b.38 ist etwas sehr Besonderes

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von „b.38“

Der Ballettabend b.38 ist etwas sehr Besonderes – man sollte ihn  unbedingt ansehen, weil er auch für  Nicht-Ballettfans ein richtig  beeindruckendes Erlebnis bietet.

Der dreiteilige Abend beginnt mit der  Uraufführung des Balletts Sinfonie  Nr.1 des rumänischen  Choreographen und Tänzers Remus  Șucheană, der an die Stelle Martin Schläpfers treten wird, wenn dieser  im nächsten Jahr das Ballett am  Rhein verlässt und nach Wien gehen  wird. Der Titel Sinfonie Nr.1 bezieht  sich auf die Musik zu diesem Ballett:  Sergej Rachmaninows erste Sinfonie  – ein dramatisches, animalisches, fast  trotziges Werk, auf das Remus  Șucheană seine Geschichte von  Krieg und Liebe, Verlust und  Sehnsucht, von Schrecken und  Hoffnung choreografiert. Die düsteren  und sehr intensiven Farben dieser  facettenreichen Musik finden sich  wieder im höchst eindrucksvollen Bühnenbild (Darko Petrovic): eine in ihrer Schlicht- und Einfachheit fast bedrohlich wirkende Mauer, die wie ein geöffnetes Buch hochkant die Szene begrenzt und den Blick auf das lenkt, was davor passiert. Menschliche Dramen, Paare, die sich finden, sich trennen müssen, weil die Männer in den Krieg ziehen, die Sehnsucht nach Menschlichkeit, Familienleben und Normalität. Auch Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt sind zu sehen, Hoffnung auf Frieden und bessere Zeiten. Die Kostüme passen sich realistisch in die Szenerie ein: Soldatenuniformen, angelehnt an jene der 1930er Jahre, im Kontrast zu bürgerlicher Kleidung, praktische Schnitte, dazu Frisuren, 44 wie man sie aus Bildern jener Zeiten kennt. In Verbindung mit dem unglaublich starken Ausdruck der Tänzer wird diese Geschichte aufwühlend lebendig. Man wird sogartig hineingezogen, fühlt und erlebt mit und bleibt – insbesondere beim tiefgründigen Ende – mit absoluter Aufmerksamkeit und angehaltenem Atem zurück…

Auf ganz andere Weise beeindruckend ist das zweite Tanzstück, das durch unfassbare Akrobatik besticht: 20 große breite Tische werden von 20 Tänzern vorn auf die Bühne gezogen und auf alle nur erdenklichen Arten genutzt: darauf liegend, wischend, sitzend, ziehend, stehend, mit Füßen tippend, unter ihnen hindurch gerollt, drumherum getanzt… One flat thing, reproduced, hat Choreograf William Forsythe sein Bewegungskunstwerk getauft. Zunächst herrscht auf, neben und unter den Tischen Chaos, zwischendurch lichtet sich das Treiben, Tänzer in kleinen Gruppen reduzieren die Impulse fürs Auge, dann wieder scheinbar ungeordnetes Chaos. Dazu eine Klang- und Geräuschwelt von Thom Willems, die das Chaos akustisch bestätigt… Zutiefst beeindruckend ist die tänzerische Leistung, die akurate Abstimmung, das Timing, die Präzision, die notwendig ist, um sich nicht an den Tischkanten zu verletzen und einen solchen rauschhaften Strudel an Bewegung zu meistern. Aber gefallen? Nein, das tut es nicht sehr – die Musik ist anstrengend, das Chaos bietet keinen Halt fürs Auge, keiner der zahllosen Impulse wird zu Ende geführt, das Auge kann auf nichts ruhen – alles bleibt offen und undurchschaubar. Respekt beschreibt den Eindruck vielleicht eher.

Musikalisch und erzählerisch versöhnlicher ist das dritte Ballett: Martin Schläpfers uraufgeführte Ulenspiegeltänze entführen ein wenig in magische Welten. Till Eulenspiegel, der rebellische Narr, Gaukler, legendäre Streichspieler dient dem Choreografen Martin Schläpfer nur als hintergründiger Nährboden für seine sehr konkret in der Jetztzeit festgemachten Ideen. Die Bühne eröffnet eine nächtliche Szene, nebelig, herabhängende Schnüre von oben werden zu beiden Seiten gezogen, wie ein nur wenig geöffneter Vorhang. Eulen als Motiv tauchen auf, als Nachttier in Videosequenzen oder Eulenaugen, die alles beobachten. Ein großer Kronleuchter oder ein prunkvoller Theatersaal werden eingeblendet und verändern die Atmosphäre. Wenig passend das Portrait Stalins, das im Bühnenhintergrund erscheint. Die Tänzer, in eng anliegende Anzüge gehüllt, die aussehen, als sei der Körper mit Pastellfarben bemalt, sorgen auch hier für fesselnde Stimmungen – ausdrucksvolle Bewegungen, die den Menschen den Spiegel vorhalten, die Menschen darauf stoßen, wie die Realität aussieht, mit allen Schrägheiten und Narreteien… so ist es von Martin Schläpfer gedacht. Und so kommt es auch an. Es braucht eine Weile, bis die Eindrücke verarbeitet sind, aber dann ist die Begeisterung für diesen vielseiteigen Abend um so größer…

Fedrizzi_Isabel_FOTO_Tanja_BrillIsabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout für Oper und Ballett möchte sie ihre Zuschauererfahrungen erweitern und intensivieren.

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Die dunkle, sagenumwobene Welt von „Der Ring des Nibelungen“ – Teil 3

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Annette Hausmann über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

Als Auftakt zur fast fünfstündigen Opernpremiere von Richard Wagners „Siegfried“ kam es im Opernfoyer bereits zu einer ersten Begegnung mit Wotan, dem Wanderer, der gespenstisch-verhüllt mit Hut und abgewracktem Mantel neugierig-distanziert zwischen den ankommenden Gästen hin und her schritt.

Kaum hatte sich im Opernraum selber der eiserne Vorhang gehoben, tauchte man als Zuschauer mit „Siegfried“ in den dritten Teil der dunklen, sagenumwobenen Welt von „Der Ring des Nibelungen“ ein… – den Blick dabei fokussiert auf das karge, trostlose und düstere Innere der Schmiede des Zwergs Mime. Bei ihm als „Ziehvater“ wächst Siegfried isoliert von der Außenwelt auf. In der Oper wird diesem der Typus des furchtlosen und übernatürlich starken, aber zugleich naiven, jungen Mannes zugeschrieben, der keinerlei Kenntnis von seiner Familie, dem Ring des Nibelungen und der damit verbundenen Weltherrschaft hat.

Corby Welch als „Siegfried“ verkörperte diese Rolle trotz seiner gesundheitlichen und stimmlichen Angeschlagenheit vom ersten bis zum dritten Aufzug erstklassig. Er verstand es, seine kraftvolle, warme Tenorstimme mal energisch, mal sanft, aber immer passend zur jeweiligen Handlung einzusetzen und durch seine gekonnt naiv wirkende Gestik und Mimik vielen nonverbalen Szenen witzige Elemente zu verleihen.

Besonders begeistert hat mich Cornel Frey in seiner Rolle als Zwerg und Schmied „Mime“. Durch seine hervorragenden schauspielerischen Fähigkeiten und seine wunderbar klare sowie ausdrucksstarke Tenorstimme gelang es ihm auf geniale und äußerst facettenreiche Art und Weise, Mimes erlebte Demütigungen, seine Unruhe, aber auch Durchtriebenheit und sein haltloses Verlangen nach dem Ring des Nibelungen darzustellen. Zu Recht wird er als „Charaktertenor“ bezeichnet.

Die musikalischen Leistungen der Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Axel Kober zeugten wieder einmal von äußerster Professionalität. Axel Kober schaffte es mit viel Feingefühl, die musikalischen Kontraste herauszuarbeiten und die schauspielerischen Handlungen sinnbildschaffend zu untermalen.

So schön die Musik und die lyrischen Elemente von Wagners Libretto waren, so (ver)störend empfand ich wesentliche Inszenierungselemente, insbesondere die riesige, den Drachen symbolisierende Dampflok und das Hubschrauberwrack im dritten Aufzug. Beim Zuschauer wurden zwar sogleich Assoziationen zur Industrialisierung und zum Kapitalismus geweckt, doch ein Hubschrauberwrack als Raum und Schauplatz für freiwerdende Emotionen – inklusive Liebesduett zwischen Siegfried und Brünnhilde- ist und bleibt für mich befremdlich. Siegfrieds Entdeckung und Erkenntnis: die „große Liebe“, die ihm Furcht einflößt, traten dadurch leider in den Hintergrund.

Wer sich Wagners Musik „verschrieben“ hat und den bestehenden Vorurteilen bezüglich des „Ring des Nibelungen“ als zu lange und zu schwere Oper trotzen möchte, für den ist „Siegfried“ mit der hochkarätigen Sängerbesetzung genau das Richtige, da er der herrlichen Musik lauschen und dabei die teilweise skurrilen Bühnenbilder ausblenden wird.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an GGS Hermann-Grothe-Straße in Duisburg-Bissingheim, einer Montessori-Grundschule, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Sie findet es spannend und freut sich darauf, sich als Scout für Oper und Ballett in dieser Saison wieder regelmäßig und intensiv mit Oper und Ballett auseinanderzusetzen.

Sehr sehens- und hörenswert!

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

Wagners Siegfried ist ein Männerstück: 5:2 das Verhältnis Männer zu Frauen, und die zwei Damenpartien spielen im Rahmen der Opernlänge von fünf Stunden eine eher untergeordnete Rolle. Die Hauptfigur Siegfried und sein Ziehvater Mime bestreiten die ersten knapp eineinhalb Stunden (den ersten der drei Akte) größtenteils im Alleingang, die Dialoge sind geprägt von Verachtung, Missgunst und Hass, die Szenerie ist die kalte Welt der Schmiedewerkstatt mit Metall, Eisen und Stahl… Doch dank großartiger schauspielerischer Leistungen vor allem des Zwergs Mime, aber auch Siegfrieds (und zuletzt auch des Wanderers) ist es nicht einen Moment langweilig, man taucht ein in diese rohe Welt der Nibelungen, in der es um Stärke, Siegen, Überleben geht. In dieser gelungenen Inszenierung Dietrich Hilsdorfs spielt der erste lange Teil in Mimes „rümpeliger“ Werkstatt, deren spröder, düsterer und unaufgeräumter Anblick beinahe wie ein Spiegelbild des Inneren des verbittert-bösen und rachedurstigen Schmieds selbst wirkt. Die Bühne (Dieter Richter) wie auch die Kostüme (Renate Schmitzer) in ihren ausschließlich schlammig-erdigen Farbtönen stimmen zusätzlich ein in die Seelenzustände der sich verachtenden und streitenden Charaktere des ungeliebten Stiefkinds Siegfried und dem ihm verhassten Ziehvater Mime. Duisburgs Siegfried Corby Welch, der sich morgens trotz Halsschmerzen für den Auftritt und gegen die Absage der Premiere entschied, war stimmlich deutlich eingeschränkt und sollte nicht in die Bewertung eingehen. Mime und Fafner sowie auch der Wanderer und Alberich präsentierten solide und gute Stimmen – es wären beide stellenweise besser zur Geltung gekommen, wenn das Orchester weniger voluminös geklungen hätte. Doch das ist ein akustisches Problem und wird -abhängig vom Sitzplatz- sehr unterschiedlich wahrgenommen. Denn zu laut waren sie eigentlich nicht, die Duisburger Philharmoniker, denen unter dem dynamischen und leidenschaftlichen Dirigat von Axel Kober größtes Lob gebührt für einen ausdrucksstarken und zugleich transparenten Wagner, der bis in die einzelnen Instrumentengruppen differenziert war: eine wache und homogene Orchesterleistung.

Das Bühnenbild im zweiten Teil wirkt in seiner totalen Reduktion auf eine schlicht grüne Wand mit einer einzigen Tür als schlichter Gegenpol zur realistischen Werkstattwelt Mimes. Als Treffpunkt für das offene Gespräch Wotans mit der Urmutter Erda wirkt es karg, etwas banal. Doch trotz oder vielleicht wegen der statischen Szene verfolgt man umso gebannter die Dialoge und das geladene Zweigespräch. Diese gespannte Aufmerksamkeit kann die Inszenierung insgesamt lang aufrecht erhalten – erst gegen Ende des dritten Teils, wenn sich Siegfried und Brünnhilde umturteln und zieren und so gar nicht zu ihrer Liebe finden können, spürt man dann doch die epische Breite des theatralischen Dramas… Brünnhilde mit ihrem  durchdringenden Timbre kann man  gleichermaßen überzeugend finden oder ablehnen. Für mich überwog eine klar gezeichnete Stimmführung, die gute Diktion.

Als kleinen „musikalischen“ Störfaktor habe ich das „Begleiten“ der Orchesterpartitur mit den Hammerschlägen auf das Schwert Nothung empfunden – die Idee an sich wirkte gut, für einige wenige Takte oder bestimmte Passagen auch effektvoll, hier aber zu lang und zu dominant ausgekostet. Im positiven Sinn effektvoll ist die monströse Dampfmaschinen-Lokomotive alias Drache Fafner, deren Macht und Dominanz   Siegfried mit einem gezielten Stich in den „Dampfkessel“ zunichte macht… überhaupt mangelte es nicht an guten dramaturgischen Einfällen. Würde ich diesen Siegfried also empfehlen? Ja! Er ist sehr sehens- und hörenswert.

Fedrizzi_Isabel_FOTO_Tanja_BrillIsabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout für Oper und Ballett möchte sie ihre Zuschauererfahrungen erweitern und intensivieren.

What if god is one of us?

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Jürgen Ingenhaag über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

„Siegfried“ würde ich nicht unbedingt als Einsteiger-Oper empfehlen, aber in Richard Wagners „Ring“-Zyklus ist dieses 4 1/2-stündige Werk immerhin das humoristische Intermezzo. Amüsante Aspekte hat auch unsere Rheinopern-Inszenierung von Dietrich Hilsdorf zu bieten. So startet bereits die Show vor dem eigentlichen Stück, indem ein vermeintlicher Stadtstreicher mit altem Fahrrad vor dem Theater und später im Foyer und Zuschauerraum herumwandert. „What if god is one of us?“ – Der gefallene Gott Wotan war also dieser Stadtstreicher und besucht in der Mitte des ersten Aufzugs den Zwerg Mime. Dieser verwettet übermütig seinen Kopf und albert tänzelnd um diesen „Wanderer“ herum. Cornel Frey als Mime singt und schauspielert hervorragend und erntet dafür zu Recht Bravo-Rufe. Mimes Ziehsohn Siegfried ist ein Trotzkopf und wird bekanntlich zum Helden, der das Schwert „Nothung“ neu schmiedet. Der erkrankte Hauptdarsteller Corby Welch sang diese anspruchsvolle Partie und rettete durch diesen selbstlosen Einsatz die Duisburger Premiere.

Bei Wagners Musik fliegt einem das Blech weg. Unsere Duisburger Philharmonikerin Magdalena Ernst spielt im zweiten Aufzug unsichtbar seitlich der Bühne virtuos das Horn. Zuvor imitiert Siegfried wunderbar komisch die Vogelstimmen. Dann erscheint Fafner, der Furcht erregende Wurm – hier die Dampfmaschine! Diese Szene hat mich angenehm überrascht, habe ich mir doch sonst eher einen Drachen gewünscht. Doch die Industrie-/ Kapitalismuskritik sei gestattet und ist vom Autor auch erwünscht.

Im dritten Aufzug wird Siegfried, der Drachentöter, nicht gerade zum (Frauen-)Held. Er lernt das Fürchten, als er sein Dornröschen wachküsst. Richard Wagner legt Brünnhilde warnende Worte in den Mund: „Liebe Dich und lasse von mir: Vernichte Dein Eigen nicht!“ Und dann auf einmal „Dein war ich von je! Dein werd´ ich ewig sein!“ Verstehe einer die Frauen. Happy End?! Jedenfalls werde ich mir „Siegfried“ noch mal ansehen, so wie sich andere mehrfach an einem „Herr der Ringe“-Teil erfreuen.

19.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Jürgen Ingenhaag
Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg

Der Staatlich geprüfte Techniker für Druck und Medien qualifiziert sich zurzeit zur Fachkraft für Arbeitssicherheit. Im Vorstand der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge‘‘. Mit Rock- und Popmusik ist er aufgewachsen – sie hat ihn geprägt und trotzdem nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden; einer, der sogar auch die Bayreuther Festspiele besucht. Im Theater Duisburg freut er sich nach „Rheingold“ und „Walküre“ in dieser Spielzeit auf die Fortsetzung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“.

 

Einzigartig und besonders…

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Michael Menge über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

Angst ist es, was einem vor einer Aufführung von Wagner gemacht wird. Aber warum ich habe es auch nach der Premiere nicht verstanden. Wer Serien auf Netflix binge-watched kann ohne Hemmungen und Berührungsangst in eine Aufführung des Nibelungen Rings von Richard Wagner gehen.
Das Einzige was dieses Stück für einen ungeübten Zuschauer anstrengend macht, ist die ungewohnte Verteilung von Informationen. Man ist es von Filmen oder Serien gewohnt, sehr schnell in eine Handlung geworfen zu werden, die sich rasant weiterentwickelt und es keine Pause gibt bevor dem Protagonisten das nächste unmögliche im Plot widerfährt. Dabei gibt es keine Zeit für die kleinen und leisen Dinge, die sich nur langsam entwickeln und ihre Schönheit durch Zeit offenbaren.

Ganz anders beim Ring des Nibelungen von Richard Wagner. Die Handlung entwickelt sich langsam und wird imposant von dem Orchester begleitet und pointiert. Die Musik ist nicht so komplex, wie bei Mahler aber sie beschreibt in einer kraftvollen Weise die Handlung und Charaktere des Stücks. Man bekommt den Eindruck das jedes Gefühl, jede Handlung und jeder Darsteller seine eigene sich wiederholende Melodie bekommt, die einen durch die Aufführung begleitet.

Im ersten Aufzug kann man sich die Zeit nehmen auf eine poetische Weise nach zu empfinden, wie man sich fühlt, wenn jemand erkennt, dass er nicht in die eigenen Familie passt. Das man sich aus unerklärlichen Grund anders fühlt. Man erlebt, wie sich Siegfried in einem inneren Konflikt befindet und sich mühsam die Erkenntnis seiner Herkunft mit Hilfe von Beispielen aus der Natur erarbeitet bis diese in ihm zu einer unumstößlichen Wahrheit wird.
Im dritten und letzten Aufzug wird einem gezeigt, was es bedeutet, 33 Jahre nur mit einem männlichen Zwerg verbracht zu haben und wie sich das auf den ersten Kontakt zu einer Frau auswirkt. Ich finde, mit diesem Hintergrund, dass sich Siegfried und Brünnhilde doch sehr schnell aufeinander eingelassen haben.

Bei der Premiere war Siegfried dargestellt von Corby Welch, krank und konnte demnach nicht mit seiner gewohnte Stimmkraft die Rolle ausfüllen. Hat das die Premiere schlechter gemacht? Ich finde nicht, es hat die Premiere zu einem einzigartigen Stück gemacht, was man nur erleben konnte, wenn man dort war und das macht für mich den Zauber der Oper und des Balletts aus. Auch wenn man nach Perfektion strebt, machen vermeintliche Schwächen und Fehler einen Moment zu etwas Einzigartigem und Besonderen.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Michael Menge
Selbstständiger Grafikdesigner

Michael Menge ist Inhaber der Design Agentur „Oppa Franz“ aus Duisburg. Im Dialog mit seinen Kunden schaut der freie Art Direktor und Designer genau hin: „Es geht uns um den ganzheitlichen Charakter eines Unternehmens. Denn interessante Persönlichkeiten sind nicht perfekt – und spannende Marken auch nicht.“ Genau hinschauen möchte er jetzt auch als Scout für Oper und Ballett in Duisburg. Er ist sehr neugierig auf das Projekt, da er bisher wenig Berührung mit Oper oder Ballett hatte und freut sich darauf, diese Art der Darstellung und des Ausdruckes besser verstehen zu lernen.

Operette oder Revue?

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Myriam Kasten über Johann Strauss‘ „Fledermaus“

Glanzvoll, fröhlich, pompös, farbenfroh und überspitzt. So kommt die Fledermaus inszeniert von Axel Köhler daher. Für mich mehr eine Kabarett-Revue als eine Operette. Es wird gefeiert, der Champagner fließt in Strömen. An manchen Stellen ein bisschen viel Bling-Bling und die Anspielungen auf die Stadt Duisburg zerstören ein wenig das Gesamtkonzept. Die Szene mit Frosch zu Beginn des 3. Aktes erinnert stark an „Dinner for one“ und ist ebenso klamaukig. Ich frage mich, was Johann Strauß zu dieser Inszenierung gesagt hätte. Hinzu kommt die Dauer. Stellenweise war es sehr kurzweilig doch dann dachte ich, wie lange der Abend sich wohl noch zieht.

Die Stimmen von allen Darstellern waren phantastisch und die Duisburger Philharmoniker haben ebenso phantastisch gespielt.  Alles in allem ein fröhlicher Abend mit lustigen Momenten und sehr schönen Kostümen. Die Raketenfrauen haben mir am besten gefallen. Ob ich es nochmal anschauen würde?  Wahrscheinlich nicht. Ob ich es empfehlen kann? Als Einstig in die Oper schon, denn es ist sehr amüsante leichte Kost.

19.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Myriam Kasten
Projektmanagerin Tourismus bei Duisburg Kontor GmbH

Die gelernte Fotografin hat die Liebe zu ihrer Heimatstadt zum Beruf gemacht: Als Projektmanagerin im Bereich Tourismus gibt sie ihre eigene Begeisterung für die Stadt an Besuchergruppen weiter. Für sie ist das Theater Duisburg einer der großen Anziehungspunkte der Stadt. Hier hat sie schon als Kind viel Zeit verbracht – häufig nahmen sie die Eltern ins Theater mit. Ballettunterricht und das eigene Tanzen verstärkten die  Begeisterung für Musik und Tanz, besonders für die Choreographien von Youri Vàmos.

 

Champagnergelüste und die Leichtigkeit des Seins

DieFledermaus_04_FOTO_HansJoergMichelAnnette Hausmann über die Premiere von Johann Strauss‘ „Die Fledermaus“

Im Mittelpunkt, der am Theater Duisburg aufgeführten Operetten-Premiere „Die Fledermaus“ von Johann Strauss (Sohn) steht die „bunte, lokale Welt“ Duisburgs mit seinen finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in der sich alles um eine Gesellschaft voller Unterschiede, Ideen, Bestrebungen, aber auch Gelüsten und Intrigen dreht. Mit seiner etwas eigenwilligen und überspitzten, jedoch nicht ganz ernstzunehmenden Inszenierung gelingt Axel Köhler eine Zeitreise, die mit dem Börsencrash und den einhergehenden Problemen 1873 in Wien beginnt und mit der Übertragung auf die heutige Zeit der wirtschaftlichen Nöte Duisburgs endet.

Vor Beginn der eigentlichen „Fledermaus-Handlung“ wird der Zuhörer zunächst durch die wundervolle und von den Duisburger Philharmonikern meisterhaft gespielte Ouvertüre in die Zeit der eingängigen, beschwingten Strauss-Musik des 19. Jahrhunderts entführt. Noch in Gedanken versunken, hebt sich der Vorhang und den Zuschauer erwartet ein pompöses, schrill-buntes Bühnenbild mit Puffcharakter. Genial gemacht ist der dreidimensionale Bühneneffekt, der durch die hintereinander angeordneten, goldenen Barock-Bilderrahmen hervorgerufen wird. Einerseits wird dadurch der Bezug zum 19. Jahrhundert hergestellt, andererseits können verschiedene Handlungen auf unterschiedlichen Ebenen (gleichzeitig) stattfinden. Als Zuschauer bleibt man durch den überdimensionierten Bilderrahmen immer in der Rolle des Betrachters und kann aus dieser Distanz heraus leichter über die Eigenarten, vermeintlichen Fehler und Absurditäten der „feinen, aufstrebenden“ Gesellschaft lachen – ohne sich selbst dabei hinterfragen zu müssen.
Richtet man seinen Blick verstärkt auf den Protagonisten Herrn Dr. Falke (Kay Stiefermann), so wird schnell klar, dass man eigentlich ihm, der in seiner Rolle als vermeintlicher Freund von Gabriel von Eisenstein die „Fäden in der Hand“ hält, den Verlauf des Operettenabends zu verdanken hat. Mit Einfallsreichtum und Esprit lädt er aus allen gesellschaftlichen Schichten Duisburgs Gäste zur bevorstehenden Party des Prinzen Orlofskys ein – mit dem Anreiz, an diesem Abend eine gesellschaftlich höher angesehene (Traum-)Rolle einzunehmen.
So sehr die durch „Champagnergelüste“ ausartende Party an die „Leichtigkeit des Seins“ erinnert, so sehr wird deutlich, welch‘ schauspielerische Leistung und vor allem sängerische Höchstleistung die Fledermaus-Operette mit ihren feinsinnig-meisterhaften Kompositionen den Protagonisten abverlangt. Besonders hervorzuheben ist hier Rosalindes Arie „Klänge der Heimat“ (Anne Krabbe) und das „Uhren-Duett“ zusammen gesungen mit ihrem Gatten Gabriel von Eisenstein (Norbert Ernst) sowie Adeles Arie „Mein Herr Marquis“ (Maria Perlt).
Im dritten Akt wird die „Fledermaus“ durch die Rolle des „Frosches“ (Wolfgang Reinbacher) als Gefängniswärter um eine weitere, facettenreiche Nuance der Komik bereichert. Auf geniale Weise versteht es der Schauspieler mit der deutschen Sprache zu „spielen“ und durch seine Wortspielereien das Publikum in seinen Bann zu ziehen, um der Handlung des letzten Aktes nicht nur auf humorvolle Art, sondern auch noch aufmerksam folgen zu können.
Wer bereit ist, am Ende des Jahres nicht alles so ernst zu nehmen und sich auf einen unterhaltsamen Abend einzulassen, den erwartet ein gelungener „Fledermaus-Operetten-Abend“.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an GGS Hermann-Grothe-Straße in Duisburg-Bissingheim, einer Montessori-Grundschule, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Sie findet es spannend und freut sich darauf, sich als Scout für Oper und Ballett in dieser Saison wieder regelmäßig und intensiv mit Oper und Ballett auseinanderzusetzen.