Rouven Kasten über „Madama Butterfly“

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Mitwarten, mitleiden

Madame Butterfly ist eine Geschichte die sehr bekannt ist. Die Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly, wird dem in Nagasaki stationierten amerikanischen Leutnant Pinkerton als Braut offeriert. Dieser ist mit der japanischen Kultur nicht vertraut, die Hochzeit mit Cio-Cio-San ist Mittel zum Zweck, um mit ihr eine gemeinsame Nacht zu verbringen. Konsul Sharpless ahnt dies und warnt Pinkerton, dass die junge Frau sein Eheversprechen ernst nehmen könnte. Dennoch geht Pinkerton den Bund ein, kehrt jedoch nach nur einer gemeinsamen Nacht nach Amerika zu seiner Verlobten Kate zurück. Als er drei Jahre später mit seiner Frau nach Nagasaki kommt, erwartet ihn Butterfly mit einem Kind. Pinkerton weist sie zurück, möchte aber das Kind in die westliche Welt mitnehmen. Cio-Cio-San begreift, dass sie benutzt und entehrt wurde, und begeht Selbstmord.
Es ist völlig klar, dieses Ende wird tragisch werden, aber dennoch denkt man bis zum Schluss, dass es vielleicht doch noch klappt. Siegt vielleicht doch die Liebe? Ach nein, der Künstler hat es so gewollt. Und wir leiden mit! Mit Tränen in den Augenwinkeln leiden wir, wenn die toll besetze Liana Aleksanyan wartet. Die Passagen, in denen Giacomo Puccini sie warten lässt, lässt er auch das Publikum mitwarten und mitleiden. Ein Schuft möchte man sagen.
Der erste Akt ist ein Leid für den Hörer, hier hat Puccini sich ein wenig abgearbeitet, denn so fühlt er sich an. Keine Leichtigkeit, eher gewollt, aber das kann auch nur mein persönlicher Eindruck sein. Für mich ist und bleibt der erste Akt physisch anstrengend, er verlangt mir wirklich Kraft ab. Ein Glück, dass es in den 3 Stunden dann doch eine Pause gibt. Doch kurz nach der Pause wird das Publikum belohnt. Es folgt relativ zeitnah die Arie „Un bel dì vedremo“, das sicher herausragendste Stück der ganzen Oper. Butterfly wartet schon seit drei Jahren auf die Rückkehr ihres Ehemannes. Sie ist verarmt und gesellschaftlich verachtet. Sie gilt als geschieden, weil ihr Mann sie verstoßen hat, doch sie hält an ihrem Glauben fest, dass er zurückkommen wird. In der Arie malt sie sich aus, wie er zurückkommt und wie sie dann triumphieren wird. Untermalt wird das Ganze von Bühnentechnik die mit kleinen Stilmitteln, große Gesten darstellt. Schön!
Überhaupt ist die Bühne von Alfons Flores mit nur einem Umbau aber feinen Details ein echter Blickfang. Lediglich der leichte Bezug in die aktuelle politische Situation und der dazugehörige Kitsch war mir ein wenig zu viel gut, dass aus dem „America forever“ nicht noch ein „America first“ wurde. Das Theater stellt aber zurecht die Protagonisten in den Vordergrund und so überzeugen vor allem Liana Aleksanyan, Maria Kataeva und Eduardo Aladrén. Diese haben keine Mühe sich bis in die obersten Ränge zu singen. Das Orchester unter der Leitung des erst 29 Jahre alten Aziz Shokhakimov, der am Pult alles rausholt, ist eine Empfehlung an die Ohren. Egal ob mit viel Kraft, fast schon verstörend, oder ganz seicht, mit den Tönen kann er wirklich umgehen und er versteht es, das Orchester dort zu empfangen, wo er es hinführen möchte. Schon deswegen hat sich der Abend gelohnt.
FAZIT: Auch wenn Madame Butterfly und ich uns nicht sehr oft über den Weg laufen werden, den Abend in der Oper am Rhein habe ich letztendlich sehr genossen. Solche Stimmen und Klänge muss man einmal live erlebt haben und diese Oper gehört einfach zu denen, die man im Leben einmal live gesehen haben sollte. Daher mein Tipp: Hingehen!

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Opernscouts Rouven Kasten

Rouven Kasten
Social Media Experte
Rouven Kasten ist in Duisburg aufgewachsen, mit Raider und Pink Floyd. Er bloggt, twittert, facebookt, schießt Fotos und jagt alles in die Wolke. Die Möglichkeit zur grenzenlosen Interaktion gefällt ihm. Nach einigen Agenturstationen und einer intensiven Zeit der Selbstständigkeit ergänzt er nun das Team der GLS Bank im Bereich digitale Kommunikation. Die Begeisterung für das Musikhören und -machen brachte ihn zur Oper und zum Ballett. Die Erfahrungsberichte als Opernscout schreibt er auch in seinen privaten Blog: http://www.gestalterhuette.de oder auf twitter und facebook, direkt aus dem Theater mit dem Hashtag #opernscout.

Ralf Kreiten über „Madama Butterfly“

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Tragödie unter dem Sternenbanner

Die Wirklichkeit ist hässlich. Oder traurig. Oder beides. Daran lässt Puccinis Musik keinen Zweifel, wenn er vor allem in seiner „Butterfly“ den Bogen mitreißend spannt zwischen romantischer Liebelei und extremer Traurigkeit.
In der Inszenierung von Joan Anton Rechi verweigert sich der Regisseur einer niedlichen Nippon-Atmosphäre der Geisha wider Willen, in die der vagabundierende Yankee-Offizier Pinkerton, der nichts weniger ist, als ein Gentleman, auf der Durchreise einbricht. Stattdessen finden Ehe-Coup und Hochzeitsnacht in der amerikanischen Botschaft unter dem alles dominierenden Sternenbanner statt.“ America forever“ statt-Japan Kitsch mit Reißpapier-Wänden.
Für Pinkerton ist es  ein amüsanter Zeitvertreib, für Butterfly ist es aber bedingungslose Liebe, selbst bis zur Aufgabe der alten Religion und Kultur und damit auch des Rückhalts durch ihre eigenen Leute. Das ist ihr Fehler.
Im ersten Akt läuft dann auch alles darauf hinaus, wie Butterfly´s Welt zusammenbricht; bildlich ideal umgesetzt durch das Zusammenbrechen der Säulen in der Botschaft unter ohrenbetäubenden Kriegslärm (Bühne: Alfons Flores). In den Trümmern wartet Cio-Cio- San zusammen mit dem unehelichen Kind; auch hier unter dem weitgehend intakten Sternenbanner, diesmal als Zeltplane für den eigenen Unterschlupf.
Spätestens jetzt schlägt eindrucksvoll die Stunde von Liana Aleksanyan als packende Sänger-Darstellerin. Sie verfügt nicht nur über den Schmelz und großen Atem, den Puccinis wunderbare Musik verlangt, sie hat auch die Durchschlagskraft und enorme Modulationsfähigkeit, mit der ihr, in Verbindung mit berührendem Spiel, ein beeindruckendes und packendes Bild der Protagonistin gelingt. Aber auch die weiteren Sängerinnen und Sänger überzeugen. Der Chor verursacht Gänsehaut, auch weil die Duisburger Philharmoniker unter Leitung des begabten jungen Musikalischen Leiters Aziz Shokhakimov Puccinis Komposition so fein und brillant spielen. Vielleicht manchmal etwas laut; aber wen stört das bei dieser packenden Tragödie.
Rechi lenkt den Blick immer wieder auf das Warten und die Selbsttäuschung der Butterfly. Ernüchternd das wunderschön gesungene „Blumenduett“ zwischen Butterfly und ihrer Gefährtin Suzuki (überzeugend: Maria Kataeva); das Schmücken mit Blumen macht die Trümmerlandschaft nicht schöner, lenkt vielleicht von den seelischen Schmerzen der Butterfly etwas ab. Bedrückend die minutenlange Szene in der die Verzweifelte auf den „Ehemann“ wartet.
Wenn der feige Pinkerton am Ende dieses Alptraums doch noch auftaucht, mit seiner „echten Amerikanerin“ und Ehefrau erkennt Butterfly die Täuschung und kehrt in ihre alte Welt zurück – durch Selbsttötung mit dem Dolch, den schon ihr Vater so gebrauchte.
Einhelliger Jubel für eine packende Inszenierung, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

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Opernscouts Ralf KreitenRalf Kreiten
Abteilungsleiter Sparkasse Krefeld
Schon vor 30 Jahren hat Ralf Kreiten über ein Theaterabo seine Liebe für die klassische Musik, besonders für die Oper, entdeckt. Seit 4 Jahren Duisburger, genießt er jetzt das kulturelle Angebot der Stadt, insbesondere die Aufführungen der Deutschen Oper am Rhein. Über seine Tätigkeit als Opernscout bekommt er jetzt auch einen Zugang zum Ballett, oft ist er sogar sehr begeistert. Diese Erfahrung gibt er gerne an andere Duisburger weiter, um vielleicht auch deren Interesse zu wecken Neues zu entdecken.

Heike Stehr über „Madama Butterfly“

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Hoffen und warten

„Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu …“ und in diesem Falle passiert sie der ehrsamen Geisha Cio-Cio-San in Puccinis Oper „Madama Butterfly“. Sie liebt den amerikanischen Marineoffizier Pinkerton, nimmt sogar seinen Glauben an. Er sieht in ihr kaum mehr als eine unterhaltsame und exotische Affäre, ein Spielzeug, über das er nach Belieben verfügen kann. Und schon nimmt das Drama seinen Lauf.
Obwohl die Uraufführung 1904 in der Mailänder Scala zu einer großen Katastrophe wurde, war Puccini selbst von seinem Werk überzeugt „Meine Butterfly bleibt, was sie ist. Die empfindungsreichste Oper, die ich je geschrieben habe! Ich werde noch gewinnen…“ Die Besucher der Premiere der Inszenierung des Stückes an der Deutschen Oper am Rhein unter Joan Anton Rechi können dem aus vollem Herzen zustimmen. Diese Tragödie überzeugt durch lebensnahe Gefühle und ein gutes Gespür für die menschliche Natur, das besonders in Pucchinis berühmten Arien „Vogliatemi bene“, „Un bene piccolino“ und „Un bel dì, vedremo“ aufscheint. Liana Aleksanyan in der Titelrolle verkörpert eindrucksvoll das so schmerzhafte Leiden der in ihrer Liebe einsamen Cio-Cio-San. Mit ihrem Gesang und ihrem Spiel trägt sie das ganze Stück und hält es zusammen. Fast ebenso überzeugend stehen ihr Maria Kataeva als Suzuki und Eduardo Aladrén als Pinkerton zur Seite. Die Duisburger Philharmoniker unter Aziz Shokhakimov spielen glänzend auf und machen den Abend musikalisch zu einem einzigen Genuss. Das Orchesterzwischenspiel nach dem zweiten Akt empfand ich als ein ganz besonderes Highlight der insgesamt drei Stunden dauernden Aufführung.
Diesen jungen erst 28jährigen Aziz Shokhakhimov wünschte ich mir direkt öfter im Orchestergraben zu sehen. Der Film „Dirigenten – jede Bewegung zählt“ (D, 2016) sei jedem ans Herz gelegt, der etwas mehr über ihn, andere junge Dirigentenkollegen und das Geheimnis des Dirigats erfahren möchte.
Doch zurück zu „Madama Butterfly“. Auch im Bühnenbild spiegeln sich Cio-Cio-Sans große Hoffnung zu Beginn und ihr inneres Drama sowie ihr traumatisches Warten bis zum bitteren Ende ganz deutlich wider. Während unter den großen und hohen Säulen der amerikanischen Botschaft ein Ehebund geschlossen wird, den nur eine der beteiligten Personen wirklich ernst nimmt, verbringen wir die folgenden Akte in einer deprimierenden Trümmerlandschaft und hoffen trotzdem und wider besseres Wissens mit der kleinen Frau Schmetterling bis zum letzten Moment, hoffen, dass die amerikanischen Rotkehlchen vielleicht doch nur alle drei Jahre brüten…
Wie ich als Zuschauer so unvermeidlich und zwingend in dieses Hoffen und Warten eingeschlossen wurde, bleibt für mich das große Geheimnis dieses Abends. Gehen Sie hin & schauen Sie, ob Sie diesen Zauber auch erleben werden!

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11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

Astrid Klooth über „Madama Butterfly“

Madama und Hegemon

Der Plot von Puccinis „Madama Butterfly“ – verarmte, gutherzige 15 jährige Geisha wird nach einer gemeinsamen Nacht von US-Soldaten verlassen – , rekurriert auf historische Vorfälle zur  Zeit des amerikanischen Militärs in der Hafenstadt Nagasaki.
Marineoffizier Pinkerton führt die naive, noch nicht volljährige Cio-Cio-San kaltschnäuzig vor den Traualtar, um sie ins Bett zu kriegen. Nach dem ehelichen one-night-stand macht er sich auf und davon und lässt die junge Braut entehrt, schwanger  und von ihrer Familie geächtet, zurück. Dennoch schmachtet sie seiner ungewissen Rückkehr entgegen. Tatsächlich kehrt Pinkerton drei Jahre später  mit seinem American wife zurück und pocht darauf, den unehelichen Sohn in das wirtschaftlich prosperierende Amerika mitzunehmen.  Cio-Cio-San, all ihrer Illusionen und ihres Kindes beraubt, begeht daraufhin Harakiri.
Warum die Inszenierung den Atombombenabwurf über Nagasaki mittels eines zugemüllten Bühnenbildes im zweiten und dritten Akt zu symbolisieren versuchte, hat sich mir nicht erschlossen. Als zeitlose Anspielung drängte sich mir eher die ewig  wiederkehrende Konstellation Mann (unverbindlicher, schneller Sex)  – Frau (Liebe, Ehe, materielle Versorgung) auf.  Gerade dort wo sich (Besatzungs-) Soldaten einer ärmeren Zivilbevölkerung gegenüberstehen sind ähnliche Vorfälle wie zwischen Cio-Cio-San und Pinkerton an der Tagesordnung. Wenn schon zeitlose Allusion und Kritik an Kulturimperialismus und Yankee-Ignoranz,  warum nicht Blauhelmsoldat in Bosnien oder Haiti, wo der Missbrauch von Frauen und Minderjährigen bis zu den Vereinten Nationen ruchbar wurde?
Sehr viel besser als das über große Strecken öde Bühnenbild hat mir die musikalische Gestaltung der „Madama“ gefallen. Da sind zum einen die unter dem jungen Ausnahmetalent Aziz Shokhakimov brilliant aufspielenden Duisburger Philharmoniker zu nennen, auch wenn  manche  Orchesterpassagen (Solopartie der Suzuki) teilweise etwas zu laut gerieten. Liana Aleksanyan in der Rolle der Cio-Cio-San war überragend, fast ebenbürtig Eduardo Aladrén als Pinkerton und auch Maria Kataeva (Suzuki) und der bewährte Stefan Heidemann (Sharpless) konnten mich überzeugen.
Mein persönliches Fazit: Wer nicht unter Putzzwang leidet, kann über das Bühnengerümpel großzügig hinwegsehen, die Augen schließen und die wunderbare Musik dieser Opernaufführung genießen.

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Opernscouts Astrid KloothAstrid Klooth
Oberstudienrätin im Hochschuldienst
Durch ihre Mitgliedschaften im Philharmonischen Chor und im Theaterring Duisburg ist Astrid Klooth Orchester und Theater seit vielen Jahren verbunden. Als Uni-Dozentin hat sie fast täglich mit jungen Menschen zu tun und hofft, durch ihre Beiträge ihr Interesse am Musiktheater einer breiteren Schicht zugänglich machen zu können.

Christoph Grätz zu „Madama Butterfly“

Die Feigheit der Teufelskerle

Dass diese Geschichte nicht gut ausgeht, ist von der ersten Szene an klar, und doch gelingt es Joan Anton Rechi in seiner Inszenierung von Puccinis „Madama Butterfly“ die Spannung bis zum Finale zu halten. Ich habe mich keinen Moment gelangweilt, sondern das verzweifelte und trotzige Warten der jungen Geisha Cio-Cio-San in seiner emotionalen Tiefe nachempfinden können.
Das Bühnenbild des ersten Aufzuges zeigt die amerikanische Botschaft in Nagasaki, in der die Trauung von Benjamin Franklin Pinkerton mit der erst 15-jährigen Geisha „Butterfly“ amtlich und äußerst lieblos vollzogen wird. Für Sie ist diese Liaison die Befreiung aus dem Geisha-Dasein und eine echte Liebesheirat, für Ihn ein Spiel um eine Nacht mit einer schönen jungen Frau. Einzig der amerikanische Konsul Sharpless gibt dem skrupellosen Offizier zu bedenken, wie zerbrechlich Butterfly ist. Aber was ein echter kerniger Yankee ist, der lässt sich von derlei Bedenken nicht in seiner Abenteuerlust bremsen, zumal der Ehevertrag jederzeit die einseitige Aufkündigung des Bündnisses seinerseits ermöglicht. Die Liebesnacht ist vollzogen; Pinkerton hat sich aus dem Staub gemacht und die Bühne fällt in tosendem Gepolter in Schutt und Asche. Ein überraschend monumentales Ende des ersten Aktes ist diese Anspielung auf den Abwurf der Atombombe auf Nagasaki, der Stadt in der auch diese Oper spielt.
In dieser gespenstischen Kulisse wartet die nun frischvermählte Mrs. B. F. Pinkerton verzweifelt auf die Rückkehr ihres geliebten Ehemannes, dem zuliebe sie sogar ihrem Glauben abgeschworen und die gesellschaftliche Verbannung in Kauf genommen hat. Das Bühnenbild versinnbildlicht hier geradezu ideal die Verzweiflung, vergebliche Hoffnung und Sinnlosigkeit des Wartens. Als Pinkerton nach endlos erscheinenden Jahren tatsächlich kommt, ist alles anders als von Butterfly und ihrem inzwischen dreijährigen Sohn erwartet. Der Offizier ist inzwischen mit Kate, einer Amerikanerin, verheiratet. Als Cio-Cio-San den Verrat versteht, nimmt sie sich in einer dramatischen Szene das Leben, um wenigstens in Ehre zu sterben. Mit ihrem Freitod ermöglicht sie – wie paradox –  ihrem Kind eine gesicherte Zukunft bei seinem Vater und dessen neuer Frau.
Da diese Oper, was die Handlung betrifft, keine überraschenden Wendungen bietet, ist es umso wichtiger die Fallhöhe der sich anbahnenden Katastrophe auszuloten und dramaturgisch geschickt aufzubauen. Dies ist dem Regieteam hervorragend gelungen. Aziz Shokhakimov leitet das Orchester feinsinnig und gut ausbalanciert durch alle emotionalen Höhen und Tiefen, die Puccini musikalisch meisterhaft angelegt hat. Die szenische und gesangliche Umsetzung der Titelpartie gelingt der Sopranistin Liana Aleksanyan glänzend, was sicher auch daran liegt, dass sie diese Rolle erst vor ein paar Wochen noch in der Mailänder Scala gesungen hat.
Aber auch die andere Hauptrolle ist gut besetzt mit Eduardo Aladrén, der den schuftigen amerikanischen Marineoffizier Benjamin Franklin Pinkerton glaubwürdig auf die Bühne bringt. Diese Figur nährt einmal mehr meine Abscheu für Teufelskerle, die – wie im richtigen Leben – mit ihrer Skrupellosigkeit und Egozentrik häufig nicht nur emotionale sondern auch echte Trümmerfelder hinterlassen. Sein Credo „America forever“ wirkte wie eine nachträglich eingebaute Anspielung an die aktuelle politische Situation. Welch ein visionärer Blick des Komponisten, als hätte er schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Blick in das beginnende 21. geworfen. Psychologisch stimmig ist auch, wie der ignorante Yankee-Militär schließlich als erbärmlicher Maulheld und Feigling entlarvt wird, für den Unbeteiligte und Unschuldige die heißen Kartoffeln aus dem Feuer holen müssen. Dies verleiht der Oper eine Aktualität, mit der ich an diesem Abend nicht gerechnet hatte. Diese Inszenierung ist bis in die Nebenrollen mit hervorragenden Solistinnen und Solisten besetzt. Hier ist besonders Maria Kataeva in der Rolle der Dienerin Suzuki zu erwähnen. Wer großartige Musik, tiefe Emotionen und hervorragende Stimmen erleben will, und dies alles in einer stimmigen und packenden Aufführung, dem sei diese Inszenierung wärmstens empfohlen.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater. Christoph GrŠtz

Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.

Heike Stehr über „Der Graf von Luxemburg“

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Herrlich komisch

2 Tage vor Heilig Abend feiert „Der Graf von Luxemburg“ im Theater Duisburg seine Premiere und empfängt uns mit Karnevalsstimmung in Paris, mit Charme und Schwung und mit einem Ensemble in allerbester Spiellaune. Überall auf der Bühne tut sich etwas, auch jenseits des Hauptgeschehens, so dass ich mir dringend mindestens ein Augenpaar mehr wünsche, um alles beobachten zu können. 107 Jahre nach der Uraufführung der Operette in Wien gehen mir an diesem Dezemberabend zuerst mal Lehárs Melodien direkt ins Ohr, ein verschwenderischer Reichtum an Klang und Harmonie. Besonders gefällt mir der Umgang mit den musikalischen Motiven des Stückes, immer wieder klingen sie an, scheinen leicht verändert auf, geben der Operette Konsistenz vom „Lirilari“ über „Fünfmalhunderttausend Francs“ und „Sie geht links, er geht rechts“ bis zum „Bist Du’s, lachendes Glück, das jetzt vorüberschwebt …“. Letztgenannter Valse moderato hat es mir angetan und macht die Hochzeitsszene für mich zur schönsten des ganzen Abends. Wie da plötzlich jenseits der Handlung hinter viel Klamauk und Klischee etwas Inneres und Nachdenkliches in den Figuren aufscheint, das ist gut herausgearbeitet und fein gespielt. Besonders Juliane Banses Gesang und Spiel in der Rolle der Opernsängerin Angèle Didier bleiben mir in Erinnerung. Beim Nachhören zu Hause fällt mir dann auf wie schön heutig Musik und Gesang des Abends angelegt waren, modern und spritzig vom Orchester unter Lukas Beikircher begleitet.
Für solche Momente verzeihe ich der Inszenierung Jens-Daniel Herzogs die eine oder andere in meinen Augen schon arg überzogene Albernheit zwischen Farbschlacht und quatschiger Ballettnummer. Auch der verschiedenen Komödieneinlagen und allzu deutlichen aktuellen Bezüge hätte es meiner Meinung nach nicht bedurft, aber da sind große Teile des Duisburger Premierenpublikums den Reaktionen nach vermutlich anderer Meinung.
Eine Nummer, die bei mir hingegen hervorragend funktionierte, war die des russischen chaotischen Ganoven Trios, der drei Bodyguards (gespielt von Luis Fernando Piedra, Karl Walter Sprungala und David Jerusalem) des Fürsten Basil Basilowitsch. Ständig sind sie präsent und lassen in ihrem Spiel mit viel Ernsthaftigkeit ihre Rollen herrlich komisch werden. Das ist wirklich liebevoll und detailverliebt inszeniert. Und in diesem beiden Adjektiven steckt auch der ganz besondere Reiz dieses Operettenabends, denn sie treffen gleichermaßen auch für Ausstattung und Bühnenbild der Aufführung zu. All die Details von der besten russischen Wodka-Marke bis zum witzigen Kostüm entlocken mir manch inneres Ah und Oh. Und die Bühne erst! Mathis Neidhardt zaubert sich immer wieder wandelnde und verschiebende passende Kammern und Kämmerchen aller Couleur bis hin zum stillen Örtchen für die geheime Trauung im ersten Akt. Im zweiten Akt schenkt er uns mittels Drehbühne den Weg durch ein ganzes Theater vom Hintereingang bis zu Angèles Garderobe und zurück voller überraschender Einzelheiten. Dafür, das alles in einem zweiten Durchgang noch einmal sehen zu können, hätte ich glatt auf den dritten Akt verzichtet. Vor allem, da dieser in meiner Wahrnehmung hinter den anderen beiden zurück steht und vor allem Klamauk in Hülle & Fülle zeigt. Darüber hinaus bietet er natürlich auch das gleichermaßen unvermeidliche und unverzichtbare Operettenhappyend, in dem nach Zerschlagung des dramatischen Knotens in diesem Fall gleich drei Paare vereint werden. Gediegener Applaus für gute Unterhaltung und Spielspaß!

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Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

Astrid Klooth über „Der Graf von Luxemburg“

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Zsa Zsa ist tot – es lebe Lehár

Was verbindet das jüngst verstorbene Hollywood Sternchen und die Lehársche Operette „Der Graf von Luxemburg“? Es ist nicht nur die in der K.u.K. Monarchie wurzelnde  Herkunft, sondern das gemeinsame Thema des Oszillierens zwischen Liebe und Materialismus, der  Tauschhandel von Jugend,  Bling Bling und Status.
Nach dem Siegeszug des Genres der Operette, ausgelöst vom Erfolg der 1905 uraufgeführten „Lustigen Witwe“ schreibt Lehár in nur wenigen Wochen 1909 „Der Graf von Luxemburg“.
René Graf von Luxemburg, der  aufgrund seines ausschweifenden Lebensstils stets von Geldnöten geplagt wird, geht auf das Angebot eines russischen Mafia-Fürsten ein, seinen Titel für ein hübsches Sümmchen zum Tausch anzubieten. So soll Angèle, eine dem Ende ihrer Karriere nahe Sängerin, den Grafen inkognito heiraten, den  solchermaßen erhaltenden Adelstitel drei Monate lang tragen dürfen, um schließlich standesgemäß nach Ablauf der dreimonatigen Ehedauer den russischen Fürsten ehelichen zu können.
Natürlich siegt nach allerlei Irrungen und Wirrungen die Liebe zwischen René und Angèle  über das mafiös-korrupte Konstrukt der „standesgemäßen“ Eheschließung.
Das klassische  Thema des Seelenverkaufs an schnöden Mammon und Status, die Prostitution von Individualität und Gefühl, das in jeder gelungenen Operette auch zum Tragen kommt, wird in der  Inszenierung von Jens-Daniel Herzog anhand der eklektizistischen Gestaltung von Bühnenbild, Kostümen und Requisiten verdeutlicht. Gebrochen wird diese Zeitlosigkeit jedoch, wenn die Liedtexte zu tagespolitischen Themen (Trump, Digitalisierung etc.) Stellung nehmen. Dies fand ich wenig gelungen, wenn auch die Aktualisierung von Operettentexten in der Tradition von Lehárs Werken steht. Auch hätte auf eine Ausdehnung der Sprechpassagen verzichtet werden können, denn für meinen Geschmack hatte die dreistündige Inszenierung Längen und Durchhänger, die weniger gelungenen Klamaukeinlagen geschuldet waren.
Ein sehr guter Einfall war jedoch  die Verwendung einer  Drehbühne, welche die Dynamik und Komik der Operette unterstützt. Ebenso gefiel mir mit welch Liebe zum Detail Kostüme und Bühnenbild gestaltet wurden – man muss sicherlich mehr als eine Vorstellung besuchen, um alle witzigen Einzelheiten wahrnehmen zu können. Auch die Spiel- und Sangesfreude der Darsteller, allen voran der  versierte Bariton Bo Skovhus  als Graf von Luxemburg und die brilliante Sopranistin Juliane Banse als Angèle, konnten mich überzeugen. Dennoch hätte eine Straffung der abwechslungsreichen Aufführung insgesamt gut getan.

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Opernscouts
Astrid KloothAstrid Klooth
Oberstudienrätin im Hochschuldienst
Durch ihre Mitgliedschaften im Philharmonischen Chor und im Theaterring Duisburg ist Astrid Klooth Orchester und Theater seit vielen Jahren verbunden. Als Uni-Dozentin hat sie fast täglich mit jungen Menschen zu tun und hofft, durch ihre Beiträge ihr Interesse am Musiktheater einer breiteren Schicht zugänglich machen zu können.