die Oper, entdeckt. Seit 4 Jahren Duisburger, genießt er jetzt das kulturelle Angebot der Stadt, insbesondere die Aufführungen der Deutschen Oper am Rhein. Über seine Tätigkeit als Opernscout bekommt er jetzt auch einen Zugang zum Ballett, oft ist er sogar sehr begeistert. Diese Erfahrung gibt er gerne an andere Duisburger weiter, um vielleicht auch deren Interesse zu wecken Neues zu entdecken.