Anja Spelsberg über die Premiere von „Wozzeck“

Wozzeck_18_FOTO_Karl_ForsterWer mit der Vorstellung, sich berieseln zu lassen und sanft durch den Opernabend getragen zu werden den Saal betritt, wird enttäuscht werden. Alban Bergs Wozzeck lässt den Opernbesucher nicht einfach konsumieren, er wird vielmehr eingefangen und mitgerissen, leidet mit dem Protagonisten und wird zeitweise mit ins Geschehen integriert. Wozzeck ist dramatisch, aufwühlend und nicht zuletzt auch in gewissem Maße anstrengend für den Besucher. In fast zwei Stunden Spielzeit ohne Unterbrechung – welche ich mir an manchen Stellen sehnlichst herbei gewünscht hätte – erlebt der Besucher die Hinrichtung Wozzecks hautnah mit, blickt in seine Abgründe und die seiner Widersacher und vielleicht auch manchmal in seine eigenen.
Besonders schwierig für mich war der Stilbruch zwischen dem grandiosen und modernen Bühnenbild und der atonalen Musik, gepaart mit den alten Texten der Stücke.
Wenn mich Wozzeck eines gelehrt hat, dann dass Oper zum Denken, zum Fühlen, zum Streiten anregt.

Opernscouts 2017

Anja Spelsberg
Sozialpädagogin
Anja Spelsberg ist Sozialpädagogin in der ambulanten Familienhilfe der Landeshauptstadt Düsseldorf. Sie berät und unterstützt Eltern und hilft Familien im Zusammenleben, dabei ist sie besonders in Düsseldorfs sozialen Brennpunkten unterwegs. Das allererste Interesse an der Oper weckte ihre Großmutter mit gemeinsamen Opernbesuchen. Jetzt freut sie sich, ihre Begeisterung mit anderen Besuchern zu teilen und mit den Opernscouts über die Inszenierungen zu diskutieren.

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Katrin Gehlen über die Premiere von „Wozzeck“

Wozzeck_17_FOTO_Karl_ForsterOper will nicht immer schön sein. Nein, dieses Stück hat mir gezeigt, dass Oper, wie alle anderen Kunstrichtungen auch, in erster Linie berühren will. Und auf welche Art und Weise ist nicht festgelegt. Die im Wozzeck gestellte Frage der Zurechnungsfähigkeit schwirrt dem Betrachter im Kopf herum, bis er nicht mehr weiß, wer eigentlich schuldig ist, wer gerichtet werden sollte. Ein jeder ist auf einmal für all seine skrupellosen und anormalen Handlungen angeklagt, so dass die Hauptfigur Wozzeck fast normal erscheint. Die Gesellschaft als Irrenhaus. Ort des Geschehens die Todeszelle. Als Betrachter baue ich eine fast verständnisvolle Beziehung zur Hauptfigur auf. Die Tat, die er begeht wird verständlich, auch wenn sie gegen alles Menschliche zu sein scheint. Aber vielleicht genau deshalb gerade so menschlich wird. Wieviel Schmerz und Leid kann ein Mensch ertragen? Handlung, Bühnenbild und Musik sind fantastisch aufeinander aufgebaut. Meine Befürchtung, die atonale Musik Alban Bergs als irritierend und schwierig zu bewerten, erfüllt sich in keinem Moment. Ich vergesse stellenweise die Musik, sie schmiegt sich absolut perfekt in das große Ganze ein. Fassungslos stellt sich mir am Ende des Stücks die Frage, wie die allesamt hervorragenden Opernsänger nach dieser Darstellung einfach wieder in Ihr eigenes Leben zurückfinden. Mir wird bewusst, dass es eine außerordentliche Leistung ist, sich mit so etwas abgrundtiefen vor einem be- und verurteilenden Publikum zu zeigen. Für mich eine überzeugende Inszenierung, die mich aufgewühlt zurück lässt.

Opernscouts 2017Katrin Gehlen
Modedesignerin
Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus.

Roland Schüren über die Premiere von „Wozzeck“

Wozzeck_2_FOTO_Karl_ForsterEine Oper mit Erkenntnisgewinn

Dass es am Ende tatsächlich einen Erkenntnisgewinn durch Wozzeck für mich gibt, hätte ich nicht erwartet. Meine Erwartungen entsprachen eher denen an einen guten Tatort-Krimi mit Witz. Eine moderne Oper halt, nicht so steif, das würde mir wohl gefallen, sie würde bestimmt kurzweilig sein. Diese Erwartung erzeugte die kurze Lektüre des Infotextes der Oper am Rhein. Und dann war da noch Bo Skovhus als Hauptdarsteller, den ich in der letzten Spielzeit schon in Der Graf von Luxemburg so klasse fand – spaßig, locker, unterhaltsam mit einer bemerkenswerten Sportlichkeit und Kondition auf der Bühne. – Dann kann ja nichts schiefgehen.
Der Auftakt in der Todeszelle hat mich sehr beeindruckt. Die bedrückende Stimmung um den Mord von Gesetzes wegen, das Wissen um das Unausweichliche, dass sich alle folgenden Handlungen bis zur Giftspritze einfach nicht mehr aufhalten lassen und die damit verbundene Hilflosigkeit – alles das zieht mich in einen festen Bann. Ich bin sofort mit allen Sinnen in Alban Bergs Werk angekommen. Dann folgt eine Menge an Demütigungen, die Wozzeck über sich ergehen lassen muss. Quasi der große Hauptteil der Oper. Es war so ziemlich alles dabei, was man sich vorstellen kann. Es wird über ihn gelacht, Marie betrügt ihn, die Gesellschaft missachtet ihn, er erfährt körperliche Gewalt und die Staatsmacht richtet ihn. Der Mann kann einem wirklich leidtun. Zwischendurch kann ich der Handlung nicht mehr richtig folgen und es macht sich Unsicherheit bei mir breit. Habe ich mich nicht genug eingelesen? – Doch halt: Wir befinden uns ja gar nicht in der eigentlichen Story, die bei der Einführung fast ausschließlich beschrieben wurde. Die ist ja schon lange passé und über den Teil den ich gerade sehe, wurde zuvor kein Wort verloren. Wozzeck ist ja bereits per Giftspritze gestorben und wir Zuschauer verfolgen „lediglich“ den Prozess seines Sterbens. Ok, dann darf es ruhig etwas wirr sein, ich brauche also gar nicht auf die Story zu achten. Ich reflektiere und denke nach, was mir die finalen Szenen sagen sollen. Was ist wirklich wichtig im Leben? Der Erkenntnisgewinn ist da!
Bo Skovhus: super, mega! Musik: passend, tritt etwas in den Hintergrund. Kurz auftretender Sprechgesang: überraschend passendes Stilmittel. Zwei tolle Details des Bühnenbildes: die Wanduhr, die je nach Szene mal lief und mal stand und das uns, dem echten Publikum, gegenübersitzende Publikum auf der Bühne. Es hat uns einen Spiegel als Voyeure vorgehalten. Ich vernehme hierbei den Appell „Schau nicht nur zu, werde tätig“.
Fazit: Sehr zu empfehlen.

Opernscouts 2017 - Roland SchürenRoland Schüren
Inhaber der Bäckerei „Ihr Bäcker Schüren“
Bereits in vierter Generation führt Roland Schüren den Familienbetrieb „Ihr Bäcker Schüren“ mit Hauptsitz in Hilden. Mit seinem Anspruch an Qualität, Produktvielfalt und Nachhaltigkeit gilt er als einer der besten und innovativsten Handwerksbäcker in Düsseldorf und der Region. Ihm und seinen Bäckern macht es Spaß, alles selbst herzustellen – ohne Fertigmischungen und Massenproduktion, dafür mit viel Zeit und handwerklichem Können. Da gibt es Parallelen zu unserem Opern- und Ballettbetrieb …

Hilli Hassemer über die Premiere von „Wozzeck“

Wozzeck_7_FOTO_Karl_ForsterFür die Dauer von fast zwei Stunden gehen die Uhren anders in der Oper „Wozzeck“ – die Zeit bleibt stehen. Nicht nur diesen Aspekt hat der Regisseur Stefan Herheim  klug, einfallsreich und präzise in Szene gesetzt. Die Uhr über allen Köpfen schmilzt, verschwindet, wird zum Mond und wieder zum Zeitmesser. Mauern lösen sich auf und drehen sich im Kreis. So auch die Zeit. Wir als Publikum werden immer wieder angeleuchtet und somit hineingezogen in den klaustrophobisch anmutenden Raum der Todeszelle: Auch wir sind „arme Leut“ und an diesem Abend Zeuge menschlicher Abgründe, verstörender Szenen in diesem Stück.
Staunend macht mich der atonale Sprechgesang,  der unglaublich schwierig vertonte Text, den die Sänger zu bewältigen haben. Subtil trägt und verstärkt die Musik  Alban Bergs das Geschehen – ich bin emotional gepackt, auch wenn ich einiges nicht verstehe. Das Schlussbild – alle Akteuren auf der Bühne blicken stumm ins Publikum – es lässt mich schaudern. Und aufatmen. Eine Aufführung, die mein gängiges Bild von Oper und meine Hörgewohnheiten sprengt. Dennoch empfinde ich diesen „Wozzeck“ als Gesamtkunstwerk, als großartige Symbiose von Regie, Orchester, Bühnenbild und Licht.

 

 

Opernscouts 2017Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcorde-Wagnerfan“ befreundet, wurde die Oper unverhofft Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“

Susanne Bunka über die Premiere von „Wozzeck“

Wozzeck_1_FOTO_Karl_ForsterWozzeck ist sicher nichts für ausgesprochene Anhänger der klassischen oder romantischen Oper. Der Stoff ist schwer, auch heute noch aktuell. Die Musik atonal, nicht eingängig aber zum Thema passend. Büchners Wozzeck könnte auch heute leben. Das macht es spannend, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Die Ohnmacht gegenüber Obrigkeiten, Ungerechtigkeiten, Gewalt, Zynismus…zum Schluss nur Verzweiflung.
Das großartige Ensemble, allen voran Bo Skovhus und Camilla Nylund, versöhnt mit der klanglich doch schweren Kost. Das Bühnenbild ist technisch ausgefeilt, schlicht und suggeriert, u. A. durch ausgeklügelte Lichteffekte, nachvollziehbare Ortsveränderungen.
Ein spannender, nicht leichter Abend!

 

Opernscouts 2017

Susanne Bunka
Inhaberin des Angercafés in Urdenbach
Vor drei Jahren hat sich die ehemalige Kinderkrankenschwester Susanne Bunka einen Traum erfüllt: Zusammen mit ihrer Tochter betreibt sie das Angercafé in Urdenbach – ein Treffpunkt für alle Generationen, in dem auch Lesungen und kleine Konzerte und Chorproben stattfinden. Sie liebt die großen Opernklassiker, ist gleichermaßen offen für zeitgenössisches Musiktheater und Ballett und freut sich darauf, Ihre Eindrücke im Gespräch zu vertiefen.