„b.38“ – Eine angenehme Überraschung

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b.38 Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg „Sinfonie Nr. 1“ ch: Remus Sucheana

Jürgen Ingenhaag über „b.38“

Unvoreingenommen und ohne Erwartung bin ich in den dreiteiligen Ballettabend „b.38“ hineingegangen, um dann angenehm überrascht zu werden!
Sergej Rachmaninows 1. Sinfonie ist von Remus Sucheana zu einer Tanzgeschichte über Krieg und Frieden verarbeitet worden. Tolle Kostüme und Frisuren ergänzen die klassischen und zeitgenössischen Tanzbilder. Dem trügerischen Frieden folgt das hoffnungslose Ende vom untergehenden Volk.
Das lässt nachdenklich zurück.
„One flat thing, reproduced“ von William Forsythe und der nervigen Computermusik ist ein relativ kurzes Stück. Der Tanz mit Tischen, auf Tischen und seinen schnellen Bewegungsabläufen spornt das Ballett-Ensemble zur Höchstleistung an. Am Südpol, wo das Stück spielt, scheint es diesen Körperbeherrschenden nicht kalt zu sein. Respektvolle Ovationen!
Nummer 3 ist dann das augenzwinkernde Stück „Ulenspiegeltänze“ des Chefchoreographen Martin Schläpfer. Till Eulenspiegel hält der Gesellschaft den Spiegel vor, treibt seinen Schabernack und lässt auf dem Vulkan tanzen… Hier begeistern auch die Video-Einspielungen mit teils harmlosen und teils bedrohlichen Bildern. Ich finde es einen genialen Einfall, dass Schläpfer nicht die Musik von Richard Strauss, sondern die letzte Sinfonie von Sergej Prokofjew mit ursprünglichem Schlusssatz verwendet hat. Großes Lob auch für die Duisburger Philharmoniker unter Wen-Pin Chien und ihrer exzellenten Interpretationen der russischen Meisterwerke von Rachmaninow und Prokofjew!

19.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Jürgen Ingenhaag
Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg

Der Staatlich geprüfte Techniker für Druck und Medien qualifiziert sich zurzeit zur Fachkraft für Arbeitssicherheit. Im Vorstand der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge‘‘. Mit Rock- und Popmusik ist er aufgewachsen – sie hat ihn geprägt und trotzdem nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden; einer, der sogar auch die Bayreuther Festspiele besucht. Im Theater Duisburg freut er sich nach „Rheingold“ und „Walküre“ in dieser Spielzeit auf die Fortsetzung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“.

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Ein scheinbar nicht enden wollender Abend

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Myriam Kasten über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

Als ich las, dass Siegfried 5,5 Stunden dauern wird graute es mir ein wenig vor diesem Abend. Nie zuvor habe ich so lange in einem Theaterstück gesessen. Nun denn, ich habe mich ihm gestellt. Gleich zu Anfang erfuhren wir, dass Corby Welch (Siegfried) aufgrund von Krankheit nicht die volle Leistung bringen wird, sich aber dennoch entschieden hatte den Premierenabend nicht platzen zu lassen. Dafür hat er von mir die größte Hochachtung verdient, denn mit Hinblick auf dieses sehr lange Stück hat er, wenn auch hier und da geschwächelt, eine gute Leistung gebracht. Der erste Aufzug war direkt sehr anstrengend für mich. Ich kam nur sehr schwer in die Story hinein. Die Philharmoniker haben alles gegeben und mir hat die Musik wirklich sehr gut gefallen. An einigen Stellen hätte ich mir gewünscht es wäre ein Konzert und keine Oper. Cornel Frey in seiner Rolle als Mime hat mir unwahrscheinlich gut gefallen. Der zweite Aufzug in dem Siegfried den Fafner erlegt, war sehr kurzweilig und zu weilen auch amüsant. Der dritte Aufzug hingegen verlangte meiner Konzentration alles ab. Es hat gefühlt eine Ewigkeit gedauert bis Siegfried sich traute Brünhilde zu erwecken und ebenso noch eine weitere Ewigkeit bis die Beiden sich vereinen. Brünhildes Stimme war für mich in Teilen nicht erträglich. Mein Fazit des Abends ist, ich werde mir bestimmt Wagner nochmal als Konzert anhören, aber eine solch lange Oper ist für mich persönlich nichts, ich frage mich wirklich, wer sich sowas freiwillig antut.

19.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Myriam Kasten
Projektmanagerin Tourismus bei Duisburg Kontor GmbH

Die gelernte Fotografin hat die Liebe zu ihrer Heimatstadt zum Beruf gemacht: Als Projektmanagerin im Bereich Tourismus gibt sie ihre eigene Begeisterung für die Stadt an Besuchergruppen weiter. Für sie ist das Theater Duisburg einer der großen Anziehungspunkte der Stadt. Hier hat sie schon als Kind viel Zeit verbracht – häufig nahmen sie die Eltern ins Theater mit. Ballettunterricht und das eigene Tanzen verstärkten die  Begeisterung für Musik und Tanz, besonders für die Choreographien von Youri Vàmos.

 

 

 

Eine kontrastreiche Vielfalt und vielfältige Kontraste

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b.38 Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg „One flat thing reproduced“ ch.: William Forsythe

Annette Hausmann über die Premiere von „b.38“

Was wird mich bei zwei Ballett-Uraufführungen und einer Reproduktion erwarten? Diese Gedanken schwirrten vor Beginn der Premiere „b.38“ in meinem Kopf herum. Nach dem Ballettabend lautete meine Antwort: Eine kontrastreiche Vielfalt und vielfältige Kontraste.

Für die erste Uraufführung des Abends ließ sich Ballettdirektor Remus Sucheana durch Rachmaninows „Sinfonie Nr. 1“ inspirieren, die in ihm Bilder einer zerrissenen Welt weckten und ihn zur tänzerischen Umsetzung einer Kriegsgeschichte voller Gegensätze von Kampf, Friede, Demütigung, Hoffnung, (Ver-)Gewalt(-igung), Freude, Resignation, Tod und Freiheit bewegte.
Fast zeitgleich mit dem ersten Taktschlag des Kapellmeisters Wen-Pin Chien befindet man sich als Zuschauer mitten in der Kriegsthematik: zwei Tänzer erscheinen auf der Bühne, strecken ihr Bein zu einem Gewehr nach vorne und verharren für einen Moment in dieser Tanzposition. Im Hintergrund befindet sich eine gewaltige Mauer, die gleichzeitig ein aufgeschlagenes Buch darstellen soll. Das imposante Bühnenbild von Drako Petrovic zieht während der Aufführung immer wieder meinen Blick in seinen Bann und weckt in mir die Vorstellung, als wenn die Protagonisten aus dem Buch „herausgelesen“ worden seien, um uns ihr persönliches Kriegserlebnis über die Form des Tanzes als körperliche Ausdrucksmöglichkeit emotional näher zu bringen. In vielen Tanzszenen ist Remus Sucheana dies auch auf einem sehr hohen Niveau gelungen, wie zum Beispiel bei der Gegenüberstellung der unterschiedlichen, kriegsgeprägten Rollen: auf der einen Seite die uniformierten Soldaten und Soldatinnen, deren emotionslose Körperhaltung sowie die stechschrittmäßigen Tanzbewegungen hart, angespannt und fremdbestimmt wirken. Auf der anderen Seite die einfach gekleideten Bürger und Bürgerinnen, deren zumeist schnellen Rumpf- und Beinbewegungen weich und geschmeidig sind, Freude und Freiheit, im nächsten Moment aber auch Trauer, Resignation und Zerbrechlichkeit ausdrücken. Hervorzuheben ist auch die Abschlussszene, in der alle Protagonisten vor der Mauer gleichzeitig in den Untergrund „fahren“ – offenbleibt, ob sie den Tod als einzigen Ausweg in die grenzlose Freiheit wählen oder einfach nur wieder ins Buch „zurückgelesen“ werden…

Insgesamt empfand ich es als sehr grenzwertig, Rachmaninows wundervolle Jugendsinfonie zu nutzen, um ein Handlungsballett rund um das Thema „Krieg“ zu schaffen.

Im zweiten Teil nach der Pause: trügerische Stille…
Plötzlich schiebt eine 14-köpfige Tanzcompanie lautstark 20 Tische auf die Bühne und ordnet jeweils fünf Tische hintereinander geometrisch exakt in vier Reihen an.
Auf dieser begrenzten und scheinbar einengenden Bewegungsfläche soll getanzt werden? Und wie!!
Mit Einsetzen der elektronischen Klangkulisse trifft mich das Ballettstück „One Flat Thing, Reproduced“ wie ein unvorhersehbares Naturspektakel; 20 Minuten „Voll-Power“ strömen auf mich ein. Sowohl das Entladen angestauter Energien als auch das „Anstupsen“ eines Dominosteins scheinen nicht mehr aufzuhalten zu sein. Die sportlich-leger gekleideten Tänzer beginnen wie bunte Flummis zu tanzen. Jedoch nicht im klassischen Sinne, sondern vielmehr ist es ein experimentelles Bewegen auf höchstem Niveau. Impulse werden abgegeben, angenommen, weitergegeben oder mit eigenen Bewegungsformen beantwortet, dynamisch-schnell, präzise-vorausschauend, freudvoll-kooperativ, synchron-asynchron, genial und immer wieder verblüffend. Scheinbar ein pulsierendes Chaos, das bei genauerer Betrachtung eine perfekt aufeinander abgestimmte Tanzchoreographie ist, bei der nichts dem Zufall überlassen wird.
In William Forsythes Phantasie sind die Tische Eisschollen und Eisberge mit gefährlichen Kanten. In Verbindung mit der außergewöhnlichen Klangcollage eine phantastische Assoziation, die auch mir als Zuschauer Raum für eigene Bilder und Interpretationen inmitten einer Eislandschaft lässt.

„One Flat Thing, Reproduced“ ist für mich eine absolut sehenswerte Expeditionsreise ins Land der fast unmöglich erscheinenden, expressiven Bewegungswelt des Menschen.

Den Abschluss des Ballettarrangements „b.38“ bilden die „Ulenspiegeltänze“ zur Sinfonie Nr. 7 von Prokofjew – die zweite Uraufführung des Abends. Der Vorhang hebt sich und ein wunderbares Bühnenbild des Künstlers Keso Dekker mit Perlenschnüren und Ballsaalcharakter eröffnet sich dem Zuschauer. An der Rückwand eine Videoprojektion, die uns das Bild einer, uns mit dem Rücken zugewandten, überdimensionierten Eule zeigt; mal schaut sie weise, mal teuflisch, aber sie scheint immer allgegenwärtig zu sein.
Wer meint, ihm werden im letzten Ballettstück nette Till-Eulenspiegel-Geschichten aus Kindheitstagen tänzerisch präsentiert, der irrt sich. Denn schließlich „steckt“ Martin Schläpfer hinter der Choreographie. Er führt uns „an der Nase“ herum, überrascht uns von hinten, tritt zum Teil anmutig, aber manchmal auch bedrohlich-beängstigend in Erscheinung und hält uns regelmäßig auf gesellschaftskritische Weise den Spiegel vor.
Die tänzerischen Leistungen, insbesondere die ausdrucksstarken Tanzbewegungen von Yuko Kato oder das Solo von Feline van Dijken waren wieder erstklassig und äußerst bemerkenswert.
Martin Schläpfer beweist mit Prokofjews 7. Sinfonie wiederholt sein Feingefühl für eine wundervoll passende und sinnstiftende Musik. Den Duisburger Philharmonikern gelingt es dabei, die musikalischen Gegensätze und Überraschungsmomente des Komponisten auch für ein eher ungeschultes Ohr genau herauszuarbeiten. Durch die Videoprojektion, die mir sehr gut gefallen hat, ermöglicht sich Martin Schläpfer auf schelmische Art selber, seiner Choreographie noch weitere Nuancen zu verleihen – so auch beim Einblenden eines Bildes der Wiener Staatsoper. Spätestens jetzt ist einem als Zuschauer klar, dass durch den Perspektivenwechseln jedem von uns der Spiegel vorgehalten wird.

Am Ende der „Ulenspiegel“ ziehe ich für mich das Fazit, dass sie sehenswert sind, aber das Ballettstück insgesamt zu wenig Inhalt aufweist und mir daher auch der Spannungsbogen fehlt.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an GGS Hermann-Grothe-Straße in Duisburg-Bissingheim, einer Montessori-Grundschule, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Sie findet es spannend und freut sich darauf, sich als Scout für Oper und Ballett in dieser Saison wieder regelmäßig und intensiv mit Oper und Ballett auseinanderzusetzen.

b.38 ist etwas sehr Besonderes

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von „b.38“

Der Ballettabend b.38 ist etwas sehr Besonderes – man sollte ihn  unbedingt ansehen, weil er auch für  Nicht-Ballettfans ein richtig  beeindruckendes Erlebnis bietet.

Der dreiteilige Abend beginnt mit der  Uraufführung des Balletts Sinfonie  Nr.1 des rumänischen  Choreographen und Tänzers Remus  Șucheană, der an die Stelle Martin Schläpfers treten wird, wenn dieser  im nächsten Jahr das Ballett am  Rhein verlässt und nach Wien gehen  wird. Der Titel Sinfonie Nr.1 bezieht  sich auf die Musik zu diesem Ballett:  Sergej Rachmaninows erste Sinfonie  – ein dramatisches, animalisches, fast  trotziges Werk, auf das Remus  Șucheană seine Geschichte von  Krieg und Liebe, Verlust und  Sehnsucht, von Schrecken und  Hoffnung choreografiert. Die düsteren  und sehr intensiven Farben dieser  facettenreichen Musik finden sich  wieder im höchst eindrucksvollen Bühnenbild (Darko Petrovic): eine in ihrer Schlicht- und Einfachheit fast bedrohlich wirkende Mauer, die wie ein geöffnetes Buch hochkant die Szene begrenzt und den Blick auf das lenkt, was davor passiert. Menschliche Dramen, Paare, die sich finden, sich trennen müssen, weil die Männer in den Krieg ziehen, die Sehnsucht nach Menschlichkeit, Familienleben und Normalität. Auch Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt sind zu sehen, Hoffnung auf Frieden und bessere Zeiten. Die Kostüme passen sich realistisch in die Szenerie ein: Soldatenuniformen, angelehnt an jene der 1930er Jahre, im Kontrast zu bürgerlicher Kleidung, praktische Schnitte, dazu Frisuren, 44 wie man sie aus Bildern jener Zeiten kennt. In Verbindung mit dem unglaublich starken Ausdruck der Tänzer wird diese Geschichte aufwühlend lebendig. Man wird sogartig hineingezogen, fühlt und erlebt mit und bleibt – insbesondere beim tiefgründigen Ende – mit absoluter Aufmerksamkeit und angehaltenem Atem zurück…

Auf ganz andere Weise beeindruckend ist das zweite Tanzstück, das durch unfassbare Akrobatik besticht: 20 große breite Tische werden von 20 Tänzern vorn auf die Bühne gezogen und auf alle nur erdenklichen Arten genutzt: darauf liegend, wischend, sitzend, ziehend, stehend, mit Füßen tippend, unter ihnen hindurch gerollt, drumherum getanzt… One flat thing, reproduced, hat Choreograf William Forsythe sein Bewegungskunstwerk getauft. Zunächst herrscht auf, neben und unter den Tischen Chaos, zwischendurch lichtet sich das Treiben, Tänzer in kleinen Gruppen reduzieren die Impulse fürs Auge, dann wieder scheinbar ungeordnetes Chaos. Dazu eine Klang- und Geräuschwelt von Thom Willems, die das Chaos akustisch bestätigt… Zutiefst beeindruckend ist die tänzerische Leistung, die akurate Abstimmung, das Timing, die Präzision, die notwendig ist, um sich nicht an den Tischkanten zu verletzen und einen solchen rauschhaften Strudel an Bewegung zu meistern. Aber gefallen? Nein, das tut es nicht sehr – die Musik ist anstrengend, das Chaos bietet keinen Halt fürs Auge, keiner der zahllosen Impulse wird zu Ende geführt, das Auge kann auf nichts ruhen – alles bleibt offen und undurchschaubar. Respekt beschreibt den Eindruck vielleicht eher.

Musikalisch und erzählerisch versöhnlicher ist das dritte Ballett: Martin Schläpfers uraufgeführte Ulenspiegeltänze entführen ein wenig in magische Welten. Till Eulenspiegel, der rebellische Narr, Gaukler, legendäre Streichspieler dient dem Choreografen Martin Schläpfer nur als hintergründiger Nährboden für seine sehr konkret in der Jetztzeit festgemachten Ideen. Die Bühne eröffnet eine nächtliche Szene, nebelig, herabhängende Schnüre von oben werden zu beiden Seiten gezogen, wie ein nur wenig geöffneter Vorhang. Eulen als Motiv tauchen auf, als Nachttier in Videosequenzen oder Eulenaugen, die alles beobachten. Ein großer Kronleuchter oder ein prunkvoller Theatersaal werden eingeblendet und verändern die Atmosphäre. Wenig passend das Portrait Stalins, das im Bühnenhintergrund erscheint. Die Tänzer, in eng anliegende Anzüge gehüllt, die aussehen, als sei der Körper mit Pastellfarben bemalt, sorgen auch hier für fesselnde Stimmungen – ausdrucksvolle Bewegungen, die den Menschen den Spiegel vorhalten, die Menschen darauf stoßen, wie die Realität aussieht, mit allen Schrägheiten und Narreteien… so ist es von Martin Schläpfer gedacht. Und so kommt es auch an. Es braucht eine Weile, bis die Eindrücke verarbeitet sind, aber dann ist die Begeisterung für diesen vielseiteigen Abend um so größer…

Fedrizzi_Isabel_FOTO_Tanja_BrillIsabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout für Oper und Ballett möchte sie ihre Zuschauererfahrungen erweitern und intensivieren.

Die dunkle, sagenumwobene Welt von „Der Ring des Nibelungen“ – Teil 3

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Annette Hausmann über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

Als Auftakt zur fast fünfstündigen Opernpremiere von Richard Wagners „Siegfried“ kam es im Opernfoyer bereits zu einer ersten Begegnung mit Wotan, dem Wanderer, der gespenstisch-verhüllt mit Hut und abgewracktem Mantel neugierig-distanziert zwischen den ankommenden Gästen hin und her schritt.

Kaum hatte sich im Opernraum selber der eiserne Vorhang gehoben, tauchte man als Zuschauer mit „Siegfried“ in den dritten Teil der dunklen, sagenumwobenen Welt von „Der Ring des Nibelungen“ ein… – den Blick dabei fokussiert auf das karge, trostlose und düstere Innere der Schmiede des Zwergs Mime. Bei ihm als „Ziehvater“ wächst Siegfried isoliert von der Außenwelt auf. In der Oper wird diesem der Typus des furchtlosen und übernatürlich starken, aber zugleich naiven, jungen Mannes zugeschrieben, der keinerlei Kenntnis von seiner Familie, dem Ring des Nibelungen und der damit verbundenen Weltherrschaft hat.

Corby Welch als „Siegfried“ verkörperte diese Rolle trotz seiner gesundheitlichen und stimmlichen Angeschlagenheit vom ersten bis zum dritten Aufzug erstklassig. Er verstand es, seine kraftvolle, warme Tenorstimme mal energisch, mal sanft, aber immer passend zur jeweiligen Handlung einzusetzen und durch seine gekonnt naiv wirkende Gestik und Mimik vielen nonverbalen Szenen witzige Elemente zu verleihen.

Besonders begeistert hat mich Cornel Frey in seiner Rolle als Zwerg und Schmied „Mime“. Durch seine hervorragenden schauspielerischen Fähigkeiten und seine wunderbar klare sowie ausdrucksstarke Tenorstimme gelang es ihm auf geniale und äußerst facettenreiche Art und Weise, Mimes erlebte Demütigungen, seine Unruhe, aber auch Durchtriebenheit und sein haltloses Verlangen nach dem Ring des Nibelungen darzustellen. Zu Recht wird er als „Charaktertenor“ bezeichnet.

Die musikalischen Leistungen der Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Axel Kober zeugten wieder einmal von äußerster Professionalität. Axel Kober schaffte es mit viel Feingefühl, die musikalischen Kontraste herauszuarbeiten und die schauspielerischen Handlungen sinnbildschaffend zu untermalen.

So schön die Musik und die lyrischen Elemente von Wagners Libretto waren, so (ver)störend empfand ich wesentliche Inszenierungselemente, insbesondere die riesige, den Drachen symbolisierende Dampflok und das Hubschrauberwrack im dritten Aufzug. Beim Zuschauer wurden zwar sogleich Assoziationen zur Industrialisierung und zum Kapitalismus geweckt, doch ein Hubschrauberwrack als Raum und Schauplatz für freiwerdende Emotionen – inklusive Liebesduett zwischen Siegfried und Brünnhilde- ist und bleibt für mich befremdlich. Siegfrieds Entdeckung und Erkenntnis: die „große Liebe“, die ihm Furcht einflößt, traten dadurch leider in den Hintergrund.

Wer sich Wagners Musik „verschrieben“ hat und den bestehenden Vorurteilen bezüglich des „Ring des Nibelungen“ als zu lange und zu schwere Oper trotzen möchte, für den ist „Siegfried“ mit der hochkarätigen Sängerbesetzung genau das Richtige, da er der herrlichen Musik lauschen und dabei die teilweise skurrilen Bühnenbilder ausblenden wird.

28.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an GGS Hermann-Grothe-Straße in Duisburg-Bissingheim, einer Montessori-Grundschule, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Sie findet es spannend und freut sich darauf, sich als Scout für Oper und Ballett in dieser Saison wieder regelmäßig und intensiv mit Oper und Ballett auseinanderzusetzen.

Sehr sehens- und hörenswert!

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

Wagners Siegfried ist ein Männerstück: 5:2 das Verhältnis Männer zu Frauen, und die zwei Damenpartien spielen im Rahmen der Opernlänge von fünf Stunden eine eher untergeordnete Rolle. Die Hauptfigur Siegfried und sein Ziehvater Mime bestreiten die ersten knapp eineinhalb Stunden (den ersten der drei Akte) größtenteils im Alleingang, die Dialoge sind geprägt von Verachtung, Missgunst und Hass, die Szenerie ist die kalte Welt der Schmiedewerkstatt mit Metall, Eisen und Stahl… Doch dank großartiger schauspielerischer Leistungen vor allem des Zwergs Mime, aber auch Siegfrieds (und zuletzt auch des Wanderers) ist es nicht einen Moment langweilig, man taucht ein in diese rohe Welt der Nibelungen, in der es um Stärke, Siegen, Überleben geht. In dieser gelungenen Inszenierung Dietrich Hilsdorfs spielt der erste lange Teil in Mimes „rümpeliger“ Werkstatt, deren spröder, düsterer und unaufgeräumter Anblick beinahe wie ein Spiegelbild des Inneren des verbittert-bösen und rachedurstigen Schmieds selbst wirkt. Die Bühne (Dieter Richter) wie auch die Kostüme (Renate Schmitzer) in ihren ausschließlich schlammig-erdigen Farbtönen stimmen zusätzlich ein in die Seelenzustände der sich verachtenden und streitenden Charaktere des ungeliebten Stiefkinds Siegfried und dem ihm verhassten Ziehvater Mime. Duisburgs Siegfried Corby Welch, der sich morgens trotz Halsschmerzen für den Auftritt und gegen die Absage der Premiere entschied, war stimmlich deutlich eingeschränkt und sollte nicht in die Bewertung eingehen. Mime und Fafner sowie auch der Wanderer und Alberich präsentierten solide und gute Stimmen – es wären beide stellenweise besser zur Geltung gekommen, wenn das Orchester weniger voluminös geklungen hätte. Doch das ist ein akustisches Problem und wird -abhängig vom Sitzplatz- sehr unterschiedlich wahrgenommen. Denn zu laut waren sie eigentlich nicht, die Duisburger Philharmoniker, denen unter dem dynamischen und leidenschaftlichen Dirigat von Axel Kober größtes Lob gebührt für einen ausdrucksstarken und zugleich transparenten Wagner, der bis in die einzelnen Instrumentengruppen differenziert war: eine wache und homogene Orchesterleistung.

Das Bühnenbild im zweiten Teil wirkt in seiner totalen Reduktion auf eine schlicht grüne Wand mit einer einzigen Tür als schlichter Gegenpol zur realistischen Werkstattwelt Mimes. Als Treffpunkt für das offene Gespräch Wotans mit der Urmutter Erda wirkt es karg, etwas banal. Doch trotz oder vielleicht wegen der statischen Szene verfolgt man umso gebannter die Dialoge und das geladene Zweigespräch. Diese gespannte Aufmerksamkeit kann die Inszenierung insgesamt lang aufrecht erhalten – erst gegen Ende des dritten Teils, wenn sich Siegfried und Brünnhilde umturteln und zieren und so gar nicht zu ihrer Liebe finden können, spürt man dann doch die epische Breite des theatralischen Dramas… Brünnhilde mit ihrem  durchdringenden Timbre kann man  gleichermaßen überzeugend finden oder ablehnen. Für mich überwog eine klar gezeichnete Stimmführung, die gute Diktion.

Als kleinen „musikalischen“ Störfaktor habe ich das „Begleiten“ der Orchesterpartitur mit den Hammerschlägen auf das Schwert Nothung empfunden – die Idee an sich wirkte gut, für einige wenige Takte oder bestimmte Passagen auch effektvoll, hier aber zu lang und zu dominant ausgekostet. Im positiven Sinn effektvoll ist die monströse Dampfmaschinen-Lokomotive alias Drache Fafner, deren Macht und Dominanz   Siegfried mit einem gezielten Stich in den „Dampfkessel“ zunichte macht… überhaupt mangelte es nicht an guten dramaturgischen Einfällen. Würde ich diesen Siegfried also empfehlen? Ja! Er ist sehr sehens- und hörenswert.

Fedrizzi_Isabel_FOTO_Tanja_BrillIsabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout für Oper und Ballett möchte sie ihre Zuschauererfahrungen erweitern und intensivieren.

What if god is one of us?

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Jürgen Ingenhaag über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

„Siegfried“ würde ich nicht unbedingt als Einsteiger-Oper empfehlen, aber in Richard Wagners „Ring“-Zyklus ist dieses 4 1/2-stündige Werk immerhin das humoristische Intermezzo. Amüsante Aspekte hat auch unsere Rheinopern-Inszenierung von Dietrich Hilsdorf zu bieten. So startet bereits die Show vor dem eigentlichen Stück, indem ein vermeintlicher Stadtstreicher mit altem Fahrrad vor dem Theater und später im Foyer und Zuschauerraum herumwandert. „What if god is one of us?“ – Der gefallene Gott Wotan war also dieser Stadtstreicher und besucht in der Mitte des ersten Aufzugs den Zwerg Mime. Dieser verwettet übermütig seinen Kopf und albert tänzelnd um diesen „Wanderer“ herum. Cornel Frey als Mime singt und schauspielert hervorragend und erntet dafür zu Recht Bravo-Rufe. Mimes Ziehsohn Siegfried ist ein Trotzkopf und wird bekanntlich zum Helden, der das Schwert „Nothung“ neu schmiedet. Der erkrankte Hauptdarsteller Corby Welch sang diese anspruchsvolle Partie und rettete durch diesen selbstlosen Einsatz die Duisburger Premiere.

Bei Wagners Musik fliegt einem das Blech weg. Unsere Duisburger Philharmonikerin Magdalena Ernst spielt im zweiten Aufzug unsichtbar seitlich der Bühne virtuos das Horn. Zuvor imitiert Siegfried wunderbar komisch die Vogelstimmen. Dann erscheint Fafner, der Furcht erregende Wurm – hier die Dampfmaschine! Diese Szene hat mich angenehm überrascht, habe ich mir doch sonst eher einen Drachen gewünscht. Doch die Industrie-/ Kapitalismuskritik sei gestattet und ist vom Autor auch erwünscht.

Im dritten Aufzug wird Siegfried, der Drachentöter, nicht gerade zum (Frauen-)Held. Er lernt das Fürchten, als er sein Dornröschen wachküsst. Richard Wagner legt Brünnhilde warnende Worte in den Mund: „Liebe Dich und lasse von mir: Vernichte Dein Eigen nicht!“ Und dann auf einmal „Dein war ich von je! Dein werd´ ich ewig sein!“ Verstehe einer die Frauen. Happy End?! Jedenfalls werde ich mir „Siegfried“ noch mal ansehen, so wie sich andere mehrfach an einem „Herr der Ringe“-Teil erfreuen.

19.09.2018, DU Duisburg , Opernscouts Deutsche Oper am Rhein , Opernplatz.

Jürgen Ingenhaag
Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg

Der Staatlich geprüfte Techniker für Druck und Medien qualifiziert sich zurzeit zur Fachkraft für Arbeitssicherheit. Im Vorstand der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge‘‘. Mit Rock- und Popmusik ist er aufgewachsen – sie hat ihn geprägt und trotzdem nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden; einer, der sogar auch die Bayreuther Festspiele besucht. Im Theater Duisburg freut er sich nach „Rheingold“ und „Walküre“ in dieser Spielzeit auf die Fortsetzung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“.