Isabell Boyer über „Die Schneekönigin“

Bezaubernd bis zum Schluss

SCHNEEKOENIGIN_10_FOTO_Hans_Joerg_MichelVoller Vorfreude erreichte ich am Montagabend das Operngebäude und fieberte meiner ersten Kinderoper entgegen: Die Schneekönigin nach Hans Christian Andersen, interpretiert von Marius Felix Lange, bezauberte die kleinen und großen Zuschauer gleichermaßen. Mit ihren farbenfrohen und fantasievollen Kostümen, dem unglaublich wandelbaren Bühnenbild und der äußerst gelungenen musikalischen Umsetzung blieb diese Inszenierung des Märchen-Klassikers jedem positiv in Erinnerung. Zwar war ich zu Anfang ein wenig skeptisch bezüglich der Auswahl der Darsteller, doch sind über das Stück hinweg nahezu alle Zweifel mit der Zeit verpufft. Besonders die Schneekönigin selbst und ihre Gänsehaut bescherenden Auftritte haben mich in ihren Bann gezogen. Ihr zugleich sinnliches und übermenschliches Äußeres gepaart mit ihrer glockenklaren Stimme waren für mich das Highlight des Stücks. Allerdings konnten sich auch die anderen Figuren sehen lassen. Von zarten Blumen, die von ihren Geschichten erzählen (die ganz elegant andere Märchen mit dem inszenierten verknüpften) bis hin zu der frechen Räubersfrau, die in ihrem tierisch besetzten Bau der jungen Gerda den Weg in den Norden ermöglicht – sie ergänzen sich in ihrer Vielfalt und schenken gerade den jüngeren Zuschauern eine Menge schöner Erinnerungen.

Zudem war auch für Unterhaltung gesorgt. Die beiden Trollschüler des Deubeltrolls, die in ihrer Mission, den Spiegel der ‚Wahrheit‘ durch die Welt zu tragen, scheitern, geben einen hervorragenden Gegenpol zu den eher finsteren Begebenheiten im Reich der eisigen Königin und lockern die Stimmung mit ihrer sympathischen, frechen Art.

Aus meiner Sicht war es ein Abend, der sich aufgrund seiner Vielfältigkeit und liebevollen Beschäftigung mit dem Thema Märchen wirklich gelohnt hat, und dem Jubel und Applaus der jüngeren Generation nach zu urteilen, waren die Jungs und Mädchen der anwesenden Familien genauso begeistert wie ich. Mehr kann man sich nicht wünschen.

Weitere Informationen zu „Die Schneekönigin“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/die-schneekoenigin.1047767

OpernscoutsIsabell Boyer
Studentin

Auf unseren jüngsten Opernscout sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Als Opernscout berufen worden zu sein ist eine Ehre für sie. Sie ist sehr froh, dabei zu sein und hofft auf eine schöne Zeit.

Christina Irrgang über „Die Schneekönigin“

Geheimnisvolle Ehrlichkeit

SCHNEEKOENIGIN_11_FOTO_Hans_Joerg_MichelMit Marius Felix Langes Familienoper „Die Schneekönigin“ hat die Spielzeit 2015/16 an der Deutschen Oper am Rhein einen weiteren Höhepunkt erreicht. Dabei könnte die Geschichte nach dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen in ihrem Kern kaum trauriger sein: Zwei Splitter eines teuflischen Spiegels geraten dem Jungen Kay in Auge und Herz, woraufhin er seine Liebe zu seiner Freundin Gerda – aber auch zum Leben – verliert und in den Bann der Schneekönigin gerät, für die er ein Rätsel lösen soll. Während Kays Wesen in der Nähe der Königin immer mehr erkaltet, macht sich Gerda durch die Jahreszeiten hindurch auf den Weg, Kay wiederzufinden. Über einen Fluss gelangt sie zu einer märchenhaften Blumenaue, zu einem Prinzessin-und-Prinz-Paar, in die Höhle eines Räubermädchens bis hin nach Lappland ins Schloss der Königin. Auf ihrer Route findet sie Freunde und die Hilfe von Blumen, einer Krähe, Tauben, einem Rentier, und durch die finnische Lappin – die Gerda auf die Fähigkeit, die sie schon immer in sich trägt, aufmerksam macht. Was sie schließlich dazu befähigt, den eisigen Bann um Kay zu brechen, ist ihr Gesang, ihre Liebe. Das Wort „Ewigkeit“, durch das sie Kay von seiner Bindung an die Schneekönigin befreit, wirkt wie ein Fluch auf die Königin zurück, wird es sogleich nach Gerdas Legung unachtsam durch zwei Trolle zerstört: Die Schneekönigin verliert erneut ihren Absolutheitsanspruch, die Ewigkeit bleibt unerreichbar. Gerda und Kay aber sind wieder inmitten der Rosen in ihrer Liebe vereint. Die Liebe hat gesiegt.

Marius Felix Langes Komposition und Libretto tragen die kleinen und großen Besucher dieser Oper – eine Kooperation der Deutschen Oper am Rhein mit dem Theater Dortmund und dem Theater Bonn, inszeniert von Johannes Schmid – durch eine verzaubernde Fantasiewelt. Der Auftakt mit Tölpeltroll, Trotteltroll und Deubeltroll und dem verfluchten Spiegel, welcher der Welt alles Hässliche zeigen soll, erscheint zunächst etwas gruselig. Doch das sich daran anschließende Spiel, Kostüm- und Bühnenbild (Tatjana Ivschina) sowie spezielle Videoprojektionen und Lichtinszenierungen (Volker Weinhart) nehmen die Besucher mit auf eine märchenhafte Reise, auf der Blumen singen, Tiere sprechen und ehrliche Liebe noch ganz offen gestanden wird. Ein gesangliches Highlight bildete u.a. der Chor der Rosen und Tauben, Gerdas stimmliche Intensität (Heidi Elisabeth Meier) steigerte sich im Verlauf des Stückes immer mehr, insbesondere mit Kay (Dmitri Vargin) im Duett, die Schneekönigin (Adela Zaharia) sang grazil und elegisch. Mit musikalischer Virtuosität und Abstraktion überzeugten so auch die Studierenden der Robert Schumann Musikhochschule sowie das altstadtherbstorchester. Nachdem ich in meiner letzten Kolumne die Dramaturgie von Bernhard F. Loges stellenweise kritisiert habe, möchte ich hier nicht auslassen, sie bei dieser sehr stimmig ausgeführten Oper positiv hervorzuheben.

„Die Schneekönigin“ hat auf magisch-traurig-schöne Weise ganz große Emotionen liebevoll gebündelt und einem gut gefüllten Premieren-Saal mit überwiegend jüngstem Publikum erzählt. Der wunderbarste Moment kann da nur sein, wenn dieses am Ende der Oper jubelnd applaudiert. Oder wenn Kinder das Liebevolle dieses Märchens ganz intuitiv erspüren und sich während der Aufführung gegenseitig die Arme um die Schultern legen. „Die Schneekönigin“ brachte auch für mich ein bewegendes Ende dieser Opern-Saison, und in ihrer geheimnisvollen Ehrlichkeit schenkte sie mir eine kleine Träne im Augenwinkel. Danke!

Weitere Informationen zu „Die Schneekönigin“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/die-schneekoenigin.1047767

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. Sie ist außerdem Stipendiatin 2016 der Kunststiftung Baden-Württemberg in der Sparte Kunstkritik. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!

Uwe Schwäch über „Die Schneekönigin“

Eine phantasievolle Oper, die jedes Kinderherz höher schlagen lässt

SCHNEEKOENIGIN_09_FOTO_Hans_Joerg_MichelDas Kunstmärchen des dänischen Dichters Hans Christian Andersen diente schon oft als Vorlage für Spielfilme, Zeichentrickfilme und auch für die Oper. Der deutsche Komponist Marius Felix Lange greift diesen Stoff auf und entfacht mit seiner neuesten Oper „Die Schneekönigin“ ein musikalisches Feuerwerk, das mit einer phantasievollen Inszenierung umgesetzt wird.

Der Zuschauer taucht ein in die Welt der Trolle, die mit einem durch Videoeffekte angereicherten Bühnenbild für spannungsgeladene Erlebnisse sorgt. Dem gegenüber steht die heile Welt der Kinder Gerda und Kay, die in einem wohlbehüteten Heim zuhause sind. Das ändert sich schlagartig, als Kay vom Splitter eines riesigen Zauberspiegels getroffen wird und in den Bann der Schneekönigin gezogen wird.

Die furchtlose Gerda beschließt ihren Freund zu suchen und begibt sich dabei auf eine abenteuerliche Reise. Mit wunderbar kreativen Bühnenbildern und märchenhaften Kostümen begleiten wir Gerda auf ihrer Reise und lassen uns voller Inspiration durch dieses musikalische Märchen führen. Für Kinder ist das facetten- und erlebnisreich umgesetzt und bietet bessere Unterhaltung als jedes Fernsehprogramm.

Musikalisch treffen wir hier auf zwei Welten: Fast romantisch erklingt das Rosenlied der beiden Nachbarskinder. Die musikalische Welt der Schneekönigin dagegen ist entsprechend kühl und in der Instrumentierung sphärisch klangvoll.

Die Musik ist dabei nicht so leicht wie man es sich für eine Familienoper vorstellt. Sie formt das Bewusstsein einerseits für Heiterkeit, Sehnsucht und Optimismus sowie andererseits für Sorgen, Bedrohung und Gefahr.

Wie in jedem guten Märchen finden Gerda und Kay wieder zusammen und nochmals hören wir das liebevoll vorgetragene Rosenlied zum Abschluss einer phantasievollen Oper, die jedes Kinderherz höher schlagen lässt.

Weitere Informationen zu „Die Schneekönigin“:
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OpernscoutsUwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter

Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Weil ihn nicht nur das Kunsterlebnis, sondern auch der gemeinsame Austausch darüber bereichert, freut er sich jetzt auf den Dialog mit den Opernscouts.

Gisela Miller-Kipp über „Die Schneekönigin“

Rosen in alle Ewigkeit

SCHNEEKOENIGIN_14_FOTO_Hans_Joerg_MichelDer Name der Oper ist irreführend – für diejenigen, denen Andersens Märchen unbekannt ist: „Die Schneekönigin“ ist weder ein Wintermärchen noch ist ihr Ort das Reich dieser Königin. Vielmehr startet die Erzählung in der Trollschule. Sie spielt vor raumhoher Stahlwand, in der eine Brennofentür eingelassen ist (Kokerei – Reverenz an den Ruhrpott), hinter der es auch unheimlich glüht. Das ist schon einmal ein klasse Einfall. Denn die Schule ist irgendwie höllisch, nicht wahr, und die Lehrer, hier der Trolllehrer, sind gelegentlich teuflisch, jawohl! Die Verhexung des Jungen Kay passiert hernach vor dem Rosenhaus, in dem gibt es ein puppenstubenschönes Rosenzimmer, darin sitzt die märchenhafte Großmutter, strickend natürlich. Und mit dem „Rosenlied“ geht die ganze Geschichte dann im „Rosensommer“ auch glücklich aus – die Schneekönigin, eine zauberhaft-hoheitsvolle und verführerische Gestalt ganz in Weiß (weiße Spitze, weiße Turmfrisur, weiße Riesenschleppe) schmilzt sehr malerisch dahin.

Will sagen: Die Oper ist jahreszeitlich und räumlich nicht festgelegt. Das macht sie saisonunabhängig und außerordentlich publikums- gleich kinderfreundlich. Denn die Geschichte/das Märchen spielt insgesamt an acht verschiedenen Orten und zerfällt in sieben Untergeschichten – Stationen der Reise der kleinen/jungen Gerda ins Reich der Schneekönigin, wo es ihren Freund auszulösen gilt. Mit dieser Anlage wird der Aufmerksamkeitsspanne des ganz jungen Publikums – 10 Minuten – geschickt Rechnung getragen, und die Phantasie und der Bildhunger aller Kinder werden durch wechselnde, dabei liebevoll ausgestattete Räume aufs Schönste bedient. Hinzu kommen die ansässigen Phantasiegestalten. Die meisten bieten positive Identifizierung an, allen voran natürlich die beiden besten Freunde bzw., jene nach Alter, die jungen Liebenden (Gerda und Kay), von denen der Junge sich verblenden lässt und erkaltet (Werk der Schneekönigin), das Mädchen ihn aber wieder zur Freundschaft/zarten Liebe erweckt durch unerschrockenes Suchen/unbeirrbare Treue. Spielend leicht kann sie das Lösungswort zusammenpuzzeln, über dem Kay so lange vergeblich brütet(e): „Ewigkeit“.

Unverzichtbar auch in jedem Schauspiel, in jeder Oper für Kinder: die ungehobelten Dummbatzis (hier zwei Trolle), also jemand, der frecher, ungeschickter und, vor allem, dümmer ist als man selbst! Ferner und glücklicherweise im Identifikationsangebot auch eine Gestalt aus der modernen (Medien)Welt: das Räubermädchen als Oberpirat/Kapitän Jack Sparrow (alias Johnny Depp in „Fluch der Karibik“), übrigens auch gestisch gekonnt nachgeahmt, mithin unschwer zu erkennen (5. Geschichte). – Erzählt werden die Geschichten auch als Text in Obertiteln. Allerdings läuft der recht schnell durch, selbst Drittklässler dürften Mühe haben, ihm zu folgen – gelegentliche Unruhe im jungen Publikum. Was ihm aber auch erspart, sich über die lyrischen Passagen zu mopsen: Die kamen nämlich wagnerisch stabreimelnd bzw. alliterierend daher – gräsig, und eine für dies Märchen völlig verquere Sprachanstrengung. Da frönt der Librettist (Marius Felix Lange) höherem Ehrgeiz, so etwa auch mit dem Zitat des Herbstgedichts von Rilke („Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben …“) zur einsamen Kutschfahrt durch den Krähenwald (4./5. Geschichte); dürfte schwerlich angekommen sein. Tausendmal passender ist da die Tempobezeichnung für die rasende Kutschfahrt gen Norden, zunächst nach Lappland: sie ist nämlich „schnell wie ein Krähenfurz“ – himmlisch!

Aber was soll’s; kann man am Text auch mäkeln, so ist die Musik (ebenfalls Marius Felix Lange) doch ein gelungener Mix von Melodien und Klängen unterschiedlichster Stile, Anleihen bei Wagner (besonders Sprechgesang) inklusive. Offenkundig kam sie wie die Aufführung insgesamt bei den Youngsters bestens an: einhelliger Jubel zum Schluss.

Weitere Informationen zu „Die Schneekönigin“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/die-schneekoenigin.1047767

OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.

Christina Irrgang über „Die lustigen Weiber von Windsor“

Die Komik vergeht

LustigeWeiber_10_FOTO_HansJoergMichelDer Abend beginnt romantisch und mit etwas Spuk: Vor dem Hintergrund einer Abtei-Ruine im dämmernden knöchernen Wald – ein Bild im Stile Caspar David Friedrichs – zeichnet sich durch phantastische Überblendung die Sage vom Jäger Herne ab, der einstmals Förster im Wald von Windsor war und nun in eben diesem Walde zu Mitternacht sein Unwesen treibt. Dieser Prolog zu Otto Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“, die 1849 im Königlichen Opernhaus Berlin uraufgeführt wurde, soll ein weiteres Mal am Ende des Stückes tragend werden. Was nun folgt, ist die Falstaff-Erzählung nach William Shakespeare, hier jedoch aus dem 16. Jahrhundert hinein in die Zeit des Biedermeier transferiert. Es geht um erhoffte, erschlichene, ermüdete, um falsche, geprellte, erpresste und um wahre Liebe – erzählt in einem humoristischen Ton.

Die Oper ist mit ihrer Verve äußerst kurzweilig, die von den Düsseldorfer Symphonikern großartig umgesetzte Musik trägt dabei mitreißend von Akt zu Akt, wobei die Arien von Luiza Fatyol in der Rolle der Anna Reich und Ovidiu Purcel als Annas Geliebter Sir Richard Fenton gesangliche Glanzmomente bieten, so auch Anke Krabbe als Alice Fluth und Hans-Peter König als der sie umgarnende Sir John Falstaff. Das unter Dietrich W. Hilsdorf inszenierten Stück ist bis kurz vor Schluss zweifelsohne sehr überzeugend dargeboten, ein Schwelgen im Medium Oper. Doch mit dem erneuten Eintreten in den nächtlichen Wald von Windsor, in dem der als Herne verkleidete Falstaff von den maskierten Bewohnern des Ortes mit Messern und Gabeln gefoltert wird, kippt die zuvor noch mitreißende Dramaturgie (Bernhard F. Loges) und der Moment der szenischen Illusion erhält ein hässliches Gesicht: Ein ethisch sensibler Moment der Realität bricht ein, und führt die Glaubhaftigkeit der künstlerischen Umsetzung des Stückes durch ein großes Fragezeichen über diese Szenerie (die nach der Folter wieder vergeblich zur Komik zu wechseln sucht) hin zu empfundener Fassungslosigkeit. So schließt hier ein Kritikmoment über die Gestaltung dieser Folter-Szene an, wie auch ein weiterer im Nachklang bezüglich der Ausrichtung des Programmheftes.

Die Folter-Szene der Inszenierung: Wie kann man nach dem Abu-Ghraib-Folterskandal, dessen Bilder erstmals 2004 die Öffentlichkeit erreichten, die Maskierung der Gefolterten als Kostümierung der Folternden aufgreifen, welche in Kutten, Masken und Besteck über Falstaff herfallen? Können diese Bilder aus Abu Ghraib in unserer Erinnerung so einfach überspielt werden, können sie einen Ausnahmezustand zwischen historischer Folterkutte, Ku-Klux-Klan und dramaturgisch visueller Interpretation auf der Bühne bilden? Können diese Bilder ihrer Bedeutung enthoben werden? Diese Kostüme von Renate Schmitzer haben mich in ihrer szenischen Darstellung schockiert. Ein Aufsatz, der mich 2014 wie kein anderer berührt hat, ist „Folter und die Ethik der Fotografie“ von Judith Butler (in: Bilderpolitik, hrsg. von Linda Hentschel, Berlin 2008, S. 205-228). Die Rahmung der Folter, die Butler in ihrem Aufsatz durch die Setzung von Fotografien (also von Bildmomenten) kritisch diskutiert, legte sich auf erschreckende Weise hier auf der Bühne wie ein Bildkader um die Gruppe, die Falstaff foltert. Statt der Ethik der Fotografie, stellt sich nun die Frage nach der Ethik der Inszenierung auf der Bühne.

Geschlechter-Perspektiven im Programmheft: Für den Dramaturgen Bernhard F. Loges ist Falstaff „ein Synonym für anarchistische Freiheit“, ja „ein Gespenst der Freiheit“, wie er im Programmheft (S. 9) schreibt. Ein Gespenst, für das sich Loges, der in dieser Opern-Produktion auch als Redakteur des Programmheftes agiert, in gewisser Weise stark macht. Die recht homogenen Beiträge sind nicht nur ausschließlich von männlichen Autoren verfasst, sondern auch in ihren Inhalten vorwiegend maskulin geprägt – während die Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ in ihrem Narrativ doch aus der Perspektive zweier Frauen heraus formuliert, den aneignenden Blick von Männern auf Frauen kritisierend. Und geht es hier nicht viel mehr um die Freiheit der Frauen von Windsor, die sich gegen ein Benutzen ihrer Weiblichkeit – zwischen freier Liebe und Ehe – auflehnen, eben weil sie sich als unabhängige Akteurinnen behaupten? Alice Fluth und Margarete Reich schließen ein Bündnis gegen die Ermächtigung ihrer Personen durch Falstaff, der mit beiden Frauen parallel Verabredungen beschließt. Fluth droht – auf zweiter Ebene ihre Autonomie behauptend – ihrem eifersüchtigen Gatten mit der Scheidung, und Anna, die Tochter von Frau Reich, entscheidet selbst, wen sie heiratet – für die Liebe, entgegen dem Werturteil ihrer Eltern. Das Stück wird von weiblicher Emanzipation getragen, die durch ihre je eigene Schlagfertigkeit weiß, sich selbst zu behaupten. Während die singenden Stimmen in der Oper so klar umrissene Standpunkte einnehmen und emphatisch verkörpern, wirken die Texte im Programmheft diesbezüglich leider kontraproduktiv.

Diese beiden Momente hinterlassen ein fahles Gefühl.

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/die-lustigen-weiber-von-windsor.1047802

OpernscoutsChristina Irrgang
Freie Autorin

Christina Irrgang lebt und arbeitet als freie Autorin in Düsseldorf. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, an der sie aktuell über den Fotografen Heinrich Hoffmann im Kontext politischer Bildstrategien promoviert. Parallel zum Schreiben verfolgt sie im künstlerischen Bereich ihr Musik-Projekt BAR, das sie 2013 mit Lucas Croon gegründet hat. Sie ist außerdem Stipendiatin 2016 der Kunststiftung Baden-Württemberg in der Sparte Kunstkritik. In der Spielzeit 2015/16 ist sie zum zweiten Mal begeisterter Opern-und Ballett-Scout!

 

Gisela Miller-Kipp über „Die lustigen Weiber von Windsor“

Romantischer Ohrenschmaus in wenig inspirierter Inszenierung

LustigeWeiber_09_FOTO_HansJoergMichel„Die lustigen Weiber von Windsor“ – das ist zu allererst ein Schelmenstück, eine komisch-fantastische, zugleich lehrreiche Oper über einen wüsten, einen dem Fressen, Saufen und Huren ergebenen abgebrannten Ritter – Sir John Falstaff, von Shakespeare her aller Welt bekannt –, über zwei witzbegabte wehrhafte Bürgerinnen – Frau Fluth (Anke Krabbe) und Frau Reich (Marta Márquez) –, über deren grundlos eifersüchtige Ehemänner und zuletzt noch über das Liebeswerben um ein schönes Töchterlein (Jungfer Anna Reich) – Menschliches, allzu Menschliches, nicht wahr, und genau deshalb eine Einladung zur phantasievollen Inszenierung. So beginnt die Oper denn auch verheißungsvoll: Die Musik schwelgt und walzert im hochromantischen Klang, voll und zart, weich und wohltönend – dem musikalischen Spiel und damit den Düsys unter Axel Kober galt der Jubel am Schluss; er galt im Übrigen der Titelpartie, doch dazu später. Zur Ouvertüre also sah man auf einen wunderschönen Proszeniumsprospekt: die „Abtei im Eichenwald“ von Caspar David Friedrich, frei kombiniert mit dessen „Klosterfriedhof im Schnee“ – zwei Ikonen der schwermütigen deutschen Romantik, hier zunächst einmal eine geheimnisvolle und quasi religiöse Deutung der Musik. Man kann dazu auch prima rätseln, denn der Prospekt wird durchsichtig und gibt den Blick frei in den Bühnenraum. Dort rieselt Schnee und ein Mensch wird an einem knorrigen Eichenast erhängt, wobei er, der Mensch, pittoresk zappelt – was soll das? Machte mich gespannt auf den 1. Akt; der aber war eine szenische Enttäuschung.

Er spielt im Speisezimmer des Hauses Fluth, einem Prunksaal in Grün und Braun: Stofftapeten mit Goldprägung, Eichentäfelung, raumhohe Fenster mit neo-gotischem Maßwerk, Lüster, eine riesig-lange, mit grünem Samt bedeckte Tafel, davor ein passender niedriger Bartisch – ersichtlich sind wir hier bei arrivierten Bürgern zu Hause. In diesem Raum nun werden die beiden Intrigen gegen Falstaff gesponnen und realistisch ausgespielt: An der Tafel wird mit dem üblichen Getue gespeist, Frau Fluth räkelt sich auch einmal „verführerisch“ posierend darauf; am Bartisch genehmigen sich beide intrigierenden Damen manches Gläschen; die über vermeinte weibliche Unmoral – Ehebruch – empörten Bürger marschieren gesittet fuchtelnd herein und hinaus; der Wäschekorb, darinnen sich Sir John verstecken muss, wird plump herumgeschleppt usw. – überaus uninspiriert und betulich. Ich fand’s auf die Dauer sogar langweilig, aller schönen Melodie und allem wackeren Gesang zum Trotz. Ging wohl nicht nur mir so, in der Pause nach dem 1. Akt verließen Einige das Haus (ich besuchte die 2. Premiere).

Der 2. Akt spielt in einer düsteren gotischen Kapelle. Dort findet das Saufgelage von Sir John mit Kumpanen sowie, die Regie spart sich szenische Variationen, das heimliche Treffen der Jungfer Anna mit dem auserwählten Liebsten samt lauschenden Mitbewerben statt. Stimmt der Bühnenraum für diesen Auftritt und für das darin innig gesungene Liebesduett (Luiza Fatyol und Ovidiu Purcel, der freilich in der Höhe arg presste), so wirkt das Saufgelage dort deplatziert. Die Säufer purzeln und torkeln von Bänken und aus Beichtstühlen, eine gut kassierende, jedoch in unschuldiges Weiß (?) gekleidete Hure tritt auf und trinkt Tee – wenigstens trinkt sie aus der Tasse, nicht aus der Flasche –, Sir John singt seine berühmte Arie „als Knäblein klein an der Mutterbrust …“ unter einer lebensgroßen Mariensäule! (muss das sein?), ein Tänzchen mit der Hure eingeschlossen – an dieser Stelle stürmte im ersten Rang jemand mit Türenknall hinaus. Das fand ich durchaus passend, glaube aber nicht, dass es zur Inszenierung gehörte; selbstironischen Witz bringt sie nicht auf, Spielwitz auch nur sparsam.

Der 3. Akt spielt zunächst wieder im Salon Fluth, in dem der letzte Streich gegen Sir John: ein Schabernack und eine Maskerade im nächtlichen Wald, ausgeheckt und die Ehemänner eingeweiht werden (1. und 2. Szene). Durch Zurückfahren der Hinterwand öffnet sich dabei der Raum allmählich zum gotischen Kirchenschiff – Erinnerung an die Bildprojektion der Ouvertüre. Dort, im hohen Kirchenraum, spielt dann die dritte und letzte Szene. In ihr wird die Inkongruenz von Inszenierung (Dietrich Hilsdorf) einerseits, Text- und Musikerzählung andererseits eklatant. Denn nicht in einer Kirche, sondern in einem Feen- und Zauberwald wird Sir John erst gepiesackt, dann zur Räson gebracht: Jungfer Anna, als Braut gekleidet, nennt sich „Titania“ – so heißt bekanntlich die Feenkönigin in jedem „Sommernachtstraum“; der Chor säuselt: „schwärmt lustig in des Mondes Tau, Elfen weiß und rot und blau“ (das sind die Primärfarben!); wie aber tritt er auf? – in strenger weißer Nonnentracht die Damen, in schwarzen Kutten mit schwarzen Spitzhüten (Bußgesellschaften!) die Herren; dazu gesellen sich indigen anmutende kalkige Schreckensmasken! Hier wird mit mittelalterlicher Religiosität tiefsinnig aufgeladen, was der Erzählung nach heilsame Zaubermacht und romantischer Wesenswechsel ist. Als nun dieser düster dräuende Chor bei aufwallender Musik zu singen hatte: „Mücken, Wespen, Fliegen stechen …“, dabei aber mit blitzenden Messern lang ausholend realistisch mimend auf Sir John einsticht, ist das nicht bedeutungsvoll, sondern komisch. Ich bezweifle aber wiederum, dass das inszenatorische Absicht ist – die religiösen Zitate sind zu schwerwiegend. Sie legen die letzte Szene als fromme Heimsuchung und Bekehrung von Sir John an, der unpassend dazu, passend aber zum nächtlichen Waldzauber, mit großem Geweih (!) als Hirsch verkleidet ist.

Im Übrigen steht in Zentralperspektive auf der Bühne ein schwarzer bekreuzter Sarg. In den flüchtet der alte Sünder und Schwerenöter, um ihm zuletzt, Friedensfähnchen schwenkend, wieder zu entsteigen. Befreiendes Gelächter ringsum – also doch nur ein Spiel und Spaß! Wohin aber dann mit dem heiligen Ernst? – Mich hat die Inszenierung nicht überzeugt, ich fand sie gelegentlich kaum nachvollziehbar zusammengestückelt. Und so rätsele ich auch immer noch darüber, was das Paar ‚Dame im biedermeierlichen Reitkostüm mit englischem Setter‘ im letzten Bild sollte – stand da statuarisch erst vordergründig im Chor, dann im Hintergrund herum?? Der Setter wenigstens benahm sich tadellos.

Besuchen sollte man die Oper gleichwohl, man kann sie auch frohgemut verlassen, und das des traumschönen Prospektes, der hochromantisch schwingenden und elegant parlierenden Musik und der Paraderolle wegen. Hans-Peter König ist als Sir John Falstaff unschlagbar: Er agiert gekonnt und glaubwürdig: frisst und säuft, stolziert und gockelt, brüstet, duckt und ängstigt sich, ohne auch nur einmal zu chargieren, und bleibt damit allein auf weiter Flur. Dazu singt er in allen Lautstärken und Basslagen so „astrein“ wie tadellos: voll, klar und geschmeidig, und muss dabei, wiederum als einziger auf der Bühne, nicht einmal zum Dirigenten oder zur Souffleuse schielen – große Klasse!

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“:
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OpernscoutsGisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik

„Nichts nährt Seele, Sinne und Phantasie besser zum Ausgleich wissenschaftlicher Tätigkeit als die Oper!“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Ihre große Rezeptionserfahrung bringt sie nun in die Runde der Opernscouts ein. Seit ihrem Ruhestand ist sie besonders bürgerschaftlich engagiert, u.a. als Lese-Mentorin und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit; kulturell  tummelt sie sich noch im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast.

Khatuna Ehlen über „Die lustigen Weiber von Windsor“

Ein fantastisches Erlebnis

LustigeWeiber_15_FOTO_HansJoergMichelEs ging los mit einem Wow-Effekt: Als das Leinwandbild von Caspar David Friedrich plötzlich teilweise durchsichtig wurde und sich in der Waldkulisse ein Mord ereignet. Danach die Empörung von Frau Fluth und Frau Reich über den Liebesbrief, den die beiden Damen vom selben Verehrer bekommen und die Planung des Racheakts gegen den „unverschämten Verführer“, aber auch den Mann von Frau Fluth, der seiner Frau ständig misstraut. Witzig aber auch voller Boshaftigkeit die beiden Damen. Neben der eigentlichen Geschichte steht die schöne Liebesgeschichte von der schönen Anna und dem treuen Fenton, die gegen den Willen von Annas Eltern hartnäckig an ihrer Liebe klammern und umeinander kämpfen. Auch stark ist die Rolle von Sir John Falstaff, der durch die Verführung wohlhabender Frauen versucht, an deren Reichtum zu gelangen.

Insgesamt ein sehr schöner und amüsanter Premierenabend, gesättigt mit den spannenden Racheplänen von Frau Fluth und Frau Reich, der Ahnungslosigkeit der Männer, die sich selbst den Frauen überlegener fühlen, der schönen Liebesgeschichte von Anna und Fenton, den vielen witzigen und ironischen Sprüchen, dramatischen Entwicklungen, der ein oder anderen tollen Stimme, gute schauspielerische Darbietung, hübsche Kostüme und Bühnenbilder natürlich gefolgt von hochmodernen und professionellen Lichteffekten, die mich ohnehin über die ganze Spielzeit fasziniert haben.

Fazit: Witzig, ironisch, leicht und doch ernst, tiefgründig und dramatisch zugleich.

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“:
http://www.operamrhein.de/de_DE/repertoire/die-lustigen-weiber-von-windsor.1047802

OpernscoutsKhatuna Ehlen
Sozialarbeiterin

Sicher war es ein großer Schritt, mit 20 Jahren die Heimat Georgien zu verlassen, um in Deutschland zu studieren und heute als Sozialarbeiterin in der Familienhilfe zu arbeiten. Ein kleiner dagegen, die Einladung zum Projekt „erlebte Oper…erlebter Tanz…“ anzunehmen und Opernscout zu werden. Trotzdem ist Khatuna Ehlen gespannt und aufgeregt. Ein einziger Opernbesuch in ihrer Heimat Georgien liegt vor ihrem Start als Opernscout. „Ich weiß noch nicht, was mich erwartet und ob es mir gefällt, aber ich bin ganz offen, neugierig und froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe.“