Wunderschöne Musik

Stefanie Hüber über die Premiere „Masel Tov!“

Dies war mein 1. Opernscoutabend seit Februar, ich war völlig ausgehungert nach Kultur und hab mich dementsprechend auf diesen Abend  gefreut.

Die Oper „Masel Tov“ von Mieczyslav  war mir bislang unbekannt ,ebenso der Komponist, wie ich gestehen muss. Und das, obwohl er äußerst produktiv war.
Die Musik erinnert sehr an Schostakowitsch , mit dem er eng befreundet war, und dessen Musik ich größtenteils sehr mag.  Auch seine Musik, die der musikalischen Epoche des Expressionismus zuzuordnen ist, beinhaltet viele dissonante Akkorde, viel Schwermut und dann aber auch wieder wunderschöne, das Ohr  versöhnende Klänge, bei denen mir als Hörer ganz warm ums Herz wird und die mich teilweise zu Tränen rühren.

Die Kammerorchesterbesetzung bestand aus vier Holzbläsern, vier Streichern, einem Piano und einer Trompete . Diese Besetzung unterstreicht meines Erachtens den Klezmercharakter vieler Orchesterpassagen dieser Oper und ein besonderes Lob möchte ich dem Klarinettisten für sein Spiel aussprechen.
Wobei ich sagen muss, dass das komplette Orchester, die grandiose musikalische Vorlage von „Masel Tov“ für mein Empfinden sehr, sehr gut gespielt hat.

Auch das Libretto hat mich begeistert und wurde von allen Sängern hervorragend umgesetzt. Die Handlung ist relativ einfach , teilweise witzig und als sozialkritisch zu betrachten. Was mich jedoch befremdet ,ist, dass Musik und Handlung als Einheit betrachtet für mich überhaupt keinen Sinn ergeben und sich somit der Zugang für mich schon nach kurzer Zeit völlig versperrt. Die Handlung hätte eine leichtere musikalische Begleitung gebraucht, damit man nicht das Interesse an ihr verliert.

Doch bei diese Oper von Weinberg wirken Musik und Handlung wie Kontrahenten und ich habe mich emotional relativ bald ausgeklinkt . Dennoch ging mein Bemühen, mich auf die wunderschöne Musik zu konzentrieren,  passagenweise auf, so dass ich am Ende trotzdem nicht enttäuscht war.

Stefanie_Hüber

Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Ungewöhnliches in Corona-Zeiten

Michael Langenberger über die Premiere „Masel Tov!“

Um es gleich vorweg zu sagen, niemand der ausführenden Künstler kann etwas dafür, dass ich die musikalische Komposition von Mieczyslaw Weinberg als anstrengend empfinde. Deswegen erlebe ich die Aufführung in einer gewissen inneren Anspannung. Eine kurze Erlösung für meine Ohren erklingt etwa zur Halbzeit mit “Hab‘ geweint 3 Bäche Tränen”, nach meinem Empfinden die einzige melodische Stelle des ganzen Stücks.

Allerdings bin ich von dem unfassbar klar verständlich gesungenem Text des Gesangs tief beeindruckt. Es hätte die eingeblendeten Begleittexte oberhalb der Bühne überhaupt nicht bedurft, um alles genau zu verstehen. So exzellent habe ich das zumindest noch in keiner Oper gehört. Ein dickes Kompliment an alle Sänger*innen! Gleiches gilt dann auch für das Orchester, was vermutlich Corona-bedingt in einer Besetzung spielt, wo jedes Instrument nur je mit einer Person besetzt ist. Jeder Patzer, egal von wem, wäre sofort aufgefallen.

Überhaupt, allen Mitarbeitern der Oper gehört hier meine ganze Anerkennung. Von Regie über Bühnenbild, Kostüme, Licht und auch allen anderen vor und hinter den Kulissen. Wahrscheinlich weil ich mit der Musik so gefremdelt habe, gehörte meine ganze Aufmerksamkeit u.a. den scheinbaren Nebensächlichkeiten, die – ganz sicher Corona-bedingt – sonst vielleicht auch nicht so auffallen. Vom 2. Rang aus, eben etwas erhöht sitzend, konnte ich in den Rücken des auf der Orchesterbühne provisorisch platzierten und nach oben offenen “Souffleusen-Kastens” sehen. Spannend die konzentrierte Arbeit der Souffleuse Ute Gherasim zu sehen, die ganz offenbar nicht nur bei Texthängern hilft, sondern auch sehr aktiv mit den Händen mitdirigiert.

Sollte übrigens diesen Beitrag jemand Verantwortliche/r aus der Politik lesen, hier ein Beispiel zu dem Hygienekonzept der Oper auf der Bühne. Das die schauspielerischen Qualitäten des Düsseldorfer Opern-Ensembles ganz außer Frage stehen, muss hier nicht erwähnt werden. Doch in gewisser Weise spaßig ist es dann schon, wie die Bühnenkünstler die Abstandsregeln beachten, sich ein bisschen so wie sich abstoßende Magneten verhalten. So wird die Übergabe von Gegenständen fast zu einer Art Tanz, indem einer etwas ablegt, dann schnell nach hinten ausweicht, ohne den Blickkontakt zu verlieren, weil in diesem nächsten Moment das Gegenüber den Gegenstand aufnimmt – wo sonst eine persönliche Übergabe üblich wäre. Derartige „Distanz-Szenen” gibt es immer wieder. Irgendwie ist jedem klar, es müsste körpersprachlich eigentlich anders sein. Egal was es auch sei, die Corona-Abstandsregeln werden akkurat befolgt und verleihen gleichzeitig der Aufführungen tänzerischen Charme.

Wenngleich ich diese Oper sicherlich nicht zu meinen Lieblingswerken zählen werde, war es doch ein kurzweiliger Abend. Es gab so viele geschickte Umsetzungsdetails in dieser einaktigen Oper zu erleben, dass es doch einiges zu erzählen gibt und sicherlich damit auch länger in Erinnerung bleibt.

Michael_Langenberger

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Revolution am Herd

Markus Wendel über die Premiere „Masel Tov!“

Eins vorweg: „Masel Tov! Wir gratulieren!“ ist kein einfacher Abend. Das Kammerspiel um die Verlobungsvorbereitungen inmitten der Küche eines jüdischen Herrenhauses ist ein Wechselspiel aus Drama und Komödie, Oper und Schauspiel. Und ein deutlich durchscheinender Revolutionsgedanke macht es mir an einigen Stellen (vor allem am Ende) unmöglich, Verständnis für die dargestellte Wertung der Geschehnisse aufzubringen. Wobei letzteres ausdrücklich im Stück selbst Begründung findet und nicht in der Art der Inszenierung. Auch die zahlreichen heiteren Elemente lassen das dramatische Fundament nur um so schwerer erscheinen.

Ein Lob gilt dem gesamten Ensemble: die Textverständlichkeit ist enorm hoch, Übertitel hätte ich an diesem Abend nicht gebraucht. Auch das kleine Orchester verbreitet eine Klangfülle, die groß besetzten Abenden in nichts nachsteht.

Norbert Ernst in der Rolle des Reb Alter ist – ich kann es nicht anders beschreiben – sensationell. Präsenz, Darstellung, hier passt einfach alles. Sattelfest und überzeugend in seiner Rolle – es ist mir eine Freude ihm an diesem Abend zuzusehen.

Überraschende Einblicke in Richtung der für gewöhnlich unsichtbaren Unterstützung für die Sänger*innen bietet die Ausgestaltung des Arbeitsbereiches der Souffleuse. Der „Kasten“ ist in den Orchestergraben verschoben, nach oben hin offen und einsehbar. Ich finde es bemerkenswert, mit welcher Präzision Frau Gherasim die Einsätze anzeigt und vorbereitet. Immer wieder wandern meine Blicke zu ihr und ihrem behutsam beleuchteten Notenblatt.

Ein kleines Ausstattungs-Detail für alle Richard Wagner Fans: es gibt ein Wiedersehen mit dem Herd aus der aktuellen Walküre-Inszenierung.

Und doch liegt über allem ein Gefühl der Schwere. Denn auch die Auswirkungen der aktuellen Geschehnisse in der Gesundheitslage finden unmittelbaren Einzug in den Zuschauerraum. Die Premiere ist ausverkauft – mit gerade einmal 200 Zuschauenden. Und wenige Tage später werden die Sitzplätze für mindestens einen Monat leer bleiben.

Ich wünsche den Kulturschaffenden weiterhin viel Kraft und bitte bleiben Sie alle gesund!

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Von der Nähe in der Ferne

Charlotte Kaup über die Premiere „Far and near are all around“

Unter herausfordernden Bedingungen gelingt es der Oper am Rhein eine Bühne zu schaffen für eine Ausdrucksform, welche in der menschlichen Kultur verwurzelt ist, es schafft Grenzen zu überwinden,  die schafft auszudrücken wofür es keine Worte gibt – einen Raum für Tanz.

Juanjo Arqués eröffnet den Abend mit einer hoffnungsvollen Arbeit zum Thema Einsamkeit und Vereinzelung.

Ein klares Bühnenbild mit beeindruckender Tiefenwirkung lässt immer neue Räume entstehen und schafft in Kombination mit minimalistischer Streichmusik eine harmonische, unaufdringliche Atmosphäre.

Davor strahlen die Tänzer mit bunten Kostümen und geschmeidigen, organischen Bewegungen, die jeden einzelnen besonders hervorheben und gleichzeitig trotz Distanz in Gemeinschaft leuchten. Für mich ein wunderschönes, bewegendes und perfekt ausgewogenes Stück mit überraschend positiver, nahezu träumerischer Strahlkraft.

Das folgende Stück von Demis Volpi setzt einen starken Kontrast. Das Bühnenbild ist gewaltig, ebenfalls sehr ästhetisch, jedoch schafft es einen geschlossenen, düsteren Raum – beinahe eine Art Käfig. Passend hierzu tragen die Tänzer einheitliche, schwere Kostüme.

Musik und Tanz verschmelzen zu einer abgestimmten Einheit aus Geometrie und Repetition, die im Verlauf eine nahezu hypnotische Wirkung ausüben. Auch wenn hier zwischen den Tänzern keine Berührung stattfindet, so entsteht doch ein starker Eindruck von Gemeinschaft und lauter Stimmgewalt die den begrenzten Raum zu durchbrechen scheinen. Klassischer Tanz frisch, clever und drastisch.

Mit diesen zwei sehr unterschiedlichen Stücken bietet „Far and near are all around“ spannende Sicht- und Verarbeitungsweisen der aktuellen Situation, ohne sich jedoch davon dominieren zu lassen, denn im Mittelpunkt steht eine große, mutige Leidenschaft für Bewegung. Vielen Dank!

Charlotte_Kaup

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Vor kurzem hat die junge Ärztin eine Stelle in Mönchen Gladbach angetreten. Vorher arbeitete sie einige Jahre als Ballettlehrerin beim Hochschulsport. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und ist sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires.
Bezüglich der Oper ist sie ein Neuling, möchte dies aber gerne ändern und freut sich deshalb auf eine weitere Zeit als Scout und die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern austauschen zu können.

Faszinierende Details

Karolina Wais über die Premiere „Far and near are all around“

Das Opernhaus fasst laut hauseigener Internetseite 1.296 Zuschauer. Laut den Hygienemaßnahmen durften 460 Zuschauer in den Genuss einer Vorstellung kommen. Die Ballettpremiere am 15. Oktober 2020 ist ausverkauft, als die Verantwortlichen einen Tag vor der Vorstellung die weitere Auflage bekommen, dass bloß 250 Personen den Zuschauersaal betreten dürfen. Das ist eine Auslastung von bloß 20%. Nur 250 Personen dürfen sich Vorstellungen ansehen! Das ist ein so geringer Teil unserer Stadtbevölkerung und geht meiner Meinung nach in die falsche Richtung.

Umso mehr freut es mich, dass ich zu dem kleinen Teil der Bevölkerung gehören und Platz im Publikumssaal nehmen darf und das aus dem einfachen Grund, weil sich die Künstler und Mitarbeiter dazu entscheiden eine Vorstellung zwei Mal am gleichen Abend vorzuführen. Mein größter Dank an jeden Einzelnen der Beteiligten für deren Spontanität, Engagement und Leidenschaft. Sie tragen alle dazu bei, dass Kultur stattfinden kann, denn Kultur ist wichtig!

Das erste Stück SPECTRUM vom JUANJO ARQUÉS begeistert mich von der ersten Minute an. Das Bühnenbild ist minimalistisch, Rashaen Arts steht vor einer weißen Wand und tanzt in seiner Einsamkeit. Die bewegliche Wand wird von hinten beleuchtet. Nach einer Zeit taucht der Schatten einer Tänzerin auf, der sich mit Arts Tanz synchronisiert. Die Wände gehen hoch, die beiden treffen sich, kommen sich aber nicht zu nah. Es treffen andere TänzerInnen auf der Bühne ein, sie sind in farbige Kostüme gehüllt, gemeinsam ergeben sie das Spektrum eines Regenbogens, und jeder tanzt eine andere Art der Einsamkeit – die romantische, wütende, verzweifelte. Den Höhepunkt erlebt der Zuschauer, als ein Paar gemeinsam tanzt, denn sie berühren sich. Es hinterlässt in mir die Hoffnung, dass die Berührung langfristig nicht aus unserer Gesellschaft und Kultur weichen wird. Arqués widmet sich nach der „Suche nach Gemeinschaft in der Einsamkeit“. Das Stück ist eine der schönsten Suchen und bisher die schönste Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen, die ich gesehen habe. Das Streichquartett begleitet diese wundervoll und sorgt zusätzlich für eine großartige Pause zwischen den Stücken.

A SIMPLE PIECE von DEMIS VOLPI
Acht TänzerInnen stehen auf der Bühne, ihre Kostüme und die Musik von Carolina Shaw irritieren mich anfangs. Die Protagonisten haben leichte Blusen und durch ihren Stoff schwerwirkende Pluderhosen an. Ich stelle die Bewegungsfreiheit, die beim Tanz so wichtig ist, kurz in Frage. Das Musikstück ist ein achtstimmiges A-Capella-Werk.

Schnell merke ich aber wie die Bewegungen der Tänzer, durch die Kostüme unterstrichen gemeinsam mit dem Musikstück eine Gesamtheit bilden. Die Pluderhosen haben übergroßen Taschen aus denen bei jeder Bewegung rote Schnipsel, vielleicht Konfetti herausfallen.

Wie eine freudvolle Feier von großer Leichtigkeit, die uns in diesen Tagen derart abhandengekommen ist. Die Formation tanzt scheinbar die gleiche Choreografie, nach genauem Hinsehen fällt mir aber jeweils eine Person auf, die etwas anders macht. Jeder bekommt somit eine Einzelperformance in der Gesamtheit des Werks. Dadurch, dass die Geschlechterunterschiede durch die Kostüme wieder aufgehoben sind, wird die Gesamtheit der Formation noch mehr unterstützt. Ich kann mich richtig in die Bewegungen und in die Musik vertiefen, entdecke immer mehr faszinierende Details und finde das Stück schlicht und einfach raffiniert.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

Verloren in Zeit und Raum

Michael Langenberger über die Premiere „Far and near are all around“

So emotional angefasst habe ich den Generalintendanten der Düsseldorfer Oper, Prof. Christoph Meyer bislang noch nicht erlebt, als er sich vor den Zuschauern bei all seinen Mitarbeitern dafür bedankte, dass es innerhalb eines Tages möglich war, die für den Tag geplante Premiere zu einer Doppel-Premiere zu machen. Neueste Corona-Vorgaben bedeuteten die Anzahl der Plätze von 450 auf 250 zu reduzieren. Der neue Chefchoreograf Demis Volpi schlug dann vor, worauf sich innerhalb kurzer Zeit alle Aktiven des Abends einließen: „…dann lasst uns doch zwei Vorstellungen hintereinander machen…“ Vielen Dank für diesen Einsatz und gelebten Optimismus, den Virus nicht über die Kunst siegen zu lassen!

Was dann folgte, war das getanzte Statement, mit dem Virus leben zu müssen, sich jedoch nicht geschlagen zu geben. Im ersten Stück des Abends „SPECTRUM“ des spanischen Choreografen Juanjo Arqués geht es genau um die innere Zerrissenheit, sich dem anderen nicht nähern zu dürfen und besiegt am Ende in einem Pas de deux mit Feline van Dijken und Eric White den unsichtbaren Antagonisten; coronakonform, weil beide in einem Haushalt leben.

Tänzerisch herausfordernd, sich aus unterschiedlichen Bewegungen kommend zu synchronisieren. Mal mit dem Schatten der hinter einer milchigen Wand tanzenden Partnerin sich so zu synchronisieren, als wäre das Abbild auf der Mattscheibe der eigene Schatten. Mal mit spiegelsynchronen Bewegungen, die längst im inneren rhythmisch verbinden, was im Außen nicht sein darf. Wie befriedend dann das Ende mit dem eng umschlungenen Paar.

Juanjo Arqués reicht ein spartanisches, nahezu farbloses Bühnenbild mit wenigen prägnanten Lichteffekten und setzt so die im leichten, luftigen und knallbunten Dress tanzenden Akteure perfekt in Szene.

Besondere Erwähnung verdient auch das Streichquartett mit Franziska Früh, Marina Peláez Romero, Ralf Buchkremer und Nikolaus Trieb, was mit Musik von Marc Mellits „Spectrum“ live begleitet. Denn wie immer in diesen Zeiten, wo zwischen den tänzerischen Darbietungen der streng voneinander getrennten Tänzergruppen die Bühne hinter geschlossenem Vorhang gereinigt werden muss, unterhält uns Besucher das Streichquartett zwischen den beiden Tanzdarbietungen des Abends mit „Ritornello“ von Caroline Shaw. Es ist ein sehr kurzweiliges, recht witziges und vielseitiges Stück. Eigentlich stehen Streichquartette auf meiner Beliebtheitsskala nicht ganz oben auf der Liste. Doch was die Vier da an Tonfolgen und vor allem an unterschiedlichen Klangbildern aus ihren jeweiligen Streichinstrumenten holen, ist wirklich beeindruckend. Entsprechend ist dann auch ihr Applaus – bravo!

Mit „A SIMPEL PIECE“ erleben wir die zweite Uraufführung des Abends. Als Musik hat sich Demis Volpi die mit dem Pulitzer Prize of Musik geadelte Komposition „Partita for 8 Voices“ der Komponistin Caroline ausgesucht. Die A-cappella-Stimmgewalt bewegt gewissermaßen die Körper der Tänzer*innen. Mal sind es die aus dem Nichts anschwellenden, oft polyphonen Lautmalereien, die sich in nur minimalen Bewegungen ausdrücken; vielleicht nur den Oberkörper bewegen oder die Finger. Dann aber auch ausladende Bewegungen zu kraftvollen Passagen der viersätzigen Partita. Auch hier hilft das eher karge und raffiniert ausgeleuchtete Bühnenbild die Tänzer und ihr Können zu unterstützen. Der Knaller allerdings sind die Kostüme, deren Hosen ein wenig an die Kluft von Kendo-Kämpfern erinnert. In ihren dunklen, weit geschnittenen Hosen mit hohem Bund aus offenbar sehr festem Stoff wirken die Tänzer*innen geradezu geerdet. Die Oberteile aus zartem, weißen Stoff lassen den Akteuren Raum für Bewegungen, die gleichzeitig leicht erscheinen. Bei „A SIMPLE PIECE“ geht es nicht allein um Tanz, sondern einen Schmelztiegel aus Klanglauten und Tanztheater; eins fließt in andere – beides zusammen wird eins.

Wen wundert es da, dass die nur 250 Zuschauer applaudierten, als wäre es ein voll besetztes Haus – aus stürmischer Begeisterung für den Ballettabend und in Auflehnung gegen den Virus, der in der Zeit der Vorstellung jegliche Macht verlor.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Räume der Kunst

Benedikt Stahl über die Premiere „Vissi d’arte“

Nach langer Abstinenz freue ich mich, auf diese Weise wieder von und in der Oper abgeholt zu werden: ein Streifzug durch bekannte und für mich auch neue Klänge, der leicht fällt, verspielt ist und auf den ich mich gerne und gutgelaunt einlasse.

Experimentierfreudig, mit Leidenschaft und nicht zuletzt auch mit spürbarer Liebe geben sich die Darsteller und Musiker dem kurzen Abendspaziergang hin, nutzen den Raum des Machbaren und schöpfen, wie man so sagt, aus dem Vollen. Die Bilder sind reich, bisweilen überladen und üppig: Opernbühne. Die Musik erhebt sich, erwacht, wie aus einem langen Schlaf und vermählt sich mit allem Licht, jeder Bewegung, und dem Rausch der Farben.

Mir scheint, mit jedem neuen angedeuteten Stück verdichtet sich die Nähe zwischen Publikum und Bühne und man wird selbst zum Mitwirkenden der Aufführung. Da kann passieren, was glücklich macht: das Nachdenken hält an, macht Platz für das Spüren, lässt Sorgen, Nöte und Zwänge vergessen, öffnet die Räume der Kunst und erzeugt ein Sein im Hier und Jetzt. Soweit ich mich erinnere bei mir vor allem gegen Ende – oder war das erst der Anfang? In der wunderbar vorgetragenen Arie: „Ah! Ich habe Deinen Mund geküsst, Jochanaan“ scheint der Schlüssel zu liegen zum Beginn einer neuen Zeit, klingen Schmerz und Freude des Lebens wie Seelenverwandte.

Dann gehen irgendwann die Türen auf und man fällt befreit in die Zeit.

Benedikt_Stahl

Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle Komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

„Ne me quitte pas“

Isabel Fedrizzi über die Premiere „A First Date“

Mit den drei Ballettabenden A First Date stellt sich Demis Volpi als neuer Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein vor – er zeigt einen spannungsvollen und vielfältigen Querschnitt seiner älteren und neuen Choreographien. Weil zwei Drittel der Ballettcompagnie neue Tänzer aus aller Welt sind, ist das Thema „First Date“, „erste Begegnung“ und „Kennenlernen“ in mehrerer Hinsicht perspektivisch gut ausgewählt: die Tänzer lernen sich in der ersten gemeinsamen Spielzeit untereinander kennen, das Publikum lernt die Tänzer kennen und auch für die Tänzer ist es die erste Begegnung mit dem neuen Ballettdirektor und dem Publikum.

Die Tatsache, dass die Compagnie coronabedingt in drei Gruppen aufgeteilt wurde, in denen geprobt und auf der Bühne getanzt werden musste, macht Demis Volpi die Gestaltung seines Debüts nicht eben einfach: doch er hat mit kurzen und klein besetzten Balletten mit 1 bis max. 6 Tänzern sehr abwechslungsreiche Abende geschaffen. In der Mitte jedes Abends werden Videosequenzen mit kleinen Interviews der jeweiligen Tänzer gezeigt, Probenaufnahmen und Tanzszenen aus den ersten Tagen ihrer Begegnungen und noch jungen Zusammenarbeit – Filmisch schön komponiert von der amerikanischen Filmemacherin Daisy Long.

Der erste Ballettabend präsentiert das Thema „first date“ mal mit ernst-seriösem Blick (Chaconne, Private Light), mal exzentrisch (Allure) und mal augenzwinkernd überzogen (de la Mancha). Das innige Ballett Chaconne bildet zu Bachs live von der Solo-Violine vorgetragenen 2. Partita einen „klassischen“ und sehr gelungenen Auftakt. Der Ausschnitt aus Volpis Ballett Private Light zu Solo-Gitarrenmusik knüpft in seinem „kammerspielartigen“ Charakter daran an. Den Höhepunkt in der Mitte des Abends bildet das Solo Allure, mit dem Simone Messmer als neues Ensemblemitglied  ihr ausdrucksstarkes und beeindruckendes Debüt gibt. Volpis Uraufführung von de la Mancha, eines Parodie des Balletts Don Quixote gerät mir trotz der Ironie zu überzogen und albern.

Der zweite Abend war für mich insgesamt der Höhepunkt: Mit einem „Aufwärmtraining an der Stange“ (Whatever happened to class?) beginnt er eher etwas harmlos, zeigt aber dann mit Awáa von Aszure Barton und vor allem Demis Volpis Look for the silver linings zwei sehr schöne, kreative, moderne und berührende Stücke. Kraftvoll in Musik und Bewegung ist Awáa – fließend, fast erotisch und emotional bewegend die Uraufführung der „silver linings“ zu Musik von Chet Baker. Im „getanzten Traum“ von Le spectre de la rose hat das Duo Tanz  auf hohem Niveau gezeigt, doch waren Musik und Tanz so ganz gegenläufig, was anderswo als Gegensatz funktioniert hätte, aber  inmitten des sonst so dick aufgetragenen romantischen Klischees aus Webers Musik, Rosen-Kostüm und Fensterkulisse hier nicht passen wollte.

Der dritte Abend war in seiner reduzierten Anlage der modernste und für Auge und Ohr herausfordernste der drei. Man muss sich einlassen auf einen Abend, der mit 20-minütigen Trommelklängen und kantigen Bewegungen beginnt und sich musikalisch mit harmonisch anstrengenden Streichquartetten von P. Vasks und H. Gorecki fortsetzt… Ein Bewegungselement, das immer wiederkehrt und in dieser Intensität wie hier etwas gewöhnungsbedürftig ist, ist das Tanzen mit dem Rücken zum Publikum. Oft fügt es sich als Stilmittel ein, passt zum Ablauf; wird es lang oder zu viel angewendet, fühlt man sich als Zuschauer manchmal vom Geschehen ausgeschlossen.

Das Highlight des Abends ist Volpis Duett Chalkboard Memories, das Niklas Jendrics und Edvin Somai gefühlvoll, expressiv und wunderbar homogen auf die Bühne bringen. Ein Stück, das einen sofort gefangen nimmt und lange nicht loslässt: sehr beeindruckend.

In Coronazeiten wird vieles durch Abstandsregeln diktiert: wenig Nähe auf der Bühne, gemeinsames Tanzen nur in Bildern und mit Distanz, kleine Besetzungen, die die (Aus)Wahl der Stücke begrenzen – das prägt den Ablauf, den optischen Eindruck und letztlich auch die Stimmung, die diese Abende hinterlassen. Man wünscht sich  auf längere Sicht für alle Beteiligten wieder ein Ballettgeschehen ohne Einschränkungen.

Obwohl das Format – 70minütige Abende mit mehreren kurzen und kontrastreichen Balletten insgesamt vom Publikum sehr gut aufgenommen wurde… Wer weiß, welche Konzepte sich daraus noch entwickeln.

Ein guter und hintergründig klug gewählter Abschluss am Ende des dritten „First date“ ist das Duett „Ne me quitte pas“ von Nina Simone: Mit der Hoffnung „Verlass mich nicht“ wird man als Zuschauer aus diesem umfassenden und bleibenden Abend entlassen…

Duisburg, Opernscouts

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Einmal von allem, bitte

Markus Wendel über die Premiere „Vissi d’arte“

Was für eine Show! Nach der Vorstellung waren wir Opernscouts uns einig: viel mehr kann man eigentlich nicht an einem Abend auf die Bühne bringen als an diesem Premierenabend.

Es scheint, als hätte man sämtliche Opern der Musikgeschichte in eine Kiste gepackt, kräftig geschüttelt, und dann einige volle Hände davon auf der Bühne verteilt. Zwei Seiten lang ist die Auflistung der Stücke im Programmheft.

Der Abend entstand aufgrund und inmitten des vergangenen Corona-Lockdowns, und es gehört Mut dazu. Denn es ist nicht einer dieser leichten und einfachen musikalischen Zusammenschnitte. Es ist ein anspruchsvoller Abend, der in einer aufwendigen Produktion vor allem eins vermitteln möchte: Sehnsucht.

Der musikalische Apparat ist deutlich verkleinert. Über weite Strecken werden die großen Momente der Operngeschichte von zwei Pianos interpretiert. Und genau das ist das Konzept: durch Weglassen und Reduktion eine Sehnsucht erzeugen. Die Sehnsucht nach großer Oper, nach großem Orchester und einem personenstark besetzten Chor.

Für mich geht das Konzept auf, ich bin wirklich berührt von der Vielzahl der gebotenen Zitate und Anspielungen. Und gleichwohl ist es fast schmerzlich, dem „kleinen musikalischen Besteck“ zuzuhören, denn in meinem Hinterkopf laufen durchgängig die Klänge einer großen Besetzung.

Mit einigen klamaukigen Zwischenspielen kann ich nicht viel anfangen, dennoch sind diese wahrscheinlich gut gewählt, weil hierdurch die gesamte Bandbreite möglicher Stimmungen aufgenommen wird.

Zu wahrlicher Größe erwächst der Abend durch die szenische Darbietung. Hier werden viele Register gezogen, die bühnentechnisch möglich sind. Hubpodien rasen hoch und runter, große Projektionen erweitern das Bühnengeschehen, und interessante Perspektivwechsel lassen mich wirklich staunen. Die Bildkompositionen sind wie Kunstwerke und wirken nach. Manchmal denke ich daran, eine Pausen-Taste zu drücken, um den einen oder anderen Moment noch ein wenig länger zu betrachten.

Aus der Not erwächst große Kreativität. Der vergangene Abend ist ein gutes Beispiel.

Vielen Dank! Die Bühne ist zurückerobert!

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Exzellent getanzt

Dagmar Ohlwein über die Premiere „A First Date“

Die drei episodischen Premieren-Abende unter dem Motto „First Date“ unter der Regie des neuen Direktors des Ballett am Rhein, Demis Volpi, haben mich restlos begeistert.
Sehr gelungen und klug empfand ich das Konzept, die neu aufgestellte Compagnie und die zu erwartende Ausrichtung des neuen Ballettchefs und seines Teams unter Hinzunahme anderer Choreografen in vielen einzelnen Stücken vorzustellen. Die Vielfältigkeit der neu engagierten TänzerInnen, als auch der bereits unter Martin Schläpfer arbeitenden Protagonisten, erhielt so eine großartige Bühne, die meiner Meinung nach, auf weitere hervorragende Ballettabende hoffen lässt.

„Chaconne“ von José Limon, uraufgeführt 1942 in New York war das erste Stück des ersten Abends, großartig begleitet von der Solo-Violine, gespielt von Egor Grechishnikov. Zwei Ausschnitte aus „Private Light“ von Demis Volpi, wurden mit der Suite espanola,op 47 vom Gitarristen, Peter Graneis, dargebracht und von den TänzerInnen sehr harmonisch vertanzt.
Alexander Ivanov am Klavier begleitete bei der zweiten Episode die Uraufführung „Whatever happened to class“. Exzellent getanzt von Paula Alves, So-Yoen Kim-von der Beck, Neshama Nashman, Orazio di Bella, Evan L`Hirondelle.
Episode 3 verstand es, das Premierenstück rund werden zu lassen. Begonnen hatte es mit der ersten Begegnung, den Gefühlen des sich Gefallens oder Nichtgefallens, der Leidenschaft, dem unzertrennlich sein für eine bestimmte Zeit und am Ende steht die Trennung. Mit einem Ausschnitt aus „Love Song“, Junge Choreografen des Wiener Staatsballetts, vertanzten Feline van Dijken und Eric White die Musik von Jacques Brel
„Ne me quitte pas“ in sehr guter Ausführung. Alle Künstler verstanden es an allen drei Abenden mich in den Bann zu ziehen.

Die Reduzierung auf das Wesentliche, ohne Hinzunahme aufwändiger Kostüme, Musikbegleitung und Bühnenbilder, bot den TänzerInnen die Möglichkeit, die hohe Kunst ihrer künstlerischen Ausdrucksformen vorzustellen. Sehr gut gefielen mir die filmischen Dokumentionen von Daisy Long in jeder Episode. Passend zum Titel „First Date“ wurde das erste Zusammentreffen der neuen Compagnie mit Ihrem Ballettdirektor gezeigt. Die persönlichen Statements der Gedanken und Gefühle der TänzerInnen waren sehr bewegend für mich. „Was ist wichtig für eine gute Ballettgemeinschaft?“ „Der Zusammenhalt, das Bestreben, alles zu geben, an dem Perfekten zu arbeiten, offen zu sein für die eigene tänzerische Entwicklung“ waren die Aussagen, die authentisch und leidenschaftlich herüberkamen. Die neue Compagnie, so war mein Eindruck, entsteht und will etwas Besonderes schaffen.

Demis Volpi hat die erste Annäherung an seine TänzerInnen und auch an das Publikum hervorragend gemeistert. „Was gibt es noch außerhalb des hohen Niveaus der tänzerischen Technik?“
„Wie kann jedem Tänzer sein eigener Ausdruck gelassen werden und trotzdem die Compagnie zu einem Ganzen werden?“
Diese Fragen und Überlegungen des neuen Ballettdirektors geben mir Anlass, mich auf eine weitere großartige Ballett-Ära an der Rheinoper zu freuen.

Dagmar_Ohlwein

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin im Ruhestand nimmt sich Zeit für Kultur. Als Jugendliche lebte sie „direkt um die Ecke“ des Theaters Duisburg und hatte so schon immer viel Kontakt zur Kunst. Sie ist sehr gespannt auf das zweite Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2020/21.

The Art of Losing

Helma Kremer über die Premiere „Vissi d’arte“

Die Premiere von „Vissi d’arte – Eine Liebeserklärung an die Opernbühne“ ist für mich die erste Opern-Vorstellung seit Beginn der Corona-Pandemie. Ich bin gespannt, aber auch ein wenig ängstlich: Was wird mich erwarten? Wird es womöglich eher ein Abend, an dem einem (mal wieder) vor Augen geführt wird, dass nichts mehr ist, wie es war und man sich fragt, wann die Normalität wieder Einzug hält, auch in den Kulturbetrieb?

Erwartungsgemäß ist schon beim Eintritt ins Opernhaus alles anders: Die Besucher tragen Mundschutz und halten Abstand, man begrüßt sich mit einem Winken, statt mit Küsschen und natürlich gilt es auch hier, das unvermeidliche Kontaktformular auszufüllen. Die Anzahl, oder besser die „Unterzahl“ der Besucher im Zuschauerraum wirkt befremdlich, vor allem für eine Premiere. Sicherheitsbedingt ist der Raum gerade mal mit einem Viertel der Normalkapazität belegt, die Reihen vor und hinter mir sind leer, ebenso die Plätze links und rechts von mir. Aber dann geht’s los: „Vissi d’arte – eine Liebeserklärung an die Opernbühne!“ heißt diese Produktion, die während, oder besser gesagt, unter Corona, entstanden ist. Und sie scheint dem, unter COVID 19-Bedingungen, agierenden Opernbetrieb wirklich auf den (gequälten) Leib geschrieben. „Eine Liebeserklärung“ – allerdings… und was für eine!

Schon die Auswahl der Arien, Ouvertüren und Lieder bringt so viel von allem, was Opernliebhabern am Herzen liegt. Dieser Abend bietet künstlerisch nur das Beste, sowohl hinsichtlich der gesanglichen als auch hinsichtlich der schauspielerischen Leistungen. Meine persönliche Neuentdeckung ist Heidi Elisabeth Meier, die unter anderem in den Arien der Königin der Nacht  begeistert. Minimalismus ist hier ein adäquater Kunstgriff, um Sehnsucht zu erzeugen. Ouvertüren erklingen als Klavierlieder, die das Orchester umso schmerzlicher vermissen lassen. Ein Bruchteil des Chors erscheint – mit Mundschutz – auf der Bühne und summt die berühmte Arie „Lippen schweigen“ von Franz Léhar.

Diese Produktion, die in ihrer ganz eigentümlichen Kombination aus schonungsloser Ehrlichkeit und künstlerischen Schönheit einfach berühren muss, liefert EINE Antwort – womöglich auch DIE Antwort – auf die Frage „Wie geht man (in der Kunst) mit der Pandemie um?“

Die szenische Umsetzung der erzählten Geschichte(n) ist ebenfalls brillant. Schließlich heißt es „eine Liebeserklärung an die OpernBÜHNE“. Der Orchestergraben fährt hoch und wieder herunter, zuweilen ist er mit fünf oder sechs Musikern besetzt, ein anderes Mal ist er ganz verwaist. Ein Perspektivenwechsel ermöglicht dem Publikum den Blick von der Bühne aus in den ebenfalls verwaisten Zuschauerraum. Die Bühne selbst wirkt verwahrlost: Plastik-Müll fliegt herum und auch die Sänger und Sängerinnen sind mit Plastik abgedeckt wie Lebensmittel, die es gilt, frisch zu halten. Mitten in den Höhepunkt einer Arie platzen Bühnenarbeiter und fangen mit dem Abbau an. Die verängstigte Sängerin flüchtet sich in den Orchestergraben.

Das Stück liefert auch mir eine Antwort auf meine persönliche Befürchtung, den Opernalltag anlässlich des Besuchs einer Vorführung unter Corona-Bedingungen nur umso schmerzlicher zu vermissen: Dass Leid und Schmerz Kunst schaffen können, ist nichts Neues. Auch nicht, dass sich der Charakter in der Krise beweist. Aber hier wurde ein Gesamtkunstwerk erschaffen, ein „Phoenix aus der Asche“ par excellence. So schließt die Aufführung denn auch mit dem großen Finale „Des cendres de ton coeur…on est grand par l’amour“ aus „Hoffmanns Erzählungen“. Und als die Türen zu den hell erleuchteten Foyers aufgehen, und ich denke, die Vorstellung sei nun beendet, beschert sie mir dann noch den wundervollsten Opern-Moment ever…

Ich werde die Vorstellung ganz sicher noch ein zweites Mal besuchen; schon allein, um dieses Finale noch einmal erleben zu dürfen.

Helma_Kremer

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

Ganz große Gesangskunst

Jürgen Ingenhaag über die Premiere „Comedian Harmonists in Concert“

„Dich, teure Halle, grüß´ ich wieder“, denke ich unwillkürlich, als ich nach einer gefühlten Ewigkeit in unser geliebtes Duisburger Stadttheater gehe. „Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen“ klingt es mir später von der Bühne zurück.
Statt große Oper singen unsere Rheinopern-Stars nunmehr Schlager jener alten „Boygroup“, die doch irgendwie jeder gerne mag: von den „Comedian Harmonists“!
Und manche Frauen bekommen prompt ihr Ständchen geliefert: Veronika, Isabella oder Johanna, die mehr als nur pfeifen kann. Ein Conférencier erzählt zwischen den 15 Evergreens des Ensembles dessen kurze beispiellose Geschichte, die zwischen 1927 und 1935 spielt.

Das ist ganz große Gesangskunst, was die Sänger da von der ersten Nummer an abliefern. Dabei wäre es bestimmt eine interessante Studie gewesen, wie es sich wohl angehört hätte, wenn sich die verschiedenen Stimmen erst einmal „austerzen“ müssen, um dann ihren Harmonie-Stil zu finden. So gibt beispielsweise der „Graf“ Günes Gürle den Bassisten Robert Biberti, Wagner-„Mime“ Cornel Frey mimt den ersten Tenor Ari Leschnikoff und hat auch einige Arrangements ergänzt. Sowas finde ich sehr spannend, denn es muss live anders (und dynamischer) klingen als von Platte.
Die emotionale Nummer „Irgendwo auf der Welt“ habe ich allerdings nicht so früh erwartet. Statt des kargen weißen Bühnenhintergrunds hätte ich mir hier und da zeitgenössische (Publikums-)Bilder aus Berlin oder New York gewünscht, aber egal.

Nicht egal sind die Corona-Abstandsregeln, weil eben unvermeidlich. Immerhin sitzt kein Riese mehr direkt vor einem kleinen Menschen, und es hustet einem auch niemand in den Nacken. Als im Stück vom Berufsverbot der drei jüdischen Musiker zur Nazizeit die Rede war, kam mir der Gedanke, wie schwierig die Lockdown-Zeit für all unsere Musiker gewesen sein muss.
Zum Glück darf wieder gespielt werden, und ein großes Lob und Dankeschön gilt auch dem freundlichen Service-Personal im Haus.

Duisburg, Opernscouts

Jürgen Ingenhaag
Fachkraft für Arbeitssicherheit

Als Vorstandsmitglied der Musikalischen Gesellschaft Rheinberg organisiert Jürgen Ingenhaag klassische Konzerte in der Stadt am Niederrhein. Als Opernscout versteht er sich als „Botschafter für das Theater Duisburg“. Daneben spielt er Gitarre in der Rheinberger Band ,,Die Zauberlehrlinge“. Seine Leidenschaft für Rock- und Popmusik hat ihn nicht daran gehindert, ein großer Freund der Oper zu werden.

Welcome Demis Volpi

Sandra Christmann über die Premiere „A First Date“

So fühlt sich sein Debüt an: der Beginn einer neuen Ära.

Drei Episoden.
Neugierig, erfrischend, modern, und dieses FIRST DATE mit dem neuen Ensemble und  Demis Volpi ist definitiv aufregend und wie bei einem ersten Date, wenn es gut gelaufen ist: man will mehr.

Unterschiedlicher können die drei Episoden nicht sein, sie zeigen das wahnsinnig große und kreative Spektrum eines bunten homogenen Ensembles und den freien Geist von Demis Volpi, der facettenreich, weltoffen und tief, uns, aber auch die Tänzer*innen in eine neue Welt holt.
Überraschend! Ich bin definitiv an weiteren Dates interessiert.

Besonders gut hat mir gefallen, dass in der ersten und zweiten Episode die einzelnen Choreografien überwiegend mit einer/m Musiker/in begleitet werden (Geige, Gitarre, Klavier).

Und bevor ich auf die großartige choreografische und tänzerische Begegnung eingehe, möchte ich etwas über die Kostüme sagen.
Katharina Schlipf hat mit ihren Kostümkreationen eine genderneutrale Einheit geschaffen, eine zweite Haut, die genau das, was wir auf der Bühne erleben, mit prägt.
Es spielt keine Rolle, ob Mann mit Mann, Frau mit Mann, Frau mit Frau tanzt, wir erleben die Tanzenden! Es ist schwer zu beschreiben, was hier passiert ist, aber es ist eine Aufhebung von alten Rollenverständnissen, Stereotypen und Standards. Das geben die Choreografien her, aber erhalten ihre Vollendung durch die Kostüme. Bravo!

Neu: Die Einspielung eines Films, der hautnah, sympathisch das Ensemble und deren Arbeit, Motivation, Emotion und Haltung zeigt. Plötzlich ist man Teil der Familie, und dem Ensemble ganz nah. Wie schön, alle persönlich kennen zu lernen. Volpi und sein Ensemble gehen von der ersten Sekunde eine Beziehung mit dem Publikum ein.

Was wirklich spürbar ist, ist das ausgehungerte Publikum und Ensemble…die Sehnsucht aller wieder zu tanzen und Tanz zu sehen. Die Pandemie hat uns kulturell auf Diät gesetzt.

Mein persönliches Highlight in der ersten Episode: Allure, Simone Messmer, eine großartige Choreografie so facettenreich, so auf den Punkt interpretiert. Messmer ist eine fantastische Tänzerin – zum Verlieben.  Stark und grazil. Präzise und einfangend, man lässt sie keine Sekunde los.
Die Choreografien sind so vielfältig, so divers, dass ich nur sagen kann, es ist wie die Landung auf einem neuen Planeten: neue Farben, neue Gerüche, neue Temperaturen.
Sehr erheiternd sind die drei Tänzer Miquel Martinez Pedro, Dukin Seo und Kauan Soares in: de la Mancha. Eine impulsive Choreografie mit einigen komischen Elementen.

Die zweite Episode beginnt im Ballettsaal, ein Gefühl wie damals bei Dawna P. Dryhorub jeden Montag im Tanzhaus NRW, erinnert mich an meine Bemühungen klassisches Ballett zu lernen. Übrigens vergebens.

Mit der Steigerung des Ensembles in eine großartige klassische Ballettperfomance, die alle Phasen des Ballettunterrichts integriert, gelingt es Volpi erneut, uns das Ensemble vorzustellen und gibt uns eine Idee davon, dass tänzerisch alles möglich ist. Jede und jeder hat ihr/sein Solo, dann verschmelzen sie in ein Ganzes. Stark und beeindruckend. Klassisches Ballett.

Besonders schön und modern ist das pax de deux von Yoav Bosidan und Daniel Smith, Ausschnitt aus Awáa. Stark, einfangend, sensibel. Die Choreografie von Aszure Barton ist berührend und reich.

Die dritte Episode startet wirklich sehr experimentell. Hier muss ich mich erst einmal einfinden.
Zitat meiner Mutter, die mich begleitet hat: „Interessant, sehr interessant“.
Das Finale des ersten Dates ist dann ein Ausschnitt aus  Love Song (Wien, 2014) getanzt von Feline va Dijken und Eric White und fängt mich wieder ein. Die Liebe mit Liebe getanzt. Leidenschaftlich, ängstlich, fordernd und erfüllend getanzt.

Zusammengefasst: MUST SEE:  FIRST DATE – der Anfang einer langen, langen Freundschaft lieber Demis Volpi und liebes Ensemble der Deutschen Oper am Rhein.

Sandra_Christmann

Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair International GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.

Entstanden im Herzen, zum Streicheln der Seele

Michael Langenberger über die Premiere „Vissi d’arte“

Das Programmheft beschreibt VISSI D’ARTE als “Eine Liebeserklärung an die Opernbühne” – Meines Erachtens ein klarer Fall von Understatement. Für mich ist es einzigartiges, philosophisches Musiktheater. Randvoll mit anspruchsvollen Allegorien und hintergründigen Gesichtspunkten, Abwägungen und Lösungsoptionen, dabei ganz leicht in sich aufnehmbar. Schafft ständige Neugier und Freude.

VISSI D’ARTE ist ein Opernwerk, was ich zumindest so in seiner Art, noch nie zuvor als Idee für eine Oper gesehen habe. Es ist ein Musikschauspiel über die Gefühlslage der Bühnentätigen in Corona-Lockdown-Zeiten. Es philosophiert zwischen Generalpause mit Fermate (eine Pause ohne zeitliche Festlegung…) und den realen Gefühlen der Opernschaffenden. Es schreibt keine neue Musik, sondern bindet statt dessen rund 15 musikalische Highlights, zumeist bekannter Opern und Operetten, in die Momente der Leere und Einsamkeit ein und lässt so, musikalisch, Stillstand und Düsternis vergessen; weist optimistisch in die Zukunft.

Wie im Zeitraffer werden wir Zuschauer in die ganze Zerrissenheit der letzten Monate hineingezogen. Mit allen Mitteln, die Schauspiel, Bühnenbild samt manches Mal vorgeblendeter Filmszenen möglich machen, schauen wir durch die Augen des Opernbetriebs, wie es der Oper, den Künstlern, der Kultur in Zeiten der Pandemie bislang ging. Die Zuschauer werden zeitweise visuell in den Hintergrund der Bühne mit Blick auf den leeren Opernsaal transponiert. Man wird wahrhaftig, in den Schuhen der Künstler stehend, emotional in die Realität der letzten Monate geführt, um im nächsten Moment durch hervorragend intonierte Arien wieder mit dem ganzen Optimismus auf eine tolle Zukunft herausgerissen zu werden.

Bei der Entwicklung dieses wirklich einmaligen Bühnenwerks, schlägt die Stunde der Arrangeure und Dramaturgie und vor allem der Umsetzungskreativität, den Rahmen der strengen Corona-Begrenzung 100%ig einzuhalten und mit den verrücktesten Ideen, bislang Undenkbares praktisch umzusetzen und das Publikum immer wieder ins Staunen zu versetzen. Sie meinen, ich schreibe hier um des Kaisers Bart herum? Sage nicht, was Sie alles erleben werden? Stimmt, es wäre zu schade, Sie der Überraschungen zu berauben, die Sie erwarten – finde ich.

Es ist der Weckruf, sich von der Pandemie nicht unterkriegen zu lassen. Alle Kreativität und die verrücktesten Ideen auszuspielen. Sein Leben weiterhin mit aller Schönheit zu begehen. Seine Aufgaben nur eben ganz anders zu erledigen. Die notwendigen Regeln zu beachten und gleichzeitig die ganze Lebensfreude, alles Schaffen, alles Tun, die schönsten Klänge unser Herz erwärmen lassen. Indem das Opernteam so agiert, bekommt man als Zuschauer immer wieder wohlige Gänsehaut.

Und noch eins wird mit diesem Stück sehr klar, es ist wirklich keine Selbstverständlichkeit, dass Opernsänger nicht nur hervorragend singen, sondern auch derart ausdrucksstark schauspielern können. Ein wenig, fast wie eine Trance, nehmen sie uns Zuschauer mit in ihre Gefühlswelt. Wie in vielen Opern zuvor schon erlebt, ist diesbezüglich das Ensemble der Oper am Rhein optimal besetzt.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Ein wundervoller Neuanfang an der Duisburger Oper

Mila Langbehn über die Premiere „Comedian Harmonists in Concert“

Diese erste Premiere nach der Corona-Zwangspause hat mich sehr berührt. So sehr berührt wie ich es schon viele Jahre nicht mehr bei einer Vorstellung erlebt habe. Der Riesenapplaus am Ende des Abends entsprach vollkommen meiner eigenen Freude und tiefen Dankbarkeit.

Natürlich sind da diese Einschränkungen, angefangen bei den wenig eleganten Masken, unserem Abstand überall zu allen, um dann im nur halb besetzen Zuschauerraum isoliert zu klatschen bis hin zu unübersehbaren Abstandsregeln auf der Bühne … Ja, aber hier ist es, als ob alle diese Einschränkungen miteinander bewirken, dass das Wesentliche, das, worauf es wirklich ankommt in dieser schwierigen Zeit, eine umso größere Wirkung entfalten kann. Es ist der auferlegte, wie auch der bewusst gewählte Purismus, dieser Inszenierung, der genau das freizusetzen vermag, wonach unsere Seele sich sehnt.

Nein, dies ist keine Show, wie man beim Titel „Comedian Harmonists in Concert“ vielleicht vermutet. Kein Entertainment! Kein „Wir lenken Euch jetzt mal mit was Nettem von Euren Corona-Sorgen ab.“ Die Dramaturgin Heili Schwarz-Schütte hat da einen anderen Ansatz:
kein Pomp – nur ein Flügel und die Bühne, so wie sie ist
keine Lightshow – aber Erhellung
keine Stimmen aus dem Off – ein Erzähler, ausdrucksstark (Dirk Weiler)
kein Orchester – ein Pianist, der musikalische Leiter selbst (Patrick Francis Chestnut)
keine Soundtechnik – dafür echte Stimmen, echt gute Stimmen (Cornel Frey, Luis Fernando Piedra, Florian Simson, Günes Gürle und Dmitri Vargin).
Überhaupt kein Brimborium, weder bei den Kostümen, noch bei der Choreographie – überall schlichte Eleganz und feine Akzente – durchaus humorvoll!

Kein Glanz, kein Gold!?
Aber ja! Der goldene Glanz der Comedian Harmonists, das ist etwas zutiefst Menschliches, was da intensiv von der Bühne zu uns ins Publikum strahlt. Wir sehen es mit dem Herzen. Das Wesentliche, das was uns Menschen ausmacht, tief innen drin. Und wir fühlen und wir hören es mit jedem Ton dieser sehr gekonnten wie auch wundervoll ehrlichen Darbietung.
Warum der Mensch singt? Warum es die Oper gibt? An diesem Abend können Sie es intensiv erleben.

Duisburg, Opernscouts

Mila Langbehn
Landart-Künstlerin

Die selbstständige Landart-Künstlerin hat als Amateur-Tänzerin mit klassischer Ausbildung selbst öfter auf der Bühne gestanden. Heute beschäftigt sie sich mit Landschaftskunst und Kunstaustellungen. Beim Theatererlebnis fasziniert sie insbesondere das Zusammenspiel aus den verschiedenen Komponenten Musik, Kostüm, Bühnenbild und Gesang. Besuche im Theater sind für sie ein angenehmer Gegensatz zum alltäglichen Leben und aus den Vorstellungen zieht sie oft auch Inspiration und Vergleicht diese mit ihrer eigenen Arbeit.

Endlich wieder Oper! Eine bedeutende und erschütternde Parabel

Hubert Kolb über die Premiere „Der Kaiser von Atlantis“

Trotz Atemmaske und Abstandsregeln – großen Dank dafür, dass ein Opernbesuch wieder möglich gemacht wurde und das künstlerische Team mit viel Einsatz die Oper „Der Kaiser von Atlantis“ vorbereitet und eindrucksvoll präsentiert hat!

Für fast Alle und auch für mich war diese einaktige Oper unbekannt, und doch ist ein großes und bedeutsames Werk deutscher Kultur, entstanden im Vorzeige-KZ Theresienstadt in den Jahren 1943-1944. Mit großem Mut haben Peter Kein ein Libretto gedichtet und Victor Ullmann die musikalische Umsetzung besorgt. Während der damaligen Proben wurde das Stück nach und nach politisch-moralisch entschärft und kam dennoch nicht zur Uraufführung. Soweit möglich, wurde in Düsseldorf die ursprüngliche Fassung auf die Bühne gebracht.

Die Parabel ist tiefgründig und grandios, sie sollte offenbar den Mithäftlingen die innere Stärke geben, sich über ihre Lebensbedingungen und die Todgeweihtheit zu erheben. In der Parabel verliert der Kaiser nach einem Aufruf zum Kampf Aller gegen Alle (der totale Krieg) alle Macht, weil der Tod, großartig gesungen von Luke Stoker, unter diesen Bedingungen nicht mehr seine Aufgaben wahrnehmen will. Kein Mensch kann mehr sterben, der Kaiser ist machtlos. Erst als der Kaiser mit dem Tod aushandelt, mit seinem eigenen Sterben wieder die frühere Balance von Leben, Lieben und Sterben zu ermöglichen, ist die Lebensharmonie wieder erreicht.

Victor Ullmanns harte Musik mit Trommel, Fanfare und Marsch-Rhythmik weicht einem weicheren melodischen Klang, als Liebe und Tod wieder in das Leben treten. Das Publikum war still und betroffen.

Das Stück wirkte in mir länger nach. Dafür war besonders wichtig, dass Inszenierung (Ilaria Lanzino) und Bühnenbild (Emine Güner) die Parabel nicht als Nazi-Stück oder mit Bezug auf Corona inszenierten, sondern als immerwährendes Gleichnis. Eine minimalistische Bühne mit vielen gespannten Seilen als eine Art Gefängnis für die Menschen, auch für den Kaiser. Die Seile fallen zu Boden, als die Angst vor dem Kaiser schwindet. So, wie der Text eine große Zahl von „Shakespeare-artigen“ Wahrheiten präsentierte, fügte Ilaria Lanzino eine Vielzahl von symbolhaften Bildern und Handlungen ein, welche zusammen mit dem immer sehr einfühlsamen Dirigat von Axel Kober ein überzeugendes Gesamtkunstwerk ergaben.

Fazit: Danke, dass Oper wieder möglich geworden ist. Die in diesem selten gespielten Stück präsentierte Parabel war berührend und bewegend. Hierfür war entscheidend, dass die Inszenierung der Versuchung widerstand, ein historisch oder aktuell verortetes politisches Stück zu präsentieren, sondern ein zeitloses Gleichnis von Leben, Liebe und Tod zeichnete.

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Dr. Hubert Kolb
Professor für Immunologie/Diabetologie im Ruhestand

Als Biologe und Immunologe hat Hubert Kolb am Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf zu Mechanismen und Therapien des Kinder- und des Erwachsenendiabetes geforscht und gearbeitet. Vorsorge und Umgang mit der Krankheit beschäftigen ihn auch noch im Ruhestand. Den Weg zur Oper fand Hubert Kolb im Studium in München – eine „Zauberflöte“ in Spitzenbesetzung begeisterte ihn nachhaltig. Mittlerweile findet er genügend Zeit, die Oper regelmäßig zu besuchen und Vieles neu kennen zu lernen.

Absolut erlebenswert

Karolina Wais über die Premiere „A First Date“

Demis Volpi zeigt dem Publikum an drei Abenden eine Auswahl an seinen bisherigen Arbeiten. Dabei muss ich zugeben, dass diese Auswahl groß und sehr vielfältig ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bekommt man als Zuschauer mehrere perfekt auf sich zugeschnittene Werke zu sehen. Gerade auf Grund der Vielfältigkeit werde ich mit dieser Rezension nicht auf alle Stücke eingehen können.

Unglaublich spannend war es zuerst wieder im Publikumssaal zu sitzen und auf eine Vorstellung warten zu dürfen. Und das Warten hat sich gelohnt.

Das Bühnenbild ist durchgehend minimalistisch gehalten, so dass man sich als Zuschauer auf den einzelnen Musiker, der dadurch, dass er auf die Bühne geholt wurde zum Teil des Spektakels wird und auf die Tänzer konzentrieren kann. Dabei entsteht eine ganz andere Art der Zusammenarbeit zwischen den Tänzern und dem Musiker. Nicht jedes Stück erfreut sich zwar einer live Musik, daran gewöhne ich mich aber schnell.   

Die Kostüme sind besonders in der ersten Episode geschlechtsneutral. Ich kann zum Teil nicht erkennen, ob Tänzer oder Tänzerinnen auf der Bühne agieren und das gefällt mir. Der Mensch tanzt, der Tanz ist wichtig, das ist genial.

Da die Bühne zwischenzeitlich gesäubert werden muss, wird an jedem Abend ein Kurzfilm gezeigt, in dem die einzelnen Mitglieder der Companie vorgestellt werden. Auch wenn es zu Anfang etwas befremdlich ist, gefällt es mir doch sehr. Ich bekomme als Zuschauer einen persönlichen Bezug zu den einzelnen Mitgliedern der Companie, die an den jeweiligen Abend auf der Bühne tanzen. Das schafft sehr viel Nähe und lässt die Anonymität verstreichen. Dadurch wird eine Intimität zwischen den Zuschauern, Demis Volpi und der Companie geschaffen, die meiner Meinung nach, ein guter Grundstein für eine langfristige Beziehung sein kann/ist.

Es sind jedenfalls erste Verabredungen voller Zauber. Meine siebenjährige Tochter, die mich bei der dritten Episode begleitet, ist ebenfalls sehr begeistert.

Herzlich Willkommen in Düsseldorf! Ich freue mich auf weitere Dates.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

Nostalgische Stimmung auf der Bühne

Isabel Fedrizzi über die Premiere „Comedian Harmonists in Concert“

Mit dem Premierenabend „Comedian Harmonists in Concert“ hat die Deutsche Oper am Rhein in Duisburg einen sehr gelungenen Wiedereinstieg in die neue Spielzeit gefunden.

Die Geschichte des legendären Männer-Vokalquintetts aus den 20er und 30er Jahren bringen fünf Solisten aus dem Ensemble der Rheinoper mitsamt Pianist auf die Bühne: Vokal mit den wohlbekannten Ohrwürmern wie „Veronika, der Lenz ist da“, „Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen“ und natürlich dem „kleinen grünen Kaktus“ und verbal in Form der humorig erzählten wechselvollen Geschichte der Gesangscombo.

Die Zeit ab 1928: Die Gesangsmitglieder finden nach und nach zusammen, sie  proben unter widrigen Bedingungen in Berlin, haben erste zaghafte Erfolge auf kleinen Bühnen. Mit Enthusiasmus und hartnäckigem Durchhaltevermögen starten die fünf Sänger sowie Pianist ihre Karriere aus dem Nichts. Das Aufkommen der Schellackplatte hilft ihnen dabei. Ein begeistertes Publikum beschert den Herren im Frack, die ihre eigene Kunst zwar vom musikalischen Anspruch ernst nehmen, aber ihr Unterhaltungsgenre auch mit viel Augenzwinkern betrachten, eine steile Karriere und Berühmtheit weit über die Landesgrenzen hinaus.

Songs wie „Creole love call“, „Kannst Du pfeifen, Johanna?“ oder „Schöne Isabella von Kastilien“ funktionieren auch heute noch als Stimmungsmacher überall auf der Welt und waren Grundlage des anhaltenden Erfolges. Sie dürfen auch an diesem Abend nicht fehlen.

Die fünf Sänger der Deutschen Oper am Rhein machen ihre Sache gesanglich sehr gut, kleine Soli werden gerecht unter den Sängern verteilt und –trotz Singen und Agieren auf Abstand-  gelingt ihnen ein sauber intoniertes und aufeinander abgestimmtes Miteinander. Dabei ist es nicht einfach, eine „Show“ à la Comedian Harmonists zu bieten: Die Corona-Regeln befehlen beim Singen einen 3-Meter-Mindestabstand untereinander, auch einen sehr großen Abstand vom Bühnenrand, der Pianist mit Flügel bildet nicht den Mittelpunkt, sondern den Hintergrund. Räumlich also viel Distanz – stimmlich nicht – hier überzeugen die Herren sehr, wie sie so stilecht auftreten im schwarzen Frack und weißer Fliege, mit zeitgemäß pomadiger und korrekt gescheitelter Frisur. Auch mit kleinen Mini-Choreographien, humorigen Gesten, die die Liedtexte untermalen, guten Lichteffekten und passender Mimik zaubern sie eine nostalgische Stimmung auf die Bühne.

Dennoch bleibt das Gefühl von „der guten alten Zeit“ hier keineswegs ungetrübt: Die Geschichte der Unterhaltungs-Combo ist eben nicht nur die staunenswert-fröhlich-romantische eines rasanten Aufstiegs, sondern auch die tragische eines politisch erzwungenen Abbruchs durch die Nationalsozialisten, die dem Ensemble 1935 wegen der jüdischstämmigen Mitglieder ein Berufsverbot erteilten. Ein brutales und jähes Ende für die legendären Comedian Harmonists… Irgendwo zwischen der Hoffnung eines „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines Stückchen Glück, und ich träum davon in jedem Augenblick…“ und der ansteckenden Fröhlichkeit eines „Ich hab‘ für Dich ‘nen Blumentopf bestellt“ lässt man sich von den emotionalen Stimmungen gern mitreißen – die Zuhörer haben es mit enthusiastischem Applaus gedankt.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

Ein musikalischer Zeitzeuge

Markus Wendel über die Premiere „Der Kaiser von Atlantis“

Die Inszenierung ist wahrlich gelungen. Die Verortung wunderbar düster und zeitlos, ganz nach meinem Geschmack. Das Ensemble singt hervorragend. Irgendwie scheint alles aus einem Guss zu sein an diesem Abend, zur Premiere von „Der Kaiser von Atlantis“. Und doch bleibt all dies zurück, tritt in den Hintergrund, erscheint mir nicht wichtig. Denn das Stück erfährt eine so untrennbar starke Verbindung zu seiner Entstehungsgeschichte, dass bereits seine pure Aufführung an sich gewürdigt werden sollte.

Ich erlebe eine emotional aufwühlende Vorstellung wie selten zuvor.

Die Handlung ist geprägt vom Tod, aber auch vom Versuch des Lebens, ja des Überlebens. Am Ende verklärt in eine vorherrschende Todessehnsucht. Dem Regime des brutalen Kaisers scheint kein Entrinnen möglich. Sogar der Tod persönlich verweigert seinen Dienst. Die wenigen Botschaften der Liebe wirken einsam und hoffnungslos. Und dennoch scheint es Hoffnung zu geben. Streckenweise ist es für mich nur schwer zu ertragen, auf welche Weise die eigentlichen Botschaften des Stücks transportiert werden sollten. Die harten Bilder der aktuellen Inszenierung verstärken diese Wirkung obendrein.

Hier und da blitzt feiner Humor durch den Text und die musikalische Untermalung. Auch der Blick durch die Brille der heutigen Zeit lässt einige Grotesken erscheinen, die mich zum Lächeln, wenn nicht sogar zum Lachen bringen möchten. Doch dies dringt nicht nach außen. Denn in allem spüre ich den Herzschlag einer unguten Zeit.

Für die aktuelle Corona-Situation ist das Werk scheinbar wie gemacht: wenige Darsteller, klein besetztes Orchester und obendrein kurz und ohne Pause. Aber wie sollte es auch anders sein bei einem Stück, welches innerhalb eines Konzentrationslagers entstand und dort zur Uraufführung geplant war. Vielleicht liegt aber genau in dieser Überschaubarkeit und Klarheit der Schlüssel zu einer solch eingängigen Wirkung.

In aller Form danke ich der Deutschen Oper am Rhein für diesen berührenden Abend, wenngleich ich mit folgendem Satz enden möchte:

Es bleibt die Faust in der Magengrube.

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“.

Defilee des Tanzes – in sechs Gruppen zum Kennen- und Liebenlernen

Michael Langenberger über die Premiere „A First Date“

Poah – war das ein Einstand des neuen Ballettdirektors und Chefchoreographen Demis Volpi – großartig!

Mit einer um ca. 2/3 erneuerten, jungen und tänzerisch neugierigen Compagnie und unter strengen Regeln seinen schöpferischen Einstand zu geben, war sicherlich eine Herausforderung der Extraklasse für Demis Volpi. Doch konzeptionell geschickt geplant, um die individuelle Bandbreite der tänzerischen Qualitäten zu präsentieren, gab es dieses Jahr eine Premiere an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Coronabedingt wurde das Ensemble in sechs Gruppen á 6-8 Tänzer*innen aufgeteilt, um sich im Fall einer Infektion eines Einzelnen, nicht gegenseitig anzustecken. Diese Gruppen durften sich weder in den Proben noch bei den Aufführungen begegnen. 

Je Abend stellten sich also zwei Gruppen tänzerisch vor. Um sich, wie gesagt, auf der Bühne nicht zu begegnen und die Bühne zwischen beiden Auftritten zu reinigen, wird in dieser Zeit das Publikum mit einem Film unterhalten, in dem einige Mitglieder der Compagnie über ihre Motive zu ihrem Engagement in Düsseldorf berichten. Zum Teil sehr junge Leute mit Tatendrang und Liebe zur Bewegung, tiefen Überzeugungen über den Wert und die Wichtigkeit der Körpersprache. Diese Einspielfilme geben dem Zuschauer einen berührenden und tiefen Einblick in die Seelen der Tänzer und deren Tanz. Danach fühlt man sich als Zuschauer ein bisschen an “Der kleine Prinz” von Antoine de Saint-Exupéry erinnert – “…Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar….”

Der Einsatz und die Hingabe, mit der sich die Akteure bewegen, bekommt dadurch eine andere, ganz neue Qualität. Man sieht die Akteure nicht einfach nur tanzen, sondern verbindet Ihre tänzerische Darbietung und den Enthusiasmus mit den Tiefen Ihrer Überzeugungen. Ein völlig neues Zuschauererlebnis.

Die große Leistung von Demis Volpi besteht meiner Meinung nach nicht nur in der Vielfalt und Verschiedenheit der Choreographien, sondern eben insbesondere auch darin, stets die beste Besetzung zu liefern. Überhaupt wird uns eine enorme Bandbreite geboten. Von klassischem Ballett über zeitgenössischen Tanz – was mich an Stücke von Martha Graham erinnert – bis hin zu Tanztheater.

Demis Volpi traut seinen Tänzern einiges zu, fordert sie heraus, führt sie an ihre Grenzen. Hier und da gehen schon mal Synchronitäten verloren oder ein*e Akteur*in verliebt sich in eine Bewegung, dass kurz der Anschluss zur Gruppe hakt. Doch es ist die Begeisterung, wieder auftreten zu dürfen, die da spürbar über die Ufer schwappt und nicht das Bedürfnis nach Selbstdarstellung.

Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Ausgezeichnete Stimmen, lebendig und mitreißend

Dagmar Ohlwein über die Premiere „Comedian Harmonists in Concert“

Abgesehen von der überaus großen Freude endlich wieder einer Theateraufführung beiwohnen zu dürfen, hat mir der Abend mit den Comedian Harmonists in Concert sehr gut gefallen.
Wie die Musik im nachkriegsbewegten Berlin der 20er Jahre die Menschen leicht, frech und unbeschwert unterhalten konnte, so empfand ich die Aufführung auch in der besonderen Atmosphäre unseres Theaters in der Corona-Edition, großartig, sehr gelungen und unterhaltsam.

Der lang anhaltende Applaus, den die Protagonisten überaus dankbar aufnahmen, bestätigte meinen persönlichen Eindruck.
Mit dem allseits bekannten Ohrwurm: „Wochenend und Sonnenschein“ traten die Künstler auf die Bühne. Eher nüchtern war das Bühnenbild.

Patrick Francis Chestnut, der musikalische Leiter für dieses Ensemblestück, am Piano als Erwin; mit dem zulässigen Abstand die fünf Sänger der Comedian Harmonists, gekleidet in der für die damalige Zeit üblichen Weise des Varietés mit elegantem Frack, Fliege, Lackschuhen. Es folgten, durch die Moderation von Dirk Weiler jeweils unterbrochen, weitere 14 launige Stücke aus dem Repertoire der Comedians. Die ausgezeichneten Stimmen von Cornel Frey als Ari, Luis Fernando Piedra als Erich, Florian Simson als Roman, Günes Gürle als Robert und Dimitri Vargin als Roman ließen die Stimmung, die beim Vortragen von „Ein Freund, ein guter Freund“ u.a. entsteht, sehr lebendig und mitreißend werden.

Pointenreich und humorvoll waren die kleinen tänzerischen Choreographien der fünf Sänger. Wobei ich mir gut vorstellen kann, dass das Einstudieren mit Abstandsregeln eine große Herausforderung darstellt.
Ich kann die Aufführung sehr empfehlen. Sehr dazu beigetragen hat die durchaus passende, ausgezeichnete Moderation von Dirk Weiler. Durch seine Erläuterungen wie die Comedians zu dem Ruhm, der Anerkennung, die sie weltweit genossen, und letztlich der Entwicklungen, die zu ihrem Zerfall führten, wurde mir ihre Aktualität und Berühmtheit bis heute noch einmal deutlich gemacht. Die Leichtigkeit, das Humorvolle und die Harmonie der Lieder der Comedians trägt nach meinem Empfinden immer ein wenig Melancholie mit sich.

Dieser Premierenabend über 1 1/4h intensiven Eintauchens in die Musik der 20er Jahre verstand es, das dem Publikum nahe zu bringen.

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin im Ruhestand nimmt sich Zeit für Kultur. Als Jugendliche lebte sie „direkt um die Ecke“ des Theaters Duisburg und hatte so schon immer viel Kontakt zur Kunst. Sie ist sehr gespannt auf das zweite Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2020/21.

„Es ist die Eifersucht. Die Gewalt der Liebe“

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Karolina Wais über die Premiere von „Alcina“

Es gibt ihn, es gibt tatsächlich diesen Augenblick in der Oper, der einen zu Tränen rühren kann. Ich habe ihn an diesem Abend erlebt.

Es ist der Moment am Ende des zweiten Aktes als sich die Bühne teilt.
Ein übergroßer Schatten Alcinas wird auf die Bühne projiziert. Alcina singt zerrissenen Herzens ihre jüngere und die ältere Version herbei.
Es wird mir bewusst, dass ich mich in Augenblicken voller Verzweiflung oft an meine Kindheit erinnere, um mich darauf zu besinnen, was mir in schwierigen Situationen Halt gegeben hat.
Gleichzeitig denke ich an mein zukünftiges, weiseres Ich, welches sich über die Vergänglichkeit dieser Augenblicke bewusst ist.

Dann legt sich die junge Alcina in der Embryonalstellung hin, die gegenwärtige Alcina tut es ihr nach. Sie verschmelzen förmlich in einer Umarmung. Der Körper erinnert die Psyche an die Zeit, zu welcher alle Bedürfnisse erfüllt sind, die Zeit im Bauch der Mutter.
Der Mensch ist hier geschützt, umarmt, gewogen, unbeschwert, geliebt…
So kann man sich über die Verzweiflung erheben.

Eigentlich wäre meine Rezension jetzt fertig, ich möchte aber noch erwähnen wie beeindruckend ich das Bühnenbild fand.
Es hat raffiniert, durch den perspektivischen Einsatz von mehreren Balkenelementen und Lichteffekten, eine Insel angedeutet. Ich hatte den Eindruck, hinter dem Bühnenbild fängt das Meer an.

Die Inszenierung tragen vier Frauen als Hauptrollen, sie sind hervorragend.
Maria Kataeva (Ruggiero) spielt authentisch ihre männliche Rolle.
Shira Patchornik, die Zweitbesetzung an diesem Abend singt/spielt voller Leichtigkeit und Anmut. Ich schaue und höre ihr gerne zu.
Jacquelyn Wagner (Alcina) und Wallis Giunta (Bradamante) können mithalten und sorgen für einen mich sehr berührenden Abend.
Vielen Dank dafür.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich nun mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre erste Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett näher kennenzulernen.

Zauber der Klänge

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Benedikt Stahl über die Premiere von „Alcina“

In Erinnerung an die wunderbare Alcina-Premiere gehe ich nochmal der Frage nach, was mich daran am meisten beeindruckt hat und lande immer wieder vor allem bei der zauberhaften Musik.

Warum, so frage ich mich, ist das Zusammenspiel von Stimmen und Instrumenten, das Erzählerische, Herzergreifende, Warme, hier so einzigartig faszinierend.
Ein Gespräch mit meinem Bruder Marcus, der sich seit Jahrzehnten als Instrumentenbauer mit dem Zauber alter Klänge beschäftigt, liefert Erhellendes. Sofort kommt er ins Schwärmen und begründet dieses Phänomen unter anderem damit, dass die alten Instrumente der menschlichen Stimme so nah seien.
Ihre breit angelegten Klangfarben, so meint er, gingen mit ihrem Leuchten bis unter die Haut, ihre Transparenz sei deutlich höher und durchscheinender als bei neuen Instrumenten und je nachdem wer diese Musik singt oder spielt, wären die darin verborgenen Emotionen so unmittelbar zu spüren, dass einem mitunter der Atem weg bleibe.

Wie wahr! Das kann ich sehr gut nachempfinden und beschreibt meine Bewegtheit an diesem Abend (und danach) sehr zutreffend.
Vor allem die vier weiblichen Hauptpersonen Jaquelyn Wagner (Alcina), Maria Kataeva (Ruggiero), Shira Patchornik (Morgana) und Wallis Giunta (Bradamante) schaffen es mit ihren Arien und im Zusammenspiel mit dem grandiosen Orchester der neuen Düsseldorfer Hofmusik unter der Leitung von Axel Kober, tiefste Empfindungen zu berühren.
Das muss man gehört und erlebt haben!

Darüber hinaus gelingt der niederländischen Regisseurin Lotte de Beer eine Inszenierung, die das Programm der Düsseldorfer Oper wirklich bereichert.
Die Ideen für Bühne, Licht und Farben fallen für mich persönlich zwar ein bisschen zu üppig und ausladend aus, schaffen es aber dennoch sehr eindrücklich, die Erzählung stimmungsreich zu pointieren.
Das Spiel mit der sich stetig verändernden räumlichen Tiefe nimmt (trotz der etwas wackligen Bühnenkonstruktion) den Zuschauer tatsächlich mit auf eine Insel der Liebe, die dort all ihre Untiefen auszubreiten vermag und am Ende ist man doch irgendwie erleichtert, dass alles nur ein Spiel war. Oder?

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit. Wenn in einer Inszenierung alle komponenten gut zusammenkommen dann entsteht „ein großes Kunstwerk“ und in der Deutschen Oper am Rhein ist „immer was für einen dabei“. Besonders gefällt ihm die Vielseitigkeit von Oper und Ballett.

 

 

Alte Musik 2.0

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Markus Wendel über die Premiere von „Alcina“

Es ist schon etwas Besonderes, wenn musikalische Stücke unglaublichen Alters zur Aufführung kommen.
Ich finde, es geht mit einem besonderen Zauber einher, wenn es dunkel wird im Theatersaal und Musik erklingt wie bereits vor fast dreihundert Jahren. Und so hatte ich in den ersten Minuten der vergangenen Premiere die Augen geschlossen. Um dies zu spüren, um dies als Fenster zu nutzen in eine längst vergangene Zeit.

Die Handlung ist völlig kompliziert. Auch unter Zuhilfenahme von Programmheft, Einführung und Übertiteln habe ich das verworrene Verwechslungs-Spiel nicht verstanden.

Szenisch bietet die Bühne mit ihrer extremen Perspektive einige spannende Möglichkeiten.
Das Bild wird im Verlauf erst fragmentiert und verschoben, am Ende dekonstruiert und aufgelöst. Wirklich gut ergänzt sich die ästhetisch-dunkle Lounge-Atmosphäre der Bühne mit dem Regiekonzept.
Durch Dopplungen von Personen und Handlungssträngen wird das Verwirrspiel in Bilder gerückt, die mich auch in den Tagen nach der Premiere noch beschäftigen. Bravo!

Eine große Überraschung für mich ist die Neue Düsseldorfer Hofmusik.
Alte Musik ist wirklich nicht meins, und bei einer Spielzeit von fast drei Stunden (und das ist schon gekürzt) echt fordernd. Aber an dieser Stelle verbinden sich zwei Dinge auf ganz wunderbare Weise.
Zum einen ist da die akzentuierte Instrumentierung. Bis zum Ende treten immer neue Variationen von Instrumenten in den Vordergrund und schaffen eine Vielzahl musikalischer Stimmungen.
Zum anderen verleiht Axel Kober der Musik eine Frische und Modernität, die den Staub der Jahrhunderte mit scheinbarer Leichtigkeit hinfort zu pusten vermag.

Gesanglich möchte ich kein Urteil abgeben, dafür habe ich bislang zu wenig alte Musik gehört.
Großartig finde ich in jedem Fall die israelische Sopranistin Shira Patchornik in der Rolle der Morgana.

Am Ende ist „Alcina“ wahrscheinlich das anstrengendste Stück, dass ich an der Deutschen Oper am Rhein gesehen habe.
Dennoch empfinde ich es als Bereicherung, und allen Freunden der alten Musik möchte ich es empfehlen.

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“. Überrascht war er davon, dass die Ballettinszenierungen 2018/19 ihn sogar mehr faszinierten als die Operninszenierungen.

Alcina – love is all you need

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Charlotte Kaup über „Alcina“

Alcina – love is all you need
So scheint es zumindest an diesem Abend in der Oper am Rhein. In der Barockoper von Georg Friedrich Händel dreht sich alles um Liebe, Eifersucht, Liebe, Hass, Liebe, Betrug und, achso – hatte ich Liebe erwähnt?

Der etwa dreistündige Opernabend sticht in vielerlei Hinsicht positiv hervor und verzaubert durch seine wunderbaren und historisch anmutenden Klänge der Neuen Düsseldorfer Hofmusik.
Zusätzlich zu bestaunen sind vier hervorragende Sängerinnen in den Hauptrollen, allen voran Jaquelyn Wagner, welche durch ihre Stimme und auch dank ihrer Präsenz eine imposante Alcina verkörpert und Wallis Giunta als Bradamante, die mit ihrem Schauspiel große Lebendigkeit auf die Bühne bringt.
Zentral ist außerdem ein raffiniertes Bühnenbild, welches die Handlung sehr klar untermalt und gleich in der Anfangsszene mit der Musik zu verschmelzen scheint. Üppig, floral und organisch beginnend, bis hin zu einer kühlen geometrischen Dekonstruktion.

In den zweieinhalb Stunden zwischen diesen spektakulären Endpunkten spielt sich jedoch eine für mich etwas quälend elongierte Handlung ab. Getrieben von vordergründiger Liebe, falschen Schwüren und dem wiederholten Missverständnis, bleibt das Stück im anscheinend zeitlosen Sumpf zwischenmenschlicher Seichtigkeit stecken.
Wenngleich in dieser Interpretation die Frauen in der dominanten Rolle auftreten, hängt deren Erfüllung scheinbar davon ab, geliebt zu werden und Macht auszuüben.
Am Ende wird der Narzissmus, die Machtgier zu Einsamkeit und Abhängigkeit.

Positiv zu erwähnen sind in jedem Fall die Statisten, welchen in der Gruppe eine durchaus tragende Rolle als stummes Gegengewicht zu Alcina bilden.
Mal in witzigen, mal bedrückenden Passagen erweitern sie das Stück um eine starke symbolische Bildsprache.

Thematisch sind die Grenzen des Stückes wohl vor fast 300 Jahren gesetzt worden.
Der Rest ist eine sehr sehenswerte, erfrischend andere und grandios inszenierte, gespielte und vertonte Oper.

Charlotte_Kaup

Charlotte Kaup
Ärztin in der Radiologie

Vor kurzem hat die junge Ärztin eine Stelle in Mönchen Gladbach angetreten. Vorher arbeitete sie einige Jahre als Ballettlehrerin beim Hochschulsport. Sie ist Regelmäßige Besucherin der Ballettinszenierungen der Deutschen Oper am Rhein und ist sehr begeistert von der Vielfalt des Repertoires.
Bezüglich der Oper ist sie ein Neuling, möchte dies aber gerne ändern und freut sich deshalb auf ihre Zeit als Scout und die Möglichkeit sich mit Opernliebhabern

Wer sich etwas wirklich Besonderes gönnen will…

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Michael Langenberger über die Premiere von „Alcina“

Premiere von “Alcina”. Ein großartiger, ein besonderer Abend. Besonders nicht nur weil es sich um eine Barockoper handelt, ein Genre, was nicht so oft auf dem Spielplan steht. Besonders auch wegen der vorzüglichen Besetzung aller Positionen vor, auf und hinter der Bühne.
Und großartig, weil Regisseurin Lotte de Beer, als Frau, am Ende eben auch eine denkbare Auflösung eines intriganten Machtspiels von Frauen an Männern anbietet, was man einem Mann wahrscheinlich so nicht hätte durchgehen lassen.
So schafft Lotte de Beer mit einer Oper aus dem Jahr 1735, ohne Stilbruch, eine Inszenierung, die Top modern in die heutige Zeit passt und dabei gleichzeitig sehr werktreu ist. G. F. Händel wäre begeistert gewesen! Ich war es auf jeden Fall.

Die Ouvertüre erklingt – kraftvoll, geradezu spritzig, vorgetragen von der “Neuen Düsseldorfer Hofmusik“ unter Generalmusikdirektor Axel Kober.
Klingt gar nicht alt, obwohl auf Original Barockinstrumenten gespielt. Mehr Klang, mehr Sicht auf die virtuosen Akteure für das Publikum, weil die Musiker aus einem erhöhten Orchestergraben heraus spielen. Die Musiker selbst haben so selbst auch mit Blickkontakt zur Bühne. Jeder Einsatz sitzt.
Überhaupt, das Klangvergnügen aller Sängerinnen und Sänger wirkt fragil. Im Zusammenspiel mit dem Orchester, ausbalanciert. Insgesamt eher ein Werk der leiseren Töne und trotzdem dynamisch.
Die Akteure auf der Bühne geben alles, mit ihren Stimmen und schauspielerischen Qualitäten. Mir fällt es schwer, da jemanden besonders hervorzuheben.

Einzig das Kostüm der Alcina hat man m.E. unvorteilhaft ausgesucht.
Mit bedeckten Schultern und Schuhen mit niedrigeren Absätzen, hätte Alcina noch besser ins Gesamtbild gepasst; eine unwesentliche Kleinigkeit sicherlich, doch vielleicht das “i”-Tüpfelchen.

Genial finde ich auch das Bühnenbild, aus äußerst wandlungsfähigen “Inseln” mit Pergola ähnlichen 3-D-Gestellen in Fluchtpunktperspektive, die der Bühne verschiedenste Impressionen und damit dem Schauspielerischen wertvolle Unterstützung liefert.
Im Zusammenspiel mit unglaublich wirkungsvollen Beleuchtungseffekten und zusätzlichen Bildprojektionen, entsteht ein wahrer Zauber für die Augen.

Besonders pfiffig ist, wie gesagt, Lotte de Beers Idee, durch wortlose Spielszenen der Statisten, eine psychologische Auflösung von Alcinas Irrweg dem Zuschauer als zusätzliche Handlung in der eigentlichen Story der Oper anzubieten.
Das tolle daran, dem Zuschauer erschließt sich diese eingeschlossene Handlung erst gegen Ende der Oper.

Ich fand es eine der insgesamt vollkommensten Operninszenierungen, die ich je gesehen habe.

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Michael Langenberger
Wirtschaftsmediator und Coach

Michael Langenberger arbeitet freiberuflich als Wirtschafsmediator und Führungskräftecoach in Haan. Musik und Tanz spielen eine große Rolle in seinem Leben: Er spielt Klavier, sang im Chor und tanzt Standard, Latein, Salsa und Modern Contemporary. Er liebt die Vielfalt des kreativen Ausdrucks – sei es als Geschichtenerzähler, Musiker, Tänzer oder Opernscout – und macht sich diese auch im beruflichen Kontext zu Nutze. Bei der Bewertungen von Inszenierung versteht er sich nicht als „visuellen“ sondern als „akustischen Menschen“.

Feierlich und befremdlich

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Sassa von Roehl über die Premiere von „Alcina“

Höre ich Georg Friedrich Händels Musik, erfasst mich ein feierliches, erhabenes Gefühl. So ging es mir auch schon bei den ersten Klängen von Händels 1735 in London uraufgeführten Oper Alcina.
Besonders die weichen Töne der historischen Instrumente der Neuen Düsseldorfer Hofmusik, dirigiert von Axel Kober lösten eine wunderbare Festlichkeit in mir aus.
Die sich langsam aus anfänglichen Lichtpunkten bildende üppige Blütenpracht stimmte mich auf die an Flora und Fauna reiche Zauber-Insel der Alcina ein. Umso mehr war ich enttäuscht, als sich der Vorhang hob und ich mich der profanen Welt einer Ferienclub-Atmosphäre gegenüber sah.
Die Bar am Pool eines Urlaubsressorts passte für mich so gar nicht zur romantischen Musik Händels und den herrlichen Stimmen der Sängerinnen. Ich hätte mit einer reduzierten Bühne gerne mehr Spielraum für meine Phantasie gehabt. Als die Drinks sogar noch zu Händels aufregenden Rhythmen „geshaked“ wurden, war mir die Diskrepanz zu krass.
Später, als das Reich Alcinas unterging und alles leer und öd wurde, konnte ich mich wieder mit dem Bühnenbild versöhnen und mit der verlassenen, desillusionierten Zauberin mit verlaufender Wimperntusche richtig mitleiden.
Auch die Darstellung der gealterten Alcina am Ende der Oper fand ich grandios, die der verzauberten Liebhaber einfallsreich

Neben der herrlichen Musik beeindruckten mich vor allem die vier Sängerinnen.
Allen voran die eingesprungene Shira Patchornik als Alcinas Schwester Morgana.
Die wunderbare Arie „verdi prati“,  gesungen von Maria Kataeva brachten mich an den Rand der Tränen. Sie ist für mich der Höhepunkt der gesamten Oper. Die klangliche Exzellenz und Vielfalt trugen mich ohne Weiteres über das für mich nicht immer stimmige Bühnenbild hinweg.
So ging ich erfüllt von einem denkwürdigen Musikerlebnis und dem professionellen und mitreißenden Können der Künstlerinnen nach Hause. Ich möchte dieses Erlebnis eines aufregenden Liebesreigens zum Valentinstag 2020 nicht missen und werde mich sicherlich immer sehr positiv daran erinnern.

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Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“. Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

Schluss mit den Vorurteilen!!!

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Stefanie Hüber über die Premiere von „Alcina“

Richtig gefreut hatte ich mich auf „ Alcina“ nicht, da ich mir eine barocke Oper nicht wirklich spannend vorstellen konnte.
Barocke Musik empfinde ich als langweilig, und ehrlich gesagt, wusste ich ,bevor ich mich jetzt mit diesem Thema auseinandersetzte, gar nicht dass es soooo viele Barockopern gibt, allein von Händel um die 60!!!

Um so toller war dann der Abend:
Zunächst mal dieses Superorchester. Eine interessante Besetzung, die ich so nicht kannte und deren Instrumente mir nicht alle bekannt waren.
Da gab es noch die gute alte Blockflöte als Vorstufe zu der bis dahin noch nicht erfundenen Klarinette. Insgesamt empfand ich das komplette Instrumentenspiel von der Intonation und Dynamik her als nahezu perfekt.
Die Musik war für mich unerwartet dramatisch und dynamisch und unterstützte dadurch die Handlung, damit hätte ich, wie vorher schon zugegeben, nie gerechnet.
Es gab wunderbare Arien, von allen Sängern wunderschön vorgetragen, wobei mir persönlich Alcinas Gesang (Jacqueline Wagner) am besten gefiel.
Die Bühneninstallation war großartig, sie ließ ohne große Umbauten viele unterschiedliche Varianten zu, und auch Beleuchtung und Mobiliar passten perfekt dazu.
Zeitlich empfand ich die Inszenierung als eine Mischung aus den 20er und 50er Jahren. Ein bisschen Great Gatsby-Athmo (Alkohol,Sex und sinnlos die Zeit totschlagen) kombiniert mit dem Gesellschaftsbild der 50er.
Zwar war Alcina die männerfressende Amazone, doch die anderen Frauen auf der Insel waren doch eher sehr angepasst und trugen Petticoats und Frisuren aus jener Zeit, als Frauen vorrangig hübsches Beiwerk zu sein hatten.
Super gefallen hat mir die Szene von Bradamantes Verwandlung von Mann zu Frau, wie sie ihre Mütze auszieht und die lange rothaarige Mähne schüttelt, könnte man glatt zur Shampooreklame umfungieren!!!
Zu langweilig empfand ich die Darstellung von Alcina als alte Frau.
Nachdem ich endlich geschnallt hab, wer das sein soll, hätte ich mehr erwartet, vielleicht dass sie als offensichtlich verhärmter und vielleicht auch ausgemergelter dargestellt worden wäre.

Alles in allem war es ein berauschender Opernabend, und ich bin sicher ,dass ich durch diese positive Überraschung demnächst offener für neue Erlebnisse sein werde, Schluss mit den Vorurteilen!!!

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Stefanie Hüber
Physiotherapeutin

Die Physiotherapeutin arbeitet überwiegend mit psychisch kranken Menschen und nutzt Musik als Mittel der Therapie. Sie sang im Kammerchor und lernte als Kind Klavier und Blockflöte zu spielen.
Die Oper wurde ihr als Kind von ihren Eltern „vermiest“ aber sie fand einen neuen Zugang zu ihr durch ihre Tochter, die Musik studierte. Inzwischen ist die Oper ebenso wie Rockkonzerte ein spannendes und regelmäßiges Highlight in ihrem Leben.

Absolut sehenswert!

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Christiane Hain über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Charles Gounods Oper über Shakespeares Romeo et Juliette  ist eine sehens- und hörenswerte Oper,  die leider viel zu selten auf dem Spielplan steht.
Musikalisch wieder hervorragend von den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Marie Jacquot umgesetzt.
Erwähnenswert ist auch wieder einmal der Chor der deutschen Oper am Rhein, der in dieser Oper eine tragend Rolle spielen und singen durfte.

Der junge Regisseur Philipp Westerbarkei legt dieses Stück auf einen Marktplatz in Verona, ein sparsames Bühnenbild, ein schwarzer Kubus mit vielen Stühlen und einen Berg, der bei der Trauung von Romeo und Juliette eine wichtige Rolle spielt, aber schwierig zu bespielen ist.
Dagegen beeindruckend ist das Bühnenbild durch das Lichtspiel eines übergroßen Kreuzes um im letzten Akt die Kirche darzustellen.
Schön auch die Idee das Hochzeitskleid von Juliette aus der vermeintlichen Leiche von Tybalt zu ziehen und den toten Tybalt in der letzten Szene als dämonischer Geist auferstehen und agieren zu lassen. Ein genialer Einfall von Westerbarkei.
Schwierig ist dagegen die Rolle des jungen Liebespaares zu verstehen.
Das junge Mädchen trägt dasselbe silberne Glitzerkleid wie Juliette. So erkennt man den Bezug zu Romeo und Juliette, aber der Sinn erschließt sich mir nicht. Zumal die beiden in den letzten Szenen gar nicht mehr auftreten. Was ist also deren Rolle?

Insbesondere beeindrucken die schauspielerische Leistung der  Sänger, die intensive Ausprägung der Charaktere und das Halten der interaktive Spannung über das ganze Stück hinweg.
Westerbarkei versteht es eine Geschichte auf die Bühne zu bringen.
Sängerisch herausragend sind Sylvia Hamvasi als Juliette und Miriam Albano als Stephano, die so frisch spielt und singt. Eigentlich ist die Rolle für sie zu klein.

Was werden ich meinen Freunden über den Abend erzählen:  Absolut sehenswert!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Christiane Hain
Application Managerin

Christiane Hain arbeitet im IT-Bereich einer Bank in Düsseldorf. Sie ist in der Neckarstraße Duisburg aufgewachsen – in Sichtweise des Theaters, das ein fester Bestandteil im Familienleben war: Die Großmutter, die Eltern, die Schwester und sie selbst – alle waren regelmäßige Theaterbesucher. Ihre Tätigkeit als Opernscout führt dazu, dass sie wieder bewusster ins Theater geht und die Aufführungen als einen wichtigen Ausgleich zum Berufsleben betrachtet.

Das Epizentrum der Female Power

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Sandra Christmann über die Premiere von „Alcina“

Dass ausgerechnet barocke Musik, Georg Friedrich Händel, mir den bisher süßesten Abend meiner Opernscoutära beschert, war nicht absehbar, aber umso erfreulicher. Ein wunderbarer Abend.
Die Musik, neue Düsseldorfer Hofmusik – oh mein Gott – Künstler! Und der Herr Kober ist ein absoluter Rockstar!!! Das habe ich nicht erwartet.
Man kann sich in der Musik über Stunden verlieren, würde dort nicht fesselndes Drama den Ton angeben.

Denn:
Lotte de Beer (für mich): ein Ausnahmetalent.
Was ist da los, dass sie eine solch unfassbar präzise, grandiose Inszenierung so auf die Bühne bringt, dass wir Gäste mit ungebrochener Konzentration, Dauergänsehaut, Wohlgefühl, Freude und Respekt diesen Abend als Geschenk entgegennehmen.
Ladies Power  of the very finest.

Shira Patchornik als Morgana
Wallis Giunta als Bradamante
Jacquelyn Wagner als Alcina
Maria Kataeva als Ruggiero

Wallis Giunta. Betörend für alle Sinne. Würde sie nicht auch noch so wunderbar singen, reichte es aus ihrem Spiel nur zuzusehen und sie anzustarren.
Keine der Sängerinnen steht der anderen nach, jede für sich kann sich der ungeteilten Aufmerksamkeit sicher sein.  Gesanglich war es Champagner.
Sie und Maria Kataeva in Männerrollen überzeugen kraftvoll und spielerisch, so glaubhaft, dass die Männer dieser Inszenierung verblassen.

Meines Erachtens liegt die wirklich hohe Kunst dieser Inszenierung aus allen Disziplinen das Beste vereint zu haben.
Das Bühnenbild ist absolut fantastisch – excellente Lichtregie – die Kostüme auf den Punkt. Keine Längen! Dramaturgisch eine Meisterleistung.

Nicht alles hat sich mir in der Handlung erschlossen, was nicht an der Darstellung, sondern definitiv an mir lag. Aber die Liebeswirren, die Intriganz, das Begehren, die Ohnmacht, den Kampf, die Leidenschaft habe ich gefühlt.
Das alles auf Italienisch, der Sprache der Liebe. Sono grata.

PERFETTO! MUST SEE!

Sandra_Christmann

Sandra Christmann
Head of Strategic Alliances

Sandra Christmann liebt Düsseldorf und die Kunst. Sie engagiert sich bei ArtFair Internantional GmbH. Strategische Allianzen sind ihr Kernthema. Für die Kunst pflegt sie zahlreiche Kontakte, um mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Handel und Medien innovative Formate und Kooperationskonzepte zu entwickeln. Neben ihrer Arbeit engagiert sie sich für diverse Hilfsprojekte.
Sie liebt das Ballett und besuchte „just for fun“ manchmal die Oper, nun will sie „auch nach ihrer Zeit als Opernscout der Oper treu bleiben“.