Ganz große Gesangskunst

Jürgen Ingenhaag über die Premiere „Comedian Harmonists in Concert“

„Dich, teure Halle, grüß´ ich wieder“, denke ich unwillkürlich, als ich nach einer gefühlten Ewigkeit in unser geliebtes Duisburger Stadttheater gehe. „Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen“ klingt es mir später von der Bühne zurück.
Statt große Oper singen unsere Rheinopern-Stars nunmehr Schlager jener alten „Boygroup“, die doch irgendwie jeder gerne mag: von den „Comedian Harmonists“!
Und manche Frauen bekommen prompt ihr Ständchen geliefert: Veronika, Isabella oder Johanna, die mehr als nur pfeifen kann. Ein Conférencier erzählt zwischen den 15 Evergreens des Ensembles dessen kurze beispiellose Geschichte, die zwischen 1927 und 1935 spielt.

Das ist ganz große Gesangskunst, was die Sänger da von der ersten Nummer an abliefern. Dabei wäre es bestimmt eine interessante Studie gewesen, wie es sich wohl angehört hätte, wenn sich die verschiedenen Stimmen erst einmal „austerzen“ müssen, um dann ihren Harmonie-Stil zu finden. So gibt beispielsweise der „Graf“ Günes Gürle den Bassisten Robert Biberti, Wagner-„Mime“ Cornel Frey mimt den ersten Tenor Ari Leschnikoff und hat auch einige Arrangements ergänzt. Sowas finde ich sehr spannend, denn es muss live anders (und dynamischer) klingen als von Platte.
Die emotionale Nummer „Irgendwo auf der Welt“ habe ich allerdings nicht so früh erwartet. Statt des kargen weißen Bühnenhintergrunds hätte ich mir hier und da zeitgenössische (Publikums-)Bilder aus Berlin oder New York gewünscht, aber egal.

Nicht egal sind die Corona-Abstandsregeln, weil eben unvermeidlich. Immerhin sitzt kein Riese mehr direkt vor einem kleinen Menschen, und es hustet einem auch niemand in den Nacken. Als im Stück vom Berufsverbot der drei jüdischen Musiker zur Nazizeit die Rede war, kam mir der Gedanke, wie schwierig die Lockdown-Zeit für all unsere Musiker gewesen sein muss.
Zum Glück darf wieder gespielt werden, und ein großes Lob und Dankeschön gilt auch dem freundlichen Service-Personal im Haus.

Duisburg, Opernscouts

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

Ein wundervoller Neuanfang an der Duisburger Oper

Mila Langbehn über die Premiere „Comedian Harmonists in Concert“

Diese erste Premiere nach der Corona-Zwangspause hat mich sehr berührt. So sehr berührt wie ich es schon viele Jahre nicht mehr bei einer Vorstellung erlebt habe. Der Riesenapplaus am Ende des Abends entsprach vollkommen meiner eigenen Freude und tiefen Dankbarkeit.

Natürlich sind da diese Einschränkungen, angefangen bei den wenig eleganten Masken, unserem Abstand überall zu allen, um dann im nur halb besetzen Zuschauerraum isoliert zu klatschen bis hin zu unübersehbaren Abstandsregeln auf der Bühne … Ja, aber hier ist es, als ob alle diese Einschränkungen miteinander bewirken, dass das Wesentliche, das, worauf es wirklich ankommt in dieser schwierigen Zeit, eine umso größere Wirkung entfalten kann. Es ist der auferlegte, wie auch der bewusst gewählte Purismus, dieser Inszenierung, der genau das freizusetzen vermag, wonach unsere Seele sich sehnt.

Nein, dies ist keine Show, wie man beim Titel „Comedian Harmonists in Concert“ vielleicht vermutet. Kein Entertainment! Kein „Wir lenken Euch jetzt mal mit was Nettem von Euren Corona-Sorgen ab.“ Die Dramaturgin Heili Schwarz-Schütte hat da einen anderen Ansatz:
kein Pomp – nur ein Flügel und die Bühne, so wie sie ist
keine Lightshow – aber Erhellung
keine Stimmen aus dem Off – ein Erzähler, ausdrucksstark (Dirk Weiler)
kein Orchester – ein Pianist, der musikalische Leiter selbst (Patrick Francis Chestnut)
keine Soundtechnik – dafür echte Stimmen, echt gute Stimmen (Cornel Frey, Luis Fernando Piedra, Florian Simson, Günes Gürle und Dmitri Vargin).
Überhaupt kein Brimborium, weder bei den Kostümen, noch bei der Choreographie – überall schlichte Eleganz und feine Akzente – durchaus humorvoll!

Kein Glanz, kein Gold!?
Aber ja! Der goldene Glanz der Comedian Harmonists, das ist etwas zutiefst Menschliches, was da intensiv von der Bühne zu uns ins Publikum strahlt. Wir sehen es mit dem Herzen. Das Wesentliche, das was uns Menschen ausmacht, tief innen drin. Und wir fühlen und wir hören es mit jedem Ton dieser sehr gekonnten wie auch wundervoll ehrlichen Darbietung.
Warum der Mensch singt? Warum es die Oper gibt? An diesem Abend können Sie es intensiv erleben.

Duisburg, Opernscouts

Mila Langbehn
Landart-Künstlerin

Die selbstständige Landart-Künstlerin hat als Amateur-Tänzerin mit klassischer Ausbildung selbst öfter auf der Bühne gestanden. Heute beschäftigt sie sich mit Landschaftskunst und Kunstaustellungen. Beim Theatererlebnis fasziniert sie insbesondere das Zusammenspiel aus den verschiedenen Komponenten Musik, Kostüm, Bühnenbild und Gesang. Besuche im Theater sind für sie ein angenehmer Gegensatz zum alltäglichen Leben und aus den Vorstellungen zieht sie oft auch Inspiration und Vergleicht diese mit ihrer eigenen Arbeit.

Nostalgische Stimmung auf der Bühne

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Comedian Harmonists in Concert“

Mit dem Premierenabend „Comedian Harmonists in Concert“ hat die Deutsche Oper am Rhein in Duisburg einen sehr gelungenen Wiedereinstieg in die neue Spielzeit gefunden.

Die Geschichte des legendären Männer-Vokalquintetts aus den 20er und 30er Jahren bringen fünf Solisten aus dem Ensemble der Rheinoper mitsamt Pianist auf die Bühne: Vokal mit den wohlbekannten Ohrwürmern wie „Veronika, der Lenz ist da“, „Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen“ und natürlich dem „kleinen grünen Kaktus“ und verbal in Form der humorig erzählten wechselvollen Geschichte der Gesangscombo.

Die Zeit ab 1928: Die Gesangsmitglieder finden nach und nach zusammen, sie  proben unter widrigen Bedingungen in Berlin, haben erste zaghafte Erfolge auf kleinen Bühnen. Mit Enthusiasmus und hartnäckigem Durchhaltevermögen starten die fünf Sänger sowie Pianist ihre Karriere aus dem Nichts. Das Aufkommen der Schellackplatte hilft ihnen dabei. Ein begeistertes Publikum beschert den Herren im Frack, die ihre eigene Kunst zwar vom musikalischen Anspruch ernst nehmen, aber ihr Unterhaltungsgenre auch mit viel Augenzwinkern betrachten, eine steile Karriere und Berühmtheit weit über die Landesgrenzen hinaus.

Songs wie „Creole love call“, „Kannst Du pfeifen, Johanna?“ oder „Schöne Isabella von Kastilien“ funktionieren auch heute noch als Stimmungsmacher überall auf der Welt und waren Grundlage des anhaltenden Erfolges. Sie dürfen auch an diesem Abend nicht fehlen.

Die fünf Sänger der Deutschen Oper am Rhein machen ihre Sache gesanglich sehr gut, kleine Soli werden gerecht unter den Sängern verteilt und –trotz Singen und Agieren auf Abstand-  gelingt ihnen ein sauber intoniertes und aufeinander abgestimmtes Miteinander. Dabei ist es nicht einfach, eine „Show“ à la Comedian Harmonists zu bieten: Die Corona-Regeln befehlen beim Singen einen 3-Meter-Mindestabstand untereinander, auch einen sehr großen Abstand vom Bühnenrand, der Pianist mit Flügel bildet nicht den Mittelpunkt, sondern den Hintergrund. Räumlich also viel Distanz – stimmlich nicht – hier überzeugen die Herren sehr, wie sie so stilecht auftreten im schwarzen Frack und weißer Fliege, mit zeitgemäß pomadiger und korrekt gescheitelter Frisur. Auch mit kleinen Mini-Choreographien, humorigen Gesten, die die Liedtexte untermalen, guten Lichteffekten und passender Mimik zaubern sie eine nostalgische Stimmung auf die Bühne.

Dennoch bleibt das Gefühl von „der guten alten Zeit“ hier keineswegs ungetrübt: Die Geschichte der Unterhaltungs-Combo ist eben nicht nur die staunenswert-fröhlich-romantische eines rasanten Aufstiegs, sondern auch die tragische eines politisch erzwungenen Abbruchs durch die Nationalsozialisten, die dem Ensemble 1935 wegen der jüdischstämmigen Mitglieder ein Berufsverbot erteilten. Ein brutales und jähes Ende für die legendären Comedian Harmonists… Irgendwo zwischen der Hoffnung eines „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines Stückchen Glück, und ich träum davon in jedem Augenblick…“ und der ansteckenden Fröhlichkeit eines „Ich hab‘ für Dich ‘nen Blumentopf bestellt“ lässt man sich von den emotionalen Stimmungen gern mitreißen – die Zuhörer haben es mit enthusiastischem Applaus gedankt.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Ausgezeichnete Stimmen, lebendig und mitreißend

Dagmar Ohlwein über die Premiere „Comedian Harmonists in Concert“

Abgesehen von der überaus großen Freude endlich wieder einer Theateraufführung beiwohnen zu dürfen, hat mir der Abend mit den Comedian Harmonists in Concert sehr gut gefallen.
Wie die Musik im nachkriegsbewegten Berlin der 20er Jahre die Menschen leicht, frech und unbeschwert unterhalten konnte, so empfand ich die Aufführung auch in der besonderen Atmosphäre unseres Theaters in der Corona-Edition, großartig, sehr gelungen und unterhaltsam.

Der lang anhaltende Applaus, den die Protagonisten überaus dankbar aufnahmen, bestätigte meinen persönlichen Eindruck.
Mit dem allseits bekannten Ohrwurm: „Wochenend und Sonnenschein“ traten die Künstler auf die Bühne. Eher nüchtern war das Bühnenbild.

Patrick Francis Chestnut, der musikalische Leiter für dieses Ensemblestück, am Piano als Erwin; mit dem zulässigen Abstand die fünf Sänger der Comedian Harmonists, gekleidet in der für die damalige Zeit üblichen Weise des Varietés mit elegantem Frack, Fliege, Lackschuhen. Es folgten, durch die Moderation von Dirk Weiler jeweils unterbrochen, weitere 14 launige Stücke aus dem Repertoire der Comedians. Die ausgezeichneten Stimmen von Cornel Frey als Ari, Luis Fernando Piedra als Erich, Florian Simson als Roman, Günes Gürle als Robert und Dimitri Vargin als Roman ließen die Stimmung, die beim Vortragen von „Ein Freund, ein guter Freund“ u.a. entsteht, sehr lebendig und mitreißend werden.

Pointenreich und humorvoll waren die kleinen tänzerischen Choreographien der fünf Sänger. Wobei ich mir gut vorstellen kann, dass das Einstudieren mit Abstandsregeln eine große Herausforderung darstellt.
Ich kann die Aufführung sehr empfehlen. Sehr dazu beigetragen hat die durchaus passende, ausgezeichnete Moderation von Dirk Weiler. Durch seine Erläuterungen wie die Comedians zu dem Ruhm, der Anerkennung, die sie weltweit genossen, und letztlich der Entwicklungen, die zu ihrem Zerfall führten, wurde mir ihre Aktualität und Berühmtheit bis heute noch einmal deutlich gemacht. Die Leichtigkeit, das Humorvolle und die Harmonie der Lieder der Comedians trägt nach meinem Empfinden immer ein wenig Melancholie mit sich.

Dieser Premierenabend über 1 1/4h intensiven Eintauchens in die Musik der 20er Jahre verstand es, das dem Publikum nahe zu bringen.

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin im Ruhestand nimmt sich Zeit für Kultur. Als Jugendliche lebte sie „direkt um die Ecke“ des Theaters Duisburg und hatte so schon immer viel Kontakt zur Kunst. Sie ist sehr gespannt auf das zweite Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2020/21.

Absolut sehenswert!

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Christiane Hain über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Charles Gounods Oper über Shakespeares Romeo et Juliette  ist eine sehens- und hörenswerte Oper,  die leider viel zu selten auf dem Spielplan steht.
Musikalisch wieder hervorragend von den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Marie Jacquot umgesetzt.
Erwähnenswert ist auch wieder einmal der Chor der deutschen Oper am Rhein, der in dieser Oper eine tragend Rolle spielen und singen durfte.

Der junge Regisseur Philipp Westerbarkei legt dieses Stück auf einen Marktplatz in Verona, ein sparsames Bühnenbild, ein schwarzer Kubus mit vielen Stühlen und einen Berg, der bei der Trauung von Romeo und Juliette eine wichtige Rolle spielt, aber schwierig zu bespielen ist.
Dagegen beeindruckend ist das Bühnenbild durch das Lichtspiel eines übergroßen Kreuzes um im letzten Akt die Kirche darzustellen.
Schön auch die Idee das Hochzeitskleid von Juliette aus der vermeintlichen Leiche von Tybalt zu ziehen und den toten Tybalt in der letzten Szene als dämonischer Geist auferstehen und agieren zu lassen. Ein genialer Einfall von Westerbarkei.
Schwierig ist dagegen die Rolle des jungen Liebespaares zu verstehen.
Das junge Mädchen trägt dasselbe silberne Glitzerkleid wie Juliette. So erkennt man den Bezug zu Romeo und Juliette, aber der Sinn erschließt sich mir nicht. Zumal die beiden in den letzten Szenen gar nicht mehr auftreten. Was ist also deren Rolle?

Insbesondere beeindrucken die schauspielerische Leistung der  Sänger, die intensive Ausprägung der Charaktere und das Halten der interaktive Spannung über das ganze Stück hinweg.
Westerbarkei versteht es eine Geschichte auf die Bühne zu bringen.
Sängerisch herausragend sind Sylvia Hamvasi als Juliette und Miriam Albano als Stephano, die so frisch spielt und singt. Eigentlich ist die Rolle für sie zu klein.

Was werden ich meinen Freunden über den Abend erzählen:  Absolut sehenswert!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Düsseldorf. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Ihre Tätigkeit als Opernscout führt dazu, dass sie wieder bewusster ins Theater geht und die Aufführungen als einen wichtigen Ausgleich zum Berufsleben betrachtet.

Eine musikalisch-lyrische Zeitreise

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Annette Hausmann über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Mit dem ersten Auftakt der dramatischen Oper „Roméo et Juliette“, die Charles Gounod 1867 auf der Grundlage von Shakespeares gleichnamiger und weltbekannter Tragödie schuf, begebe ich mich auf eine musikalisch-lyrische Zeitreise quer durch Europa.
Als „Reiseführer“ hätte kein Geeigneterer als der Regisseur Philipp Westerbarkei ausgewählt werden können.
Tiefsinnig und mit der nötigen Portion Provokation ist ihm die Adaption seiner Operninszenierung in die heutige Zeit perfekt gelungen.

Der Vorhang hebt sich und gleich zu Beginn erwartet einen eine Bühnenkulisse, die wenig südländischen Flair „versprüht“ und nur mit viel Phantasie eine italienische Piazza erkennen lässt. Der Bühnenboden ist mit einer Folie überzogen, die Assoziationen von „Glanz und Gloria“, „Kälte und Glätte“ hervorruft und in der sich alle Bewegungshandlungen der Protagonisten widerspiegeln.
Am Ende der Bühne, auf der sich übereinander gestapelte Stühle befinden, ragt ein riesiger Felsen mit einer beleuchteten Madonna hervor.
Schnell wird dieser düster wirkende Bühnenraum durch die hervorragenden Stimmen und schauspielerischen Leistungen des Opernchors mit Leben und Volumen gefüllt.
In ihren bunten, glitzernden Kostümen verkörpern sie in Zeitlupe Macarena tanzend die vermeintlich lustige, ausgelassene Gesellschaft, die Capulet am Abend des Ferragostos anlässlich der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter Juliette mit Pâris zur Party eingeladen hat.
Inmitten dieses Treibens treffen Roméo und Juliette aufeinander und ihr Schicksal durch die gesellschaftliche Vergiftung nimmt schleichend seinen Lauf. Ausdrucksstark wird dies sinnbildlich durch die rauchende und Juliette kreisförmig umschließende Gesellschaft dargestellt.
Juliette, gesungen von Sylvia Hamvasi, strahlt nur äußerlich durch ihr silberfarbenes Glitzerkleid; innerlich sträubt sie sich gegen die gesellschaftlichen Zwänge.
In ihren anspruchsvollen Arien singt sie von ihrer ersehnten Freiheit und ihrem Wunsch, träumen und leben zu dürfen (-„Je veux vivre dans le rêve, qui m’enivre…“).
Sie bricht regelrecht aus ihrer Rolle aus, steigt auf immer höher aufeinander gestapelte Stühle und verleiht auf diese Weise ihrem Bestreben, „frei zu sein wie ein Vogel, der zum Himmel fliegt“, noch mehr Ausdruckskraft.
Für Roméo, solide dargestellt und gesungen von Gustavo de Gennaro, scheint Juliette von Anfang an unerreichbar zu sein.

Im Verlauf der Inszenierung wird das Bühnenbild (Tatjana Ivschina) und die Lichttechnik (Volker Weinhart) zunehmend beeindruckender.
Die quadratisch angeordnete Beleuchtung wird abgesenkt und erscheint wie ein abgegrenztes Lichtermeer oder gar Lichterlabyrinth, in dem Roméo und Juliette im unruhigen Schein der „süßen Nacht der Liebe“ ihre innige Verbundenheit besingen und gleichzeitig ihrer „Gedankenflut“ freien Lauf lassen. Einfach genial!
Gleichzeitig wird die Bühne zum Kirchenraum, in dem die Hochzeitszeremonie stattfindet, zu der ein gewaltiges Orgelpräludium erklingt und der Chor einen weiteren starken Auftritt hat, der „unter die Haut“ geht.
Parallel zum tragischen Ende der Oper hebt sich langsam ein Bühnenelement, unter dem „love is a losing game“ zu lesen ist. Anfänglich irritiert es mich, doch es entspricht genau Westerbarkeis Fazit von einer sich selbst und andere vergiftenden Gesellschaft, in der das „individuelle Glück“ und das „Andersdenken“ nicht akzeptiert wird, sodass nur der Freitod der einzige Ausweg zur ersehnten Freiheit ist.

Mit „Roméo et Juliette“ schafft Westerbarkei eine großartige, vielschichtige und sehenswerte Oper.
Dabei besitzt er den Mut, das Rädchen der traditionellen Operntragödie zeitgemäß weiterzudrehen, sodass die Geschichte von „Romeo und Julia“ weiterhin unsterblich bleibt.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

Nicht nur für Shakespeare-Fans!

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Die Liebesgeschichte von Romeo und Julia erzählt die wohl  berühmteste Tragödie der Literaturgeschichte… auch der französische Romantiker Charles Gounod hat sich des Sujets angenommen und das Libretto von Jules Barbier und Michel Carré als Grundlage für seine lyrische, dreistündige epische Oper gewählt.
Bei der Premiere in Duisburg war seine romantische Musik bei den hervorragenden Duisburger Philharmonikern in besten Händen – maßgeblich dafür verantwortlich war auch die neue erste Kapellmeisterin der Oper Marie Jacquot, unter deren wacher und engagierter musikalischer Leitung sich das Orchester in Bestform zeigte und den Facetten- und Farbenreichtum der Partitur wunderschön zum Klingen brachte.
Auch der Chor, der eine größere Rolle in der Oper spielte, glänzte mit epischen Chören und homogenem Ton.

Die Kulissen auf der Bühne, ein großer Felsen mit beleuchteter Madonnenfigur, erwiesen sich als wandelbar und einfallsreich. Mit wenigen aber effektiven Mitteln (Regen) und passenden Requisiten bot der Bühnenaufbau den Sängern einen ebenso passenden wie auch herausfordernden Hintergrund (auf Stuhlberge steigen, im Liegen und Bücken singen) für ihre dramatisch-tragische Geschichte.
Viel Atmosphäre schuf auch das oft fahle, schummrige Licht, das ebenso als Spiegelbild des „düsteren Innenlebens“ der Akteure wie auch als Nacht-Stimmung zu sehen sein konnte.
Die Regie der Oper führte Philipp Westerbarkei, ebenfalls an der Rheinoper mit La Bohème zu sehen.
Er taucht seine Love story in ein schrilles, zeitgenössisch geprägtes Licht: bunte Kostüme von Mini-Mode, leuchtfarbigen Anzügen  bis zu Glitzer- und Pailettenkleidern, Zigaretten rauchende Akteure sowie ein Macarena-tanzender Chor… assoziativ und mutig ist seine Herangehensweise in jedem Fall – passend oder stimmig erschien manches aber nicht.
Geteilter Meinung darf man vor allem über seine Quintessenz „LOVE IS A LOSING GAME“ sein, die am Ende der Oper als Leuchtschrift auf der Unterseite einer Wand erscheint, die ins Bühnenhaus hochgezogen wird… für mich kein schlüssiges Fazit der Aufführung.
Einen wesentlichen Bruch mit der Geschichte führt Philipp Westerbarkeit am Ende sowieso herbei: Juliette tötet sich nicht selbst, nachdem sie Roméos Sterben miterleben musste, sondern wird resigniert zu ihrer bevorstehenden „Zwangs-Hochzeit“ mit Paris getragen.
Hier gefiele mir eine Vorlagentreue besser… Die Sänger darf man loben: Sylvia Hamvasi als Juliette sang sich nach kleiner Anlaufphase gut in ihre Rolle hinein, überzeugte mit einer gut geführten Stimme bis in die Koloraturen hinein. Von ihrer lodernden Liebesglut zu Roméo konnte sie das Publikum allerdings weniger überzeugen.
Gustavo de Gennaro bot einen solide gesungenen und gespielten Roméo.
Vor allem aus musikalischer Sicht ein wirklich genussvoller Abend (denn Gounods üppiger romantischer und harmonieseliger Tonfall funktioniert im Ernstfall kurzzeitig auch mit geschlossenen Augen).
Trotz Meinungsverschiedenheiten über einzelne Regieideen ist diese Oper unbedingt lohnend – nicht nur für Shakespeare-Fans!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Kultverdächtig!

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Mila Langbehn über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Das Ende, das nehme ich gleich vorweg, das Ende finde ich richtig gut. Juliette will sich erdolchen, als ihr geliebter Roméo tot vor ihr liegt. Aber es kommt ganz anders: Ein starker Mann, Pâris, trägt sie von Roméo weg – zur Trauung!
Ich finde, das ist eine interessante Variante, die gute Denkanstöße gibt.

Leider ist der Rest der Inszenierung weniger erfreulich, denn leider wird an diesem Abend nicht nur Juliette zwangsvermählt.

Auf der einen Seite ist da die Oper von Charles Gounod.
Ich kannte Gounods Werke noch nicht und bin überrascht wie sehr er mich begeistert! Die neue Dirigentin, Marie Jacquot, hat diese Oper mit den Duisburger Philharmonikern großartig umgesetzt. Das ist Samt und Seide für die Ohren!
Ich bin hin und weg, wiege mich in Wohlklängen und genieße dank der Übersetzung in den Übertiteln feinste Lyrik der Extraklasse.
Die Stimmen der Solist*innen gefallen mir alle sehr.
Und der Chor! Gänsehaut pur.

Auf der anderen Seite ist da die Inszenierung von Westerbarkei.
Nun ja, für meine Ohren war’s wunderschön. Für meine Augen war’s schön, als der Schmerz nachließ.
Im Nachklang allerdings, da wurde mir klar: Das Stück ist schwer kultverdächtig!
Es enthält einfach alles, was ein echtes B-Movie ausmacht, das etwa 20 Jahre später Kult wird: billige Pappmaché-Kulissen (großer Felsen auf Rädern), Zaunpfähle, die nicht winken, sondern erschlagen (eine monströse Leuchtschrift), hölzerne Schauspielerei, einen Zombie (der Geist Tybalts), böse Beleuchtung in Liebesszenen (OP-Tisch-tauglich), übles Outfit (Julia in den ersten Akten), sinnlose Gewalt (zu den Morden musste noch eine Vergewaltigung mit rein), plumpe Kopien und peinliche Zitate … ja, und zwischendrin vereinzelt – quasi als das Salz in der Suppe – wirklich gute Szenen!

Diese unglaubliche Mischung, das muss ihm mal einer nachmachen, diesem Westerbarkei.
Das ist kultverdächtig!

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Mila Langbehn
Landart-Künstlerin

Die selbstständige Landart-Künstlerin hat als Amateur-Tänzerin mit klassischer Ausbildung selbst öfter auf der Bühne gestanden. Heute beschäftigt sie sich mit Landschaftskunst. Kunstaustellungen. Beim Theatererlebnis fasziniert sie insbesondere das Zusammenspiel aus den verschiedenen Komponenten Musik, Kostüm, Bühnenbild und Gesang. Besuche im Theater sind für sie ein angenehmer Gegensatz zum alltäglichen Leben und aus den Vorstellungen zieht sie oft auch Inspiration und Vergleicht diese mit ihrer eigenen Arbeit.

Jugendlicher Leichtsinn und Übermut

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Jürgen Ingenhaag über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Shakespeares „Romeo und Julia“ als Musiktheater kenne ich nur als „Westside Story“ von Leonard Bernstein, deshalb freut es mich ganz besonders, an der Rheinoper Charles Gounods selten gespieltes Musikdrama „Roméo et Juliette“ erleben zu dürfen.
Philipp Westerbarkei inszeniert hier einen „Sommernachtsalbtraum“ mit der (nur aus dem Parkett heraus lesbaren) Schlusserkenntnis „love is a loosing game“.
Da lässt sich „too much love will kill you“ hinzufügen oder die große traurige Erkenntnis, dass es „keine Liebe mehr unter den Menschen gibt“.

Roméo verfällt der Liebe auf den ersten Blick, und ihn kümmert es auch nicht, als „Feigling“ bezeichnet zu werden solange er seiner „Flamme“ nah sein darf.
Juliette kommt Roméos Flirt sehr entgegen, will sie doch ihrer strengen Familie entfliehen und singt ihre Freiheits-Arie auf einem Berg aus Stühlen (wo man als Sicherheitsfreund kaum hinschauen mag).
Auch die Trauungszeremonie wird szenisch und optisch auf einem künstlichen Felsen in die Höhe getrieben, ehe das Paar zu Klippenspringern wird und den „Sprung ins kalte Wasser“ einer verbotenen Ehe wagt. Das ist doch mal eine gelungene Darstellung von jugendlichem Leichtsinn und Übermut!

Neben Roméo und Juliette brilliert der Chor als dritter „Hauptdarsteller“.
Der darf als Partygesellschaft tanzen und zanken, als lästige Nachbarn rauchen, saufen und Juliette Capulet bloßstellen.
Das ist großes Theater, und vor allem die Schluss-Szene des dritten Akts mit „Tag der Trauer…“ ist rührselig und mit dem einsetzenden Regen passend und beeindruckend inszeniert.
An dieser Stelle muss ich vor allem die Blechbläser der Duisburger Philharmoniker loben, die wohlklingend eine feierliche Atmosphäre erzeugen und wunderschöne Musik spielen.

Teilweise empfinde ich Szene und Text als nicht ganz stimmig (die Erscheinung des toten Tybalt im vierten Akt ist viel zu lang und lästig).
Gerne werde ich diese Oper ein weiteres Mal besuchen, um weitere Inszenierungsdetails zu entdecken und Gounods schöne Melodien zu genießen!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

Eine Fülle von Augen-und Ohrenreizen

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Dagmar Ohlwein über die Premiere von „Roméo et Juliette“

„Roméo et Juliette“ von Charles Gounod ist ein Meisterwerk der französischen Opernromantik.
Um Romantik und das Schwelgen in berührenden, leidenschaftlichen Gesangsszenen geht es Philipp Westerbarkai in dieser Inszenierung in erster Linie, meiner Einschätzung nach, nicht.
Wie schon in anderen Opernaufführungen gelingt es ihm „Roméo et Juliette“, diese dramatische Liebesgeschichte zunächst von William Shakespeare auf die Bühne gebracht, in hervorragender Weise so modern und zeitgemäß zu gestalten, dass dieser Opernabend einmal mehr spannend, nachdenkenswert und inspirierend für mich wurde.

Schon mit den Kostümen, die im Stil der 50er Jahre gestaltet sind, bietet sich dem Zuschauer ein buntes, aufregendes Bild auf einer nächtlichen Piazza von Verona.
Das Bühnenbild und der großartige Gesang des Chores der Deutschen Oper am Rhein lässt den Zuschauer eintauchen in eine heiße Sommernacht und in die Partygesellschaft der Familie Capulet.
Es ist Ferragosto, die Protagonisten, Juliette dargestellt von Sylvia Hamvasi und Gustavo de Gennaro als Roméo, der Sohn der verfeindeten Familie Montague, begegnen sich. Sowohl die Schauspielkunst als auch die gesangliche Leistung des Chores sind hervorragend.
Die Stimmen von Sylvia Hamvasi und auch Gustavo de Gennaro stechen für mich nicht besonders hervor.

Das Liebesdrama nimmt in bekannter Weise seinen Lauf.
Dabei wurde mein Blick mehr auf die einzelnen Darsteller gelenkt.
Da ist Juliette, die in meinen Augen um Freiheit, im weitesten Sinn Emanzipation kämpft.
Will Roméo vielleicht den Schmerz um eine verlorene Liebe mit einer neuen, der vermeintlich größten Liebe seines Lebens, Juliette, vergessen? Wie tief und innig die Liebe dieses weltberühmten Liebespaares während eines langen Lebens sich entwickelt hätte, bleibt für immer und ewig, typisch für solche Liebesdramen, offen.
Tybalt, der Cousin Juliettes, wird zum Mörder und durch Roméo zum Gemordeten.
Er bleibt auch als schon Getöteter präsent auf der Bühne. Sein durchgehender Auftritt als Gemordeter hat mich hin und wieder ein wenig irritiert .
Er, wie auch Mercutio, der ermordete Freund Roméos, und das berühmteste Liebespaar aller Zeiten sind Opfer einer hasserfüllten, blutigen Feindschaft zweier Familien.

Diese Tragödie hat Philipp Westerbarkei in großartiger Weise neu auf die Bühne gebracht. Applaus und große Anerkennung für die intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema.
Anspielungen, Hinweise und Andeutungen zu Westerbarkais und vielleicht auch Gounods Gedanken zu dem Thema sind zahlreich in der Inszenierung zu finden: eine „instabile“ Stuhlkonstruktion auf der sich die Juliette häufig bewegt, die eventuell aufzeigen möchte, dass nichts im Leben stabil ist, wir uns immer auf unsicherem Grund bewegen.
„Je veux vivre“ singt sie in einer Arie, löst ihre bis dahin aufgesteckten Haare, entledigt sich ihrer Schuhe. Sie möchte raus aus ihren Familienzwängen, frei leben und entscheiden.

Ein Schauspiel/Ballettpaar, Maria Sauckel-Plock und Egor Reider, das in den Pausen zwischen dem 1. und 2., 2. und 3. Akt auftritt, soll vielleicht auf sehr subtile, feine Weise den Fokus auf die Befindlichkeiten zweier frisch verliebter Menschen richten. Eine Fülle von Augen-und Ohrenreizen.
Nicht unerwähnt möchte ich noch das phantastische Dirigat von Marie Jacquot lassen. Mein Fazit: Ein interessanter, belebender, erfrischender Opernabend.

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Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin ist gerade im Ruhestand angekommen und widmet nun einen großen Teil ihrer Zeit der Kultur. Das heißt für sie regelmäßig diverse Kulturangebote warzunehmen. Als Jugendliche hat sie „direkt um die Ecke“ vom Theater Duisburg gelebt und so schon immer viel Kontakt zur Kunst gehabt. Sie ist sehr gespannt auf ihr erstes Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2019/20.

Kontrastreich – wunderbar – auf höchstem Niveau!

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Annette Hausmann über die Premiere von „b.42“

Im Vorfeld hatte ich mich bereits aufgrund der hervorragenden Ballettinszenierungen im vergangenen Jahr auf die Premiere „b.42“ gefreut…- und ich muss sagen: ich wurde in keinster Weise enttäuscht!

Square Dance
Wohl überlegt und passend gewählt beginnt der Ballettabend mit Balanchines neoklassischem Stück „Square Dance“.
Auf den ersten Blick ist es Ballett in seiner „Reinform“.
Sechs Tänzerpaare tanzen geordnet auf einer „requisitenlosen“ Bühne, deren Wand türkis beleuchtet ist. Bekleidet sind sie entsprechend ihrer traditionellen, geschlechterspezifischen Rollen mit körperbetonten Trikots in Form von Röcken bzw. Hosen.
Durch Balanchines bewusste Reduzierung auf das Wesentliche tritt die Handlung in den Hintergrund. Stattdessen wird ein Freiraum geschaffen für das rein Visuell-Auditive, für den Tanz und die wundervolle barocke Musik von Vivaldi und Corelli.
Erst dadurch nehme ich die im Verlauf der Inszenierung mit eingeflossenen Elemente des amerikanischen Volkstanzes „Square Dance“ wahr.
So schweben die Tänzer nicht nur mit einer scheinbar sinnlichen Leichtigkeit über die Bühne, sondern zeigen im nächsten Moment ausdrucksstark und mit einer unglaublichen Schnelligkeit Tanzschritte, Figuren und Formationen, die ich in dieser Kombination bislang noch in keiner Ballettaufführung zu sehen bekommen habe. Insbesondere die expressive Beinarbeit fasziniert mich und mein Blick wird magisch davon angezogen.
Die beiden Solotänze von Sonja Dvorak und Orazio Di Bella, die ebenfalls der ehemalige amerikanische Startänzer Bart Cook einstudiert hat, machen deutlich, wieviel an Disziplin, Präzision, Ausdauer und Kraft von den Tänzern abverlangt wird, um Ballettkunst auf höchstem Niveau präsentieren zu können.

Symphonic Poem
Stille… – Dunkelheit…
So beginnt Remus Şucheanăs Uraufführung „Symphonic Poem“, zu der er sich durch die Komposition „Metacosmos“ der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir hat inspirieren lassen.
Inmitten dieser angespannten Stille erwachen die ersten Tänzer und beginnen sich wie tanzende Schatten über weiche fließende Bewegungen aus ihrer Kauerstellung zu befreien.
Mit Einsetzen der „metacosmischen“ Klänge werden für den Zuschauer allmählich die außergewöhnlichen und bunten Kostüme sichtbar, die an Kobolde oder Fabelwesen erinnern. Anfänglich scheinen die Klänge die Körper dieser Wesen in Bewegung zu setzen, doch im Verlauf der sich entfaltenden Klangwelt werden sie mittels ihrer weichen, leisen und oftmals synchronen Bewegungen eins mit dieser Musik und den dargestellten Naturphänomenen.
Es ist ein Geben und Nehmen, ein Kommen und Gehen…

Şucheană ist es auf geniale Weise gelungen, seine Ballettinszenierung auf drei Ebenen (Orchestergraben, Bühne und über den Tänzern schwebende Schlagzeuger-Podeste) „spielen“ zu lassen, um so den Untergrund, die Erde und den Himmel darzustellen. Chapeau!

Reformationssymphonie
Mit Martin Schläpfers „Reformationssymphonie“ ist der Spannungsbogen des Ballettabends „b.42“ vollendet. Wieviel Tiefgründiges, Sinnliches und zugleich aufwühlend Nachdenkliches in einer Choreographie „stecken“ kann, die eine historische, lutherbezogene Geschichte vom Glauben und (Ver-)Zweifeln erzählt, hat Schläpfer wieder einmal bewiesen.

Gleich zu Beginn werde ich mit Gegensätzen und Kontrasten konfrontiert, die mich spüren lassen, dass ich keine Zeit zum Träumen habe, sondern gesellschaftskritisch mitdenken und konzentriert sein muss.
Wie aus dem dunklen Schein der Nacht treten die Tänzer tippelnd, dynamisch in einheitlichen, enganliegenden schwarzen Trikots auf die Bühne. Die traditionellen Geschlechterrollen verschwimmen… – Männer, die anmutig im Duett miteinander tanzen oder Frauen, die sich impulsiv und lautstark mit schwarzen Spitzenschuhen „Gehör“ verschaffen. Ausgelöst durch diese Art der Inszenierung und die dazu passende, ausdrucksstarke Musik von Mendelssohn-Bartholdy lassen mich die Gedanken vom Drang nach Freiheit, aber gleichzeitigem Gefangensein, von der Individualität und Gleichheit eines jeden Menschen und dem Wunsch nach Harmonie trotz immerwährender Kämpfe nicht los und beschäftigen mich noch nachhaltig.

„b.42“ ist absolut empfehlenswert: kontrastreich – wunderbar – auf höchstem Niveau!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

 

Ein großartiger Ballettabend

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Michael Menge über die Premiere von „b.42“

Ein Premierenabend, von dem der Klang der Bewegungen in mir lange nachhallen wird.

Blau, Grau und klar beginnt die Vorstellung mit einem Ballett von George Balanchine, das durch die Reduktion auf den absoluten Ausdruck des Körpers die Musik für das Publikum sichtbar werden lässt. Die klassische Choreografie die ihre beeindruckende Tiefe durch Präzision erzeugt, wird durch witzige und lebendige Elemente die die naive Freude an der Bewegung ausdrücken überraschend nahbar. Man bekommt den Eindruck, dass dem Betrachter*in ein leichterer Zugang geschenkt wird, da er/sie sich in seiner/ihrer fehlerhaften Menschlichkeit wieder erkennt.

Natur, Glitzer und Weiblichkeit bestimmen die zweite Choreografie des Abends zu der Musik von Anna Thorvaldsdottir die einen zu Beginn erst mal mit einer endlosen Stille alleine lässt.
Die Basis der ersten Ballett-Aufführung bestand aus einer klaren Struktur zwischen den Geschlechtern, der Reduktion auf den Menschen und der Visualisierung von Musik. Die Ballettchoreografie von Remus Şucheană hat mit diesen Parametern nur wenig zu tun. Er inszeniert Mutternatur durch eine in den Mittelpunkt gestellte Weiblichkeit der Tänzerinnen neben denen die männlichen Künstler nur eine schüchterne Nebenrolle spielen. Die Musik von Anna Thorvaldsdottir beginnt sehr vorsichtig und sanft und steigert sich im Laufe der Inszenierung zu einem komplexen und dramatischen Klanggebäude was die Tänzer*innen für Ihre Bewegungen nutzen.

Das Spiel mit nicht definierten oder vertauschten Geschlechterrollen, der Kampf um Individualität und die bedrohliche Kraft der Masse in einem leeren Raum bestimmen die Dramatik des Stückes von Martin Schläpfer. Man bekommt den Eindruck, dass es nicht um den Ausdruck und die Bewegung geht, aus denen die Choreografie besteht, sondern dass Martin Schläpfer sein Ballett von der Reduktion auf die körperliche Kraft der Tänzer*innen befreit und dadurch einen Schritt weiter geht als die beiden anderen Inszenierungen. Damit bildet diese Choreografie zu der komplexen und vielfältigen Musik von Mendelssohn einen grandiosen Abschluss.

Die kuratierte Abfolge der drei Ballettchoreografien macht diesen Abend zu etwas Großartigem.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Michael Menge
Selbstständiger Grafikdesigner

Michael Menge ist Inhaber der Designagentur „Oppa Franz“ aus Duisburg. Im Dialog mit seinen Kunden schaut der Art Direktor und Designer genau hin: „Es geht uns um den ganzheitlichen Charakter eines Unternehmens. Denn interessante Persönlichkeiten sind nicht perfekt – und spannende Marken auch nicht.“ Als Opernneuling gestartet, hat er an dieser Kunstform großen Gefallen gefunden: „Duisburg bietet vielschichtiges, modernes Musiktheater und kann auf dieses Angebot sehr stolz sein.“

Sehr gelungener Abend!

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Christiane Hain über die Premiere von „b.42“

Ein dreiteiliger Ballettabend, der so unterschiedlich ist und doch die Lust und Kunst an der Umsetzung des Tanzes zur Musik vereint.

Den Auftakt macht George Balanchines ‚Square Dance‘ – Eine Mischung von bekannter barocker Musik von Vivaldi und Corelli, des akademischen, klassischen Balletts, einem amerikanischen Volkstanz und einer schlichten blauen Bühne. Die Duisburger Balletcompanie setzt hervorragend die technisch sehr anspruchsvolle Choreografie bei hohem Tempo um. Man muss sich bei der New York City Ballett Stiftung bewerben, und nur wenn man technisch gut genug ist, werden die Stücke mit einem Ex Tänzer des Balletts – in diesem Falle ist es Bart Cook – einstudiert. Dies allein spricht schon für sich. Neoklassisistische Ballette von Balanchine stehen für reines Ballett, nur auf das Notwendigste reduziert, d.h. kein Bühnenbild und einfache, aber wirkungsvolle Kostüme der Tänzer, bei denen man jedem Muskel bewundern kann. Vom amerikanischen Square Dance erkennt man gewisse Strukturen, die Solisten übernehmen teilweise die Funktion des Callers und so vermischen sich Soli und Tanz des Corps de Ballett sehr harmonisch. Im Gegensatz zum klassischen Ballett werden die einzelnen Bewegungen nicht ganz bis zum letzten Präzision ausgeführt oder es werden Figuren aus dem Volkstanz in klassische Bewegungen umgesetzt.

Im Gegensatz dazu steht die Uraufführungvon ‚Symphonic Poem‘ der Choreografie des Ballettdirektors Remus Sucheana (ein ehemaliger Tänzer der Companie) bei seiner Inszenierung einer isländischen zeitgenössischen Musik von Anna Thorvaldsdottir. Die Bühne ist effektvoll mit Licht ausgeleuchtet. Die Tänzer und Musiker teilen sich auf drei Ebenden auf. Drei Schlagzeuger schweben auf der Bühne, die anderen Musiker sind im Orcherstergraben und in der Mitte befinden sich die Tänzer. Diese tragen erdfarbende Kostüme wobei die Männer eher schlichte Kutten tragen und die Frauen – märchenhafte, aufwendige geschnittene Kleidung und somit scheinen eher Wesen als Menschen auf der Bühne zu tanzen. Der Beginn ist schon sehr ungewöhnlich, da die Tänzer minutenlang ohne Musik tanzen und beim Zuschauer sich die Spannung auf die Musik, den ersten Ton erhöht. Dieses Stück ist eher ausdruckstänzerisch geprägt. Der Tanz ist anfänglich leicht und beschwingt und steigert sich im Lauf des Stückes. Die Musik ist bei weitem nicht so harmonisch wie die barocke Musik, aber sehr außergewöhnlich und so gegensätzlich und gewaltig, wie die Natur in Island.

Den Schlusspunkt bildet Martin Schläpfers zeitgenössische Interpretation von Mendelsohns Reformationsymphonie –eine geistliche, tragende Musik, die nicht so eingängig ist, wie Corelli oder Vivaldi. Die Tänzer sind in schwarze Trikots gekleidet. Ein Bühnenbild gibt es nicht. Als Zuschauer kann man sich ganz auf die Tänzer und deren Bewegungen zur Musik konzentrieren. Die Bewegungen, die Schläpfer seine Tänzer ausüben lässt, sind teilweise sehr ungewöhnlich, überraschend für ein Ballett, passen aber hervorragend zur Musik und sind ein Markenzeichen des Choreographen. Es ist ungewöhnlich Männer in Frauen Posen zu sehen und auch Frauen, die in schwarzen Spitzenschuhen tanzen, diese aber nicht zart und leise nutzen, sondern hart in den Boden rammen. Frauen übernehmen scheinbar die Männerrolle.  Ein Stück voller Gegensätze.

Sehr gelungener Abend!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Düsseldorf. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Ihre Tätigkeit als Opernscout führt dazu, dass sie wieder bewusster ins Theater geht und die Aufführungen als einen wichtigen Ausgleich zum Berufsleben betrachtet.

Eine Empfehlung – „b.42“!

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Dagmar Ohlwein über die Premiere von „b.42“

Dieser Ballettabend hat bei mir, eine wenig erfahrene Ballett-Zuschauerin, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Bis auf Martin Schläpfer waren mir die beiden weiteren Choreographen des Ballettabends unbekannt.

Im ersten Stück des Abends „Square Dance“ von George Balanchine wurde die Musik von Antonio Vivaldi und Arcangelo Corelli vertanzt. Die Künstler erschienen in transparenten, weissen/grauen Kostümen auf der Bühne. Der Tanz wirkte leicht und unangestrengt, mehr im klassischen Ballettstil angesiedelt als im modernen Ballett. Erst im weiteren Verlauf der tänzerischen Darbietungen wurde mir die Verbindung zum amerikanischen Square Dance deutlicher. Die rechteckige Anordnung der Tanzpaare, die im schnellen Wechsel stattfindenden Neuformationen rechtfertigten den Titel dieser Choreographie. Am Schluss der Aufführung erschienen die 4 Soloviolinisten auf der Bühne, wie es bei einem typischen amerikanischen Square Dance Abend üblich ist. Dieses Angleichen eines volkstümlichen Tanzes in die Ballettwelt ist großartig. Sowohl die TänzerInnen als auch die Musiker waren hervorragend in der gesamten Umsetzung dieses Stückes.

Das zweite Ballett „Symphonic Poem“ unter der Choreographie  von Remus Şucheană beeindruckte mich mit seiner Musik und den Kostümen der TänzerInnen besonders. Metacosmos von Anna Thorvaldsdottir war nicht „atonal“, wie ich es befürchtet hatte, sondern eine für mich sehr eindringliche, emotionale Musik. Die Komposition allein ruft Bilder einer wilden Natur und elementarer Gewalten wach. Sie wurde durch den Tanz und durch die starken Farben der Kostüme noch lebendiger. Die Verkörperung der Elemente, die aus vermeintlich tiefem Schlaf in wilde, ungebändigte Bewegungen aufbrechen, war phantastisch. Die optischen Effekte dieses Balletts im Zusammenhang mit dem über der Bühne freischwebenden Schlagzeugensemble bildeten für mich eine Einheit mit dem Können und den Darbietungen der TänzerInnen. Das tänzerische Können aller Protagonisten war im ersten Stück des Abends deutlich sichtbarer, für mich bei Symphonic Poem allerdings nicht weniger großartig.

Martin Schläpfers Reformationssymphonie war insgesamt für mich gesehen der Höhepunkt des Abends. Die in meinen Augen unübertroffene Kunst Herrn Schläpfers in einem Ballett so viel Emotionalität, so viel Tiefe und Eindringlichkeit zu schaffen, kam auch hier wieder zum Ausdruck. In der Schläpfer Kompanie wirkt jeder Tänzer, sich seiner Verantwortung zeitgenössische und ausdrucksstarke Tanzkunst zu zeigen, sehr bewusst. Kerstin Feig und Julie Thirault verstanden es, das in dieser Einstudierung herauszuarbeiten. Durch die tänzerische Darbietung wurde mir die Felix Mendelsohn Bartholdy Sinfonie näher gebracht. Wie viel in einer Ballettaufführung steckt und welch hohe Kunst es ist, tänzerisch Themen darzustellen, ist mir an diesem Ballettabend  in großartiger Weise klar geworden. Eine Empfehlung – „b.42“!

Dagmar_Ohlwein

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin ist gerade im Ruhestand angekommen und widmet nun einen großen Teil ihrer Zeit der Kultur. Das heißt für sie regelmäßig diverse Kulturangebote warzunehmen. Als Jugendliche hat sie „direkt um die Ecke“ vom Theater Duisburg gelebt und so schon immer viel Kontakt zur Kunst gehabt. Sie ist sehr gespannt auf ihr erstes Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2019/20.

Einfach genial!

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Vinuar Amuka über die Premiere von „b.42“

Die Aufführung „b.42“ vereint drei einzelne Ballettstücke, die von unterschiedlichen Richtungen geprägt sind.

Zu Beginn wird das Ballettstück „Square Dance“ von George Balanchine aufgeführt.
Es ist klassisch geprägt, mit schlichter Kostümierung, die die Körper der Tänzer in den Vordergrund stellen soll.
Die Licht- und Schattenspiele betonen die Proportionen der darstellenden Tänzer, die anmutig und adrett eine fröhliche und idealisierte Welt dem Zuschauer präsentieren.
Die Leichtigkeit, der teils schwebende Anblick der Tänzer, setzt eine Präzision der Darbietung voraus und spricht für eine hohe tänzerische Fähigkeit des Ensembles.

Darauf folgend wird das Ballettstück „Symphonic Poem“ von Remus Şucheană aufgeführt.
Die ersten Minuten werden musikalisch nicht begleitet und sind von Stille geprägt.
Gespannt wartet man auf den Anfang der Musik und versucht gleichzeitig im Dunkeln der Bühne die Silhouetten der Tänzer zu erkennen.
Überraschend zeigen sich Bewegungen aus dem Bühnenbild heraus, die dann als Tänzer hervortreten.
Die Kostümierung der Tänzerinnen sind in Naturtönen gehalten, entfalten sich organisch und in sich verschlungen nach außen.
Die Kostümierung der Tänzer sind ebenfalls in Naturtönen gehalten, sind aber entlang des Körpers geschnitten.
Die Musik von Anna Thorvaldsdottir nimmt die Tänzer auf, umhüllt sie und trägt sie mit sich. Ähnlich einer Welle, die aufwirbelt und mitträgt, entwickelt sich im fließenden Übergang der Tanz der Darsteller hin zu einer aufbrausenden Brandung ins Finale.
Von Anfang an dominiert die Weiblichkeit durch die kraftvolle und maskuline Darstellung der Tänzerinnen.
Die Darbietung erzeugt Spannung, fesselt und macht neugierig auf die Entwicklung der Handlung.

Zuletzt wird das Ballettstück „Reformationssymphonie“ von Martin Schläpfer aufgeführt.
Zu Beginn führen männliche Tänzer im Duett eine weiblich anmutende Choreografie auf. Das Duett erweitert sich bis hin zum Ensemble.
Die Tänzer sind schwarz kostümiert, sogar die Spitzenschuhe der Tänzerinnen sind in schwarz gehalten. Das Bühnenbild ist ebenfalls in schwarz gehalten.
Die Rollen der Tänzer werden durch Lichteffekte betont. Hierbei dominiert zuerst die Weiblichkeit, die sich durch das Auftippen der Ballettschläppchen hörbar macht, militärisch ähnlich.
Die Tanzgruppe wird im Verlauf der Handlung zunehmend homogener im Ausdruck und geschlechtsunspezifischer in der Darstellung, fokussierend auf ein Tanzpaar, das im Tanz auseinander driftet.
Während die Frau nach dem Ablösen vom Mann in der Gruppe aufgeht, verzweifelt der Mann und geht von der Masse ausgestoßen zugrunde.
Es bleibt unbeantwortet, ob der Mann durch die Ablösung der Frau oder durch die bestimmende und abweisende Masse verzweifelt und zugrunde geht.
Gerade diese letzte Szene wirkt verstörend sowie aufregend auf den Zuschauer und hinterlässt die Erwartung an einer Lösung. Dieses Ballettstück ist einfach genial und exzellent!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Vinuar Amuka
Sozialpädagogische Familienhelferin

Die 37 jährige Irakerin lebt seit ihrer Jugend in Deutschland und arbeitet als sozialpädagogische Familienhelferin. Sie hegt eine starke Begeisterung für Oper und Ballett. Um Inszenierungen besser bewerten und nachvollziehen zu können nimmt sie Gesangs- und Klavierunterricht. Als Scout erhofft sie sich die Oper noch intensiver zu erleben und wahrzunehmen. Sie findet, dass man in der Oper „vielem aus dem realen Leben begegnet, aber ganz anders damit umgeht“.

Es darf gestaunt, geschmunzelt und applaudiert werden

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Ballett der Staatsoper Hannover „Daphnis / Lost Love“ ein Ballettabend von Jörg Mannes

Jürgen Ingenhaag über die Premiere von „b.42“

„b.42“ hat das, was einen kurzweiligen Ballettabend ausmacht: mal klassisch-schön oder experimentell, mal bunt oder schwarz-weiß. Es darf gestaunt, zwischendurch applaudiert und sogar geschmunzelt werden.

Großartige Tanzkunst und vollkommene Körper gibt es bei „Square Dance“ von George Balanchine zu bestaunen. Das Wechselspiel von Ensemble- und Solo-Tanz zu den schnellen und langsamen Sätzen der Barockmusik ist stimmig.

Beim „Symphonic Poem“ von Remus Şucheană wird Neuland zwischen Feuer und Eis betreten. Nach langer Stille setzt die experimentelle Musik der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir ein. Die Tänzer in ihren futuristischen und farbigen Kostümen sind eine Augenweide, allen voran Marlúcia do Amaral. Auch das Bühnenbild beeindruckt, und ganz toll finde ich die Idee der drei Podeste mit den „Schießbuden“ der drei Schlagwerker um Kersten Stahlbaum & Co.

Nach der zweiten Pause folgt Martin Schläpfers Choreographie „Reformationssymphonie“, die man vielleicht bald zu seinen Klassikern zählen darf. Es ist faszinierend, dass sich die Tänzer sowohl leicht als auch kraftvoll auf Zehenspitzen bewegen können. Diese Inszenierung lebt auch durch den Schwarz-Weiß-Kontrast – „aus dem Licht ins Dunkel“ oder umgekehrt?

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

Größte Vielfalt für Auge und Ohr

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von „b.42“

Der neue Ballettabend „b.42“ ist ein beeindruckendes ästhetisches Erlebnis. Dreiteilig angelegt bietet der Abend größte Vielfalt für Auge und Ohr, spannende musikalische und tänzerische Variation. Den Anfang macht George Balanchines Ballett Square Dance: 1957 in New York uraufgeführt, im Ablauf und Kostümen aber bis heute unverändert, ist es in seiner schlichten, tänzerisch reinen und reduzierten Art ein wunderbarer Auftakt. Die freie, ganz undekorierte und nur sanft-fahl beleuchtete Bühne ist der Schauplatz für sechs Tänzerpaare, die in weißen hautengen Anzügen/Trikots und Spitzenschuhen eine vierteilige Tanz-„Revue“ zeigen. Nach „klassischem Ballett“ sieht es aus und einen Moment lang unerwartet und überraschend wirkt dazu die barocke Musik von Vivaldi und Corelli. Balanchines Devise „ein Ballett mag eine Handlung haben, aber das visuelle Spiel, nicht die Handlung ist wesentlich“ wird sichtbar: Die vier Teile des Balletts, bestehend aus Ensembles in verschiedenen Variationen, Pas de Deux sowie auch Soli, entführen in eine Welt, in der es weniger um das Erzählen einer Geschichte geht, sondern um das Wahrnehmen von Bildern und die Freude an der geordneten künstlerisch gestalteten Bewegung.

Musikalisch neu und fremd kommt das zweite Ballett daher: das Werk Metacosmos der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir, ein Klang- und Geräuschwirrwarr mit übereinandergeschichteten Tönen, Klangfetzen Melodiefragmenten dient Remus Șucheană für sein ästhetisch aufregendes Ballett Symphonic Poem, das hier uraufgeführt wurde. Aufwendige Kostüme mit weiten Trompetenärmeln, unkonventionellen Hüten fesseln das Auge und laden zum wilden Assoziieren ein… Eine ideenreiche Bewegungswelt eröffnet Remus Șucheană über die ersten 10 Minuten des Werkes hinweg, in denen sich von einem einzigen leisen tiefen Ton ausgehend eine groß angelegte vielfach dissonante Steigerung aufbaut. Nach dem wüsten Höhepunkt, auf dem sich die Welle gebrochen hat (in einem nach erlösenden großen Unisono des Orchesters), ebbt die Welle langsam ab und kommt in kleinen Bewegungen zur Ruhe.

Martin Schläpfers puristische Reformationssymphonie vollendet die Trias des Abends. Zum dritten Mal wählt er ein symphonisches Werk für eine Choreographie und sagt: Eine Sinfonie als Ballett funktioniert nur, wenn alle Tänzerinnen und Tänzer realisieren, wie wesentlich ihre Energie, ihr Geist ist, sich alle wie die einzelnen Stimmen im Orchester zu einem Ganzen fügen…“. Und sein Anspruch, „sich dem orchestralen Klang entgegenzustellen – ihm zu begegnen durch Präsenz, Magie, Fokus und nicht allein durch körperliche Kraft“, ist vollends erfüllt, die Compagnie setzt das präzise und überzeugend um. In schwarze, enge Anzüge gekleidet verschwindet der Unterschied zwischen Männern und Frauen, die Tänzerschar bildet eine Einheit, formiert sich ständig neu, stetig auf der Suche nach den tieferen Fragen des Menschseins… Ein einzelnes Solo kurz vor Ende, intensiv und eindringlich wie ein Gebet getanzt, lässt auch die sakrale Komponente der Reformationssymphonie augenfällig werden. Die schlicht blau beleuchtete Bühne, die Tänzer in schwarzem Kostüm und eine bis ins Detail ausgefeilte und nach dem Gehalt der  Musik horchende Choreographie: das ist tief beeindruckend und gibt reichlich zum Nachdenken und „Heraus- bzw. Hineinlesen“ mit auf den Weg… Eine große Bereicherung.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Der ganze Abend ein Gesamtkunstwerk

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Mila Langbehn über die Premiere von „b.42“

Was für eine faszinierende Komposition diese drei Werke miteinander ergeben, ein zutiefst berührendes Gesamtkunstwerk!

Im Licht der blauen Stunde beginnt der Abend mit einer sinnlich-locker-lässig-eleganten Variante des klassischen Balletts. Der Tanz als Verbildlichung von Klang, zeigt sich hier ganz im Dienste der lyrischen Musik: in vielen Sprüngen, scheinbar von Schwerkraft befreit und in langen Armen, die weiche Wellen in den Raum zeichnen. Die Kostüme sind wie eine zweite Haut, hell pastellfarben, den Körper umschmeichelnd. Das weiche Licht auf den geschmeidig Tanzenden wird durch das strahlende Türkisblau der Kulisse gesteigert.

Danach wird es dunkel, aber farbenreicher: wesenhaft, fast animalisch bevölkern die Tanzenden die Bühne. Das kunstvoll gemalte Bühnenbild erinnert mich an Astwerk im Wind. In diesem stark die Phantasie anregenden Stück erscheinen die Tanzenden in ihren aufwendigen Kostümen teils wie Fische oder Vögel, teils wie rollende Findlinge oder Wellen. Die abstrakte Musik nehme ich kaum wahr, wie eine gelungene Filmmusik verschmilzt sie einfach mit dem Geschehen. Und das, obwohl drei Musiker äußerst präsent über dem Geschehen schweben.

Im letzten Stück befinden wir uns wiederum in einer sehr handfesten Welt der Körperkraft, menschlicher Leidenschaft und hartem Schwarz-Weiß. Sehr spannungsreich lösen sich die weißen Körper aus dem tiefen Schatten der Kulisse und verschwinden wieder darin. Die Grenzen zum Tanztheater werden überschritten, große Gesten knallen ins grelle Streiflicht. Hier erleben wir Muskelmacht und Kraft! Dieses Stück ist so wuchtig wie das erste zart ist, so laut wie das zweite leise ist.

Vieles gäbe es noch zu sagen über diesen sinnesbetörenden Abend mit Standing Ovations. Ein Detail nur zum Schluss: In der Dichte sinnlicher Eleganz und dramatischer Düsternis war dennoch Platz für Humor, für drollig-trollhaft Marschierende oder eine freche Primaballerina, die X-Beine macht. Perfekt!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Mila Langbehn
Landart-Künstlerin

Die selbstständige Landart-Künstlerin hat als Amateur-Tänzerin mit klassischer Ausbildung selbst öfter auf der Bühne gestanden. Heute beschäftigt sie sich mit Landschaftskunst. Kunstaustellungen. Beim Theatererlebnis fasziniert sie insbesondere das Zusammenspiel aus den verschiedenen Komponenten Musik, Kostüm, Bühnenbild und Gesang. Besuche im Theater sind für sie ein angenehmer Gegensatz zum alltäglichen Leben und aus den Vorstellungen zieht sie oft auch Inspiration und Vergleicht diese mit ihrer eigenen Arbeit.

Eine wundervolle Komposition

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Miriam Kasten über die Premiere von „b.42“

Als eingefleischter Ballett-Fan habe ich mich sehr auf „b.42“ gefreut. Choreographien von Balanchine haben mich schon als Kind begeistert und auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht. Balanchine ist Ballett in Perfektion. Den Tänzern wird alles abverlangt. Es ist eine perfekte Mischung aus Leichtigkeit und Eleganz gepaart mit großen Gesten und Stärke. Durchweg sind die Tänzer hoch Konzentriert und strahlen dennoch sehr die Freude aus die sie bei diesem Stück haben. Das Bühnenbild ist lediglich eine blaue Wand und sonst nur die nackte Bühne. Es wird sich auf das wesentliche konzentriert was ich für perfekt halte. Die Kostüme sind ein transparenter Hauch von nichts damit die Körper perfekt zur Geltung kommen. Der Applaus und die Bravo rufe am Ende dieses Teils sprechen für sich.

Der zweite Teil des Abends von Remus Sucheana startet düster und still. Lediglich Umrisse von einigen wenigen Tänzern sind auf der Bühne zu erkennen. Es bleibt sehr lange still, ein mutiger Zug von Sucheana, eine schwere Aufgabe für das Publikum. Nur ganz langsam werden einige Lichtstreifen auf der Bühne hell und dazu startet eine Klangwelt der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir. Ebenso langsam steigert sich der Tanz von vorsichtigen Bewegungen bis hin zu einem Vulkanausbruch. Island ist allgegenwärtig, ebenso im Bühnenbild bei dem man an Schnee und schwarzes Vulkangestein denken muss. Eine wundervolle Komposition in der Musk und Tanz Eins werden.

Den Abschluss macht Martin Schläpfers Reformationssymphonie. Von Beginn an eine sehr kraftvolle Choreographie. Die Tänzer allesamt in den gleichen schwarzen Trikots. Die Herren tanzen filigran, die Damen poltern schweren Schrittes in schwarzen Spitzenschuhen auf die Bühne. Die Geschlechterrolle ist getauscht und verschwimmt schließlich. Lediglich die unkoordinierte Darstellung des verzweifelten Luthers passt mir nicht ins Bild und lenkt mich vom restlichen Tanz ab. Auf der Bühne sucht man vergeblich ein Bühnenbild. Es gibt keins. Auch hier steht der Tanz absolut im Vordergrund.

Über den kompletten Abend bringen alle Tänzer eine tief beeindruckende Leistung. Scheinbar Minuten lang stehen sie unbewegt auf den Spitzen. Das Gesamtbild ist wunderschön und durch die hervorragende Leistung der Philharmoniker wird es zu einem echten Erlebnis. Von mir eine ganz klare Empfehlung.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Myriam Kasten
Projektmanagerin Tourismus bei Duisburg Kontor GmbH

Die gelernte Fotografin hat die Liebe zu ihrer Heimatstadt zum Beruf gemacht: Als Projektmanagerin im Bereich Tourismus gibt sie ihre eigene Begeisterung für die Stadt an Besuchergruppen weiter. Für sie ist das Theater Duisburg einer der großen Anziehungspunkte der Stadt. Als großer Ballettfan hat sie Martin Schläpfers „Schwanensee“ in der Spielzeit 2018/19 positiv überrascht und die „Götterdämmerung“ in der Mercatorhalle vollkommen begeistert.

Kurzweilig, spannend und kontrastreich

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Annette Hausmann über die Premiere von „La Bohème“

„La Bohème“ von Giacomo Puccini ist bis heute eine der meist aufgeführten Opern, deren Geschichte vom Leben, der Liebe und dem Leiden verarmter Bohemiens erzählt. Fernab der bürgerlichen Normen leben sie ihre Kunst und lassen sich trotz widriger Umstände das Träumen nicht nehmen.

Musikalisch gesehen verzauberte mich dieser Premierenabend auf wundersame Weise. Unter der Leitung von Antonino Fogliani gelang es den Duisburger Philharmonikern auf höchstem Niveau Puccinis wunderbare Musik, die voller Emotionen und harmonisch warmer Klänge „steckt“, ausdrucksstark und präzise darzubieten.

Ebenso bemerkenswert waren die schauspielerischen und gesanglichen Leistungen der Solisten sowie des Opernchors. Im Einklang mit dem Orchester sangen sie ihre jeweilige Rolle authentisch, einfühlsam und zugleich gefühlsstark. Die Wärme und Harmonie, die die einzelnen Stimmen in ihrer Gesamtheit im Duett und Quartett ausstrahlten, gingen regelrecht „unter die Haut“.

Allerdings gelang es mir im Verlauf der Opernpremiere nicht, mich ausschließlich auf eine „musikalische Traumreise“ zu begeben, da die Inszenierung des jungen Regisseurs Philipp Westerbarkei und das Bühnenbild von Tatjana Ivschina bewusst einen absoluten Gegenpol dazu setzten.

Westerbarkei ließ die gesamte Liebes- und Lebensgeschichtete der Bohemiens als eine Art Erinnerungsfilm Rudolphos an seine geliebte Mimì in einem halbrunden, blassgrün gekachelten Raum spielen, der eher einem Sanatorium oder einer Psychiatrie glich. Bis zum Schluss verströmte diese Inszenierung in Verbindung mit dem Bühnenbild eine gewisse sterile Kälte, schaffte Irritationen und forderte den Zuschauer nicht nur kognitiv, sondern auch zu eigenen Interpretationen heraus.

Die Oper „La Bohème“, mit der Westerbarkei durch seine „klinisch-reine“ Inszenierung „verstaubte“ Opernstrukturen aufbricht, kann ich nur empfehlen. Sie ist kurzweilig, spannend und kontrastreich. Sollte das Moderne zwischenzeitlich zu sehr irritieren – einfach Augen schließen und der herrlichen Musik lauschen.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

 

Ein gelungener Abend

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Christiane Hain über die Premiere von „La Bohème“

Eine der bekanntesten Opern von Giacomo Puccini ist „La Bohème“. Sie erzählt von dem einfachen Leben der Bohemiens die sich gegen die Normen der bürgerlichen Gesellschaft stellen, wenig Geld haben, aber von der Freude und der großen Liebe im Leben träumen.

Dies ist das erste Mal, das ich diese Oper höre und sehe. Um mein Fazit vorwegzunehmen: Reingehen, sich von der Musik verzaubern lassen und die zeitgenössische Inszenierung auf sich wirken lassen. Es ist ein gelungener Abend.

Der Zuschauer wird von Anfang an von der Musik Puccinis, die voller Emotionen ist, mitgenommen auf eine Reise durch das Leben bzw. die Erinnerungen des  Rodolfos, an seine Zeit in Paris. Das Stück wird getragen durch die Musik, die hervorragend durch die Duisburger Philharmoniker zusammen mit ihrem Dirigenten interpretiert wird.

Die schauspielerische und gesangliche Darbietung von Rodolfo und seinen Freunden ist auf einem sehr hohen Niveau  und sehr ausgewogen. Die vier Darsteller lassen das Leben zwischen Hunger, Trauer,  Suche nach Liebe und ausgelassener Freude sehr lebendig werden. Mimì und Musetta sind zwei ganz unterschiedliche Frauen, die eine sehr ernsthaft und die andere sehr flatterhaft. Es ist sehr interessanter, dass beide Frauen dieselbe Frisur und Kleidung haben, dadurch identisch wirken und so eine Typisierung für die Liebe stattfindet.

Wer bei „La Bohème“ nun ein opulentes Bühnenbild erwartet, wird enttäuscht. Die Hauptakteure verlassen in den 4 Bildern nicht den Raum. Der Zuschauer muss sich die räumlichen Wechsel vorstellen, was nicht immer einfach ist. Der Raum mit grünen Fliesen an der Wand lässt den Zuschauer fragen, ob es sich hierbei um ein Schwimmbad, Raum in einem Bahnhof oder Sanatorium handelt. Auf jeden Fall symbolisiert dieser die Kälte, in der die Bohemians leben, da sie einfach kein Geld zum Heizen haben. Ein guter Einfall ist die zweite Ebene, auf der das Treiben auf dem Weihnachtsmarkt stattfindet. Dies wird hervorragend durch den Chor der deutschen Oper am Rhein und dem Kinderchor in Szene gesetzt. Hervorzuheben sind hier auch die tollen Kleider der Pariser Bürger.

Der junge Regisseur Philipp Westerbarkei fordert in der Inszenierung den Zuschauer heraus, sich mit dem Stück auseinanderzusetzen, man muss aufpassen, um alle Details zu bemerken. Es bleiben einige Szenen ungeklärt, offen und unterschiedlich interpretierbar. Dies schien nicht allen Zuschauern zu gefallen, die ihr Missfallen auch am Ende durch einige Buhrufe bekundeten. Überwogen hat jedoch die Zustimmung zur Musik und Inszenierung.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Düsseldorf. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Ihre Tätigkeit als Opernscout führt dazu, dass sie wieder bewusster ins Theater geht und die Aufführungen als einen wichtigen Ausgleich zum Berufsleben betrachtet.

Eine Oper über die Eindrücke des Lebens

06.11.2019, DU Duisburg , Deutsche Oper am Rhein, Theater der Stadt Duisburg , Generalprobe.
06.11.2019, DU Duisburg , Deutsche Oper am Rhein, Theater der Stadt Duisburg , Generalprobe.

Vinuar Amuka über die Premiere von „La Bohème“

La Bohème, die Oper über die Eindrücke des Lebens in der Großstadt, der unverhofften und stark empfundenen Liebe; über das Leben der Bohemien, jene unbekümmerte und unkonventionelle Künstlernatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Jene, die oftmals verarmt, das Leben improvisieren, frei gestalten, abseits der bürgerlichen Normen.
Folgerichtig interessierte mich beim Besuch der Oper, wie das aktuellste aller Themen im Leben, nämlich wie die Liebe in dieser Aufführung inszeniert wird.

Das erste Bild erscheint entgegen dem Erwarteten nicht jene Mansarden Kemenate hoch oben unter dem Dach, die oft beschrieben den Rahmen für die Handlung gibt, sondern ein eintöniger Raum einem Keller oder Krankenhauszimmer ähnelnd, halbrund und kleiner als die Bühne an sich. Genau in diesem Raum werden die persönlichen, subjektiven und augenblicklichen Eindrücke dargeboten, die mich und auch das Publikum sofort zum Teil der Handlung und des Geschehens machte.

Die ersten Handlungssequenzen im „Kellerraum“, die mehr oder minder miteinander verbunden sind, fordern zunächst die höchste Konzentration, um das Geschehen zu verstehen und einzuordnen.
Die Bohemien, deren Schicksal in diesem Raum miteinander verknüpft zu sein scheint und die gar gleich gekleidet sind. Sie erleiden Armut und Not. Scheitern im Alltäglichen (Rodolfo verbrennt sein literarisches Werk, um nicht zu erfrieren). Schaffen es dennoch durch skurrile Zufälle und Finessen das Alltägliche zu überstehen.

Ganz unverhofft lernt Rodolfo genau in diesem Raum Mimì kennen, die sich scheinbar dorthin verirrt hat.
Es ist Liebe auf den ersten Blick, ergreifend und fesselnd.

Die Freunde wollen in einem Café feiern, die Vorweihnachtszeit genießen.
In der Inszenierung zeigt sich das Pariser Stadtleben, oberhalb des Raumes der Bohemien, wie eine Art parallele Realität zum Leben dieser. Die Pariser vergnügen sich mit Einkäufen von Spielzeug, in opulenter, rötlicher ausgestatteter Kleidung, mit aufeinander abgestimmten Bewegungen, während im Raum gegen Hunger und Not getrotzt wird.

Im zweiten Bild der Oper entwickelt sich ein sehr spannungsreicher Contest der Arten der Liebe. Welche Art der Liebe ist standhafter? Die lockere, offene Liebe zwischen Marcello und Musetta? Unstetig, unverbindlich, die Freiheit der Taten ermöglicht (Musetta lässt sich von älteren Liebhabern aushalten).
Oder die tiefe Liebe zwischen Rodolfo und Mimì, die letztendlich von Zwängen und Pflichten belastet wird?

Besonders ergreifend im dritten Bild und im Wesentlichen durch die Musik Puccini’s, die äußerst fließende und weiche Übergänge hat, dadurch vollkommen harmonisch die Trennung der sich liebenden Mimì und Rodolfo begleitet und erlebbar macht. Wer hat sich noch nicht so verzweifelt gefühlt wie Mimì, als sie die Trennung versuchte zu überstehen? Alleine, an einer Wand lehnend?

Mimì und Rodolfo mussten sich zwar trennen, verschoben aber die Trennung bis zum Frühling, um im Winter nicht vereinsamt zu sein.

Im vierten Bild schließlich muss Mimì durch eine lang andauernde Erkrankung sterben. Trotz der Versuche Musetta’s und der Bohemien, das letzte Hab und Gut zu verkaufen, um medizinische Hilfe herbeizuschaffen.

In tiefster Trauer, durch einen expressiven Schrei Rodolfo’s zutiefst erlebbarer Schmerz um den Tod Mimì’s, der nur durch die hervorragende schauspielerische Fähigkeit der darstellenden Künstler ermöglicht wird, endet die Handlung der Oper, nur ahnend, ob all das ein Wahnsinn, eine Erinnerung oder doch eine Momentaufnahme des wahren Lebens ist?

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Vinuar Amuka
Sozialpädagogische Familienhelferin

Die 37 jährige Irakerin lebt seit ihrer Jugend in Deutschland und arbeitet als sozialpädagogische Familienhelferin. Sie hegt eine starke Begeisterung für Oper und Ballett. Um Inszenierungen besser bewerten und nachvollziehen zu können nimmt sie Gesangs- und Klavierunterricht. Als Scout erhofft sie sich die Oper noch intensiver zu erleben und wahrzunehmen. Sie findet, dass man in der Oper „vielem aus dem realen Leben begegnet, aber ganz anders damit umgeht“.

La Bohème als Kammerspiel

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von „La Bohème“

Eigentlich ist diese La Bohème ein Kammerspiel: das Geschehen spielt sich von Anfang bis Ende in einem Raum ab, es sind nur sieben Personen beteiligt und der thematische Schwerpunkt lässt sich (vielleicht etwas reduziert ausgedrückt) mit einem Wort umreißen: die LIEBE. Es sind verschiedene Facetten der Liebe, die in der Duisburger Bohème die Hauptrolle spielen: oberflächliche, einseitige, eifersüchtige, tief empfundene und enttäuschte Liebe… die sechs Hauptpersonen verzaubern durch eine riesengroße stimmliche Intensität kombiniert mit einer großartigen schauspielerischen Leistung. Alles wirkt echt, authentisch und ungekünstelt – dadurch fesseln die Figuren und ihr Schicksal wirkt aufrichtig anrührend. Das ist zu einem großen Teil der Verdienst der Sänger, deren Stimmen so wunderbar passend ausgewählt sind, dass die Besetzung nicht besser sein könnte. Den anderen Teil des Lobs verdient die Inszenierung des jungen  Philipp Westerbarkei: sein Kammerspiel im halbrunden, gekachelten Raum wirkt zu Beginn nüchtern und räumlich wie atmosphärisch begrenzt, so dass man einen Moment lang befremdet ist. Aber schnell und beinahe unmerklich wird die vermeintliche Leere im Lauf der ersten Szenen schon durch so intensives Spielen, packenden Gesang und aufmerksames Wahrnehmen-Wollen aller Details mit reichlich Atmosphäre und Stimmung gefüllt. Die einzige große Veränderung der Bühnensituation, bei der eine Marktszenerie im oberen hinteren Bühnenbereich sichtbar wird, ist dabei überraschend, sehr effektvoll und wirkt wie ein „Bild im Bild“. Diese, wie auch andere dramaturgische Feinheiten erschließen sich nicht immer sofort – das macht aber nichts, sind es doch gerade diese Eindrücke, die noch lange nachwirken und zum nachträglichen Rätseln und Heruminterpretieren einladen…

Die Duisburger Philharmoniker haben sich bei der Premiere mit Ruhm bekleckert: ein wunderbarer Orchesterklang, dicht und homogen und trotzdem bis in die einzelnen Instrumentengruppen hinein durchsichtig und klangschön. Nach einem recht voluminösen Einstieg ist das Orchester in musikalischer Hochform gewesen – Puccinis zeitlose, bewegende und schöne Musik war in besten Händen.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Ein gelungener Abend mit nachwirkenden Eindrücken

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Dagmar Ohlwein über die Premiere von „La Bohème“

Für mich war diese Puccini Oper eine großartige Aufführung in moderner Form. Der Abend hat mich begeistert zum einen durch die wunderbaren Stimmen der Protagonisten, allen voran Liana Aleksanyan als Mimi und Eduardo Aladrén als Rodolfo. Ihre Stimmen berührten mich tief und klingen noch nach. Zum anderen rundeten Chor und Kinderchor und die Duisburger Philharmoniker einmal mehr die überragende Darstellung hervorragend ab.

Wahrhaft überzeugend wirkte auf mich die schauspielerische Leistung insbesondere der vier Bohemiens, dargestellt von Bogdan Baciu, Luke Stroker, Eduardo Aladrén und Richard Šveda. Die Regiearbeit von Philipp Westerbarkai ist eine Inspiration für „altehrwürdige“ Opern,  diese in eine für unsere Zeit moderne Form zu bringen. Große Operngesten, deren Bedeutung oft gar nicht mehr bekannt ist, fehlen wohltuend. Das Auftreten der Darsteller ist zeitgemäß, so dass die Botschaft des Stückes meiner Meinung nach viel intensiver hervortritt: das Leben der Bohème; diese Kunst, die gekennzeichnet ist durch nicht nachlassende Selbstinszenierung und dem Versuch mit Nichtstun trotzdem ein komfortables, luxuriöses Leben zu führen. Dabei scheitern sie, die Bohemiens, allerdings gnadenlos  an den Notwendigkeiten des alltäglichen Lebens.  Vermeintliche Kreativität, schwache künstlerische Fähigkeiten und Selbstbetrug lassen sie auf ihrer Suche nach dem paradiesischen Leben in einer traurigen, verzweifelten Situation enden. Hervorragend wurde das bei dieser Aufführung herausgearbeitet

Nicht ganz erschlossen hat sich für mich in seiner Bedeutung das Bühnenbild, desweiteren das fast schon unsäglich nervende Hantieren Rodolfos mit seinen Manuskript-Blättern.

Ein Besuch der Oper lohnt sich in meinen Augen in jedem Fall, ein gelungener Abend mit noch nachwirkenden Eindrücken. Ein großes Lob geht an alle Darsteller und Philipp Westerbarkai.

Dagmar_Ohlwein

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin ist gerade im Ruhestand angekommen und widmet nun einen großen Teil ihrer Zeit der Kultur. Das heißt für sie regelmäßig diverse Kulturangebote warzunehmen. Als Jugendliche hat sie „direkt um die Ecke“ vom Theater Duisburg gelebt und so schon immer viel Kontakt zur Kunst gehabt. Sie ist sehr gespannt auf ihr erstes Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2019/20.

Rodolfos tote Scheinwelt

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Jürgen Ingenhaag über die Premiere von „La Bohème“

Die Oper „La Bohème“ von Giacomo Puccini zählt zu den am meisten gespielten Opern. Alle Besucher wissen, dass es kein Happy End gibt. Die aktuelle Duisburger Inszenierung steht unter dem Motto „Erinnerung an eine Liebe“ und zeigt den Dichter Rodolfo „gefangen in der zerstörerischen Druckkammer seiner eigenen Psyche“, wie es so schön im Programmheft heißt.

Die Armut, der auf der Bühne dargestellten Künstler in ihrem edlen Zwirn, kaufe ich nicht ab. Überhaupt übertreffen sich alle in ihrer albernen Coolness wie etwa der um sich boxende Musiker Schaunard.
Als der Dichter Rodolfo angeberisch aufopfernd sein Manuskript verbrennt und alles verqualmt, kommt mir die „Erinnerung an eine Sprinkleranlage“. Bei der Weihnachtsmarkt-Szene ist offensichtlich, dass sich Rodolfo in einer toten Scheinwelt befindet. Diese ist mit Chor, Kinderchor und Statisterie sehr aufwändig und steckt voller Details. Großes Lob an Kostüm und Maske.
Musetta erinnert mich nicht nur wegen ihres eleganten französischen Bob-Haarschnitts an „Lulu“, der Femme fatale. Musetta nutzt ihren reichen Liebhaber aus und findet zu Marcello zurück. So selbstbewusst ist die kranke Mimì nicht, auch wenn sie fast genauso aussieht.
In der zweiten Hälfte ist das Bühnenbild noch düsterer und bedrückender. Ganz unten gibt es kein Entkommen mehr aus Rodolfos Gefühlskälte. Vielleicht muss man es so verstehen: Rodolfo ist zu feige, Mimì beim Sterben zu begleiten und trennt sich lieber von ihr. Stattdessen gibt es große Sprüche, und er albert mit seinen Freunden herum. Seine Gedanken spielen verrückt, als Mimì – und somit seine Muse – stirbt…

Klasse Darsteller, sehr gut gespielt und gesungen – und alle aus dem Rheinoper-Ensemble. Puccinis Musik entfaltet ihre Magie, und die Duisburger Philharmoniker spielen wie immer in der ersten Liga.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

Liebevoll, rasant und voller Details

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Michael Menge über die Premiere von „La Bohème“

Wer nicht weint, ist selber schuld, eine Inszenierung, die Sie in vier Bildern berühren wird.

Der Beginn der Oper ist unerwartet, schnell und voller Lebenslust ganz nach dem Motto: „Weisheit ist nicht erlaubt außer in besonderen Fällen.“ Stürzen sich die vier Freunde in Ihre Träume, Ideale und Auseinandersetzungen.

Die zweite Premiere der laufenden Spielzeit im Theater Duisburg inszeniert von Philipp Westerbarkei, dem Punker der „Deutschen Oper am Rhein“, begeistert durch eine überragende Leistung der Sänger*innen sowie des Orchesters. Ausgelöst durch die spürbare Harmonie zwischen den Sänger*innen, die die sechs Künstler*innen zu einer grandiosen Darbietung Ihrer Fähigkeiten und Talente geführt hat.

Das reduzierte Bühnenbild der Aufführung irritiert zu Anfang, macht neugierig und begeistert am Schluss. Philipp Westerbarkei versteht es mit den Erwartungen seines Publikums zu brechen und dieses mit Ihrer Unsicherheit und offenen Fragen bis zum Schluss alleine zulassen. Nur wer von Beginn an aufmerksam war, hat die Möglichkeit, die Inszenierung am Schluss mit dem Bühnenbild in Bezug zusetzen.

Liebevoll, rasant und voller Details die die Vielfalt des Lebens ausmachen erzählt Philipp Westerbarkei die Oper „La Bohéme“ in seiner eigenen Auffassung und Sprache.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Michael Menge
Selbstständiger Grafikdesigner

Michael Menge ist Inhaber der Designagentur „Oppa Franz“ aus Duisburg. Im Dialog mit seinen Kunden schaut der Art Direktor und Designer genau hin: „Es geht uns um den ganzheitlichen Charakter eines Unternehmens. Denn interessante Persönlichkeiten sind nicht perfekt – und spannende Marken auch nicht.“ Als Opernneuling gestartet, hat er an dieser Kunstform großen Gefallen gefunden: „Duisburg bietet vielschichtiges, modernes Musiktheater und kann auf dieses Angebot sehr stolz sein.“

In der Obsession des Spieles

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Vinuar Amuka über die Premiere von „Pique Dame“

Pique Dame versetzte mich von der ersten Minute an in Begeisterung.
Eine hervorragende Kostümierung im Stile Hollywoods der 50er Jahre verleiht der Oper eine frische und moderne Ausstrahlung, die von einer Leichtigkeit und einem höchst unterhaltsamen Wert geprägt ist.

Die Charakterzüge des Hermanns und der Lisa sind von vielerlei Aspekten gekennzeichnet.
Hermann ist ein Sonderling in der Handlung, wird stets zum Gespött in den Szenerien.
Zudem wird er Opfer des Zufalls, weil er sich unverhofft in die bereits verlobte Lisa verliebt, deren gesellschaftlicher Stand durch die wohlhabende Großmutter, die Gräfin, weit höher ist als der von Hermann.
Lisa fällt ebenfalls durch ihr sonderbares Erscheinen auf und verliebt sich in Hermann. Wird sie auf eine Zweckehe eingehen oder sich der Liebe hingeben?

Damit beginnt das Psychodrama in der Handlung.
Hermann möchte von der Gräfin das Geheimnis der Gewinnkarten erfahren, um Reichtum und gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen.

Dabei handelt er weder authentisch noch realitätsnah. Die Liebe nimmt er ungewöhnlich anders wahr; sie macht krank und vergiftet ihn.

In der Obsession des Spieles, vom Geist der Gräfin umnebelt, verspielt Hermann im wahrsten Sinne des Wortes sein Glück und damit seine Liebe.

Die lebhafte zeitgenössische Inszenierung und die spektakuläre Kostümierung überspielen, wie ich finde, die wirkliche Tragik der Handlung. Demgemäß erweckte die Oper bei mir, einen milden, musikalisch hoch genüsslichen Eindruck, der mich bis zum Ende fesselte.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Vinuar Amuka
Sozialpädagogische Familienhelferin

Die 37 jährige Irakerin lebt seit ihrer Jugend in Deutschland und arbeitet als sozialpädagogische Familienhelferin. Sie hegt eine starke Begeisterung für Oper und Ballett. Um Inszenierungen besser bewerten und nachvollziehen zu können nimmt sie Gesangs- und Klavierunterricht. Als Scout erhofft sie sich die Oper noch intensiver zu erleben und wahrzunehmen. Sie findet, dass man in der Oper „vielem aus dem realen Leben begegnet, aber ganz anders damit umgeht“.

Liebe, Verrat, Spielsucht und dekadente Gesellschaften

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Dagmar Ohlwein über die Premiere von „Pique Dame“

Pique Dame von Peter Iljitsch Tschaikowsky war bis zum Besuch der Duisburger Premieren Aufführung ein mir völlig unbekanntes Werk des russischen Komponisten. Ich war gespannt, wie sich eine russisch gesungene Oper anhört. Die Ankündigung dieses am 19. Dezember 1890 uraufgeführte Werk in einer in das Hollywood der 50er Jahre Inszenierung auf der Bühne zu sehen, machte mich neugierig, auch ein wenig skeptisch.
Das großartige Bühnenbild, hervorragende Protagonisten, der Kinderchor und die Duisburger Philharmoniker  begeisterten mich dann aber von der ersten Minute an. Die großartige schauspielerische Darstellung der Rolle des Hermanns durch Sergej Khomov mit einer fantastischen Stimme überzeugte mich. Natalya Muradymova als Lisa, die erst durch ihre Liebe zu Hermann aufblühte, spielte und sang diese Rolle mit großer Sensibilität und Überzeugungskraft. Ihr Spiel hallte noch lange nach, wie die gesamte Handlung der Oper über Liebe, Verrat, Spielsucht und dekadente Gesellschaften. Die Aufführung dauert 3 Stunden, mit einer Pause nach etwa zwei Drittel des Werkes. Ich war bis zum Schluss gefesselt. Pique Dame lohnt sich zu sehen, eventuell sogar ein 2. Mal. Die Intensität, der Ideenreichtum bei der Umsetzung des Themas in dieser Opern-Inszenierung von Lydia Steier ist meiner Meinung nach gelungen.

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Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin ist gerade im Ruhestand angekommen und widmet nun einen großen Teil ihrer Zeit der Kultur. Das heißt für sie regelmäßig diverse Kulturangebote warzunehmen. Als Jugendliche hat sie „direkt um die Ecke“ vom Theater Duisburg gelebt und so schon immer viel Kontakt zur Kunst gehabt. Sie ist sehr gespannt auf ihr erstes Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2019/20.

Eine Facettenreiche Inszenierung

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Annette Hausmann über die Premiere von „Pique Dame“

Wer es als Opernliebhaber bunt, schrill, opulent und zugleich skurril-tiefgründig mag, der ist in der Operninszenierung „Pique Dame“ von Lydia Steier genau richtig. In Anlehnung an Tschaikowskys Idee, der als Grenzgänger seiner Zeit die Oper 1890 komponierte, aber diese in der glorifizierten Zarenzeit des 18. Jahrhunderts spielen lässt, verlegt Lydia Steier ihre Inszenierung in das für uns scheinbar präsente Hollywood der 50er Jahre. Gleich zu Beginn eröffnet sich dem Zuschauer ein Bühnenbild, das all unseren heutigen Vorurteilen und Vorstellungen von der damaligen party- und schauspielbegeisterten Hollywoodgesellschaft standhält.
Die opulente Bühnenkulisse und die vielen aufwändig sowie bunt kostümierten Statisten und Sänger waren für mich anfänglich eine absolute Reizüberflutung, sodass ich einige Zeit benötigte, mich auf dieses russische „Opernspektakel“ einzulassen.

Durch die gezielte Präsenz der drei Protagonisten – Lisa, die alte Gräfin („Pique Dame“) und Hermann – gelang es Lydia Steier auf geniale Weise, der dekadenten Gesellschaft nur so viel (Spiel-)Raum wie nötig zu geben, wodurch die Handlung nicht ins Lächerliche „abdriftete“. Nachhaltig beeindruckt haben mich die russische Gastsängerin Natalia Muradymova als Lisa und Sergej Khomov als Hermann. Beide spielten ihre Außenseiterrolle nicht nur überzeugend, sondern vollbrachten auch gesanglich meisterhafte Leistungen. Lisa, anfänglich die unsichere, unglückliche, unselbstbewusste und eher unattraktive Enkelin der alten Gräfin entwickelte sich im Verlauf der Oper zu einer ausdrucks- und willensstarken Frau, die eine Art Metaebene betritt und als einzige den unaufhaltsamen, dramatischen Verlauf der Dinge realistisch erkennt. Sergej Kkomov, der zurecht als Charaktertenor bezeichnet wird, nahm „sein“ Publikum als linkischer Held im „Woody-Allen-Look“ regelrecht mit auf (s)eine Verwandlungsreise. Als einfacher Offizier stürzt er sich aufgrund seines Verlangens nach Geld, Anerkennung und einer Liebe, die für ihn unerreichbar zu sein scheint, ins Verderben. Anfänglich schleichend, doch zeitgleich mit dem Tod der Gräfin und der ins Spiel kommenden magischen drei Gewinnkarten werde ich plötzlich als Zuschauer mit einer unbändigen Wucht Teil seiner Zerrissenheit, seines zunehmenden Wahnsinns und der daraus erwachsenden Psychose. Durch die facettenreiche Inszenierung und die genial gestaltete Bühnenkulisse von Bärbl Hohmann ist eine exakte Trennung zwischen Realität und Hermanns Halluzinationen zeitweise kaum möglich. Besonders eindrucksvoll fand ich nach der Pause die Hebebrücke in Verbindung mit einem eher finster gestalteten und Kälte verströmenden Bühnenbild. Während die Brücke den Übergang vom Leben zum Tod, von der  Realität zum Wahnsinn und von der Liebe zur Einsamkeit symbolisierte, diente der gesamte Bühnenraum auf recht skurrile Weise einerseits der aufstrebenden, aber dem Glücksspiel verfallenen Gesellschaft, andererseits den Todesszenen als Schauplatz.

Passender hätte Tschaikowsky seine Musik zur Handlung der Oper, in der seine eigene gesellschaftliche Zerrissenheit und sein Hang zum Rokoko zum Tragen kommen, nicht komponieren können. Unter der Leitung des Dirigenten Aziz Shokhakimov gelang den Duisburger Philharmonikern und den Sängern die Umsetzung dieser Vielschichtigkeit auf wunderbare Weise.

Mein Fazit: „Pique Dame!“ ist eine äußerst sehenswerte, kurzweilige Oper, die voller Esprit und Überraschungen steckt.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

Tschaikowsky meets Hugh Hefner

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Myriam Kasten über die Premiere von „Pique Dame“

Wenn ich Tschaikowsky höre, denke ich an „Schwanensee“, „Dornröschen“ oder den „Nussknacker“. Von der Oper „Pique Dame“ hatte ich noch nie etwas gehört und bin dementsprechend ohne Erwartungen aber voller Vorfreude ins Theater gegangen. Die Musik von Tschaikowsky hat mir schon als Kind immer sehr gefallen. Der Vorhang öffnet sich, die Bühne ist rappelvoll und bunt. Es sind so viele kleine Szenen in der Szene, dass ich die ersten Minuten komplett vergesse, dass es ja Text gibt, den man mitlesen sollte. Der Gesang ist in den ersten Minuten etwas dünn, steigert sich aber nach kurzer Zeit und ist über den Rest des Abends sehr stark. Die Reizüberflutung der ersten Szene geht jedoch immer wieder weiter und zur Pause bin ich schwer überfordert und denke nur: was für ein harter Tobak. Im letzten Akt treffen dann noch Playboy-Bunnys auf „The Walking Dead“ und ich bin vollends verwirrt. Die Musik, die ich eigentlich ja sehr mag, ist total in den Hintergrund gerückt. Zum Teil habe ich sie gar nicht wahrgenommen. Auch wenige Tage nach der Vorstellung kann ich nicht genau, sagen ob sie mir nun gefallen hat oder nicht.

 

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Myriam Kasten
Projektmanagerin Tourismus bei Duisburg Kontor GmbH

Die gelernte Fotografin hat die Liebe zu ihrer Heimatstadt zum Beruf gemacht: Als Projektmanagerin im Bereich Tourismus gibt sie ihre eigene Begeisterung für die Stadt an Besuchergruppen weiter. Für sie ist das Theater Duisburg einer der großen Anziehungspunkte der Stadt. Als großer Ballettfan hat sie Martin Schläpfers „Schwanensee“ in der Spielzeit 2018/19 positiv überrascht und die „Götterdämmerung“ in der Mercatorhalle vollkommen begeistert.