Kathrin Pilger über „Don Carlo“

Schicksalsschläge

Die Geschichte ist dramatisch: Mittels Vermählung der französischen Prinzessin Elisabetta di Valois mit dem spanischen Infanten Don Carlo soll der Frieden zwischen den beiden Ländern hergestellt werden. Bei einer Begegnung in Fontainebleau verlieben sich die beiden tatsächlich ineinander. Doch das Schicksal schlägt hart zu: Elisabetta darf nicht Carlo heiraten, sondern muss sich in eine Ehe mit dessen Vater Filippo II. zwingen lassen. Carlo ist verzweifelt und lässt sich von seinem Freund Rodrigo, Marquis di Posa, für den Freiheitskampf der von den Spaniern unterdrückten Flamen gewinnen. Carlo, der Elisabetta sehen möchte, gerät in die Intrige der Hofdame Prinzessin Eboli, die heimlich in ihn verliebt ist. Di Posa versucht Carlos zu helfen und auf den König einzuwirken. Am Ende sterben beide Freunde auf tragische Weise: Rodrigo wird Opfer der Inquisition, Carlo wird von seinem eigenen Vater getötet.
Die auf das Schillersche Drama zurückgehende Oper von Giuseppe Verdi, 1867 in Paris uraufgeführt, ist keine „leichte Kost“ und bedarf daher einer sorgfältigen Inszenierung. Das ist dem flämischen Regisseur Guy Joosten in eindringlicher, dabei zugleich unaufdringlicher Weise gelungen. Erwähnenswert ist zunächst das Bühnenbild von Alfons Flores. Metallisch glänzende, aus der Wand hervorkragende Rauten, die zwischen Gold, Bronze und Orange changieren und die Stimmung gut reflektieren. Mal ist es der Königshof als goldener Käfig der Elisabetta, ein anderes Mal das Feuer, in dem später die flandrischen Gesandten, denen man Eselskappen aufgesetzt hat, verbrennen. Dazu wunderbare Sängerinnen und Sänger, allen voran Bogdan Baciu als Rodrigo di Posa. Die irische Sopranistin Celine Byrne als Elisabeth von Valois und der italienische Tenor Gianluca Terranova in der Rolle des Don Carlo harmonieren als Paar perfekt. Großartige Stimmen, die einen starken Eindruck hinterlassen, wunderbare Melodien in einer der besten Verdi-Opern. Einen erheblichen Beitrag zum Erfolg liefern wie immer die Duisburger Philharmoniker, die am Premierenabend in besonders guter Form zu sein schienen. Alles in allem: Eine tolle Oper, ein großer Abend – absolut empfehlenswert!

Weitere Informationen zu „Don Carlo“

Kathrin Pilger
Landesarchiv NRW Duisburg
Kathrin Pilger ist Dezernatsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Pressesprecherin beim Landesarchiv NRW in Duisburg. Sie hat großes Interesse an Kunst und Kultur, Oper und Ballett früher aber nur selten besucht. Seit sie beides als Opernscout begleitet, ist sie begeistert von beiden Genres. Einen Abend im Ballett oder in der Oper empfindet sie als erlebnisreich und spannend und oft ist sie auch emotional von der Musik und der Ästhetik des Tanzes berührt. Dieses Gefühl von Glück möchte sie an andere Menschen weitergeben.

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Heike Stehr über „Don Carlo“

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Zwischen Sehnsucht und Pflicht

Ein Samstagabend im Juni in der Oper in Duisburg am Rhein, „Don Carlo“ stand auf dem Programm. Verdis düsterste Oper … hatte ich irgendwo gelesen, aber in der Inszenierung von Guy Joosten strahlte zunächst einmal das Bühnenbild, eine Adaption des Renaissancepalastes „dei Diamanti“ von Ferrara. Die Räume veränderten sich ständig, die Wände schwebten hinein oder heraus, sie wurden glänzend oder gaben Durchblicke frei, die Farben changierten, das Licht spielte mit … das war optisch sehr reizvoll vom Bühnenbildner Alfons Flores arrangiert. Die Kostüme verwirrten mich ein bisschen … zwischen historisch und modern war das ausgestattet, irgendwie unentschieden und ich erkannte darin kein Konzept außer „schön anzusehen“.
Dabei wollte Guiseppe Verdi, der keine andere seiner Opern so häufig verändert, gekürzt und neu gefasst hat wie diese, garantiert viel mehr. Der Stoff handelt von Freiheit und Freundschaft, von Liebe und Verzicht, von Verrat, Eifersucht und einer gestörten Beziehung zwischen Vater und Sohn auf der menschlichen und von Staat, Politik, Kirche und Inquisition auf der politischen Ebene. Die beiden Ebenen sind durch private und politische Intrigen durchaus spannend verknüpft und auch der Fakt, dass schon Verdi drei verschiedene Schlussfassungen lieferte zeigt, die Komplexität des Themas.

Die Musik stellte das absolute Highlight des Abends dar, ausdrucks- und stimmungsstark, die Personen fein charakterisierend, inhaltliche Zusammenhänge über die Melodien unterstützend, das Geschehen tragend. Die Duisburger Philharmoniker unter Lukas Beikircher gaben, sich selbst passend zurückhaltend, den Sängern genug Raum an den richtigen Stellen und spielten dennoch präsent und den verdischen Kosmos ausfüllend. Dazu kamen die starken Stimmen der Solisten, von denen mir Gianluca Terranova und Celine Byrne am meisten im Gedächtnis blieben. Besonders ihr Abschiedsduett ging mir musikalisch unter die Haut: „Wir sehen uns wieder in einer besseren Welt, schon schlägt für uns die erste Stunde der Ewigkeit …“
Der musikalisch überzeugende Abend ließ mich regietechnisch gesehen allerdings mit einigen Fragen zurück. Zum Glück waren wir in der Einführung und hörten dort, dass Guy Joosten den historisch belegten Fakt, dass der Infant von Spanien geistig eingeschränkt war, in die Person des Don Carlos einfließen lässt. So ließen sich die Brüche in Gianluca Terranovas Interpretation der Figur gedanklich integrieren, erzeugten andererseits aber auch den Zweifel in mir, ob dieser Carlos Flandern jemals würde retten können, und nahmen dem Stück damit von seiner politischen Dimension. „Der Fokus liegt auf der privaten Geschichte“ sagt der Regisseur im Interview und das fand ich schade. Denn wie sich bei Verdi Mächtige, Liebende und Freiheitsliebende einer allmächtigen und gefährlichen verführerischen religiösen Kraft, in diesem Falle der Inquisition, beugen müssen, das hat Potential und eine Aktualität, die mir in dieser Inszenierung zu wenig ausgelotet wurde. Das Autodafé empfand ich als aussageschwächste Szene. Religiöser Fanatismus und falsche Ideale, eine stets tödlich drohende geistliche Macht … da wäre mehr drin gewesen.
Andererseits haben mich die „private Geschichte“ und deren Umsetzung durchaus in ihren Bann gezogen. Die menschlichen Verstrickungen und Ränke, das Wanken zwischen den eigenen Wünschen und der Pflicht, zwischen dem Freiheitsideal und dem Taktieren, zwischen Sehnsucht nach Freundschaft und Herrschersein hat die Inszenierung mir durchaus glaubhaft und ergreifend vermittelt und mich damit gut und kurzweilig unterhalten.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

Stephanie Küthe über „Don Carlo“

Was für ein grandioser Opernabend!

Regisseur Guy Joosten hat ein modernes, packendes Familiendrama inszeniert, wie es heute nicht besser geschrieben werden könnte. Dass bei ihm die private Tragödie im Mittelpunkt steht, zeigt schon das Bühnenbild: Ort der Inszenierung sind ausschließlich die vermeintlich privaten Schlafzimmer der Protagonisten, wo jedoch Hofstaat und Inquisition ein- und ausgehen. Und auch die prunkvollen goldenen Palastwände, die immer wieder transparent werden, bieten keine Privatsphäre – eindrucksvoll, wie Joosten das Scheitern von Elisabettas und Carlos Liebe an der Kontrolle des Staates und der Kirche auf allen Ebenen darstellt.
Dass die Geschichte so berührt und fesselt, liegt vor allem an der schauspielerischen Leistung der Darsteller, allen voran Gianluca Terranova in der Titelpartie. Aber auch musikalisch überzeugten an diesem Abend ausnahmslos Alle. Celine Byrne als Elisabeth zieht den Zuhörer vor allem mit ihren leisen Tönen ganz in ihren Bann und auch Bogdan Baciu beeindruckt als Posa, um nur zwei Sänger aus einer durchweg phantastischen Besetzung zu nennen. Auch Chor und Orchester brillierten in gewohnter Präzision, unter der musikalischen Gesamtleitung von Lukas Beikircher.
Am Ende gab es stehende Ovationen – zu Recht!

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Stephanie Küthe
Tätig im Eventmanagement eines Energiekonzerns
Seit ihrer Kindheit begeistert sich Stephanie Küthe für das Musiktheater, sang im Kinderchor der Bonner Oper und stand jahrelang in verschiedensten Produktionen selbst auf der Bühne. Die Diplom-Kauffrau und Musikwissenschaftlerin singt heute wieder mit Begeisterung im Chor und verpasst keine Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout freut sie Sich darauf, ihre Gedanken zu Inszenierungen in Worte zu fassen und andere mit ihrer Begeisterung anstecken zu können. Ganz besonders gespannt ist sie dabei auf den Austausch mit anderen Opern- und Ballettscouts.

Martin Breil über „Don Carlo“

Armer Don Carlo….

Das Schöne an der Oper ist, dass man dort Geschichten erlebt, die es sonst nirgendwo gibt.
Stellen Sie sich vor, ihr Sohn liebt ihre Frau, mit der Sie in dritter Ehe verheiratet sind. Oder, andersherum, die (Stief-) Mutter ist in ihren Sohn verliebt, obwohl Sie mit dessen Vater verheiratet ist. Oder, Sie als Sohn, müssten Ihren Vater ermorden, um Ihre „Mutter“ für sich zu erobern… Unglaublich !
Don Carlo, Sohn des spanischen Königs Philipp II., weiß nicht mehr ein noch aus. Er liebt Elisabetta, Prinzessin von Frankreich, die ihm versprochen wurde und nun mit seinem Vater verheiratet ist. Sein einziger Freund Rodrigo di Posa, ein von Carlos Vater unterdrückter Freiheitskämpfer, hält zu ihm.
Giuseppe Verdi hat nach der Vorlage von Friedrich Schiller mit „Don Carlo“ ein großartiges Drama über das Freiheits- und Unabhängigkeitsstreben sowohl politisch als auch aus Staatsräson unterdrückter Individuen geschaffen.
Am Anfang wirkt die Oper sehr statisch und wenig handlungsbetont. Aber Verdi versteht es, die Gefühle und Emotionen der verschiedenen Individuen mit ihren Ängsten und Nöten musikalisch derart treffend zum Ausdruck zu bringen, dass es für ihn keines großen Bühnenspektakels bedarf, um sein Publikum zu fesseln.
Das Bühnenbild besticht zunächst aufgrund seiner goldenen Wände, die sich, streng orthogonal angeordnet, im Laufe des Abends, von intimen Gemächern, zu einem Richtplatz und schließlich in ein Königsgrab verwandeln.
Die Soli, Duette, Terzette und Quartette sind so ausdrucksstark, dass es genügt, mit dem Bühnenbild Stimmungen optisch nur anzudeuten. Celine Byrne als Elisabetta beeindruckt mich dabei stimmlich am meisten. Das gesamte Ensemble und die Duisburger Philharmoniker beweisen an diesem Abend während der dreistündigen Vorstellung wieder einmal große Klasse.

Diese Inszenierung ist emotional noch stärker als „Aida“, das Bühnenbild schlichter, aber dadurch inspirierender, ich kann sie sehr empfehlen- aber Vorsicht, anspruchsvoll und anstrengend!

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Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Jessica Gerhold über „Don Carlo“

Inszenierungen vergleichen

Ein schweres Stück! Das bespickt ist mit allen erdenklichen Konflikten, die eine Oper groß werden lassen: Eine historische politische Figur, Kirche und Staatsoberhäupter im Machtkampf, verbotene Liebe und Leidenschaft, Familienverstrickungen, die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. Eigentlich wahnsinnig spannende Themen. Emotional wurde ich auch durch alle Akte immer tiefer in den Bann gezogen, es ergriff mich aber leider nicht vollends. Woran dies lag? Nun, das Bühnenbild war nicht der Grund! Wie fast immer, war ich „hin und weg“ von der genialen einfachen Idee, die den Zuschauer in die verschiedenen Schauplätze wie u.a. die königlichen Gemächer entführte. Es wirkte wie ein gewaltiger goldener Käfig dem man nicht entfliehen kann, mit durchlässigen Mauern die doch Ohren haben. Ein Kompliment an die Bühnenbildnerideen!
Auch die Stimmen waren im Zusammenspiel mit den Philharmonikern ergreifend. Alleine das Spiel von Gianluca Terranova als Don Carlo fand ich teilweise zu statisch. Am charismatischsten und herausstechendsten empfand ich persönlich Bogdan Baciu, hier in der Rolle von Di Posa. Alle Frauen waren stark besetzt und authentisch umgesetzt!
Schlussendlich lädt das Stück zu anregenden Diskussionen an und motivierte mich ungemein mir eine zukünftige „Don Carlo“- Aufführung zum Vergleich anzuschauen!

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Jessica Gerhold
Gymnasiallehrerin
Jessica Gerhold ist gebürtige Duisburgerin und arbeitet als Gymnasiallehrerin. Von jeher hat sie sich für das Theater interessiert.  Bei ihrer Berufung zum Opernscout war sie eher skeptisch, ob sich ihre bisher eher distanzierte Haltung zu Oper und Ballett verändern würde. Nach ihrer ersten Spielzeit sind die Zweifel verflogen. Sie ist stolz auf das, was in ihrer Heimatstadt geleistet wird und hofft, dass sich zukünftig viel mehr Menschen von der Leistung der Künstler live faszinieren lassen.

Christoph Grätz über „Don Carlo“

Trotz guter Zutaten, etwas fad

Eigentlich hat diese Oper alles was es braucht, persönliche Dramen, familiäre Konflikte, politische Verwicklungen und Intrigen, Liebe, Leidenschaft, Hass, Verrat, Verzweiflung und jede Menge Pathos und das auch noch mit großartiger Musik versehen. Und doch ist der Funke bei dieser Inszenierung von Verdis „Don Carlo“ bei mir nicht übergesprungen. Mich hat die herzzerreißende Geschichte des jugendlichen Infanten von Spanien, der seine Stiefmutter liebt, nicht wirklich berührt. Vielleicht lässt sich dieser Opernabend am besten mit einem Teller Pasta vergleichen, bei dem zwar alle Zutaten stimmen, und doch die Nudeln verkocht und die Gambas trockengebraten sind.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Zerrissenheit der Charaktere, vor allem Don Carlos und Elisabettas packender rübergekommen wären. Die Dilemmata von politischen Interessen und Pflichterfüllung einerseits, Liebe, Leidenschaft und Verlangen andererseits, hätten dramatischer sein dürfen. Ich habe echte Spielfreude bei den Sängerinnen und Sängern vermisst. Da gab es Szenen, etwa wenn König Filippo II. seinen Sohn Don Carlos versucht zu bezwingen, die für meinen Geschmack zu sehr auf den gesanglichen Part konzentriert waren. Solche fast gewalttätigen Momente brauchen einfach vollen Körpereinsatz um glaubwürdig zu wirken.

Mir war die Inszenierung zu statisch. Der wirklich tolle Effekt des Bühnenbildes, das über die gesamten drei Akte fast gleich blieb – lediglich einige Elemente wurden über den Schnürboden heruntergelassen – nutzte sich trotz interessanter Lichteffekte über die drei Stunden doch ab. Auch bei den Kostümen hätte ich mir eine konsequentere Linie gewünscht. Die an Karneval erinnernden Eselsohren der flandrischen Gesandten, wirkten auf mich etwas albern.

Positiv war, wie gut die Stimmen der Sängerinnen und Sänger bei den mehrstimmigen Partien harmonierten. Die Stimmen waren alle gut; überragend fand ich aber keinen der Sänger, auch darstellerisch nicht. Am präsentesten vielleicht, war Liang Li als König Filippo II., der durch seinen kräftigen Bass die auch darstellerisch größte Präsenz erreichte, neben Sami Luttinen. Als Großinquisitor hat er diese Rolle mit der richtigen Gravität und emotionalen Kälte ausgefüllt. Besonders eindrucksvoll, das Duett mit König Philipp indem allzu deutlich wurde, wer zu dieser Zeit wirklich das Sagen hatte. Der Konflikt zwischen weltlicher und klerikaler Macht war eine zentrale politische Botschaft des Abends. Aber auch König Filippo war bei aller Härte seinem Volk – und vor allem seinen Sohn gegenüber – ein verletzlicher Mensch. Der für mich stärkste Moment des Abends war die Arie des Königs, in der er erkennt, dass Elisabetta ihn nicht liebt.

Don Carlo, in Liebe für deine Stiefmutter entbrannt, verschreibt sich aus Verzweiflung dem Freiheitskampf der Flamen. Er setzt seinem Verlangen, seiner Leidenschaft und Liebe zu Elisabetta die Erfüllung der fast heiligen Pflicht entgegen, die Befreiung des unterdrückten Volkes anzuführen. Was den beiden Liebenden am Ende bleibt, ist die Hoffnung auf eine Vereinigung im Jenseits. Welche Tragik, die ich in dieser Inszenierung aber nicht wirklich gefühlt habe.

Fazit: Für Verdi-Liebhaber lohnt der Abend schon musikalisch, die Inszenierung hat Schwächen.

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Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.

Nico Budden über „Otello“

Das Operngucken muss man lernen

Ich bin kein geübter Operngänger. Es war mein viertes Mal, als ich am letzten Donnerstag in Verdis „Otello“ saß. Und mittlerweile kann ich mit annähender Sicherheit behaupten: In einer Oper wird fast immer gesungen. Auch scheint es heutzutage üblich zu sein, das Stück im Original aufzuführen. So ist Mozart verständlich, doch bei Puccini oder Verdi bedarf es der Übertitel. Nun gut, trotz lobenswerter Synchronisation schauen viele moderne Filmproduktionen auch lieber im Original, so sollte einen das eigentlich nicht abschrecken. Doch irgendwie ist es schon komisch. Die sagen immer das gleiche, es ist unglaublich emotional und irgendwie kommt die Geschichte nicht voran. Operngucken muss man lernen. Irgendwann stellt man fest, der Text ist eigentlich zweitrangig, es ist ein Gesamtkunstwerk, im Zentrum steht die Musik. Eine Oper sei eben kein Schauspiel, so wird der Librettist Boito im Programmheft zitiert, Musik könne viel schneller und viel mehr als das Wort aussagen. Man versteht auf einer anderen Ebene. Darum ist es vielleicht gut, nicht ganz unbelesen ins Stück zu gehen: Ganz typisch für eine Geschichte Shakespeares haben wir es mit einem Spiel hinter den Kulissen zu tun. Will man sich vom Wort lösen, muss man wissen worum es geht. Neid, Rache, Eifersucht, Untreue und nicht zuletzt die Liebe spielen eine Rolle, am Ende steht der dramatische Tod.
Dunkel gehalten ist die Bühne, es gibt nur wenige Lichtblicke. Eine beklemmende Stimmung vermittelt sie, erst mit dem Tod Otellos öffnet sich das Bild. Die Kostüme sind schwarz, alles Denken scheint festzustehen.
Bei Wikipedia ist von einem Meisterwerk ist zu lesen, dem sich nur die ganz großen Häuser mit hochkarätiger Besetzung nähern. Ich fühlte mich, ehrlich gesagt, ein wenig überfordert. Wer bin ich, das Ganze zu bewerten? Bin ich überhaupt in der Lage, das Meisterstück vom Boulevardvergnügen zu unterscheiden? – Schluss. Applaus. Die Leute sind begeistert, die Sänger toll. Besonders gefallen hat mir da die Darstellerin der Desdemona, Jacquelyn Wagner, auch wenn ich noch nicht sagen kann, warum. Der operneigene Chor war beeindruckend. Düsseldorfs Otello ist düster, aber in sich stimmig. – Es wird gejubelt, die Dame neben mir schreit „Bravo!“. Ich stelle fest, eine Oper ist wirklich anders und ja, sie wiegt schwer. Doch ist sie auch unglaublich schön. Dazu muss man nicht einmal zwischen den (oberen) Zeilen lesen.

Niko Budden
Student
Für Theaterliebhaber Niko Budden bedeuten Ballett und Oper neue Seh- und Hörgewohnheiten, auf die der Student der Geschichte und Germanistik sich sehr gerne einlässt. Sein Engagement im Projekt  „Musiktheater im Labor“ der Jungen Oper bedeutete für ihn dabei den Einstieg in die Welt des Musiktheaters. Besonders auf die Ballettvorführungen ist Niko Budden gespannt, da er den Einstieg in die performative Kunst bisher immer über das Wort fand.