Maren Jackwerth über b.30

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg b.30 Wounded Angel ch.: Natalia Horecna

Anspruchsvolle Choreographien

Ein beeindruckender Abend, auch wenn ich mich nicht immer angesprochen gefühlt habe.
Das erste Stück von dreien, „Concerto Grosso Nr. 1“, zeigt unter der Choreographie von Remus Şucheană und der nicht allen bekannten Musik von Alfred Schnittke drei Frauen, die unterschiedlich auf Ausgrenzung reagieren und sich tänzerisch einbringen. Sie nähern sich den tanzenden Gruppen an, werden teilweise integriert, um schlussendlich doch ausgegrenzt zu bleiben. Die Choreographie ist durchaus anspruchsvoll. Der Hintergrund dieses Stücks war das für mich als Zuschauer am besten nachzuvollziehen.
„Lonesome George“ von Marco Goecke handelt von einer Riesenschildkröte George, die 2012 auf den Galapagos-Inseln im hohen Alter von rund 100 Jahren verstorben ist. Der Tanz ausgerichtet an auch etwas weniger bekannter Musik von Dmitri Schostakowitsch und Rudolf Barschai hatte allerdings nichts gemein mit den langsamen Bewegungen einer Schildkröte. Vielmehr griffen gefühlt mehrere Choreographien der Körper und der Beine und Arme und einer eigenen für die Hände ineinander und wirkten eher wild, gar ekstatisch. Es fiel mir schwer, daraus die Einsamkeit von Kreaturen, deren Überlebenskampf zu erkennen. Von der perfekten Darstellung der tänzerischen Leistung aber war ich hier begeistert, ich wusste nicht, dass man die Hände eines Tänzers abgekoppelt vom Rest des Körpers derart eigenständig agieren lassen kann.
Das letzte Stück heißt „Wounded Angel“ von Natalia Horecna, wo ein Mann mit seinen inneren Werten, Ansichten und seinem gefallenen Engel in sich kämpft. Das Ego und das Herz werden hierbei von Tänzern dargestellt, die wiederum Unterfiguren zu sich zählen, bei dem Ego u.a. „jealousy“ und „fear“. Bei der Herzdame zudem „self-love“, „wealth“ und „success“. Es blieb dabei frei zu interpretieren, warum der gefallene Engel schlussendlich nicht zum Leben erweckt werden konnte.

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Maren Jackwerth
Anwältin
Die in Düsseldorf ansässige Rechtsanwältin, Mediatorin und Stiftungsmanagerin betreibt eine Kanzlei an der Königsallee und entwickelt Kommunikationslösungen im Bereich Corporate Social Responsibility und Kunst. Um das soziale Engagement von Unternehmen mit dem der gemeinnützigen Organisationen zu verbinden, hat Maren Jackwerth das Rheinische Stifterforum gegründet. Bildungsförderung auch im kulturellen Bereich ist ein Schwerpunkt des Netzwerks.

Georg Hess über b.30

 

b30_concerto_grosso_nr_1_01_foto_gert_weigeltBallett in Düsseldorf – eine Wundertüte!

Besucht man Oper oder Operette, so findet man eine einzige abendfüllende Inszenierung vor, die einen entweder gut unterhält oder eher uninspiriert zurücklässt. Das besondere an einem Ballettabend des Balletts am Rhein ist jedoch, dass der Zuschauer meist in drei verschiedenen, voneinander unabhängigen Akten die Chance erhält, sich zumindest von einer Aufführung fangen zu lassen.
Schon von der ersten Darbietung, dem „ Concerto Grosso Nr. 1“, getragen von zwei Sologeigen, einem Cembalo und einem Klavier, inszeniert von dem Ballettdirektor Remus Şucheană, bin ich fasziniert. Zu düsteren und dramatischen, aber nie lauten, eher feinen Klängen, werden die Gefühlswelten von drei Frauen tänzerisch dargeboten, die sich aus der Familie, einer Partnerschaft oder aus einer Menschengruppe isolieren (oder isoliert werden). Die unaufdringlichen, ästhetischen Kleider der Darsteller, die harmonischen Bewegungsabläufe und das auf Schwarz und Weiß reduzierte Bühnenbild treffen genau meinen Nerv. Schon jetzt habe ich meinen Favoriten des Abends gekürt.
Doch dann der zweite Akt. Auch in „Lonesome George“ überwiegen Schwarz und Weiß und der Bühnenhorizont ähnelt einer Regenfront mit Nebelschwaden. Tänzer und Tänzerinnen, stellen mit extrem hastigen, aber synchronen, glatten und geschmeidigen Bewegungsabläufen hauptsächlich ihrer Oberkörper eine atemberaubende Choreografie dar, die mich zunächst an die Motorik heranwachsender Vögel erinnert, die verzweifelt versuchen, sich in der bedrohlichen Welt zurechtzufinden. Da es sich bei dem titelgebenden „Lonesome George“ jedoch um eine der letzten Riesenschildkröten auf den Galapagos-Inseln handelt, könnten die Darstellungen aber auch Bewegungen von Schildkröten ähneln auf der verzweifelten Suche nach Artgenossen? Aber egal: Bei dieser Aufführung brauche ich keine sinnbringenden Handlungstheorien zu ergründen um gefesselt zu sein. Die unglaubliche permanente Schnelligkeit und Schönheit der flatternden, ungewöhnlichen Bewegungen der dunkelblau und schwarz gekleideten Tänzer und Tänzerinnen, die zu keiner Zeit den Eindruck vermitteln nicht einer bestimmten Komposition zu unterliegen, packt mich, ebenso die musikalische Begleitung. Und nicht nur ich bin begeistert. Das Publikum zeigt durch langanhaltenden und sehr starken Beifall mit Rufeinlagen, dass diese Inszenierung von Marco Goecke den Zeitgeist getroffen hat.
Aus dem dritten Stück des Abends mit dem vielversprechenden Titel „Wounded Angel“, choreografiert von Natalia Horecna, verabschiede ich mich dann kopfmäßig schon frühzeitg. Sowohl die tänzerische Darbietung als auch die Art der Kostümgestaltung, die helle Beleuchtung, die Zwischenrufe der Darsteller erreichen mich nicht mehr. Diese Aufführung ist für meinen Geschmack zu nah am amüsanten und komödiantischen Tanztheater orientiert. Das passt bei mir dann nicht mehr in die durch die beiden vorherigen Stücke erzeugte Grundstimmung. Möglicherweise wäre ich für das Stück offener gewesen, wäre es an diesem Abend als Erstes gestartet.
Auch wenn mich das letzte Stück nicht begeistert hat: Ein sehr ansprechender Ballettabend. Vielen Dank für b.30 an Martin Schläpfer!

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Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Uwe Schwäch über b.30

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg
b.30 Wounded Angel   ch.: Natalia Horecna

Offenbarung tänzerischer Obsessionen

Die Uraufführung des neuen Düsseldorfer Ballettdirektors Remus Şucheană entführt uns in expressionistische Tanzformen. Vor schwarzem Hintergrund erleben wir den Tanz in „Concerto Grosso Nr. 1“ im Wandel von Einsamkeit und menschlicher Erleuchtung. Technische Brillanz und körperliche Athletik tauchen in eine facettenreichen Umsetzung ein. Die entführt uns in polarisierende Welten: Einmal dunkel und bedrohlich, dann wieder eloquent und zugewendet. Die Choreographie von Şucheană ist anspruchsvoll und wird von tänzerischer Eloquenz getragen. Wie so oft glänzt Marlúcia do Amaral in einem Solo und begeistert mit ihrem filigranen und selbstwussten Tanzstil.
Die aus den 1970er Jahren stammende Musik von Alfred Schnittke stellt eine gelungene Wahl für dieses Ballett dar. Wenngleich in der Kompositionsweise modern und polystilistisch, weist die Musik melodisch barocke Elemente auf, die sich sehr gelungen mit dem Tanz verbinden.
Auch in „Lonesome George“ hat die Musik eine herausragende Bedeutung. Zum Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch und der Kammersinfonie von Rudolf Barschai wird eine elegische Stimmung wie in einem Hitchcock-Klassiker erzeugt. Nebel auf der wieder schwarzen Bühne erzeugt Spannung und Mystik. Und genau so offenbart sich uns der Tanz: wild, virtuos und mystisch. Der Zuschauer wird mitgerissen von Tänzern, die mit Händen, Armen und ihrem Kopf stakkatohaft Bewegungen kreieren, die ungesehen und gleichzeitig höchst anspruchsvoll sind. Ein tänzerisches Feuer stets bedacht auf physische Zugewandtheit. Ein Highlight in der diesjährigen Ballettspielzeit.
Die zweite Uraufführung „Wounded Angel“ von Natalia Horecna ist von hoher Komplexität und Heterogenität geprägt. In sich dreiteilig strukturiert erfahren wir in einer an das Tanztheater angelegten Choreographie viel über menschliche Sehnsüchte. Die Darstellung ist bisweilen obsessiv und wir hören musikalische Klangmuster, die vor Polyphonie strotzen. Eher selten sind weiche, einfühlsame Passagen, die ungleich mehr Sympathie für dieses außergewöhnliche Ballett erzeugen. Denn die erzählte Geschichte wirkt bisweilen aufgesetzt und überladen, nicht jeder Protagonist erschließt sich schlüssig in seiner Rolle. Hierzu tragen auch die fantasievoll entworfenen Kostüme bei, die bei dem einen oder anderen Zuschauer eine Inspiration für den Düsseldorfer Karneval sein dürften.

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Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

Susanne Freyling-Hein über b.30

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Ästhetisch, ungewohnt, plakativ

Auch ohne sich vorher informiert zu haben, versteht man das erste Stück „Concerto Grosso Nr.1“ auf Anhieb.
Drei Frauen mit unterschiedlichen Charakteren und verschiedenen Kostümen tanzen mit und gegen eine Gruppe, alle sind sie nach verschiedenen Stufen der Annährung und Integration alleine. Der Tanz war beeindruckend, ebenso die für mich komplett neue Musik. Während des Balletts dachte ich, dass verschiedene Stück an/ineinander gesetzt wurden, das Begleitheft klärt über eine „polystilistische“ Komposition auf. Spannend und ein neues Hörerlebnis! Am Anfang dachte ich oft an „The Shining“ und genau so düster, dennoch abgerundet ästhetisch war der Gesamteindruck des ersten Balletts.
Das zweite Stück „Lonesome George“ würde ich gerne nochmal sehen – um all das, was meine Opernscout Kollegen loben, besser sehen und verstehen zu können.
Ich war überrascht über die Art des Tanzes – Hände, Arme, Oberkörper flattern und zucken wild, aber konsequent durchchoreografiert und synchron – für mich erst einmal ungewohnt.
Vielleicht war dieser Eindruck erst einmal so überwiegend, dass ich mich in das eigentliche Thema, die Einsamkeit, nicht richtig einfinden konnte.
Sicher am meisten polarisiert das dritte Stück „Wounded Angel“. Eher Theater als Ballett – in dem mir insgesamt das ästhetische Erlebnis und der Tanz gefehlt hat, beides habe ich mir unter dem romantischen Titel erhofft.
Die zwei Protagonisten finden und entfernen sich wieder voneinander, umspielt, gestört und verführt von Tänzern wie Derwische, die Ihre Rolle „jealousy“, „self-love“, etc., plakativ auf den Kostümen aufgedruckt haben.
Es bleibt nicht beim Tanz, die Tänzer tönen auch ins Publikum, was genau, geht im Orchester unter.
Die Rolle des Engels – phantastisch dargestellt von der charismatischen Yuko Kato – bleibt für mich unklar.

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Susanne Freyling-Hein
Senior Retail Development Manager bei L’oréal
Obwohl Susanne Freyling-Hein seit ihrer Kindheit Klavier spielt und sich sehr für Ausstellungen und Industriekultur interessiert, waren Oper und Ballett bis zu Beginn der letzten Spielzeit Neuland für sie. Begeistert hat sie vor allem Martin Schläpfers Ballett am Rhein. Sie schätzt den gemeinsamen Austausch, weil er den eigenen Eindrücken andere Sichtweisen gegenüber stellt. Und wenn Freunde oder Kollegen ihren Empfehlungen folgen, macht sie das durchaus ein bisschen stolz.

Heike Stehr über „Der Graf von Luxemburg“

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Herrlich komisch

2 Tage vor Heilig Abend feiert „Der Graf von Luxemburg“ im Theater Duisburg seine Premiere und empfängt uns mit Karnevalsstimmung in Paris, mit Charme und Schwung und mit einem Ensemble in allerbester Spiellaune. Überall auf der Bühne tut sich etwas, auch jenseits des Hauptgeschehens, so dass ich mir dringend mindestens ein Augenpaar mehr wünsche, um alles beobachten zu können. 107 Jahre nach der Uraufführung der Operette in Wien gehen mir an diesem Dezemberabend zuerst mal Lehárs Melodien direkt ins Ohr, ein verschwenderischer Reichtum an Klang und Harmonie. Besonders gefällt mir der Umgang mit den musikalischen Motiven des Stückes, immer wieder klingen sie an, scheinen leicht verändert auf, geben der Operette Konsistenz vom „Lirilari“ über „Fünfmalhunderttausend Francs“ und „Sie geht links, er geht rechts“ bis zum „Bist Du’s, lachendes Glück, das jetzt vorüberschwebt …“. Letztgenannter Valse moderato hat es mir angetan und macht die Hochzeitsszene für mich zur schönsten des ganzen Abends. Wie da plötzlich jenseits der Handlung hinter viel Klamauk und Klischee etwas Inneres und Nachdenkliches in den Figuren aufscheint, das ist gut herausgearbeitet und fein gespielt. Besonders Juliane Banses Gesang und Spiel in der Rolle der Opernsängerin Angèle Didier bleiben mir in Erinnerung. Beim Nachhören zu Hause fällt mir dann auf wie schön heutig Musik und Gesang des Abends angelegt waren, modern und spritzig vom Orchester unter Lukas Beikircher begleitet.
Für solche Momente verzeihe ich der Inszenierung Jens-Daniel Herzogs die eine oder andere in meinen Augen schon arg überzogene Albernheit zwischen Farbschlacht und quatschiger Ballettnummer. Auch der verschiedenen Komödieneinlagen und allzu deutlichen aktuellen Bezüge hätte es meiner Meinung nach nicht bedurft, aber da sind große Teile des Duisburger Premierenpublikums den Reaktionen nach vermutlich anderer Meinung.
Eine Nummer, die bei mir hingegen hervorragend funktionierte, war die des russischen chaotischen Ganoven Trios, der drei Bodyguards (gespielt von Luis Fernando Piedra, Karl Walter Sprungala und David Jerusalem) des Fürsten Basil Basilowitsch. Ständig sind sie präsent und lassen in ihrem Spiel mit viel Ernsthaftigkeit ihre Rollen herrlich komisch werden. Das ist wirklich liebevoll und detailverliebt inszeniert. Und in diesem beiden Adjektiven steckt auch der ganz besondere Reiz dieses Operettenabends, denn sie treffen gleichermaßen auch für Ausstattung und Bühnenbild der Aufführung zu. All die Details von der besten russischen Wodka-Marke bis zum witzigen Kostüm entlocken mir manch inneres Ah und Oh. Und die Bühne erst! Mathis Neidhardt zaubert sich immer wieder wandelnde und verschiebende passende Kammern und Kämmerchen aller Couleur bis hin zum stillen Örtchen für die geheime Trauung im ersten Akt. Im zweiten Akt schenkt er uns mittels Drehbühne den Weg durch ein ganzes Theater vom Hintereingang bis zu Angèles Garderobe und zurück voller überraschender Einzelheiten. Dafür, das alles in einem zweiten Durchgang noch einmal sehen zu können, hätte ich glatt auf den dritten Akt verzichtet. Vor allem, da dieser in meiner Wahrnehmung hinter den anderen beiden zurück steht und vor allem Klamauk in Hülle & Fülle zeigt. Darüber hinaus bietet er natürlich auch das gleichermaßen unvermeidliche und unverzichtbare Operettenhappyend, in dem nach Zerschlagung des dramatischen Knotens in diesem Fall gleich drei Paare vereint werden. Gediegener Applaus für gute Unterhaltung und Spielspaß!

Weitere Informationen zu „Der Graf von Luxemburg“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

Astrid Klooth über „Der Graf von Luxemburg“

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Zsa Zsa ist tot – es lebe Lehár

Was verbindet das jüngst verstorbene Hollywood Sternchen und die Lehársche Operette „Der Graf von Luxemburg“? Es ist nicht nur die in der K.u.K. Monarchie wurzelnde  Herkunft, sondern das gemeinsame Thema des Oszillierens zwischen Liebe und Materialismus, der  Tauschhandel von Jugend,  Bling Bling und Status.
Nach dem Siegeszug des Genres der Operette, ausgelöst vom Erfolg der 1905 uraufgeführten „Lustigen Witwe“ schreibt Lehár in nur wenigen Wochen 1909 „Der Graf von Luxemburg“.
René Graf von Luxemburg, der  aufgrund seines ausschweifenden Lebensstils stets von Geldnöten geplagt wird, geht auf das Angebot eines russischen Mafia-Fürsten ein, seinen Titel für ein hübsches Sümmchen zum Tausch anzubieten. So soll Angèle, eine dem Ende ihrer Karriere nahe Sängerin, den Grafen inkognito heiraten, den  solchermaßen erhaltenden Adelstitel drei Monate lang tragen dürfen, um schließlich standesgemäß nach Ablauf der dreimonatigen Ehedauer den russischen Fürsten ehelichen zu können.
Natürlich siegt nach allerlei Irrungen und Wirrungen die Liebe zwischen René und Angèle  über das mafiös-korrupte Konstrukt der „standesgemäßen“ Eheschließung.
Das klassische  Thema des Seelenverkaufs an schnöden Mammon und Status, die Prostitution von Individualität und Gefühl, das in jeder gelungenen Operette auch zum Tragen kommt, wird in der  Inszenierung von Jens-Daniel Herzog anhand der eklektizistischen Gestaltung von Bühnenbild, Kostümen und Requisiten verdeutlicht. Gebrochen wird diese Zeitlosigkeit jedoch, wenn die Liedtexte zu tagespolitischen Themen (Trump, Digitalisierung etc.) Stellung nehmen. Dies fand ich wenig gelungen, wenn auch die Aktualisierung von Operettentexten in der Tradition von Lehárs Werken steht. Auch hätte auf eine Ausdehnung der Sprechpassagen verzichtet werden können, denn für meinen Geschmack hatte die dreistündige Inszenierung Längen und Durchhänger, die weniger gelungenen Klamaukeinlagen geschuldet waren.
Ein sehr guter Einfall war jedoch  die Verwendung einer  Drehbühne, welche die Dynamik und Komik der Operette unterstützt. Ebenso gefiel mir mit welch Liebe zum Detail Kostüme und Bühnenbild gestaltet wurden – man muss sicherlich mehr als eine Vorstellung besuchen, um alle witzigen Einzelheiten wahrnehmen zu können. Auch die Spiel- und Sangesfreude der Darsteller, allen voran der  versierte Bariton Bo Skovhus  als Graf von Luxemburg und die brilliante Sopranistin Juliane Banse als Angèle, konnten mich überzeugen. Dennoch hätte eine Straffung der abwechslungsreichen Aufführung insgesamt gut getan.

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Opernscouts
Astrid KloothAstrid Klooth
Oberstudienrätin im Hochschuldienst
Durch ihre Mitgliedschaften im Philharmonischen Chor und im Theaterring Duisburg ist Astrid Klooth Orchester und Theater seit vielen Jahren verbunden. Als Uni-Dozentin hat sie fast täglich mit jungen Menschen zu tun und hofft, durch ihre Beiträge ihr Interesse am Musiktheater einer breiteren Schicht zugänglich machen zu können.

 

Ralf Kreiten über „Der Graf von Luxemburg“

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Leicht durchschaubare Liebesgeschichte mit ernstem Hintergrund

Die Operette aus dem Jahre 1909 erzählt von einer zur damaligen Zeit nicht standesgemäßen Liebesbeziehung: Der insolvente René, Graf von Luxemburg, willigt ein, gegen Zahlung einer halben Million, die bürgerliche Operndiva Angèle Didier zum Schein zu heiraten, damit diese in die höheren Kreise aufsteigen und nach einer Scheidung (in 3 Monaten) den russischen Grafen Basil heiraten kann. Doch René erkennt seinen Identitätsverlust und die in ihm aufflammende Liebe zu der Frau, die er bei der Hochzeit nicht sehen, sondern nur an der Hand berühren durfte; der Beginn einer operettentypischen Liebesbeziehung.
Jens-Daniel Herzog nimmt das Stück in seiner Inszenierung aber nicht auf die leichte Operettenschulter, sondern will uns auch die ernsten Töne der Geschichte deutlich machen. Dabei ist der Grad zwischen Klamotte, Tragödie oder Rührstück schmal; meist findet er den richtigen Weg, manchmal rutsch er mir, wie bei den Slapstick-Einlagen der russischen Mafiabande des Grafen oder bei den Auftritten (in fünf Rollen) des Schauspielers Oliver Breite), zu sehr in den Klamauk ab; der teilweise tagesaktuelle Bezug hat mir dagegen gut gefallen und entspricht ja auch dem Operettengenre. Diskussionswürdig ist in dem Zusammenhang aber wohl die Farb-Schlacht im Quartier der befreundeten Bohemiens; der Sinn hat sich mir nicht erschlossen – witzig fand ich es allemal.
Das von Mathis Neidhardt entworfene Bühnenbild, vor allem mit der häufig kreisenden Drehbühne, ist faszinierend und passt hervorragend zur Story.
Musik war auch. Zwar bietet diese Lehár-Operette keine Gassenhauer, trotzdem ist die Musik eingängig, mal leicht, mal mit mehr Nachdruck und von den Duisburger Philharmonikern, geleitet von Lukas Beikircher, souverän gespielt. Bo Skovhus in der Titelrolle kommt mit seiner kräftigen Tenorstimme erst im Laufe des 2. Aktes auf Touren, wirkt für mich aber auch da noch manchmal angestrengt. Viel besser hat mir da Juliane Branses lyrischer Sopran in der Rolle der Angèle Didier gefallen. In ihren Duetten harmonieren beide aber ausgezeichnet. Mit ihrem späten, aber sehr schwungvollen Auftritt löst die Gräfin Stasa Kokozowa den Knoten aller Verwirrungen und diesen Auftritt macht Doris Lamprecht zu einem einmaligen Erlebnis; herrlich! Mit dem durchweg exzellent agierenden Ensemble schwingt sich „Lehár – Schwung und Schmäh“ durch das Duisburger Haus.
Klamotte, Tragödie oder Rührstück? Entscheiden Sie selbst.

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Opernscouts
Ralf KreitenRalf Kreiten
Abteilungsleiter Sparkasse Krefeld
Schon vor 30 Jahren hat Ralf Kreiten über ein Theaterabo seine Liebe für die klassische Musik, besonders für die Oper, entdeckt. Seit 4 Jahren Duisburger, genießt er jetzt das kulturelle Angebot der Stadt, insbesondere die Aufführungen der Deutschen Oper am Rhein. Über seine Tätigkeit als Opernscout bekommt er jetzt auch einen Zugang zum Ballett, oft ist er sogar sehr begeistert. Diese Erfahrung gibt er gerne an andere Duisburger weiter, um vielleicht auch deren Interesse zu wecken Neues zu entdecken.