Räume der Kunst

Benedikt Stahl über die Premiere „Vissi d’arte“

Nach langer Abstinenz freue ich mich, auf diese Weise wieder von und in der Oper abgeholt zu werden: ein Streifzug durch bekannte und für mich auch neue Klänge, der leicht fällt, verspielt ist und auf den ich mich gerne und gutgelaunt einlasse.

Experimentierfreudig, mit Leidenschaft und nicht zuletzt auch mit spürbarer Liebe geben sich die Darsteller und Musiker dem kurzen Abendspaziergang hin, nutzen den Raum des Machbaren und schöpfen, wie man so sagt, aus dem Vollen. Die Bilder sind reich, bisweilen überladen und üppig: Opernbühne. Die Musik erhebt sich, erwacht, wie aus einem langen Schlaf und vermählt sich mit allem Licht, jeder Bewegung, und dem Rausch der Farben.

Mir scheint, mit jedem neuen angedeuteten Stück verdichtet sich die Nähe zwischen Publikum und Bühne und man wird selbst zum Mitwirkenden der Aufführung. Da kann passieren, was glücklich macht: das Nachdenken hält an, macht Platz für das Spüren, lässt Sorgen, Nöte und Zwänge vergessen, öffnet die Räume der Kunst und erzeugt ein Sein im Hier und Jetzt. Soweit ich mich erinnere bei mir vor allem gegen Ende – oder war das erst der Anfang? In der wunderbar vorgetragenen Arie: „Ah! Ich habe Deinen Mund geküsst, Jochanaan“ scheint der Schlüssel zu liegen zum Beginn einer neuen Zeit, klingen Schmerz und Freude des Lebens wie Seelenverwandte.

Dann gehen irgendwann die Türen auf und man fällt befreit in die Zeit.

Benedikt_Stahl

Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle Komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

Einmal von allem, bitte

Markus Wendel über die Premiere „Vissi d’arte“

Was für eine Show! Nach der Vorstellung waren wir Opernscouts uns einig: viel mehr kann man eigentlich nicht an einem Abend auf die Bühne bringen als an diesem Premierenabend.

Es scheint, als hätte man sämtliche Opern der Musikgeschichte in eine Kiste gepackt, kräftig geschüttelt, und dann einige volle Hände davon auf der Bühne verteilt. Zwei Seiten lang ist die Auflistung der Stücke im Programmheft.

Der Abend entstand aufgrund und inmitten des vergangenen Corona-Lockdowns, und es gehört Mut dazu. Denn es ist nicht einer dieser leichten und einfachen musikalischen Zusammenschnitte. Es ist ein anspruchsvoller Abend, der in einer aufwendigen Produktion vor allem eins vermitteln möchte: Sehnsucht.

Der musikalische Apparat ist deutlich verkleinert. Über weite Strecken werden die großen Momente der Operngeschichte von zwei Pianos interpretiert. Und genau das ist das Konzept: durch Weglassen und Reduktion eine Sehnsucht erzeugen. Die Sehnsucht nach großer Oper, nach großem Orchester und einem personenstark besetzten Chor.

Für mich geht das Konzept auf, ich bin wirklich berührt von der Vielzahl der gebotenen Zitate und Anspielungen. Und gleichwohl ist es fast schmerzlich, dem „kleinen musikalischen Besteck“ zuzuhören, denn in meinem Hinterkopf laufen durchgängig die Klänge einer großen Besetzung.

Mit einigen klamaukigen Zwischenspielen kann ich nicht viel anfangen, dennoch sind diese wahrscheinlich gut gewählt, weil hierdurch die gesamte Bandbreite möglicher Stimmungen aufgenommen wird.

Zu wahrlicher Größe erwächst der Abend durch die szenische Darbietung. Hier werden viele Register gezogen, die bühnentechnisch möglich sind. Hubpodien rasen hoch und runter, große Projektionen erweitern das Bühnengeschehen, und interessante Perspektivwechsel lassen mich wirklich staunen. Die Bildkompositionen sind wie Kunstwerke und wirken nach. Manchmal denke ich daran, eine Pausen-Taste zu drücken, um den einen oder anderen Moment noch ein wenig länger zu betrachten.

Aus der Not erwächst große Kreativität. Der vergangene Abend ist ein gutes Beispiel.

Vielen Dank! Die Bühne ist zurückerobert!

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

The Art of Losing

Helma Kremer über die Premiere „Vissi d’arte“

Die Premiere von „Vissi d’arte – Eine Liebeserklärung an die Opernbühne“ ist für mich die erste Opern-Vorstellung seit Beginn der Corona-Pandemie. Ich bin gespannt, aber auch ein wenig ängstlich: Was wird mich erwarten? Wird es womöglich eher ein Abend, an dem einem (mal wieder) vor Augen geführt wird, dass nichts mehr ist, wie es war und man sich fragt, wann die Normalität wieder Einzug hält, auch in den Kulturbetrieb?

Erwartungsgemäß ist schon beim Eintritt ins Opernhaus alles anders: Die Besucher tragen Mundschutz und halten Abstand, man begrüßt sich mit einem Winken, statt mit Küsschen und natürlich gilt es auch hier, das unvermeidliche Kontaktformular auszufüllen. Die Anzahl, oder besser die „Unterzahl“ der Besucher im Zuschauerraum wirkt befremdlich, vor allem für eine Premiere. Sicherheitsbedingt ist der Raum gerade mal mit einem Viertel der Normalkapazität belegt, die Reihen vor und hinter mir sind leer, ebenso die Plätze links und rechts von mir. Aber dann geht’s los: „Vissi d’arte – eine Liebeserklärung an die Opernbühne!“ heißt diese Produktion, die während, oder besser gesagt, unter Corona, entstanden ist. Und sie scheint dem, unter COVID 19-Bedingungen, agierenden Opernbetrieb wirklich auf den (gequälten) Leib geschrieben. „Eine Liebeserklärung“ – allerdings… und was für eine!

Schon die Auswahl der Arien, Ouvertüren und Lieder bringt so viel von allem, was Opernliebhabern am Herzen liegt. Dieser Abend bietet künstlerisch nur das Beste, sowohl hinsichtlich der gesanglichen als auch hinsichtlich der schauspielerischen Leistungen. Meine persönliche Neuentdeckung ist Heidi Elisabeth Meier, die unter anderem in den Arien der Königin der Nacht  begeistert. Minimalismus ist hier ein adäquater Kunstgriff, um Sehnsucht zu erzeugen. Ouvertüren erklingen als Klavierlieder, die das Orchester umso schmerzlicher vermissen lassen. Ein Bruchteil des Chors erscheint – mit Mundschutz – auf der Bühne und summt die berühmte Arie „Lippen schweigen“ von Franz Léhar.

Diese Produktion, die in ihrer ganz eigentümlichen Kombination aus schonungsloser Ehrlichkeit und künstlerischen Schönheit einfach berühren muss, liefert EINE Antwort – womöglich auch DIE Antwort – auf die Frage „Wie geht man (in der Kunst) mit der Pandemie um?“

Die szenische Umsetzung der erzählten Geschichte(n) ist ebenfalls brillant. Schließlich heißt es „eine Liebeserklärung an die OpernBÜHNE“. Der Orchestergraben fährt hoch und wieder herunter, zuweilen ist er mit fünf oder sechs Musikern besetzt, ein anderes Mal ist er ganz verwaist. Ein Perspektivenwechsel ermöglicht dem Publikum den Blick von der Bühne aus in den ebenfalls verwaisten Zuschauerraum. Die Bühne selbst wirkt verwahrlost: Plastik-Müll fliegt herum und auch die Sänger und Sängerinnen sind mit Plastik abgedeckt wie Lebensmittel, die es gilt, frisch zu halten. Mitten in den Höhepunkt einer Arie platzen Bühnenarbeiter und fangen mit dem Abbau an. Die verängstigte Sängerin flüchtet sich in den Orchestergraben.

Das Stück liefert auch mir eine Antwort auf meine persönliche Befürchtung, den Opernalltag anlässlich des Besuchs einer Vorführung unter Corona-Bedingungen nur umso schmerzlicher zu vermissen: Dass Leid und Schmerz Kunst schaffen können, ist nichts Neues. Auch nicht, dass sich der Charakter in der Krise beweist. Aber hier wurde ein Gesamtkunstwerk erschaffen, ein „Phoenix aus der Asche“ par excellence. So schließt die Aufführung denn auch mit dem großen Finale „Des cendres de ton coeur…on est grand par l’amour“ aus „Hoffmanns Erzählungen“. Und als die Türen zu den hell erleuchteten Foyers aufgehen, und ich denke, die Vorstellung sei nun beendet, beschert sie mir dann noch den wundervollsten Opern-Moment ever…

Ich werde die Vorstellung ganz sicher noch ein zweites Mal besuchen; schon allein, um dieses Finale noch einmal erleben zu dürfen.

Helma_Kremer

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

Entstanden im Herzen, zum Streicheln der Seele

Michael Langenberger über die Premiere „Vissi d’arte“

Das Programmheft beschreibt VISSI D’ARTE als “Eine Liebeserklärung an die Opernbühne” – Meines Erachtens ein klarer Fall von Understatement. Für mich ist es einzigartiges, philosophisches Musiktheater. Randvoll mit anspruchsvollen Allegorien und hintergründigen Gesichtspunkten, Abwägungen und Lösungsoptionen, dabei ganz leicht in sich aufnehmbar. Schafft ständige Neugier und Freude.

VISSI D’ARTE ist ein Opernwerk, was ich zumindest so in seiner Art, noch nie zuvor als Idee für eine Oper gesehen habe. Es ist ein Musikschauspiel über die Gefühlslage der Bühnentätigen in Corona-Lockdown-Zeiten. Es philosophiert zwischen Generalpause mit Fermate (eine Pause ohne zeitliche Festlegung…) und den realen Gefühlen der Opernschaffenden. Es schreibt keine neue Musik, sondern bindet statt dessen rund 15 musikalische Highlights, zumeist bekannter Opern und Operetten, in die Momente der Leere und Einsamkeit ein und lässt so, musikalisch, Stillstand und Düsternis vergessen; weist optimistisch in die Zukunft.

Wie im Zeitraffer werden wir Zuschauer in die ganze Zerrissenheit der letzten Monate hineingezogen. Mit allen Mitteln, die Schauspiel, Bühnenbild samt manches Mal vorgeblendeter Filmszenen möglich machen, schauen wir durch die Augen des Opernbetriebs, wie es der Oper, den Künstlern, der Kultur in Zeiten der Pandemie bislang ging. Die Zuschauer werden zeitweise visuell in den Hintergrund der Bühne mit Blick auf den leeren Opernsaal transponiert. Man wird wahrhaftig, in den Schuhen der Künstler stehend, emotional in die Realität der letzten Monate geführt, um im nächsten Moment durch hervorragend intonierte Arien wieder mit dem ganzen Optimismus auf eine tolle Zukunft herausgerissen zu werden.

Bei der Entwicklung dieses wirklich einmaligen Bühnenwerks, schlägt die Stunde der Arrangeure und Dramaturgie und vor allem der Umsetzungskreativität, den Rahmen der strengen Corona-Begrenzung 100%ig einzuhalten und mit den verrücktesten Ideen, bislang Undenkbares praktisch umzusetzen und das Publikum immer wieder ins Staunen zu versetzen. Sie meinen, ich schreibe hier um des Kaisers Bart herum? Sage nicht, was Sie alles erleben werden? Stimmt, es wäre zu schade, Sie der Überraschungen zu berauben, die Sie erwarten – finde ich.

Es ist der Weckruf, sich von der Pandemie nicht unterkriegen zu lassen. Alle Kreativität und die verrücktesten Ideen auszuspielen. Sein Leben weiterhin mit aller Schönheit zu begehen. Seine Aufgaben nur eben ganz anders zu erledigen. Die notwendigen Regeln zu beachten und gleichzeitig die ganze Lebensfreude, alles Schaffen, alles Tun, die schönsten Klänge unser Herz erwärmen lassen. Indem das Opernteam so agiert, bekommt man als Zuschauer immer wieder wohlige Gänsehaut.

Und noch eins wird mit diesem Stück sehr klar, es ist wirklich keine Selbstverständlichkeit, dass Opernsänger nicht nur hervorragend singen, sondern auch derart ausdrucksstark schauspielern können. Ein wenig, fast wie eine Trance, nehmen sie uns Zuschauer mit in ihre Gefühlswelt. Wie in vielen Opern zuvor schon erlebt, ist diesbezüglich das Ensemble der Oper am Rhein optimal besetzt.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.